Samstag

Nur 20 Jahre

Museumsnacht in Dresden. Man könnte alle Museen ansehen. Die alten Meister, das grüne Gewölbe und überhaupt... das Albertinum oder so... Aber ich gehe in die Gedenkstätte Bautzener Straße. Die alte Dresdner Stasi Zentrale nebst Untersuchungsgefängnis direkt an der Elbe - da wo auch Putin während seiner Dresden Zeit sein Büro hatte - findet eine Theaterperformance mit Jugendlichen statt.
Schon als ich die Gänge hineintrete und die typischen Gefängnistreppenaufgänge sehe, beschleicht mich das Gruselgefühl, was ich auch schon in Bautzen hatte. Gefängnis ist anscheinend Gefängnis. Soweit man das nach dem Besuch von zwei Gefängnissen sagen kann. Mehrfach verwendet - von Regime zu Regime weitergegeben. Eingesperrt unter Hitler, eingesperrt unter SED, DDR, KPD und Sowietunion. Ob nun Flugblätter gegen die NSDAP oder gegen die STASI ... dafür wird man halt eingesperrt. Freiheitsdrang wird mit Freiheitsentzug bestraft. Der Wunsch ein Schmetterling zu sein mit dem Stutzen von kleinen Flügelchen.
PVC Böden und ein Geruch, der frischgewachst und doch abgelutscht in die geputzten Nasen der Besucher dringt.

Jugendliche, ganz in schwarz gekleidet und sich mit dieser altklugen Art und Weise ernstnehmend, die jedes Unrecht verurteilt und noch unbelastet nach dem "WARUM" fragen kann, ohne gleich die Antwort: "Darauf gibt es keine Antwort" parat zu haben, treten an die Oberfläche und sprechen zu dem Publikum.

"Kommen Sie mit. Wir entführen Sie in das Gefängnis. Am besten nur 30 zur Zeit. Wir machen die Performance dann ein zweites Mal. Heute ist leider eine Schauspielerin nicht aufgetaucht. Wir wissen nicht warum. Aber wir tun unser Bestes."

Schon werfen sie sich malerisch auf den Boden, werden von Wächtern hinter Türen verstaut und fliehen, der harte Kern der drei Insassen, durch die Gänge. Und das Publikum marschiert tapfer mit. Wir fliehen in das Gefängnis und nicht heraus.

"Zum Verhörraum" sehe ich ein Schild an der Wand. Und der schmale enge Gang, wo man die Decke auf einen herunterfallen sieht, füllt sich mit Geistern. Die Namen haben die Schüler angebracht - ein Zettel fällt herunter: Michael Schmidt (1919 - 1954) Zwei Kriege, denke ich. Der Herr hat zwei Kriege und Nachkriegszeiten überlebt. Hier ist er nun gestorben.
Gekachelte Wände - gekachelter Boden - praktisch, um (un) erbetene Flüssigkeiten, von "Verbrechern" abgesondert schnell unsichtbar zu machen.
Auch wenn man nicht an Geister oder an Gespenster glaubt. Weder die Existenz eines Gottes oder Teufels für irgendwie realistisch hält, so haben doch Orte anscheinend ein Gedächtnis.
Die Stimmung ist unvergleichbar - 80 Jahre Folter - Nun ja vielleicht 60, denn schon 20 Jahre gibt es die Wende.

Wir werden geführt und uns wird klar gemacht, wie willkürlich ein jedes Unrechtsregime handelt. Den freidenkenden gegenüber... und überhaupt.
Und es wird geklatscht und man ist erleichtert, als es vorbei ist.

Eine Frau mit wachen blauen Augen bleibt noch ein wenig im Hof und ich trete an sie heran. Mit irgendeinem Spruch, der an der Oberfläche die Tiefe anspricht und sie beginnt zu erzählen:
"Damals... 89... Als wir dieses Gefängnis hier gestürmt haben."
"Was?"

Ihre Geschichte des Erlebten ist direkt unter der Oberfläche und ihre Augen blitzen, ihre Stimme bebt und sie ist wieder ganz in diesem Moment.

"Also es fing ganz harmlos an. Wir Kunststudenten wollten die Mauer anmalen. Und sind mit Farben hergekommen und haben gemalt. Erst waren es nur ein paar und dann kamen immer mehr und immer mehr. Auf einmal war es ein Mob. Jemand rief: "Schreibt: Wo ist Jürgen Schmidt." oder irgend ein anderer Name. Und das schrieben wir dann dran. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Die wollten rein. Ich kenne auch jede Menge Studenten, die noch nach Bautzen gebracht worden sind. Die sind natürlich alle nach der Wende sofort entlassen worden. Aber trotzdem. Wir hatten Angst um die. Hier in Dresden hörte man richtig die Schredder. Es wurden Akten und Akten vernichtet. Dann gingen wir in das Gefängnis. Also ich ging nicht mit, weil ich meine Tochter dabei hatte..."
Ein Mann kommt dazu. Einer mit blitzenden Augen und wilden Haaren, der für die nächste Performance aufbauen will. Er sagt nur:
"Ach. Du warst auch dabei?"
Menschen um die 40, die damals jung waren. Sie verlieren sich in den Gedanken an damals.
"Ich meine, die hatten alle Kalaschnikovs. Dass da niemand geschossen hat, ist der Wahnsinn."
"Wir hatten solche Angst. ABer gleichzeitig das GEfühl, dass wir das jetzt tun müssen."
"Einer hat erzählt, er ist reingekommen und hat einen Spind aufgemacht. Und dort waren jede Menge Ausweise. Die Frage ist nur: Wem gehörten diese Ausweise? Gruselig, oder?"
"Man kam rein und überall lag Papier. Dokumente, die noch nicht zerstört waren. Ich meine - da waren Leute drinnen und die haben noch für das Regime gearbeitet. Immer noch. Obwohl alles schon zerstört war."
"Sie haben ihre Haut gerettet."
"Ja. Das haben sie."

Zeitzeugen in Dresden. Wozu denn alle Museen ansehen, wenn eines reicht. Die Lebendigkeit der ERlebnisse.