Da sitze ich also im Zug gen Norden. Am Nachmittag wurde noch versucht den vier 12jährigen Förderschülerinnen etwas sinnvolles - wie die deutsche Rechtschreibung - beizubringen. Gescheitert bin ich nicht ... aber nah am Scheitern dran.
Weggewischt die Gedanken und nett einen Podcast über den neuen Feudalismus in Deutschland gehört. Ist aber auch ein Jammer, dass es den Kommunismus nicht mehr gibt ... Ein Jammer, denn sonst könnte man sagen: "Die da drüben sind besser dran!" - so jedenfalls wurde es von mir verstanden, als ich langsam wegdöste und erst in Büchen wieder aufwachte.
Büchen. Tja. Büchen ist ein Phänomen.
Vor gar nicht allzu langer Zeit stieg ich dort schon einmal um und fragte jemanden, der Büchener war, ob es sich lohnt auszusteigen und sich für ein paar Stunden die Stadt anzusehen.
"Nein.", war seine klare Antwort. Und ich habe ihm geglaubt.
Und so hetze ich von meinem Bahnsteig zum Bahnsteig 41b. Und das ist ein Bahnsteig, den man nur über eine Schranke innerhalb des Bahnhofs erreichen kann. Jawohl. Eine Bahnschranke innerhalb der Bahnhofsanlage. Auf so etwas geniales muss man erstmal gestoßen werden. Fällt einem spontan ja nicht ein.
Und schon sitze ich in dem überfüllten Zug und höre mir noch einen Podcast an. Dieses Mal über die Zeiten der Wende. Es scheint mir, als hätten Sachbuchautoren nicht wirklich viele Themen, über die sie schreiben. Oder andere Themen werden von den Medien nicht eingeladen.
Wie es auch sei.
Ich komme im heimatlichen Hafen an, werde nach Hause chauffiert und begebe mich direkt sowohl in Feuerlaune als auch nach Nebenan.
Denn meine Tankstellenwärter - Kusine wird 40, hat geheiratet und das will gefeiert sein. Kaum bin ich da, habe ich auch schon ein Bier in der Hand und proste den Menschen zu. DEN Menschen, die ich schon mein gesamtes Leben kenne und allesamt Nenntanten und Nennonkels waren. Ach - allesamt kenne ich sie nicht. Die Freunde meiner Kusine kenn ich nicht. Die stehen aber auch nur dumm rum und trinken Prosecco.
Ich trinke Bier, esse ne kalte Wurst, die übrig geblieben ist und checke die Lage.
Schlagermusik, weißes Partyzelt, Alterdurchschnitt 55. Zeit, damit die Party startet... Und an wem sollte es denn hängenbleiben, wenn nicht an den Jungspunden?
Den Schuh zieh ich mir an.
Und ich zerre meinen kleinen Bruder auf die Tanzfläche, wo gerade der Hochzeitstanz getanzt wird. Ob nun Wolfgang Petri oder Pur. Das kriege ich nicht auseinander. Beides schrecklich. Und es wird getanzt. Ganz einfach, weil es die Gäste sind, die ein Fest erst zu einem Fest machen. Es sind nicht die Gastgeber. Es sind die Gäste. Und meine hartarbeitende Kusine hat ein rauschendes Fest verdient. Und so tanze ich, erfinde justamente den "wir haken uns ein, wirbeln über die Tanzfläche und haken andere Menschen ein" Tanz und bin verwundert, dass alle mitmachen. Nun gut. Es wird gelacht - zumindestens wir acht, die tanzen haben Spass. die 10, die drumherumstehen und Maul Affen feil halten, haben keinen.
"Trinkt mehr!", höre ich mich rufen und laufe dann, wie als wäre es ein Befehl zum nächstgelegenen Zapfhahn.
Kaum bin ich weg, wird nicht mehr getanzt. Also wieder hin: Weitergetanzt. Egal, ob geschwitzt wird. Meine Kusine hat Spass. Und allein tanzen ist doof. Da braucht man kein zweites Adjektiv. Es ist schlichtweg doof.
Aber auch ich kann nicht ewig tanzen und die Leute verlustieren. Um halb elf bin ich gekommen und schon gegen halb drei sind alle Leute weg. Aber ... immerhin. Es war ein Fest und niemand kann sagen, dass ich nicht zu feiern verstehe.
Selbst zu Wolle Petri.
Wolle mit doppelt l, weil das O kurz ist. Doof mit zwei O, damit wir es ganz lang machen können, liebe Förderschülerinnen in den Preteens...
Heidewitzka. Und den Schrifterwerb diesen letzten Wortes, mag ich nicht auseinanderdividieren.
Heidewitzka.
Samstag
amerikanisches Prag
Prag ist nur zwei Stunden von Dresden entfernt. Näher als Berlin. Näher als jede andere große Stadt. Was liegt also näher, als in diese wunderschöne Stadt zu fahren?
Doch genug der rhetorischen Fragen. An einem Freitag nach er Arbeit wird aufgebrochen. Zu einer Couchsurferin. Einer Lehrerin für Englisch in Prag. Einer Amerikanerin, deren Eltern medizinisches Gras anbauen. Quasi der Gegenbesuch, denn sie war schon einmal in Dresden. Nicht wir suchen sie aus, sondern sie suchte aus. Und zwar nicht mich. Warum, wird mir später klar. Doch jetzt wird sich gefreut - auf Prag – auf die Moldau. Auf Smetana. Darauf Dresden zu entfliehen.
Wir finden sehr leicht hin. Bekommen sogar einen Parkplatz direkt vor dem Haus und werden sogleich zu einem Treffen mit ein paar anderen englisch sprechenden Menschen mitgenommen.
An sich keine schlechte Idee, wo ich doch die englische Sprache so vermisse. Doch, wie so oft im Leben, platziere ich mich an dem falschen Ende der Tafel. Komme also neben einer kleinen, dicken, zweiundzwanzigjährigen Britin unter, die ohne Unterlass plappert. Man kann es noch nicht einmal reden nennen – auch nicht schnacken. Sie plappert. Und das wird mir sehr sehr schnell klar. Ich höre trotzdem zu. Was bleibt mir übrig.
Ein Bier habe ich zumindestens vor mir stehen und ich trinke in großen Zügen aus eben jenem welchen. Bereits nach einer Viertelstunde höre ich der Britin Clarissa nicht mehr wirklich zu. Aber das scheint sie nicht zu bemerken.
Aber – nun mal ehrlich – was ist interessant an einer Bankerin, die aus einer kleinen britischen Stadt kommt, einen 9 to 5 Job hat und als ihren größten Wunsch: „Ich möchte mich endlich häuslich niederlassenn!” angibt?
Weil alle am Tisch es langweilig finden,hört ihr keiner zu. Und das hat zur Folge, dass ich ihr zuhören muss. Allein aus Mitleid. Irgendwo. Ach ja ... Und das Bier? „Keep em coming!”
Aber wir wechseln die Location. Weg von einem gemütlichen Pub, wo ich ein paar Tschechen von weitem sah. Hin zu einer alten Abfallhalde. Die wurde jetzt umgemodelt und laut unserer Wirtin, sei es jetzt total spacig, cool und „the place to be”
Gehässig will ich nicht sein, aber vielleicht ist es der Platz an dem man sein muss, wenn man Ami ist? Mir ist es nicht wirklich abgefahren genug.
Okay... vielleicht die psychotische Frau, die mir entgegentanzt, als ich am Eingang dieses Gebäudes stehe. Oder die heruntergerockten Securityguards? Oder die dünne Frau, die auf der Treppe steht und keinen Hehl daraus macht, dass sie Drogen vertickt?
Nun ja. Nun ja. Nun ja.
„Ah – ey. And the Beer? Keep em coming.”
Weil ich elektroinsche Musik nicht wirklich verlockend finde, habe ich keine Lust mich ins Gedränge zu werfen. Und auch ansonsten... bin wohl Indie, wie man das heutzutage nennt. Ich mag akustische Melodien, die haken oder fließen. Ich mag keine aggressive Musik. Fast ausschließlich gar nicht. Selbst wenn sie fließen sollte. Was sie wohl tut. So sagen jedenfalls die Fans.
Und natürlich sitze ich dann wieder neben Clarissa und höre ihr weiter zu, denn ... sie ist verliebt.
Und ganze drei Gründe sprechen gegen ihn. Nummer 1: Er sieht nicht gut aus. Nummer zwei: Er wohnt 50 km entfernt. Nummer 3: Er mag keinen Sport.
Ich kann es auf die späte Stunde oder auf die Tatsache, dass ich Clarissa schon viel zu lange zugehört habe schieben. Das tut wohl nichts zur Sache. Fakt ist, dass ich auf den Tisch schlage und sage:
„Fuck. Dont be so superficial! It is such crap, what youve told me. If you like him. So what.”
Ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich mit diesen Worten aufgestanden und gegangen bin. Aber das entspricht einfach nicht den Tatsachen. Ich blieb sitzen und hörte ihr weiter zu. Stunden. Tage. Wochen. Monate. Trotzdem am selben Abend erlöste mich meine Begleitung, wir gingen in einen anderen Raum, sahen Amis und Tschechen zusammen tanzen und es war dann wohl ganz gut. Nein. Sehr gut. Mit wirbelnden Gedankenflüssen und die laute Musik ausblenden könnend.
Am nächsten Tag.
Frühstück kaufen im Supermarkt. Mit Meterbrot und frischen Früchten. Einkaufen in Prag.
Dann...Im wunderschönen Sonnenschein heumspazierend. Von der amerikanischen Wirtin geführt. Es hätte sie enttäuscht, wenn wir allein losgezogen wären. Und so?
Mehr Amis, mehr Touristen. Wenig wundern über kleine Ecken – keine Zeit nach rechts und links zu schauen und Seltsamkeiten wahrzunehmen. Schnellen Schrittes laufen. Abknipsen. Ungarisch essen in ungarischem Lokal. Schmeckt so, wie Oma koch. Und die kommt aus dem jetzigen Polen. Weiterlaufen. Weitergehen. Keine Zeit das tatsächliche Prag zu erkennen. Eine vage Idee von Prag. Ja. Ich habe eine vage Idee von Prag. Aber vielleicht ist es auch das?
Kann es sein, dass Prag ein bisschen von allem ist? Oder habe ich da etwas übersehen? Es ist so, als wäre man schon einmal in Prag gewesen. Ein bisschen Österreich, ein bisschen Ungarn, ein bisschen Deutschland, ein bisschen Frankreich. Von allem ein bisschen. Der Kern blieb mir verschlossen. Aber vielleicht hätte ich es auch nicht gesehen, hätte ich in meinem Tempo sehen können.
Nur einmal gab es den Moment.
An der Moldau sitzend. Wahrnehmen, denken, fühlen. Vielleicht ist Prag eine gelassene Stadt?
Und dann ein aufjuchzendes Lachen: Prag.
Falsch geparkt. Direkt neben einem Bezahlparkplatz.
Als wir zum Auto zurückkommen, springt der Aufpasser des Bezahlparkplatzes heraus und beginnt auf tschechisch mit uns zu reden.
„Wir kein Tschechisch.”, sage ich auf englisch und deutsch. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, weiterzufluchen. Und siehe da: Ich verstehe ihn.
Die Polizei wollte unser Auto abschleppen, weil wir nicht innerhalb des weißen Striches geparkt hatten. Er hätte dann behauptet, dass das sein Auto sei. Wir hätten es also ihm zu verdanken, dass wir nicht abgeschleppt wurden.
„Dobre. Dobre. Dobre.”, sage ich und denke mir im geheimen. Ich musss noch einmal herkommen. Ohne Amis. Mit Zeit. Zeit zu schauen. Nicht zu hetzen. Zeit sich zu verlieben – und etwas zurückzubekommen. Vielleicht kann Prag ja auch das?
Doch genug der rhetorischen Fragen. An einem Freitag nach er Arbeit wird aufgebrochen. Zu einer Couchsurferin. Einer Lehrerin für Englisch in Prag. Einer Amerikanerin, deren Eltern medizinisches Gras anbauen. Quasi der Gegenbesuch, denn sie war schon einmal in Dresden. Nicht wir suchen sie aus, sondern sie suchte aus. Und zwar nicht mich. Warum, wird mir später klar. Doch jetzt wird sich gefreut - auf Prag – auf die Moldau. Auf Smetana. Darauf Dresden zu entfliehen.
Wir finden sehr leicht hin. Bekommen sogar einen Parkplatz direkt vor dem Haus und werden sogleich zu einem Treffen mit ein paar anderen englisch sprechenden Menschen mitgenommen.
An sich keine schlechte Idee, wo ich doch die englische Sprache so vermisse. Doch, wie so oft im Leben, platziere ich mich an dem falschen Ende der Tafel. Komme also neben einer kleinen, dicken, zweiundzwanzigjährigen Britin unter, die ohne Unterlass plappert. Man kann es noch nicht einmal reden nennen – auch nicht schnacken. Sie plappert. Und das wird mir sehr sehr schnell klar. Ich höre trotzdem zu. Was bleibt mir übrig.
Ein Bier habe ich zumindestens vor mir stehen und ich trinke in großen Zügen aus eben jenem welchen. Bereits nach einer Viertelstunde höre ich der Britin Clarissa nicht mehr wirklich zu. Aber das scheint sie nicht zu bemerken.
Aber – nun mal ehrlich – was ist interessant an einer Bankerin, die aus einer kleinen britischen Stadt kommt, einen 9 to 5 Job hat und als ihren größten Wunsch: „Ich möchte mich endlich häuslich niederlassenn!” angibt?
Weil alle am Tisch es langweilig finden,hört ihr keiner zu. Und das hat zur Folge, dass ich ihr zuhören muss. Allein aus Mitleid. Irgendwo. Ach ja ... Und das Bier? „Keep em coming!”
Aber wir wechseln die Location. Weg von einem gemütlichen Pub, wo ich ein paar Tschechen von weitem sah. Hin zu einer alten Abfallhalde. Die wurde jetzt umgemodelt und laut unserer Wirtin, sei es jetzt total spacig, cool und „the place to be”
Gehässig will ich nicht sein, aber vielleicht ist es der Platz an dem man sein muss, wenn man Ami ist? Mir ist es nicht wirklich abgefahren genug.
Okay... vielleicht die psychotische Frau, die mir entgegentanzt, als ich am Eingang dieses Gebäudes stehe. Oder die heruntergerockten Securityguards? Oder die dünne Frau, die auf der Treppe steht und keinen Hehl daraus macht, dass sie Drogen vertickt?
Nun ja. Nun ja. Nun ja.
„Ah – ey. And the Beer? Keep em coming.”
Weil ich elektroinsche Musik nicht wirklich verlockend finde, habe ich keine Lust mich ins Gedränge zu werfen. Und auch ansonsten... bin wohl Indie, wie man das heutzutage nennt. Ich mag akustische Melodien, die haken oder fließen. Ich mag keine aggressive Musik. Fast ausschließlich gar nicht. Selbst wenn sie fließen sollte. Was sie wohl tut. So sagen jedenfalls die Fans.
Und natürlich sitze ich dann wieder neben Clarissa und höre ihr weiter zu, denn ... sie ist verliebt.
Und ganze drei Gründe sprechen gegen ihn. Nummer 1: Er sieht nicht gut aus. Nummer zwei: Er wohnt 50 km entfernt. Nummer 3: Er mag keinen Sport.
Ich kann es auf die späte Stunde oder auf die Tatsache, dass ich Clarissa schon viel zu lange zugehört habe schieben. Das tut wohl nichts zur Sache. Fakt ist, dass ich auf den Tisch schlage und sage:
„Fuck. Dont be so superficial! It is such crap, what youve told me. If you like him. So what.”
Ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich mit diesen Worten aufgestanden und gegangen bin. Aber das entspricht einfach nicht den Tatsachen. Ich blieb sitzen und hörte ihr weiter zu. Stunden. Tage. Wochen. Monate. Trotzdem am selben Abend erlöste mich meine Begleitung, wir gingen in einen anderen Raum, sahen Amis und Tschechen zusammen tanzen und es war dann wohl ganz gut. Nein. Sehr gut. Mit wirbelnden Gedankenflüssen und die laute Musik ausblenden könnend.
Am nächsten Tag.
Frühstück kaufen im Supermarkt. Mit Meterbrot und frischen Früchten. Einkaufen in Prag.
Dann...Im wunderschönen Sonnenschein heumspazierend. Von der amerikanischen Wirtin geführt. Es hätte sie enttäuscht, wenn wir allein losgezogen wären. Und so?
Mehr Amis, mehr Touristen. Wenig wundern über kleine Ecken – keine Zeit nach rechts und links zu schauen und Seltsamkeiten wahrzunehmen. Schnellen Schrittes laufen. Abknipsen. Ungarisch essen in ungarischem Lokal. Schmeckt so, wie Oma koch. Und die kommt aus dem jetzigen Polen. Weiterlaufen. Weitergehen. Keine Zeit das tatsächliche Prag zu erkennen. Eine vage Idee von Prag. Ja. Ich habe eine vage Idee von Prag. Aber vielleicht ist es auch das?
Kann es sein, dass Prag ein bisschen von allem ist? Oder habe ich da etwas übersehen? Es ist so, als wäre man schon einmal in Prag gewesen. Ein bisschen Österreich, ein bisschen Ungarn, ein bisschen Deutschland, ein bisschen Frankreich. Von allem ein bisschen. Der Kern blieb mir verschlossen. Aber vielleicht hätte ich es auch nicht gesehen, hätte ich in meinem Tempo sehen können.
Nur einmal gab es den Moment.
An der Moldau sitzend. Wahrnehmen, denken, fühlen. Vielleicht ist Prag eine gelassene Stadt?
Und dann ein aufjuchzendes Lachen: Prag.
Falsch geparkt. Direkt neben einem Bezahlparkplatz.
Als wir zum Auto zurückkommen, springt der Aufpasser des Bezahlparkplatzes heraus und beginnt auf tschechisch mit uns zu reden.
„Wir kein Tschechisch.”, sage ich auf englisch und deutsch. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, weiterzufluchen. Und siehe da: Ich verstehe ihn.
Die Polizei wollte unser Auto abschleppen, weil wir nicht innerhalb des weißen Striches geparkt hatten. Er hätte dann behauptet, dass das sein Auto sei. Wir hätten es also ihm zu verdanken, dass wir nicht abgeschleppt wurden.
„Dobre. Dobre. Dobre.”, sage ich und denke mir im geheimen. Ich musss noch einmal herkommen. Ohne Amis. Mit Zeit. Zeit zu schauen. Nicht zu hetzen. Zeit sich zu verlieben – und etwas zurückzubekommen. Vielleicht kann Prag ja auch das?
Wege finden
Es ist Samstag und mein Wecker klingelt um fünf Uhr fünzehn. Selbst Schuld, denke ich. Warum mache ich auch diesen dämlichen Job? "Des Geldes wegen!", ist die unmittelbare Antwort aus meinem Großhirn und ich erhebe mich ächzend. Jawohl. Ächzend. Mit einem perfekten Rundrücken und im langsamen Trippelschritt nähere ich mich meinem besten Freund der Kaffeemaschine und lasse mir mein Lebenselexier filtern. Toilette - und dort wie immer die Frage: Wer putzt sich vor dem Kaffee die Zähne? Doch nur Kostverächter oder Menschen, die nicht so abhängig sind wie ich. Trotzdem stehe ich noch eine Weile dumm im Bad herum. Nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Erst mein zweitlieblingsgeräusch - das der zischenenden, verkalkten Kaffeemaschine - erlöst mich aus dieser Starre.
Schon bei dem Geruch von Kaffee wird mein Rücken gerader. Ab auf den Balkon und immer schön ducken, da die Schwalbe an sich dem Wahnsinn ziemlich nahe zu stehen scheinen. Laut kreischend und hübsch im Sturzflug vor meiner Nase. Meine Augen können ihnen nicht folgen. Müssen sie auch nicht. Meine Augen, Nase und Hände haben nur ein Ziel. Richtig. Kaffeetasse hochheben, an Lippen ansetzen, pusten, Kaffee einflößen, Kaffee herunterschlucken.
Meine Bahn fährt sechs Uhr 52. Jetzt ist es fünf Uhr 45. Noch eine Kippe, noch ein paar Schlucke Kaffee. Wie schnell verfliegt die Zeit: Schon bin ich an der Bahn, in der Bahn und vor dem Hörsaalgebäude, wo ich letztes Mal Aufsicht hatte.
Niemand dort.
Ich denke mir nichts dabei. Öffne alle Türen, die auch nur ansatzweise nach universitärem Lehrbetrieb aussehen. Doch nirgendwo sind die Renterinnen und Renter mit denen ich Aufsicht führen soll. Ein wenig verdächtig ist es schon. Ich beginne also damit Passanten nach dem Weg zu fragen. Ach nein - keine Passanten... Studenten sinds. Aber auch irgendwie Passanten, wenn man ...ach - egal. Nachdem ich diverse Male auf die Frage: "Wo ist den hier der Mathehörsaal?" die Antwort: "Also ich habe gleich Mathe. Und mein Mathehörsaal ist dahinten.", läuft mir der Schweiß in Bächen herunter.
Nicht, weil ich zu spät komme. Nicht, weil ich verloren bin. Nicht, weil ich erst einmal am Münchner Platz - an der TU Dresden war... Nein. Nur des kapitalistischen Beweggrundes wegen. Wenn ich diesen verflixten Hörsaal nicht finde, so gibt es kein Geld.
Und da bin ich doch schon aufgestanden ... Und?
Vor dem Münchner Platz Gebäude sitzt eine Studentin, die tatsächlich etwas weiß. Nämlich:
"Der Mathehörsaal ist bestimmt im Mathegebäude. Und das ist ganz woanders."
"Oh."
"Ja. Da musst du da runter und hinter der Mensa. Kennst du die Mensa?"
"Nein."
"Naja. Hinter dem großen Gebäude ist ein kleineres und da ist das Mathegebäude."
"Ist das weit?"
"Ne Viertelstunde?"
"Danke..."
Ich mache mich mit meinem Kampfesblick auf zur Mensa. Keine Zeit mich über das ostdeutsche Ampelmännchen zu freuen, wie sonst jeden Tag, sondern die Mensa finden. Tatsächlich. Ähnlich häßlich wie in Frankfurt/Main. Ein großes, zweckmäßiges, hässliches Gebäude. Dahinter also?
Zunächst frage ich lieber noch eine andere Passantin - äh - Studentin. Die aber noch weniger weiß als ich und mich zu einem Schaubild der TU verweist.
Okidoki.
Nun weiß ich auch, dass es einen Merkel Bau gibt. Hat wohl nichts mit Herrn Sauer zu tun. Will ich dort hin? Soll mir die Angela Geleit geben? In schweren Zeiten (wie jetzt) sollte sie es doch, oder? Zumindestens im Geiste. "Mathematik" steht an einem Gebäude. Nix mit Merkel. "Mathematik" - Naja - fällt mir in der Sekunde ein. Ist sie nicht sowieso Physikerin? Wünsche mich in den Moment des Aufwachens zurück ... Als mir Rasenmähertrecker entgegenkommen. Ich werte es als Zeichen umzukehren - das Geld Geld sein zu lassen und noch einen Kaffee in einem Cafe zu trinken.
Noch einen Versuch gebe ich mir. Das Hörsaalzentrum ist durch eine Brücke zu erreichen, die einen sicher über eine sechsspurige Straße leitet. Und dort stehe ich dann tatsächlich das erste Mal am heutigen Tag absolut orientierungslos herum. Soll ich etwa an allen Türen rütteln? Lass es fünfzig sein. Lass es sechzig Türen sein. Nein. Ein klares Nein, formuliert sich in mir.
Aber ein Student sitzt dort, der ziemlich nach Mathe, Physik oder Informatik aussieht. Den frage ich... und ER - der Held meines Tages - weist mir den richtigen Weg.
Man muss den Rasenmähertreckern entgegentreten. Diese Hürde überwinden. Gleich dahinter ... nur ein paar Meter entfernt lässt sich durch frisch gemähtes Heu der Weg zum Mathehörsaal finden.
Müde bin ich, Kaffee brauch ich... aber Geld werde ich heut wohl verdienen.
Schon bei dem Geruch von Kaffee wird mein Rücken gerader. Ab auf den Balkon und immer schön ducken, da die Schwalbe an sich dem Wahnsinn ziemlich nahe zu stehen scheinen. Laut kreischend und hübsch im Sturzflug vor meiner Nase. Meine Augen können ihnen nicht folgen. Müssen sie auch nicht. Meine Augen, Nase und Hände haben nur ein Ziel. Richtig. Kaffeetasse hochheben, an Lippen ansetzen, pusten, Kaffee einflößen, Kaffee herunterschlucken.
Meine Bahn fährt sechs Uhr 52. Jetzt ist es fünf Uhr 45. Noch eine Kippe, noch ein paar Schlucke Kaffee. Wie schnell verfliegt die Zeit: Schon bin ich an der Bahn, in der Bahn und vor dem Hörsaalgebäude, wo ich letztes Mal Aufsicht hatte.
Niemand dort.
Ich denke mir nichts dabei. Öffne alle Türen, die auch nur ansatzweise nach universitärem Lehrbetrieb aussehen. Doch nirgendwo sind die Renterinnen und Renter mit denen ich Aufsicht führen soll. Ein wenig verdächtig ist es schon. Ich beginne also damit Passanten nach dem Weg zu fragen. Ach nein - keine Passanten... Studenten sinds. Aber auch irgendwie Passanten, wenn man ...ach - egal. Nachdem ich diverse Male auf die Frage: "Wo ist den hier der Mathehörsaal?" die Antwort: "Also ich habe gleich Mathe. Und mein Mathehörsaal ist dahinten.", läuft mir der Schweiß in Bächen herunter.
Nicht, weil ich zu spät komme. Nicht, weil ich verloren bin. Nicht, weil ich erst einmal am Münchner Platz - an der TU Dresden war... Nein. Nur des kapitalistischen Beweggrundes wegen. Wenn ich diesen verflixten Hörsaal nicht finde, so gibt es kein Geld.
Und da bin ich doch schon aufgestanden ... Und?
Vor dem Münchner Platz Gebäude sitzt eine Studentin, die tatsächlich etwas weiß. Nämlich:
"Der Mathehörsaal ist bestimmt im Mathegebäude. Und das ist ganz woanders."
"Oh."
"Ja. Da musst du da runter und hinter der Mensa. Kennst du die Mensa?"
"Nein."
"Naja. Hinter dem großen Gebäude ist ein kleineres und da ist das Mathegebäude."
"Ist das weit?"
"Ne Viertelstunde?"
"Danke..."
Ich mache mich mit meinem Kampfesblick auf zur Mensa. Keine Zeit mich über das ostdeutsche Ampelmännchen zu freuen, wie sonst jeden Tag, sondern die Mensa finden. Tatsächlich. Ähnlich häßlich wie in Frankfurt/Main. Ein großes, zweckmäßiges, hässliches Gebäude. Dahinter also?
Zunächst frage ich lieber noch eine andere Passantin - äh - Studentin. Die aber noch weniger weiß als ich und mich zu einem Schaubild der TU verweist.
Okidoki.
Nun weiß ich auch, dass es einen Merkel Bau gibt. Hat wohl nichts mit Herrn Sauer zu tun. Will ich dort hin? Soll mir die Angela Geleit geben? In schweren Zeiten (wie jetzt) sollte sie es doch, oder? Zumindestens im Geiste. "Mathematik" steht an einem Gebäude. Nix mit Merkel. "Mathematik" - Naja - fällt mir in der Sekunde ein. Ist sie nicht sowieso Physikerin? Wünsche mich in den Moment des Aufwachens zurück ... Als mir Rasenmähertrecker entgegenkommen. Ich werte es als Zeichen umzukehren - das Geld Geld sein zu lassen und noch einen Kaffee in einem Cafe zu trinken.
Noch einen Versuch gebe ich mir. Das Hörsaalzentrum ist durch eine Brücke zu erreichen, die einen sicher über eine sechsspurige Straße leitet. Und dort stehe ich dann tatsächlich das erste Mal am heutigen Tag absolut orientierungslos herum. Soll ich etwa an allen Türen rütteln? Lass es fünfzig sein. Lass es sechzig Türen sein. Nein. Ein klares Nein, formuliert sich in mir.
Aber ein Student sitzt dort, der ziemlich nach Mathe, Physik oder Informatik aussieht. Den frage ich... und ER - der Held meines Tages - weist mir den richtigen Weg.
Man muss den Rasenmähertreckern entgegentreten. Diese Hürde überwinden. Gleich dahinter ... nur ein paar Meter entfernt lässt sich durch frisch gemähtes Heu der Weg zum Mathehörsaal finden.
Müde bin ich, Kaffee brauch ich... aber Geld werde ich heut wohl verdienen.
Dresden brennt ein bisschen
Dresden brennt ein bisschen
"10 Uhr Albertplatz!", ist die Ansage und so verlasse ich gegen viertel vor zehn meine Wohnung. Der 13 Februar ist der Jahrestag des Zerbombens von Dresden. 13. Febuar 1945. Ein wichtiger Tag der Stadt. Er hat sich nicht nur im übertragenen Sinn in die Seele der Stadt eingebrannt. Genau dieser Tag wird von den Neonazis instrumentalisiert. Zu einem schlichten "Dresdnern wurde Unrecht angetan Gedenkmarsch!". Und ich denke das große Wort "Bürgerpflicht", als ich den Bischofsweg hinaufspaziere und mich durch eine Gruppe von Bündnis 90- die Grünen hindurchschlängele. Mit wachen Gesichtern, mit strahlenden Augen sind sie auf den Weg in die Hansastraße. Um zu blockieren...den Aufmarsch der Neonazis zu blockieren. Sie sollen nicht marschieren. Sie sollten daran gehindert werden.
Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin den Aufmarsch zu blockieren. Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin, mich mit ihnen zu prügeln oder Steine nach ihnen zu werfen. Meine Bürgerpflicht besteht stattdessen darin, auf die Straße zu gehen und zu zeigen, dass ich es nicht okay finde. Ganz und gar einfach - schlichtweg "nicht okay"
Aber ich komme aus dem Westen und nenne sie Neonazis und nicht Nazis. Ich komme nicht aus der sächischen Schweiz, was eine rechte Hochburg ist. Ich komme von der Uni und schüttele fassungslos den Kopf über Gehirnwäsche, Beschränktheit, Ängste, Machotum ... und noch vieles mehr.
Ich wohne zur Zeit in Dresden. Wohne zur Zeit in der Neustadt. Und genau durch die spaziere ich jetzt. Die Königsbrücker entlang, die Louisenstraße hoch und dann rechts in die Alaunstraße. An deren Ende ist der Albertplatz. Ein paar Polizisten sind dort. Nur ein paar. Sie sind für mich keine Bedrohung. Auch die zwei Polizeihubschrauber, die über der Neustadt kreisen, sind zwar störend - aber keine Bedrohung.
Alles in Ordnung.
Freunde von mir warten vor einer Bäckerei.
"Erstmal einen Kaffee."
"Ja. Erstmal einen Kaffee."
Mit genau dem in der Hand stehen wir kurze Zeit später in der Mitte des Albertplatzes. Ich weiß zwar nicht, was Erich Kästner gesagt hätte, wenn er wüsste, dass seine Statue als Müllabstellplatz mißbraucht wird.. .Aber es gibt schlimmeres. Tatsächlich. Wir hören zu, was gesagt wird. Ansprachen voller Fremdwörter. Eines ist besonders wichtig: "Geschichtsrevisionismus". Ja.Ja.Ja. Wir hören die Ostband "Die Prinzen" aus den Lautsprechern. Danach Nena und Tomte und Rio Reiser. Die Stimmung ist gelöst und fast heiter. Ein als Clown verkleideter läuft hüpfend unter den Demonstranten herum - genauso wie eine Gruppe pink angezogener Mädchen mit pinken Regenschirmen.
"Wir stehen hier friedlich!"
"Wir tanzen hier."
"Wir wollen, dass so etwas nie wieder passiert."
Familien mit Kindern, ältere Menschen, jüngere Menschen. Gebildet, ungebildet. Egal. Ein breiter Ausschnitt der Gesellschaft. Hier fühle ich mich wohl. Hier kann ich bleiben. Ein paar Stunden. Wir stehen, gehen herum, tanzen ein bisschen, um warm zu bleiben.Gehen für eine halbe Stunde in einen Dönerladen, um ein Bier zu trinken. Dann sind wir noch wärmer.
Zur Menschenkette? Die Menschenkette? Die Menschenkette ist auf der anderen Elbseite.
Dresden, als die Stadt der Brücken und die Stadt der krassen Teilung zwischen dem einen und dem anderen Elbufer. Schon um 11 Uhr morgens ist klar, dass die Brücken gesperrt sind und es keine Möglichkeit gibt hinüber zu kommen. Gesichtskontrolle. Ausweiskontrolle.
"Wo wollen sie hin?"
"Zur Menschenkette."
"Sie sind kein Anwohner? Dann ist das keine gute Idee. Bleiben sie dort, wo sie sind!"
Polizisten in voller Montur stehen mir gegenüber und verbieten mir zu demonstrieren. Ich bin fassungslos. Hatte es schon gehört. Hatte es fast erwartet und doch ...
Demonstrieren - im friedlichen Sinn - ist nicht möglich. Ich habe mich zu spät für die Menschenkette entschieden. Hätte es um 10 wissen sollen. Dann wäre ich noch rüber gekommen. Vermutlich aber nicht wieder zurück in die Neustadt. Jetzt bin ich hier gefangen. Das schlechte Bauchgefühl verstärkt sich noch, als auf dem Albertplatz verkündet wird, dass unsere Demonstration hier, jetzt und gleich verboten wurde. Es ist jetzt eine Ansammlung. Keine Demonstration mehr.
Aber dass die Gegendemonstration gegen das Demonstrationsverbot gebilligt wurde. Was für ein Humbug, denke ich und schüttele innerlich und äußerlich den Kopf.
"Also keine Menschenkette. Sollen wir Hansastraße versuchen?", werde ich gefragt.
"Warum nicht?", frage ich zurück.
Die Königsbrücker kommen wir entlang. Dann treffen wir auf die erste Polizeiabsperrung. Erst rechts, dann links, dann wieder links. Über eine kleine Nebenstraße kommen wir zum Bischofsplatz. Nur geradeaus. Dort ist die Hansastraße. Doch ... Polizeiblockade:
"Wo wollen sie hin?"
"Hansastraße."
"Was wollen sie dort?"
"Demonstrieren."
"Das ist zur Zeit keine gute Idee..."
"Was?!"
Aber der Bischofsplatz ist breit und dort gelangen wir auf die andere Seite - ohne weiteres gefragt zu werden . Als wir auf die Hansastrasse kommen, schlagen uns negative Gefühle entgegen. Wie eine Welle. Hier sind sie also. Die Linksautonomen. Die vermummten. Wir sind näher dran - am Neustädter Bahnhof.
Von dort sollte der Neonazi Aufmarsch starten. Direkt unter der Gedenktafel, dass von dort viele Juden in Vernichtungslager deportiert wurden.Eine Unmöglichkeit, dass Dresden diesen Ort und diese Umständen diesen "Gedenkmarsch" zulässt.
Nun stehen wir also hinter dem Bahnhof. Immer mit der Angst eingekesselt zu werden. Nicht mehr weg zu können, da viele Seitenstraßen durch die Polizei blockiert werden. Zuviele Männer, denke ich. Zuwenige Kinder, denke ich. Zuviele die auf Styroporplatten und in Isolierdecken eingewickelt auf der schneenassen Straße sitzen.
Also zurück zum Lidl, wo es die Conradstraße und damit auch eine Straße in die man sich im Notfall flüchten könnte, gibt. Keine Polizei in direkter Sichtweite.
Bürgerpflicht, frage ich mich in meinem inneren, als wir uns an eine Steinmauer lehnen, weil die Autonomen auf einmal beginnen zu laufen.
"Ruhig. Ruhig. Ruhig.", sage ich leise vor mich hin.
"Die Polizei hat kleine Kugelgeschosse. Mit denen dürfen sie auch schießen.", ruft ein Autonomer.
"Da hinten sind die Naziwichser!", ruft ein anderer.
"Fuck Bullenschweine!", ruft ein dritter.
Mir wird mulmig zumute. Ich will nach Hause. Es ist kalt und ich habe genug gesehen. Genug Flagge gezeigt. Genug gezeigt, dass ich gegen Neonazis bin. Nicht zu haben bin für Rechtextremismus. Aber zuhause ist dort, wo sich die Ausweichroute befindet.
Das bemerken wir, als wir wieder zurück zum Bischofsplatz gehen. Schön langsam. Immer mit der Ruhe. Und mit einem Schleichweg über den Neustädter Friedhof. Dort gibt es eine Toilette. Leider ist die geschlossen .. aber wir trampeln uns über den Friedhof. Im Vorbeigehen raunze ich einen Alternativen mit halb geöffnetem Hosenschlitz an:
"Du wirst jawohl hier nicht auf ein Grab pinkeln! Such Dir gefälligst einen Baum."
Tatsächlich hört er auf mich. Aber ich habe nur die Zeit für eine Sekunde stolz auf das bisschen Zivilcourage zu haben, die ich aufgebracht habe, denn wir kommen an den südlichen Ausgang des Friedhofes : Die Eisentür ist geschlossen. Direkt davor eine Reihe von Polizisten. Ich klettere ein Stückchen nach oben, wo in die Friedhofsmauer der Name Marie Sophie eingehauen ist. Nicke ihr kurz zu und luge dann herüber. Ich bin gerade groß genug, um auf Zehenspitzen die Vorgänge sehen zu können.
Links die Autonomen, die laut : "Nazis raus!", brüllen.
Rechts die Rechten, die nichts brüllen, aber mit wehenden Deutschlandfahnen und offensiven Glatzen über den Bischofsplatz marschieren.
In der Mitte die Polizei. Und oben auf dem Bahngleis, was über den Bischofsweg führt, wird eine Israelfahne geschwenkt.Fassbar ist es nicht. Ich bin froh eingesperrt zu sein. Auf dem Friedhof. Mit der geschlossenen Eisentür.
"Die Toten beschützen uns.", sage ich leise und glaube es in dem Moment auch.
Mittendrinnen und doch ausgeschlossen. Dabei. Beobachterin mit der stummen Faszination, dass die Rechten hier marschieren. Es tatsächlich tun. Beschützt von der Polizei. Aufgehetzte Menschen auf beiden Seiten. Ohnmacht ... Und der Zug der glatzköpfigen, zumeist männlichen, rechtsextremen oder sympatisierenden Menschen zieht sich seine Bahn.
In meine Wohnung gelangen wir wieder nur über Zickzackwege. Was uns aber gleich aufweist, dass alle Supermärkte in meiner direkten Umgebung geschlossen sind.
"Später versuchen wir es noch einmal...Der Rewe hat glaube ich offen!"
"Später!"
Jetzt erst Kaffee und ein wenig Wärme und ein wenig Radio. Wo erklärt wird, dass es Ausschreitungen auf dem Dammweg gibt und die Neonazis wieder zurückmarschieren - vermutlich wieder Hechtstraße.
"Wenn das wirklich wahr ist, dann gehen wir jetzt lieber Pizza und Bier kaufen, oder?"
"Ähhh... ja?"
Schon sind wir wieder auf der Straße. Eine Polizeiblockade reiht sich an die nächste. Der Weg zu Pizza und Bier ist versperrt.
Ein Polizist weist uns in den entgegengesetzen Weg: "Dort hinten ist ein Edeka."
"Dankeschön!"
Nach kurzer Zeit glauben wir, dass Disinformation ein Großteil der Polizeistrategie ist. Nämlich als wir uns auf einer Allee befinden und uns eine ältere Frau erklärt, dass hier in der Nähe weit und breit kein Supermarkt zu finden sei.
"Aber nehmt doch den Bus. Sind nur 10 Minuten. Und DER Netto hat auf."
Nach einer halben Stunde - eingedeckt mit Bier und Pizza - schlagen wir uns wieder in meine Straße. Mitten hindurch durch vermummte, schlagstocktragende Linksautonome. Weichen brennenden Mülltonnen aus. Hüpfen über Urinlachen, die in dem frischgefallenen Schnee, lustiige Muster hinterlassen haben und lassen uns nicht durch die Hausanschriften: "Dresden muss brennen" irritieren.
Daheim ist eines klar:
Heute nicht mehr raus! Heute daheim bleiben...
Erst um viertel vor zehn am Abend kehrt Ruhe ein. Und das, was der Tag eigentlich bringen sollte.
Ich öffne alle Fenster und lasse das Glockengeläut herein, was den Beginn der Bombennacht und das Gedenken an die dort Verstorbenen, will.
Nichts mehr - nichts weniger...
Und doch - noch immer unterbrochen von einem über der Neustadt kreisenden Polizeihubschrauber.
"10 Uhr Albertplatz!", ist die Ansage und so verlasse ich gegen viertel vor zehn meine Wohnung. Der 13 Februar ist der Jahrestag des Zerbombens von Dresden. 13. Febuar 1945. Ein wichtiger Tag der Stadt. Er hat sich nicht nur im übertragenen Sinn in die Seele der Stadt eingebrannt. Genau dieser Tag wird von den Neonazis instrumentalisiert. Zu einem schlichten "Dresdnern wurde Unrecht angetan Gedenkmarsch!". Und ich denke das große Wort "Bürgerpflicht", als ich den Bischofsweg hinaufspaziere und mich durch eine Gruppe von Bündnis 90- die Grünen hindurchschlängele. Mit wachen Gesichtern, mit strahlenden Augen sind sie auf den Weg in die Hansastraße. Um zu blockieren...den Aufmarsch der Neonazis zu blockieren. Sie sollen nicht marschieren. Sie sollten daran gehindert werden.
Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin den Aufmarsch zu blockieren. Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin, mich mit ihnen zu prügeln oder Steine nach ihnen zu werfen. Meine Bürgerpflicht besteht stattdessen darin, auf die Straße zu gehen und zu zeigen, dass ich es nicht okay finde. Ganz und gar einfach - schlichtweg "nicht okay"
Aber ich komme aus dem Westen und nenne sie Neonazis und nicht Nazis. Ich komme nicht aus der sächischen Schweiz, was eine rechte Hochburg ist. Ich komme von der Uni und schüttele fassungslos den Kopf über Gehirnwäsche, Beschränktheit, Ängste, Machotum ... und noch vieles mehr.
Ich wohne zur Zeit in Dresden. Wohne zur Zeit in der Neustadt. Und genau durch die spaziere ich jetzt. Die Königsbrücker entlang, die Louisenstraße hoch und dann rechts in die Alaunstraße. An deren Ende ist der Albertplatz. Ein paar Polizisten sind dort. Nur ein paar. Sie sind für mich keine Bedrohung. Auch die zwei Polizeihubschrauber, die über der Neustadt kreisen, sind zwar störend - aber keine Bedrohung.
Alles in Ordnung.
Freunde von mir warten vor einer Bäckerei.
"Erstmal einen Kaffee."
"Ja. Erstmal einen Kaffee."
Mit genau dem in der Hand stehen wir kurze Zeit später in der Mitte des Albertplatzes. Ich weiß zwar nicht, was Erich Kästner gesagt hätte, wenn er wüsste, dass seine Statue als Müllabstellplatz mißbraucht wird.. .Aber es gibt schlimmeres. Tatsächlich. Wir hören zu, was gesagt wird. Ansprachen voller Fremdwörter. Eines ist besonders wichtig: "Geschichtsrevisionismus". Ja.Ja.Ja. Wir hören die Ostband "Die Prinzen" aus den Lautsprechern. Danach Nena und Tomte und Rio Reiser. Die Stimmung ist gelöst und fast heiter. Ein als Clown verkleideter läuft hüpfend unter den Demonstranten herum - genauso wie eine Gruppe pink angezogener Mädchen mit pinken Regenschirmen.
"Wir stehen hier friedlich!"
"Wir tanzen hier."
"Wir wollen, dass so etwas nie wieder passiert."
Familien mit Kindern, ältere Menschen, jüngere Menschen. Gebildet, ungebildet. Egal. Ein breiter Ausschnitt der Gesellschaft. Hier fühle ich mich wohl. Hier kann ich bleiben. Ein paar Stunden. Wir stehen, gehen herum, tanzen ein bisschen, um warm zu bleiben.Gehen für eine halbe Stunde in einen Dönerladen, um ein Bier zu trinken. Dann sind wir noch wärmer.
Zur Menschenkette? Die Menschenkette? Die Menschenkette ist auf der anderen Elbseite.
Dresden, als die Stadt der Brücken und die Stadt der krassen Teilung zwischen dem einen und dem anderen Elbufer. Schon um 11 Uhr morgens ist klar, dass die Brücken gesperrt sind und es keine Möglichkeit gibt hinüber zu kommen. Gesichtskontrolle. Ausweiskontrolle.
"Wo wollen sie hin?"
"Zur Menschenkette."
"Sie sind kein Anwohner? Dann ist das keine gute Idee. Bleiben sie dort, wo sie sind!"
Polizisten in voller Montur stehen mir gegenüber und verbieten mir zu demonstrieren. Ich bin fassungslos. Hatte es schon gehört. Hatte es fast erwartet und doch ...
Demonstrieren - im friedlichen Sinn - ist nicht möglich. Ich habe mich zu spät für die Menschenkette entschieden. Hätte es um 10 wissen sollen. Dann wäre ich noch rüber gekommen. Vermutlich aber nicht wieder zurück in die Neustadt. Jetzt bin ich hier gefangen. Das schlechte Bauchgefühl verstärkt sich noch, als auf dem Albertplatz verkündet wird, dass unsere Demonstration hier, jetzt und gleich verboten wurde. Es ist jetzt eine Ansammlung. Keine Demonstration mehr.
Aber dass die Gegendemonstration gegen das Demonstrationsverbot gebilligt wurde. Was für ein Humbug, denke ich und schüttele innerlich und äußerlich den Kopf.
"Also keine Menschenkette. Sollen wir Hansastraße versuchen?", werde ich gefragt.
"Warum nicht?", frage ich zurück.
Die Königsbrücker kommen wir entlang. Dann treffen wir auf die erste Polizeiabsperrung. Erst rechts, dann links, dann wieder links. Über eine kleine Nebenstraße kommen wir zum Bischofsplatz. Nur geradeaus. Dort ist die Hansastraße. Doch ... Polizeiblockade:
"Wo wollen sie hin?"
"Hansastraße."
"Was wollen sie dort?"
"Demonstrieren."
"Das ist zur Zeit keine gute Idee..."
"Was?!"
Aber der Bischofsplatz ist breit und dort gelangen wir auf die andere Seite - ohne weiteres gefragt zu werden . Als wir auf die Hansastrasse kommen, schlagen uns negative Gefühle entgegen. Wie eine Welle. Hier sind sie also. Die Linksautonomen. Die vermummten. Wir sind näher dran - am Neustädter Bahnhof.
Von dort sollte der Neonazi Aufmarsch starten. Direkt unter der Gedenktafel, dass von dort viele Juden in Vernichtungslager deportiert wurden.Eine Unmöglichkeit, dass Dresden diesen Ort und diese Umständen diesen "Gedenkmarsch" zulässt.
Nun stehen wir also hinter dem Bahnhof. Immer mit der Angst eingekesselt zu werden. Nicht mehr weg zu können, da viele Seitenstraßen durch die Polizei blockiert werden. Zuviele Männer, denke ich. Zuwenige Kinder, denke ich. Zuviele die auf Styroporplatten und in Isolierdecken eingewickelt auf der schneenassen Straße sitzen.
Also zurück zum Lidl, wo es die Conradstraße und damit auch eine Straße in die man sich im Notfall flüchten könnte, gibt. Keine Polizei in direkter Sichtweite.
Bürgerpflicht, frage ich mich in meinem inneren, als wir uns an eine Steinmauer lehnen, weil die Autonomen auf einmal beginnen zu laufen.
"Ruhig. Ruhig. Ruhig.", sage ich leise vor mich hin.
"Die Polizei hat kleine Kugelgeschosse. Mit denen dürfen sie auch schießen.", ruft ein Autonomer.
"Da hinten sind die Naziwichser!", ruft ein anderer.
"Fuck Bullenschweine!", ruft ein dritter.
Mir wird mulmig zumute. Ich will nach Hause. Es ist kalt und ich habe genug gesehen. Genug Flagge gezeigt. Genug gezeigt, dass ich gegen Neonazis bin. Nicht zu haben bin für Rechtextremismus. Aber zuhause ist dort, wo sich die Ausweichroute befindet.
Das bemerken wir, als wir wieder zurück zum Bischofsplatz gehen. Schön langsam. Immer mit der Ruhe. Und mit einem Schleichweg über den Neustädter Friedhof. Dort gibt es eine Toilette. Leider ist die geschlossen .. aber wir trampeln uns über den Friedhof. Im Vorbeigehen raunze ich einen Alternativen mit halb geöffnetem Hosenschlitz an:
"Du wirst jawohl hier nicht auf ein Grab pinkeln! Such Dir gefälligst einen Baum."
Tatsächlich hört er auf mich. Aber ich habe nur die Zeit für eine Sekunde stolz auf das bisschen Zivilcourage zu haben, die ich aufgebracht habe, denn wir kommen an den südlichen Ausgang des Friedhofes : Die Eisentür ist geschlossen. Direkt davor eine Reihe von Polizisten. Ich klettere ein Stückchen nach oben, wo in die Friedhofsmauer der Name Marie Sophie eingehauen ist. Nicke ihr kurz zu und luge dann herüber. Ich bin gerade groß genug, um auf Zehenspitzen die Vorgänge sehen zu können.
Links die Autonomen, die laut : "Nazis raus!", brüllen.
Rechts die Rechten, die nichts brüllen, aber mit wehenden Deutschlandfahnen und offensiven Glatzen über den Bischofsplatz marschieren.
In der Mitte die Polizei. Und oben auf dem Bahngleis, was über den Bischofsweg führt, wird eine Israelfahne geschwenkt.Fassbar ist es nicht. Ich bin froh eingesperrt zu sein. Auf dem Friedhof. Mit der geschlossenen Eisentür.
"Die Toten beschützen uns.", sage ich leise und glaube es in dem Moment auch.
Mittendrinnen und doch ausgeschlossen. Dabei. Beobachterin mit der stummen Faszination, dass die Rechten hier marschieren. Es tatsächlich tun. Beschützt von der Polizei. Aufgehetzte Menschen auf beiden Seiten. Ohnmacht ... Und der Zug der glatzköpfigen, zumeist männlichen, rechtsextremen oder sympatisierenden Menschen zieht sich seine Bahn.
In meine Wohnung gelangen wir wieder nur über Zickzackwege. Was uns aber gleich aufweist, dass alle Supermärkte in meiner direkten Umgebung geschlossen sind.
"Später versuchen wir es noch einmal...Der Rewe hat glaube ich offen!"
"Später!"
Jetzt erst Kaffee und ein wenig Wärme und ein wenig Radio. Wo erklärt wird, dass es Ausschreitungen auf dem Dammweg gibt und die Neonazis wieder zurückmarschieren - vermutlich wieder Hechtstraße.
"Wenn das wirklich wahr ist, dann gehen wir jetzt lieber Pizza und Bier kaufen, oder?"
"Ähhh... ja?"
Schon sind wir wieder auf der Straße. Eine Polizeiblockade reiht sich an die nächste. Der Weg zu Pizza und Bier ist versperrt.
Ein Polizist weist uns in den entgegengesetzen Weg: "Dort hinten ist ein Edeka."
"Dankeschön!"
Nach kurzer Zeit glauben wir, dass Disinformation ein Großteil der Polizeistrategie ist. Nämlich als wir uns auf einer Allee befinden und uns eine ältere Frau erklärt, dass hier in der Nähe weit und breit kein Supermarkt zu finden sei.
"Aber nehmt doch den Bus. Sind nur 10 Minuten. Und DER Netto hat auf."
Nach einer halben Stunde - eingedeckt mit Bier und Pizza - schlagen wir uns wieder in meine Straße. Mitten hindurch durch vermummte, schlagstocktragende Linksautonome. Weichen brennenden Mülltonnen aus. Hüpfen über Urinlachen, die in dem frischgefallenen Schnee, lustiige Muster hinterlassen haben und lassen uns nicht durch die Hausanschriften: "Dresden muss brennen" irritieren.
Daheim ist eines klar:
Heute nicht mehr raus! Heute daheim bleiben...
Erst um viertel vor zehn am Abend kehrt Ruhe ein. Und das, was der Tag eigentlich bringen sollte.
Ich öffne alle Fenster und lasse das Glockengeläut herein, was den Beginn der Bombennacht und das Gedenken an die dort Verstorbenen, will.
Nichts mehr - nichts weniger...
Und doch - noch immer unterbrochen von einem über der Neustadt kreisenden Polizeihubschrauber.
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