Posts mit dem Label Dresden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Dresden werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch

Der Junky und Domian


Ich gehe mit dem Hund die Alanstraße herunter, als mich ein Mann um die vierzig anspricht. Er hat ein Handy am Ohr und brüllt irgendetwas hinein, was ich nicht verstehen kann.
„Sorrry. Hier geht es doch zum Alaunpark, oder?“, spricht er mich an.
„Ähh. Ja. Klar.“
„Gut.
Ich will schon weitergehen, als er mich urplötzlich und unvermittelt fragt:
„Da gibt es doch Drogen, oder?“
„Klar.“
Wenn ich mir etwas gut vorstellen kann, dann, dass es im Alaunpark Drogen gibt. Ab und an sehe ich verdächtige Gestalten herumlungern. Aber hundertprozentig habe ich das noch nicht eruieren können. Schließlich habeich den Hund erst drei Monate und Drogendealer sind schlau.
„Sag mal: verscheißern die mich? Für vier Gramm hundert Euro?“
Ich denke an Gras – ich denke an Peace...ich denke zu harmlos, denn als ich den Mann anlache und frage: „Du willst mich doch verscheißern?!“, kommt nur perplex zurück.
„Nee. Für Crystal.“
Wie aus dem Nichts kommt der Geist von Jürgen Domian über mich und seine Worte kommen aus meinem Mund:
„Chrystal ist doch Dreck. Du willst Chrystal kaufen? Das brennt Dir das Hirn weg und ist auch keine Lösung!“
„Ich weiß – Ich weiß.“, kommt als Antwort zurück. „Ich weiß schon. Ich war ja auch sieben Monate clean. Aber heute muss ich einfach was haben.“
Er windet sich vor mir und mir wird schon allein beim Zugucken schwindelig. Er kann nicht eine Sekunde still stehen – aber Blickkontakt. Den kann er halten:
„Heute hat mich nämlich meine Freundin verlassen. Weißt du? Sie hat Borderline und sie hat gesagt, dass sie jetzt erstmal Zeit für sich braucht. Das kann ich ja auch verstehen. Ist ne Scheißkrankheit... Das Borderline ist ne Scheißkrankheit. Aber trotzdem. Sie hat mich verlassen...“
Ich gebe Stichworte und er gibt mir seine Lebensgeschichte.
„Aber das heißt doch noch nicht, dass ihr euch nie wieder ...“
„... Nee. Das heißt es nicht. Aber ich bin traurig und außerdem haben die mich am Wickel. Die haben mich in der Hand.“
„Wer hat Dich in der Hand?“
„Na... DIE!“ Das sagt mir nichts weiter und ich sehe ihn fragend an.
„Na. Ich habe illegale Boxkämpfe in Dresden organisiert. Und jetzt haben die mich in der Hand. Das gibt es alles in Dresden. Ich habe das organisiert. Hau drauf. Das ist die Devise. Hau drauf und denk nicht drüber nach, ob Dein Gegenüber stirbt. Einfach Hau Drauf.“
„Ach... Aber deswegen musst Du doch nicht Chrystal nehmen? Geh doch einfach NICHT in den Alaunpark. Geh doch einfach Richtung Elbe. Geh da wieder runter und such Dir Hilfe. Du weißt doch bestimmt, wo Du Hilfe bekommen kannst?“
„Klar. Aber ich will nicht in die Klinik.“
„Aber das bringt doch jetzt nichts. Drogen sind doch keine Lösung. Du hast einfach Suchtdruck.“
Domian kommt mir wirklich zu Gute. Ich kenne Sätze, die mit „... sind doch keine Lösung.“ enden und Wörter, wie „Suchtdruck“.
Aber diese Dinge machen keinen Eindruck auf den Mann der da vor mir steht. Kein Happyend des Gespräches in Sicht – wie bei Domian, wo dann immer das Happyend in Form des Psychologen aus dem Nähkästchen gezaubert wird.
Hier wird mir stattdessen eine weitere Geschichte präsentiert:
„Also früher fand ich Frauen immer toll. Die sind heilig habe ich gedacht. Als ich einmal ne Freundin hatte und so ein Typ hat ihre Brüste angefasst, da hab ich den richtig zusammengeschlagen. Aber sowas von. Frauen waren heilig. Verstehst du?“
Ich nicke und harre der Dinge, die da kommen.
„Aber jetzt? Da ist so eine alte Frau. Bestimmt schon siebzig. Und die wollte Sex mit mir und hat mir 5000 Euro geboten, damit ich Sex mit ihr machen. Ich meine. Frauen waren heilig für mich. Und ich wusste nicht, dass die genauso schlimm sein können, wie Männer. Die können nicht nur genauso schlimm sein. Sondern noch viel schlimmer. Und ich habe das Geld genommen. 5000 Euro. Davon sind jetzt schon 2000 weg. Aber ich habe noch 3000.“
Er guckt mich hilflos an. Ich sehe hilflos zurück und wiederhole wie ein Mantra: „Geh doch den anderen Weg. Frauen sind Scheiße. Na und? Du musst nicht...“
Sein Telefon klingelt, er geht ran, wendet sich von mir ab und geht in Richtung Drogen. Richtung Alaunpark.
Der Hund schüttelt sich äußerlich und ich mich innerlich.
Hätte ich einen Psychologen bei der Hand gehabt, ich hätte ihn den Mann anrufen lassen. Aber so gibt es wohl kein Happyend.

Samstag

Das Finanzamt


Ich nehme mir vor: Diesen Montag gehe ich ins Finanzamt und frage, ob sie wirklich meine Sparbücher pfänden wollen.
Ich nehme mir vor: Diesen Dienstag gehe ich ins Finanzamt und frage, ob sie wirklich meine Sparbücher pfänden wollen.
Ich nehme mir vor: Diesen Mittwoch gehe ich ins Finanzamt und frage, ob sie wirklich meine Sparbücher pfänden wollen und als ich dann davor stehe, habe ich solche Angst, wie damals als ich aufbrach, um Kanada zu durchqueren. Wäre ich mal am Montag gegangen.
Es ist ein großes, angsteinflößendes Gebäude und als ich hineingehe, verliere ich mich sofort ein bisschen. Nummer ziehen und warten. Und obwohl niemand vor mir steht und ich gar keine Nummer ziehen müsste, mache ich es trotzdem. Weil: Es ist das Finanzamt. Man sagt: Hier gibt es keinen Spaß. Also lieber eine Nummer ziehen und nicht allzu irritiert sein, wenn nach 30 Sekunden eben diese Nummer in fetter Digitalanzeige erscheint und man in das Zimmer B gerufen wird. Im übrigen das einzige Zimmer, was besetzt ist. Weil: Es ist ja auch nichts los.
Der nette schwule Beamte mit Nickelbrille guckt sich den Brief an, den ich von meiner Bank bekommen habe. Pfändund hin und Pfändung her. Er schaut im Computer nach meiner Steuernummer, die ich unvorbereiteterweise nicht mithabe und schlägt nach, wohin er mich denn verweist bzw. verweisen sollte. Er ist da unsicher und da ich es auch bin, trifft sich das ganz gut.
Er gibt mir eine Zimmernummer und einen Namen und schickt mich dann nach links.
„Geht das immer so schnell bei Ihnen?“, frage ich neugierig.
„Ach. Nein.“ Er sieht überrascht aus, dass ihn jemand nett anspricht. „Aber Ihnen konnte ich ja nicht weiter helfen.“
„Dankeschön.“, sage ich und bewege mich Richtung Zimmer 222.
Natürlich ist es wie bei Hotels und das Zimmer befindet sich im zweiten Stock. Hässlicher Teppichboden, hässlicher Geruch und hässliche – halbtote – Pflanzen, begleiten meinen Weg. Das einzig lustige ist eine alte Frau, die aus dem Herrenklo kommt und laut: „Falsch!“ sagt.
Ich überlege mir derweil Sätze, die man Finanzbeamten sagen könnte, damit sie einen mögen:
„Ach wissen Sie, ich habe da ganz viele Dinge falsch gemacht. Sie wissen das ja sicher besser.“
oder
„Ich hatte keine Ahnung. Ich hielt den ersten Brief von meiner Bank für Spam. Deshalb habe ich nicht reagiert. Dass jetzt nur noch ein Tag bis zur Pfändung ist? Hmmm... Ich hatte keine Ahnung.“
oder
„Sie haben sicherlich sehr viel zu tun...“
Aber mit dem letzten Satz kam ich nicht weiter, denn ich war schon vor Zimmer 222 angekommen. Ich klopfte, wartete und erblasste, als eine Frau Ende vierzig mit hässlichem, schwarzen, herausgewachsenen Bubikopf und ganz in der Modefarbe des letzten Jahres, nämlich türkis, bekleidet ihren Kopf herausstreckte und nur sagte: „Wir sind beschäftigt. Dauert nicht mehr lange.“
Dann schloss sich die Tür wieder und ich betrachtete weiterhin hässliche Teppichböden, atmete hässlichen Geruch und wollte halbtote Pflanzen wässern.
Aber die Tür hatte die Dame nur halb geschlossen und so ging ich ein wenig näher, um zu lauschen:
„Nein. Sie müssen nicht so schreien... Nein... Nein... Ich habe alles versucht... So beruhigen Sie sich doch... Das ist kein Grund ausfallend zu werden... Ja... Ausfallend... Aber ich habe doch keine Schuld... Ich habe wirklich versucht...Nein... Nein...“
Leider wurde justamente bemerkt, dass die Tür nur angelehnt war und sie wurde verschlossen. Schade. Aber ich wusste jetzt: Höflichkeit war meine gewählte Waffe.
Die Dame in Türkis kam wieder heraus – nachdem ich zehn Minuten lang versucht hatte Schweißausbrüche zu vermeiden – und nahm auf dem Flur meine Daten auf.
„Kann ich Ihnen schon weiterhelfen? Also – worum geht es denn?“ Sie fragte dies mit zitternder Stimme und abwesendem Blick.
Ich beantwortete ihr alles äußerst höflich und zuvorkommend und so bat sie mich denn in ihr Büro. Auf 8 Quadratmetern stapelten sich an allen Wänden Aktenberge und drei Frauen saßen an einem Schreibtisch mittendrinn. Wenn ich eine Krawatte gehabt hätte, hätte ich sie jetzt gelockert. Denn dieses Zimmer nahm wohl jedem alle Luft.
„Kommen Sie mal her?“, sagte die Dame in Türkis und wollte mich gleich in eine andere Abteilung schicken.
„Nee. Nee.“, sagte die Frau, die ihr gegenüber saß. Burschikos mit lockerer Kleidung und herausgewachsener Dauerwelle. „Das ist ja eigentlich meine. Mit KA hinten. Ich hab auch schon ihre Akte. Kommen Sie mal her. Ich heiße Stamm.“
„Das ist schon mal ein gutes Zeichen.“, dachte ich. Stamm ist ein guter Name für eine Finanzbeamtin und ich benutzte die erste Variante von Sätzen:
„Ach wissen Sie, ich habe da ganz viele Dinge falsch gemacht. Sie wissen das ja sicher besser.“
„Zeigen Sie erstmal. Ohhh ja. Da müssen Sie eine Steuererklärung machen für das Jahr 2010.“
„Echt?“
„Ja. Das müssen Sie.“
„Auch wenn ich ganz wenig verdient habe?“
„Ja. Das müssen Sie. Wer sich einmal aufs Finanzamt einlässt, der muss es dann immer wieder.“
„Hmm.“
„Wissen Sie was? Sie kommen einfach morgen wieder und bringen Ihre Einnahmen – Überschuss Rechnung mit und dann klären wir das.“
„Und dann wird nicht gepfändet?“
„Nun ja. Ich sag mal so: Gepfändet wird nur, wenn man die Pfändung auch in Auftrag gibt.“
„Ahhhh.“, sagte ich und lächelte sie an.
„Und wie macht man eine Steuererklärung?“
„Ach wissen Sie? Kommen sie einfach mit.“
Frau Stamm stand auf und ich trottelte hinter ihr her. Sie führte mich in die Eingangshalle, wo jede Menge Dokumente lagen und zog einige heraus.
„Also Sie brauchen Anlage XY und Anlage YX und überhaupt müssen Sie das ...und das... und das... un – be – dingt ausfüllen.“
Frau Stamm kam mir wie eine Magierin vor, die ein Kaninchen aus einem schwarzen Zylinder gezogen hatte und dass sie eine Alkoholfahne von hier bis in den Jemen hatte war verständlich und mir echt egal.
„Ich dachte immer die Leute im Finanzamt sind alle furchtbar.“, rutschte es mir heraus.
„Ja. Das denkt man. Und das SOLL man auch denken.“, lächelte sie zurück und sagte dann:
„Sie müssen mir auf die Hand versprechen, dass sie morgen damit vorbeikommen.“
„Morgen?!“
„Ja. Morgen!“, sagte sie und dultete keinen Wiederspruch.
Sie entließ mich und ich fuhr mit vollem Herzen nach Hause. Gottseidank. Das wäre doch gelacht und ich lachte tatsächlich die Frau mit Tourettesyndrom, die alle 30 Sekunden bellte wie ein Hund und die ansonsten von allen anderen Passagieren versucht wurde zu ignorieren – was für ein Quatsch - , voller Naivität an.
Ich nehme mir vor: Diesen Montag mache ich meine Steuererklärung für 2011
Ich nehme mir vor: Diesen Dienstag mache ich meine Steuererklärung für 2011

...

Profanität einer Kündigung


Der Sohn vom Chef. Ach – wie soll ich anfangen. Der Sohn vom Chef ist ein BWLer und für die Kundenaquise im Unternehmen zuständig? Nein. Nein. Der Sohn vom Chef ist AUCH zuständig für die IPads. Ja. Das ist der richtige Anfang, um die unlustig – lustige Geschichte meiner jüngsten Kündigung zu erzählen. Denn Ipads sind wichtig und waren teuer und alle Lehrer haben nun eins und das ist nicht nur wegen der Steuereinsparung. Nein! Das ist vor allem dafür da, dass die Lehrer es einfacher haben. Nun ja...
Die Personalerin rief mich eines Dienstags an:
„Kannst du morgen einspringen? Ich habe niemanden. Kannst du bitte kommen? Ich bin schon fast im Urlaub und ich habe keine Lust mehr.“ Sie bettelte fast und so sagte ich zu:
„Ja. Kann ich wohl machen. Es sind ja Herbstferien und ich kann nachmittags arbeiten.“
„Oh. Dankeschön.“
So schnappte ich mir am nächsten Tag mein Ipad, wo die Unterrichtsmaterialien hübsch ordentlich abgespeichert sind und machte mich auf den Weg. Pünktlich wie immer – natürlich muss ich das jetzt sagen und tatsächlich kam ich in meiner zehnmonatigen Arbeitszeit bei diesem Job nie unpünktlich, sondern immer zehn Minuten zu früh – war ich im Büro. Auf meinem Ipad sollten noch Aktualisierungen vorgenommen werden. Unter anderem ein „Deutsch für Ärzte“ Buch. Gut. Gut. Leider hatte ich nicht mit dem Extra 3 Podcast gerechnet, welcher sich auf dem Ipad befand und welcher die letzten 100 000 Folgen von Extra 3 heruntergeladen und somit meine Speicher gesprengt hatten.
Der Sohn vom Chef war „not amused“. Erschwerte es seine Arbeit doch um einiges. In etwa zwei Minuten. Lassen wir es fünf sein. Immer hübsch fair bleiben.
Beim eigentlichen Unterricht wurde klar, dass der Arzt aus Bulgarien gar kein „Deutsch für Ärzte“ lernen will, sondern stattdessen seine Angst vor dem Telefon und die Aktivierung seines passiven Wortschatzes betreiben wollte. Klar. Machen wir. Kriegen wir hin. Keine Panik.
Und es ist wirklich eine unlustige Geschichte, merke ich, wo ich das jetzt schreibe, denn bei der Terminabsprache – also wann denn der Arzt und ich gemeinsam die Passivität abbauen und die Aktivierung der Sprache betreiben würden – gestaltete sich als schwierig. Vom Sohn vom Chef künstlich schwierig gehalten. Ich kenne meinen Plan.
„Dienstag Abend könnte ich. Mittwoch auch. Die anderen Tage kann ich leider nicht, da die Herbstferien nächste Woche vorbei sind.“
Schluss und aus. Die Personalerin verschwand in den Urlaub und in dem Sohn vom Chef schien es zu gären. Denn diese beiden Dinge. Meine Aussage (VOR dem Kunden), dass ich nur am Dienstag und Mittwoch des Abends könnte und die Tatsache, dass Extra 3 meinen Speicherplatz gefressen hatte, reichten aus.
Der Sohn vom Chef 
KANN
NICHT
mit mir zusammenarbeiten. So sagte er es seiner Mutter. Der Chefin. Und so sagte er es seinem Vater. Dem Chef.
Mir hingegen sagte er nichts. Weil wir ja nie wirklich zusammengearbeitet haben.Es erreichte mich nur die Aufforderung (in einer förmlichen Mail, ohne ein Wort zuviel - jedoch mit jeder Menge Rechtschreibfehlern) das Ipad jetzt wieder zurückzugeben. Ich bräuchte es ja nicht und andere bräuchten es mehr.

„Was ist denn los? Warum arbeitest du nicht mehr hier? Was ist denn passiert? Ich kam aus dem Urlaub und ein neuer B2 Kurs hat begonnen und du warst nicht da? Nur der Olaf?“
Ach der Olaf, den ich dem Unternehmen wärmstens empfohlen hatte. Der hat jetzt meinen Job, dachte ich bei mir und war – tatsächlich und tief in meinem Inneren – hochgradig amüsiert.

Der Sohn vom Chef. Ach – wie soll ich enden...oder ihm ohne zu Lachen mit ganzer Professionalität in die Augen sehen?

Dienstag

Dresden im Februar 2012

Bei der Menschenkette stehen eine Freundin und ich mit ein paar Studenten zusammen, die über sächsische Begrifflichkeiten reden. "Hier geht man nicht ins Fitnessstudio. Hier geht man ins "Fitti""
Wie auf Kommando joggt ein Mann mit rot blinkendem Kopf an der Menschenkette vorbei. An Ignoranz kaum zu überbieten. Er hat wohl einen Trainingsplan - und von dem soll nicht abgewichen werden. Das sollte der Fotograf knipsen, der jetzt zu fünf händchenhaltenden Menschen sagt: "Tut so, als wäre ich nicht da. Wir machen jetzt ein schönes Foto."

Es geht nicht in den Kopf, dass genau jetzt vor 67 Jahren Dresden noch stand und ein paar Stunden später in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Frauenkirche, die Hofkirche, die Brücken. Es wurde wieder aufgebaut und erweckt den Schein, dass alles hinter sich zu haben. Hier haben sich Menschen, die brannten in die Elbe geworfen. Genau an dieser Stelle, vielleicht mit solch einem Minusgrade - Schnee - Wetter. Menschen, wie Du und ich. Menschen wie wir. Nur hungernd, frierend, unsicher und eine (falschen) Ideals beraubt. Unmöglich es sich vorzustellen. Und doch versuche ich es, als ich mit 1000senden von Dresdnern um 18 Uhr die Händchen halte.

Wie schon in den letzten Jahren gewohnt begleiten nicht nur die Töne von Kirchenglocken, sondern auch Hubschrauberlärm die friedliche Demonstration.
"Nach der Menschenkette treffen wir uns auf dem Postplatz. Es geht darum den Aufmarsch der Neonazis zu verhindern." Dies hatte uns ein netter, höflicher und junger Mensch gesagt und uns einen Flyer in die Hand gedrückt.
Es ist nicht nur Bürgerpflicht zur Menschenkette zu gehen, sondern auch zur Gegendemonstration, beschließe ich. Schließlich soll der Tag der Zerbombung Dresdens nicht durch die Neonazis zu einem Opfertag der Deutschen hochstilisiert werden können.

Und wir gehen zum Postplatz, nicht ohne das Handy auszuschalten - denn wir haben uns an einen Big Brother Staat angepasst, und werden dort weiter zur St. Annen Kirche geleitet. Auf in den Kampf. Polizisten in Kampfmontur, mit Darth Vader Mundmasken in weiß und kugelsicheren Westen weisen uns den Weg. Nicht zu vergessen die zwei Hubschrauber, die aufzeigen, in welcher Richtung die meisten Autonomen bzw. Neonazis unterwegs sind.

Die Stimmung schwankt zwischen Aggressivität und Rebellentum. Zwischen verhaltener, ja fast schüchterner und kampfbereiter Laune. Eine manisch depressive Stimmung, die jederzeit zu kippen droht.
Amüsant, als unvermutet ein Kleinbus mit vier Lautsprechern auf dem Dach mit rasanter Geschwindigkeit und lauter Reggea Musik herangefahren kommt, welche dann schnell von Rio Reiser abgelöst wird. Wir laufen hinterher. Wie der Rattenfänger von Hameln, denke ich und überlege, ob der Vergleich hinkt. Musik wird gespielt und wir laufen hinterher. Irren herum und laufen durch Wohngebiete. "Wir sind links. Wir sind gegen Kapitalismus" - So etwas in der Art wird gesungen und ich bin mittendrin und versuche mich vor Eindrücken zu retten. Inmitten des Wohngebietes ein jäher Halt, die Demonstranten verteilen sich und lachen laut auf, als der Kleinbusfahrer fragt: "Kennt sich hier jemand von euch in Dresden aus?"

Schwarze Polizisten, die eine kampfsichere Burka tragen. Man kann nur die Augen sehen - ansonsten sind sie verhüllt. Ob ihnen schon einmal dieser Vergleich in den Kopf gekommen ist? Zum Schutz gegen andere - Zum Schutz, wenn sie auf unbewaffnete Menschen einknüppeln.
Wer sind diese vermummten Menschen?

Eine ältere Dame mit einer neongelben Weste, auf der hinten mit großen Lettern geschrieben steht: "Parlamentarischer Beobachter", bahnt sich ihren Weg und fragt einen Burka Polizisten gewiss etwas mit Substanz.
Ein Polizist, der anscheinend die Aufgabe hateine Kamera in die Masse zu halten, macht genau dies.
Flaggen über Flaggen, Waffen über Waffen, Menschen über Menschen -

Der Wasserwerfer, der Angst macht und der drei Fronten Belagerungszustand: Neonazis, Gegendemonstranten, Polizei.
Polizeiautos, die noch mit grünen und nicht mit blauen Streifen versehen sind stehen herum und bilden eine Mauer. Sie zeigen, dass zum letzten Kampf gerüstet und im Notfall die letzten Reserven aufgeboten werden.

Und immer wieder die Frage: Wohin würden wir uns retten, falls die Situation eskaliert? Hinter die Polizeiautos? Hinter die Häuserecken?
Nach einiger Zeit, als alle frieren und die Neonaziaufmarsch zwar stattfindet - jedoch verkürzt. Gehen wir wieder. Ein ungutes Gefühl bleibt zurück und die Trauer um tausende von Menschen, die genau zu dieser STunde - gegen viertel vor zehn ... gestorben sind.

Donnerstag

Die Hexe der Bahn

Ich sitze in der Bahn und träume leise vor mich hin. Wir sind bereits über den Pirnaischen Platz hinaus und bald kann ich aussteigen und zu meinen zu unterrichtenden Kindern stiefeln.
Die Bahntür geht auf und auf einmal ist eine schrille Stimme zu hören: „Seppel? Seppel! Seeepppeel.“
Eine alte Frau, von relativ undefinierbarem Alter, jedoch mindestens 85, ist eingestiegen. Sie ist dürr, bewegt sich vornübergebeugt und hat eingefallene Wangen. Ihre weißgrauen Haare sind zu einem losen Dutt zusammengefasst.
Und sie setzt sich direkt neben eine Frau, deren Hund sich angesprochen fühlen muss. Seppel heißt er gewiss nicht, denn so heißen Pudel nicht. Aber die Frau scheint ihn jetzt so zu nennen.
Ab und an stößt sie ein lautes Pusten aus. Und immer wieder ruft sie „Seppel.“
Ob sie die Hundebesitzerin ansieht, kann ich nicht erkennen. Jedoch, dass die Hundebesitzerin mit aller Kraft versucht, sich nicht angesprochen zu fühlen.
Ein lautes Kichern, ein lautes „Seppel“ und leider muss ich aussteigen.

Steffen

Es ist eine Party von jemandem den jemand kennt, der jemand kennt, den ich kenne –Und die Party ist nicht allzu weit weg von dort, wo ich bin. Da geht man doch gerne hin. Nun ja. Als ich hineinkomme und jemanden kenne, den ich nicht kennen will, kehre ich der Party den Rücken und rauche noch eine auf der Straße. Warum auch nicht. Ein bisschen Kräfte sammeln und eruieren, ob man tatsächlich auf der richtigen Party ist.
An einer Straßenecke überlege ich: Wenn ich jetzt geradeaus und dann links und dann wieder rechts ginge, dann wäre ich in 10 Minuten daheim.
Da kommt ein Fahrradfahrer auf mich zu und bleibt vor mir stehen.
Ein Mann – um die 40 – mit halblangem, ein wenig fettigem Haar. Dazu hat ein Kassenbrillengestell in peppigem Silber auf der Nase. Ganz in dunkel gekleidet und mit einem schüchternen Lächeln im Gesicht.
„Weißt du hier irgendwo einen Club, wo ich reinkomme?“
„Einen Club?“, frage ich. „Nun ja. Hier ist eine Party, die offen ist. Da kannst du bestimmt auch rein.“
Aber das ist nicht, worauf er hinaus will.
„Nein. Ich meine, einen Club, wo ich mit meinen Schuhen hineinkomme.“
Er nimmt seine Fahrradlampe in die rechte Hand, schaltet sie ein und leuchtet auf seine Füße. Und siehe da er hat nicht nur schwarze Lacksandalen an, sondern auch rotlackierte Nägel, die noch dazu mit Ringen verziert sind.
„Oh.“, sage ich und überlege. „Hmm. Da weiß ich auch nicht.“
Mein Blick gleitet über seine Gestalt und ich bemerke erst jetzt, dass er einen wohl ausgestopften Oberkörper hat. Aber weiblich, abgesehen von Brüsten und Nägeln, wirkt er so ganz und gar nicht. Einordnen kann ich nicht. Mit meiner kanadischen Erfahrung von Crossdressern frage ich ihn genau das: „Bist du Crossdresser?“
„Äh... Was?“
„Naja. Crossdresser.“ Aber ich hake es innerlich als ein „Nein.“ ab. Wenn er in der Szene wäre, würde er den Begriff wohl kennen. Es ist wohl vielmehr eine verlorene Seele, für die Dresden zu klein ist.
„Ich bin – nun – ich bin … Ach – ich zeige Dir, was ich bin.“
Nun krempelt er, zu meiner Verwunderung, sein linkes Hosenbein hoch und reicht mir die ausgeschaltete Fahrradlampe. „Leuchte hin. Dann weißt du, was ich bin.“
„Da weiß ich nicht, ob ich das wissen will.“, sage ich unschlüssig und frage mich, ob das jetzt unter sexuelle Belästigung fällt.
„Wenn du nicht willst, musst du auch nicht.“, antwortet er. Doch die Neugier siegt und ich leuchte auf sein Bein. Die Worte, die mich schockieren sollen, verfehlen ihre Wirkung:
„Ich bin ein Arschlochficker.“
Nun ja. Na denn.
„Hast du das raufgeschrieben? Oder hineintätowiert?“, frage ich mit großen Augen.
„Ich will es noch tätowieren. Aber jetzt habe ich es raufgeschrieben.“
Da setzt sich jemand hin, bevor er das Haus verlässt und schreibt auf seinen Körper, wer er ist. Eigentlich tragisch.
„Also. Da weiß ich wirklich nicht, welchen Club ich Dir empfehlen soll. Da kenne ich mich nicht aus. Ich stehe nicht darauf.“
Und plötzlich habe ich Flashback, wie ich nachts durch Lübeck laufe und mir dort eine genauso verwirrte Seele begegnete. Der sollte ich in die Weichteile treten, die er so hasste, damit er für einen Tag – oder ein paar Minuten – dort nichts mehr spürt.
Der Mann tut mir leid – der dort steht – mit mir. An einer Straßenecke in Dresden.
„Hm. Da hinten ist eine Agentur. Tannenstraße. Da kannst du vielleicht Glück haben und die Prostituierten könnten dir helfen. Das heißt – wenn du Sex willst.“
„Ja. Am liebsten hätte ich eine Aubergine in mir drinn. Weißt du? Dieses lilane Ding. Ich hatte einmal eine Beziehung und für die habe ich mir das Arschloch aufschneiden lassen. Ich kann nur hinten kommen und nicht vorne. Am besten, wenn man mir den Hintern peitscht.“
„Ach.“
Ich zittere nicht, ich lächele ihn an. Und bin seltsamerweise gar nicht so schockiert, wie ich sein sollte. Es gibt alles auf der Welt. Das also auch.
„Willst du mal sehen?“
„Nein. Das ist mir dann doch zu krass.“
„Und wenn ich dir Geld geben würde.“
„Nein. Ich kann niemandem weh tun.“
Und da ist die Entscheidung gefallen und es wird sich verabschiedet.
„Marianne, heiße ich. Und du?“
„Steffen.“
„Na – dann mache es gut.“
Ich ziehe meine Schultern hoch und gehe zurück auf die Party von jemandem, den jemand kennt, den ich kenne und gehe nicht nach Hause. Da kann mir der, den ich nicht kennen will, gestohlen bleiben.

Samstag

Wege finden

Es ist Samstag und mein Wecker klingelt um fünf Uhr fünzehn. Selbst Schuld, denke ich. Warum mache ich auch diesen dämlichen Job? "Des Geldes wegen!", ist die unmittelbare Antwort aus meinem Großhirn und ich erhebe mich ächzend. Jawohl. Ächzend. Mit einem perfekten Rundrücken und im langsamen Trippelschritt nähere ich mich meinem besten Freund der Kaffeemaschine und lasse mir mein Lebenselexier filtern. Toilette - und dort wie immer die Frage: Wer putzt sich vor dem Kaffee die Zähne? Doch nur Kostverächter oder Menschen, die nicht so abhängig sind wie ich. Trotzdem stehe ich noch eine Weile dumm im Bad herum. Nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Erst mein zweitlieblingsgeräusch - das der zischenenden, verkalkten Kaffeemaschine - erlöst mich aus dieser Starre.
Schon bei dem Geruch von Kaffee wird mein Rücken gerader. Ab auf den Balkon und immer schön ducken, da die Schwalbe an sich dem Wahnsinn ziemlich nahe zu stehen scheinen. Laut kreischend und hübsch im Sturzflug vor meiner Nase. Meine Augen können ihnen nicht folgen. Müssen sie auch nicht. Meine Augen, Nase und Hände haben nur ein Ziel. Richtig. Kaffeetasse hochheben, an Lippen ansetzen, pusten, Kaffee einflößen, Kaffee herunterschlucken.
Meine Bahn fährt sechs Uhr 52. Jetzt ist es fünf Uhr 45. Noch eine Kippe, noch ein paar Schlucke Kaffee. Wie schnell verfliegt die Zeit: Schon bin ich an der Bahn, in der Bahn und vor dem Hörsaalgebäude, wo ich letztes Mal Aufsicht hatte.
Niemand dort.
Ich denke mir nichts dabei. Öffne alle Türen, die auch nur ansatzweise nach universitärem Lehrbetrieb aussehen. Doch nirgendwo sind die Renterinnen und Renter mit denen ich Aufsicht führen soll. Ein wenig verdächtig ist es schon. Ich beginne also damit Passanten nach dem Weg zu fragen. Ach nein - keine Passanten... Studenten sinds. Aber auch irgendwie Passanten, wenn man ...ach - egal. Nachdem ich diverse Male auf die Frage: "Wo ist den hier der Mathehörsaal?" die Antwort: "Also ich habe gleich Mathe. Und mein Mathehörsaal ist dahinten.", läuft mir der Schweiß in Bächen herunter.
Nicht, weil ich zu spät komme. Nicht, weil ich verloren bin. Nicht, weil ich erst einmal am Münchner Platz - an der TU Dresden war... Nein. Nur des kapitalistischen Beweggrundes wegen. Wenn ich diesen verflixten Hörsaal nicht finde, so gibt es kein Geld.
Und da bin ich doch schon aufgestanden ... Und?
Vor dem Münchner Platz Gebäude sitzt eine Studentin, die tatsächlich etwas weiß. Nämlich:
"Der Mathehörsaal ist bestimmt im Mathegebäude. Und das ist ganz woanders."
"Oh."
"Ja. Da musst du da runter und hinter der Mensa. Kennst du die Mensa?"
"Nein."
"Naja. Hinter dem großen Gebäude ist ein kleineres und da ist das Mathegebäude."
"Ist das weit?"
"Ne Viertelstunde?"
"Danke..."
Ich mache mich mit meinem Kampfesblick auf zur Mensa. Keine Zeit mich über das ostdeutsche Ampelmännchen zu freuen, wie sonst jeden Tag, sondern die Mensa finden. Tatsächlich. Ähnlich häßlich wie in Frankfurt/Main. Ein großes, zweckmäßiges, hässliches Gebäude. Dahinter also?
Zunächst frage ich lieber noch eine andere Passantin - äh - Studentin. Die aber noch weniger weiß als ich und mich zu einem Schaubild der TU verweist.
Okidoki.
Nun weiß ich auch, dass es einen Merkel Bau gibt. Hat wohl nichts mit Herrn Sauer zu tun. Will ich dort hin? Soll mir die Angela Geleit geben? In schweren Zeiten (wie jetzt) sollte sie es doch, oder? Zumindestens im Geiste. "Mathematik" steht an einem Gebäude. Nix mit Merkel. "Mathematik" - Naja - fällt mir in der Sekunde ein. Ist sie nicht sowieso Physikerin? Wünsche mich in den Moment des Aufwachens zurück ... Als mir Rasenmähertrecker entgegenkommen. Ich werte es als Zeichen umzukehren - das Geld Geld sein zu lassen und noch einen Kaffee in einem Cafe zu trinken.
Noch einen Versuch gebe ich mir. Das Hörsaalzentrum ist durch eine Brücke zu erreichen, die einen sicher über eine sechsspurige Straße leitet. Und dort stehe ich dann tatsächlich das erste Mal am heutigen Tag absolut orientierungslos herum. Soll ich etwa an allen Türen rütteln? Lass es fünfzig sein. Lass es sechzig Türen sein. Nein. Ein klares Nein, formuliert sich in mir.
Aber ein Student sitzt dort, der ziemlich nach Mathe, Physik oder Informatik aussieht. Den frage ich... und ER - der Held meines Tages - weist mir den richtigen Weg.
Man muss den Rasenmähertreckern entgegentreten. Diese Hürde überwinden. Gleich dahinter ... nur ein paar Meter entfernt lässt sich durch frisch gemähtes Heu der Weg zum Mathehörsaal finden.
Müde bin ich, Kaffee brauch ich... aber Geld werde ich heut wohl verdienen.

Dresden brennt ein bisschen

Dresden brennt ein bisschen

"10 Uhr Albertplatz!", ist die Ansage und so verlasse ich gegen viertel vor zehn meine Wohnung. Der 13 Februar ist der Jahrestag des Zerbombens von Dresden. 13. Febuar 1945. Ein wichtiger Tag der Stadt. Er hat sich nicht nur im übertragenen Sinn in die Seele der Stadt eingebrannt. Genau dieser Tag wird von den Neonazis instrumentalisiert. Zu einem schlichten "Dresdnern wurde Unrecht angetan Gedenkmarsch!". Und ich denke das große Wort "Bürgerpflicht", als ich den Bischofsweg hinaufspaziere und mich durch eine Gruppe von Bündnis 90- die Grünen hindurchschlängele. Mit wachen Gesichtern, mit strahlenden Augen sind sie auf den Weg in die Hansastraße. Um zu blockieren...den Aufmarsch der Neonazis zu blockieren. Sie sollen nicht marschieren. Sie sollten daran gehindert werden.
Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin den Aufmarsch zu blockieren. Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin, mich mit ihnen zu prügeln oder Steine nach ihnen zu werfen. Meine Bürgerpflicht besteht stattdessen darin, auf die Straße zu gehen und zu zeigen, dass ich es nicht okay finde. Ganz und gar einfach - schlichtweg "nicht okay"
Aber ich komme aus dem Westen und nenne sie Neonazis und nicht Nazis. Ich komme nicht aus der sächischen Schweiz, was eine rechte Hochburg ist. Ich komme von der Uni und schüttele fassungslos den Kopf über Gehirnwäsche, Beschränktheit, Ängste, Machotum ... und noch vieles mehr.
Ich wohne zur Zeit in Dresden. Wohne zur Zeit in der Neustadt. Und genau durch die spaziere ich jetzt. Die Königsbrücker entlang, die Louisenstraße hoch und dann rechts in die Alaunstraße. An deren Ende ist der Albertplatz. Ein paar Polizisten sind dort. Nur ein paar. Sie sind für mich keine Bedrohung. Auch die zwei Polizeihubschrauber, die über der Neustadt kreisen, sind zwar störend - aber keine Bedrohung.
Alles in Ordnung.
Freunde von mir warten vor einer Bäckerei.
"Erstmal einen Kaffee."
"Ja. Erstmal einen Kaffee."
Mit genau dem in der Hand stehen wir kurze Zeit später in der Mitte des Albertplatzes. Ich weiß zwar nicht, was Erich Kästner gesagt hätte, wenn er wüsste, dass seine Statue als Müllabstellplatz mißbraucht wird.. .Aber es gibt schlimmeres. Tatsächlich. Wir hören zu, was gesagt wird. Ansprachen voller Fremdwörter. Eines ist besonders wichtig: "Geschichtsrevisionismus". Ja.Ja.Ja. Wir hören die Ostband "Die Prinzen" aus den Lautsprechern. Danach Nena und Tomte und Rio Reiser. Die Stimmung ist gelöst und fast heiter. Ein als Clown verkleideter läuft hüpfend unter den Demonstranten herum - genauso wie eine Gruppe pink angezogener Mädchen mit pinken Regenschirmen.
"Wir stehen hier friedlich!"
"Wir tanzen hier."
"Wir wollen, dass so etwas nie wieder passiert."
Familien mit Kindern, ältere Menschen, jüngere Menschen. Gebildet, ungebildet. Egal. Ein breiter Ausschnitt der Gesellschaft. Hier fühle ich mich wohl. Hier kann ich bleiben. Ein paar Stunden. Wir stehen, gehen herum, tanzen ein bisschen, um warm zu bleiben.Gehen für eine halbe Stunde in einen Dönerladen, um ein Bier zu trinken. Dann sind wir noch wärmer.

Zur Menschenkette? Die Menschenkette? Die Menschenkette ist auf der anderen Elbseite.
Dresden, als die Stadt der Brücken und die Stadt der krassen Teilung zwischen dem einen und dem anderen Elbufer. Schon um 11 Uhr morgens ist klar, dass die Brücken gesperrt sind und es keine Möglichkeit gibt hinüber zu kommen. Gesichtskontrolle. Ausweiskontrolle.
"Wo wollen sie hin?"
"Zur Menschenkette."
"Sie sind kein Anwohner? Dann ist das keine gute Idee. Bleiben sie dort, wo sie sind!"
Polizisten in voller Montur stehen mir gegenüber und verbieten mir zu demonstrieren. Ich bin fassungslos. Hatte es schon gehört. Hatte es fast erwartet und doch ...
Demonstrieren - im friedlichen Sinn - ist nicht möglich. Ich habe mich zu spät für die Menschenkette entschieden. Hätte es um 10 wissen sollen. Dann wäre ich noch rüber gekommen. Vermutlich aber nicht wieder zurück in die Neustadt. Jetzt bin ich hier gefangen. Das schlechte Bauchgefühl verstärkt sich noch, als auf dem Albertplatz verkündet wird, dass unsere Demonstration hier, jetzt und gleich verboten wurde. Es ist jetzt eine Ansammlung. Keine Demonstration mehr.
Aber dass die Gegendemonstration gegen das Demonstrationsverbot gebilligt wurde. Was für ein Humbug, denke ich und schüttele innerlich und äußerlich den Kopf.
"Also keine Menschenkette. Sollen wir Hansastraße versuchen?", werde ich gefragt.
"Warum nicht?", frage ich zurück.
Die Königsbrücker kommen wir entlang. Dann treffen wir auf die erste Polizeiabsperrung. Erst rechts, dann links, dann wieder links. Über eine kleine Nebenstraße kommen wir zum Bischofsplatz. Nur geradeaus. Dort ist die Hansastraße. Doch ... Polizeiblockade:
"Wo wollen sie hin?"
"Hansastraße."
"Was wollen sie dort?"
"Demonstrieren."
"Das ist zur Zeit keine gute Idee..."
"Was?!"
Aber der Bischofsplatz ist breit und dort gelangen wir auf die andere Seite - ohne weiteres gefragt zu werden . Als wir auf die Hansastrasse kommen, schlagen uns negative Gefühle entgegen. Wie  eine Welle. Hier sind sie also. Die Linksautonomen. Die vermummten. Wir sind näher dran - am Neustädter Bahnhof.
Von dort sollte der Neonazi Aufmarsch starten. Direkt unter der Gedenktafel, dass von dort viele Juden in Vernichtungslager deportiert wurden.Eine Unmöglichkeit, dass Dresden diesen Ort und diese Umständen diesen "Gedenkmarsch" zulässt.
Nun stehen wir also hinter dem Bahnhof. Immer mit der Angst eingekesselt zu werden. Nicht mehr weg zu können, da viele Seitenstraßen durch die Polizei blockiert werden. Zuviele Männer, denke ich. Zuwenige Kinder, denke ich. Zuviele die auf Styroporplatten und in Isolierdecken eingewickelt auf der schneenassen Straße sitzen.

Also zurück zum Lidl, wo es die Conradstraße und damit auch eine Straße in die man sich im Notfall flüchten könnte, gibt. Keine Polizei in direkter Sichtweite.
Bürgerpflicht, frage ich mich in meinem inneren, als wir uns an eine Steinmauer lehnen, weil die Autonomen auf einmal beginnen zu laufen.
"Ruhig. Ruhig. Ruhig.", sage ich leise vor mich hin.
"Die Polizei hat kleine Kugelgeschosse. Mit denen dürfen sie auch schießen.", ruft ein Autonomer.
"Da hinten sind die Naziwichser!", ruft ein anderer.
"Fuck Bullenschweine!", ruft ein dritter.
Mir wird mulmig zumute. Ich will nach Hause. Es ist kalt und ich habe genug gesehen. Genug Flagge gezeigt. Genug gezeigt, dass ich gegen Neonazis bin. Nicht zu haben bin für Rechtextremismus. Aber zuhause ist dort, wo sich die Ausweichroute befindet.
Das bemerken wir, als wir wieder zurück zum Bischofsplatz gehen. Schön langsam. Immer mit der Ruhe. Und mit einem Schleichweg über den Neustädter Friedhof. Dort gibt es eine Toilette. Leider ist die geschlossen .. aber wir trampeln uns über den Friedhof. Im Vorbeigehen raunze ich einen Alternativen mit halb geöffnetem Hosenschlitz an:
"Du wirst jawohl hier nicht auf ein Grab pinkeln! Such Dir gefälligst einen Baum."
Tatsächlich hört er auf mich. Aber ich habe nur die Zeit für eine Sekunde stolz auf das bisschen Zivilcourage zu haben, die ich aufgebracht habe, denn wir kommen an den südlichen Ausgang des Friedhofes : Die Eisentür ist geschlossen. Direkt  davor eine Reihe von Polizisten. Ich klettere ein Stückchen nach oben, wo in die Friedhofsmauer der Name Marie Sophie eingehauen ist. Nicke ihr kurz zu und luge dann herüber. Ich bin gerade groß genug, um auf Zehenspitzen die Vorgänge sehen zu können.
Links die Autonomen, die laut : "Nazis raus!", brüllen.
Rechts die Rechten, die nichts brüllen, aber mit wehenden Deutschlandfahnen und offensiven Glatzen über den Bischofsplatz marschieren.
In der Mitte die Polizei. Und oben auf dem Bahngleis, was über den Bischofsweg führt, wird  eine Israelfahne geschwenkt.Fassbar ist es nicht. Ich bin froh eingesperrt zu sein. Auf dem Friedhof. Mit der geschlossenen Eisentür.
"Die Toten beschützen uns.", sage ich leise und glaube es in dem Moment auch.
Mittendrinnen und doch ausgeschlossen. Dabei. Beobachterin mit der stummen Faszination, dass die Rechten hier marschieren. Es tatsächlich tun. Beschützt von der Polizei. Aufgehetzte Menschen auf beiden Seiten. Ohnmacht ... Und der Zug der glatzköpfigen, zumeist männlichen, rechtsextremen oder sympatisierenden Menschen zieht sich seine Bahn.

In meine Wohnung gelangen wir wieder nur über Zickzackwege. Was uns aber gleich aufweist, dass alle Supermärkte in meiner direkten Umgebung geschlossen sind.
"Später versuchen wir es noch einmal...Der Rewe hat glaube ich offen!"
"Später!"
Jetzt erst Kaffee und ein wenig Wärme und ein wenig Radio. Wo erklärt wird, dass es Ausschreitungen auf dem Dammweg gibt und die Neonazis wieder zurückmarschieren  - vermutlich wieder Hechtstraße.
"Wenn das wirklich wahr ist, dann gehen wir jetzt lieber Pizza und Bier kaufen, oder?"
"Ähhh... ja?"
Schon sind wir wieder auf der Straße. Eine Polizeiblockade reiht sich an die nächste. Der Weg zu Pizza und Bier ist versperrt.
Ein Polizist weist uns in den entgegengesetzen Weg: "Dort hinten ist ein Edeka."
"Dankeschön!"
Nach kurzer Zeit glauben wir, dass Disinformation ein Großteil der Polizeistrategie ist. Nämlich als wir uns auf einer Allee befinden und uns eine ältere Frau erklärt, dass hier in der Nähe weit und breit kein Supermarkt zu finden sei.
"Aber nehmt doch den Bus. Sind nur 10 Minuten. Und DER Netto hat auf."

Nach einer halben Stunde - eingedeckt mit Bier und Pizza - schlagen wir uns wieder in meine Straße. Mitten hindurch durch vermummte, schlagstocktragende Linksautonome. Weichen brennenden Mülltonnen aus. Hüpfen über Urinlachen, die in dem frischgefallenen Schnee, lustiige Muster hinterlassen haben und lassen uns nicht durch die Hausanschriften: "Dresden muss brennen" irritieren.
Daheim ist eines klar:
Heute nicht mehr raus! Heute daheim bleiben...
Erst um viertel vor zehn am Abend kehrt Ruhe ein. Und das, was der Tag eigentlich bringen sollte.
Ich öffne alle Fenster und lasse das Glockengeläut herein, was den Beginn der Bombennacht und das Gedenken an die dort Verstorbenen, will.
Nichts mehr - nichts weniger...
Und doch - noch immer unterbrochen von einem über der Neustadt kreisenden Polizeihubschrauber.