Sonntag

Die blaue Reise in der Türkei

Die blaue Reise – ich will die sieben Stunden zurück

Im Internet hatte ich es gelesen. Falls man einen Tagesausflug in der an sich wunderschön gelegenen, jedoch von Unterschichtstouristen übervölkerten, Halbinsel Side bucht, sollte man es direkt am Hafen tun. Dort sei es billiger – das sagt zumindestens das Internet. Und dem wird geglaubt. Zumindestens bis das Gegenteil bewiesen ist.
Weil sowohl Bella als auch Ich Lust auf Bootfahren haben, begeben wir uns am Montag eben genau dorthin. An den Hafen.
Delfine klingen gut, Schildkröten klingen sehr gut – und die Boote, die auf alt getrimmt sind, versprechen einen schönen Tag. 20 Euro klingt nicht zuviel für eine Tagesschiffsreise inklusive Mittagessen. Und so beschließen wir es zu wagen: Die blaue Reise wird unsere Reise sein.
Um neun sollen wir dort sein und nachdem wir zuerst auf ein falsches Boot gelotst wurden, sitzen wir irgendwann tatsächlich mutterseelenallein auf einem Holzboot, was Richtung Alanya aufbrechen soll. Es ist ruhig, wunderschönes Weter und noch nicht zu heiß. Außer uns ist nur ein mittelalter männlicher Mensch, der in Kapitänskluft herumläuft, vorhanden.
Er winkt mich zu sich heran: „Photo!“, ruft er. „Photo.“
Und da ich zu dieser Tageszeitsehr wohl noch dazu aufgelegt bin, ein Photo zu machen, lasse ich mir die Kapitänsmütze aufsetzen, stelle mich hinter das Steuer und tue so, als würde ich fahren. Eigentlich finde ich es dämlich, eigentlich finde ich es dumm, lasse mich auf den Schabernack ein und setze mich dann wieder. Kurz und schmerzlos.
„Lass uns doch nach unten setzen. An den Bug. Da sind Matten und wir können dort herumliegen. Da ist es besser.“, meint Bella und nach einigem Zögern, da das Obergeschoß mit einem Sonnenschutz, der Bug jedoch nicht überdacht ist, und ich Angst um meine Haut habe, raffe ich mich dazu auf.
Kurze Zeit später liegen wir dort und sehen nicht, wie ein Shuttlebus nach dem Anderen weitere deutsche, englische, schwedische, norwegische Touristen ablädt. Wir merken nur an dem anschwellenden Stimmengewirr, dass wir nicht mehr alleine sind. Augen verschlossen und sich aufs Meer geträumt. In Wellen – Wind und Weite.
Mit einer Stunde Verspätung und einem vollen Schiff geht es los. Eine Eisenkette zieht das Schiff aus der Bucht heraus. Spannend. Urtümlich. Wunderbar. Ein Abenteuer, denke ich.
„Ein Abenteuer.“, flüstere ich Bella zu. Welche auch mit großen Augen und pochendem Herzen den kommenden Stunden entgegenzublicken scheint. Doch schon gefühlte Millisekunden später hat die relative Ruhe ein Ende, die Schönheit wird zerbrochen und dröhnende Techno-schlager-musik erdröhnt aus den Lautsprechern.
„Infinity.“
Oder was auch immer es sein mag. Ich stöhne innerlich und äußerlich auf.
„Nein. Nein. Nein.“
Bella stimmt in den Chor der Technohasserinnen ein und wir verschanzen uns hinter unserer Musikliebhaberei und Sonnenbrillen. Andere würden es sicherlich als Arroganz auffassen. Wir nicht. Wir wissen was gut ist. Und diese Musik ist alles andere als gut. Das Wort Ohrenkrebs ist zwar kein schönes Wort. Aber es trifft in Etwa das, was wir beide denken, fühlen, verschmerzen müssen.
Während Bella sich zurücklehnt und das Sein auf dem Wasser mit einem Buch versüßt, sehe ich mich um und versuche zu verorten, was zu verorten ist.
Abgesehen von der meist unerträglichen Musik. Nur momentanes Aufatmen, als „Spiderman“ von The Cure kommt – doch dann wieder stoisches über sich ergehen lassen, als ein weiterer Technoschlager tönt.
Es hätte schlimmer kommen können. Es hätte ein Wolle Petri Schiff sein können, denke ich und bekomme ein Zucken im Auge, was sich nur verstärkt, als ich mich weiter umsehe:
Vorn links am Bug sehe ich zwei weiße Menschen. Und da der Mann einmal „Üxy“ sagt, kann ich, mit meinem Wissen um die ersten zehn Zahlen auf finnisch, darauf schließen, dass sie aus eben jenem norwegischen Land kommen.
Der Mann ist das Klischeebild von einem „Bären“ - Also nicht von einem richtigen Bären, sondern von der Metapher: „Ein Mann wie ein Bär.“
Mit freiem Oberkörper und rückwärts aufgesetzer Baseballkappe sitzt er – pardauz – mit dem Rücken entgegen der Fahrtrichtung – also mit Blick auf das Schiff – ganz vorn am Bug. Was mich verdutzen wird ist, dass er es vermag in den gesamten sieben Stunden, welche wir auf dem Schiff verbringen werden, nicht wirklich seine Position verändert. Er sitzt und sitzt. Er sitzt weiter und dann sitzt er wieder. Natürlich wäre das Bild nicht komplett, wenn er dabei nicht trinken würde. Also – er sitzt, trinkt einen Schluck Effes Bier und dann sitzt er wieder und trinkt noch einen Schluck Effes Bier. Ab und an gibt er durch das Hochheben der leeren Bierdose zu verstehen: „Noch eins.“
An sich langweilig. Aber in dem sich eins zu eins deckenden Klischee in meinem Kopf – für mich relativ spektakulär.
Seine Begleitung hingegen – die Frau die sich die gesamte Zeit neben ihm befindet – ist nicht hübsch zu beobachten. Weil sie vor allem eines tut. Sie tut einem Leid. Mit einer Eindringlichkeit, die ans Beschützen wollen grenzt. Ihr Gesicht sehe ich nur kurz. Es ist puterrot und ein wenig aufgedunsen. Sonnenbrand hoch tausend, denke ich und mein Mundwinkelzucken verstärkt sich ein wenig. Und es verlässt mich auch einige Zeit nicht, nachdem sie sich neben den „Bären“ legt, Sonnenmütze über ihr gesamtes Gesicht gezogen und die nackten Beinchen der Sonne ausgesetzt. Damit auch sie knallrot werden und schmerzen. Damit sie ihren Freundinnen zuhause sagen und vor allen Dingen beweisen kann: „Ich habe mich erholt. Ich lag den ganzen Tag in der Sonne.“
Dann lieber die Bilderbuchfamilie rechts vom Bug ansehen. Auch Skandinavier. Jedoch Schweden.
Vater, Mutter und drei Kinder. Allesamt bildhübsch. Blond und auf gesunde Art braungebrannt. Auch sie unterhalten sich nicht, sondern sonnen sich lieber. Aber auf eine nette, unspektakuläre Art und Weise.
Da sind die Engländer, die direkt vor Bella und mir sitzen mehr Worte wert.
Vater, Mutter und pubertierende Tochter. Letztere scheint auf die Reise mitgeschleift worden zu sein. Sicher wäre sie viel lieber im Hotel geblieben, was man ihren verdüsterten Augen, die die Umwelt ebenso feindlich, jedoch mit weniger Wohlwollen ansehen als die meinen, erkennen kann. Ich kann mir vage vorstellen was für Musik aus ihrem Ipod erklingt. Sicherlich nicht Techno, sondern dramatische „Die Welt versteht mich nicht.“ Musik. Jedoch bin ich schon zu alt – und das ist tatsächlich der Fall – um wissen zu können, was sie hört. Sie ist ein „Doors, Velvet Underground, Leonard Cohen Typ.“ Das hört sie bestimmt nicht. Oder doch? Mein wohlwollender Blick schafft es nicht zu ihr herüber. Sie scheint damit beschäftigt zu sein das Feindbild „Schiff“ in Gänze aufrecht erhalten zu wollen. Soll sie. Ihre Stimmung ist schon von Beginn an beschissen. Nunja – sie ist vierzehn.
Die Mutter sitzt, wie man von weitem sieht, da sie es nicht nur metaphorisch tut sondern auch tatsächlich, zwischen den Stühlen. Während der Vater – er sollte sich mit dem norwegischen Bären zusammentun – bereits um zehn sein erstes Efes trinkt. Noch dazu raucht er Kette und sieht sich kommunikativ um. Ein Engländer mit einem ungesunden Teint. Mit lustigem Sonnenhut auf dem Schädel, welcher ihn auch in eine andere Zeit und an einen anderen Ort – etwa eine Safari in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts – verorten könnte.
Ich sehe weg.
„Stopp zu Baden.“, brüllt ein junger Türke, der vermutlich den Animateur – oder wie auch immer man ihn bezeichnen soll – darstellt.
Eine Insel. Eine Badeinsel? Muss man baden? Ich will nicht baden. Keineswegs. Auf keinen Fall.
Hier mündet ein Fluss in das Mittelmeer. Und zwischendrin ist ein bisschen Sand. Eine Badeinsel?!
Nun. Was stellt man sich unter einer Badeinsel vor? Ein paar Palmen, ein paar Liegestühle, eine Bar. Ähnlich ist auch die Badeinsel auf der unser Technoschiff anlegt. Nur gibt es keine Palmen. So stell ich mir eher die Wüste vor. Eine immense Ansammlung von Sandkörnern. Ohne jedweden Bewuchs.
Touristen werden auf der einen Seite an Land gepuckt und springen auf der anderen Seite des schmalen Sandstreifens wieder ins Wasser. Auf dem Weg dazwischen kaufen sie sich ein Efes. Jedoch nur wenn sie daran gedacht habe sich, bevor sie das Boot verließen, ihre Schuhe bzw. Flip Flops anzuziehen. Sonnenhitze und Sand macht langsames spazieren auf Badeinseln unmöglich. Und so sehen Bella und ich mit hochgezogenen Augenbrauen den hüpfenden und „Aua.Aua.“ schreienden Menschen zu, die von einer Seite zur anderen Seite springen. Und es sind derer viele.
Langweilig, denke ich. Langweilig, denkt Bella.
Und wir verziehen uns unter das Zeltdach, was an zentraler Stelle – in Mitte der Insel – aufgestellt wurde, betrachten mitleidig die Fußwehen Menschen, die kurz verschnaufen, bevor sie die weiteren zehn Meter hüpfend zum Strand zurücklegen. Wir teilen uns eine kalte Fanta.
Wenigstens für ein paar Minuten kein „Itzen – Itzen“ Techno Dreck. Für ein paar Minuten Ruhe.
Wieder auf das Boot gespült, gibt es Mittag.
Kaltes Hühnchen, was jedoch noch insoweit lauwarm ist, als dass erkennbar ist, dass es heiß hätte sein sollen, mit Salat und Weißbrot. Allesamt fürchterlich.
Aber das haben wir auch nicht anders erwartet. Zumindestens ist es etwas zu essen.
Langsam wird das draußen sitzen zu heiß und obwohl wir uns mit dem klebrigen Sonnenfaktor 50 eingeschmiert haben, weswegen wir auch überall kleben bleiben, verziehen wir uns nach drinnen. Leider nicht früh genug, um dem Animateur, welcher nun auch Souvenirfotograf ist, zu entgehen. Hier helfen keine Abwehrversuche. Wir müssen posieren. Wir müssen Klischeebilder machen, die wir dann später überteuert abkaufen sollen. Wehren bringt nichts und so machen wir das pubertäre – das einzig Hilfreiche- Wir geben uns keine Mühe zu lächeln.
Es werden beschissene Fotos werden. Aber das hat der Typ davon, wenn er uns etwas aufzwingt, was wir nicht wollen.
Dass „Nein.“ nicht als „Nein“, sondern als „Eigentlich doch.“ verstanden wird, erfahren wir beide später noch eindringlicher. Aber jetzt verziehen wir uns erstmal unter Deck und sehen über die Reling dem nahen Land am vorüberziehen zu. Oder umgekehrt. Eine leise Sehnsucht stellt sich bei uns ein. Wie gerne wären wir jetzt dort. Nicht hier. Dort drüben. Ohne Menschen. Gut. Gut. Nicht in dieser Betonburg oder jener Bettenburg. Aber prinzipiell – nicht hier. Da sind wir uns einig.
Ab und an linse ich jedoch immer wieder zu dem skandinavischen Bären herüber, nehme die skandinavische Bilderbuchfamilie war und sehe, wie der englische Vater sich einen Schnorchel über seinen Kopf gezogen hat. Albern ist das nicht wirklich, weil viele einen Schnorchel haben – albern ist, dass er mit Schwimmflossen über das Boot stapft.
Sozialstudien, denke ich achselzuckend.
Wir sehen mit Entsetzen ein mittelaltes - älteres Ehepaar aus Deutschland an, die sich leise und dennoch zu laut auf sächisch unterhalten. Die Frau ist um die fünfzig, hat eine perfekt sitzende Fönfrisur mit naturgemäß blondgefärbten Haaren, eine Jeans mit putzigen goldenen Applikationen am Hinterteil und bewegt sich etwas steif. Was bedeutet, dass sie ihren Oberkörper hin und her bewegt, während ihr Unterleib weder ein Eigenleben noch irgendein Leben zu haben scheint. Was auch nicht verwunderlich ist, wenn man ihren Mann ansieht. Immer wieder verwunderlich ist mir, dass die Verteilung von Fett an den menschlichen Körpern nicht proportional, sondern stattdessen von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfällt. Dünne Beinen, dicker Bauch. Zierlich wäre das sächsische Männlein zu bezeichnen, wenn es nicht diesen Bauch hätte.
„Badestopp!“, brüllt der Animateurmensch und versucht Leute dazu zu animieren sich auszuziehen und von Bord zu springen. Affig. Aber bringt gewiss Spass. Irgendwo. Wenn ich zwölf wäre, hätte ich Spass. Wenn ich allein mit Bella auf diesem Schiff wäre, hätte ich Spass. Wenn wir mit unseren Freunden auf diesem Schiff wären, wäre es ein wahrliches Vergnügen. Aber so?
„Nein danke.“
„Es ist Pflicht.“
„Ein Dreck ist es.“
Bella und ich bleiben sitzen und harren der Dinge, die da kommen mögen. Es kommt aber nichts. Der norwegische Bär macht einen Bauchplatscher und brummt als er seinen Kopf wieder aus dem Wasser streckt.Der englische Vater klettert umständlich mit seinem Instrumentarium über eine Leiter ins Wasser. Die Bilderbuchfamlie juchzt gemeinsam mit dem Sachsen, der ihnen erklärt, dass er ja gestern eine Burg besichtigt hätte und nach zehn Minuten werden sie wieder eingesammelt und wir fahren weiter.
Erschreckend ist es zuzusehen, wie der Sachse sich in der Mitte des Schiffes – ohne sich festhalten zu können, versucht die Hose anzuziehen. Eine Mischung aus kläglich, bemitleidenwert und zugleich auch bewunderswert – wenn es nicht so erbärmlich wäre – wie er den Versuch unternimmt sich, ohne sich irgendwo, noch nicht einmal an seiner Frau, abzustützen seine Hose über die Stelzenbeinchen hin zum dicken Bauch zu ziehen.
Ich sehe erstaunt, wie auch seine Frau den Versuch, der vermutlich auch an mindestens zwei Efes Bieren scheitert, ihren Blick langsam und dezent in eine andere Richtung lenkt. Und lieber den torkelnden Schnorchel Enländer ansieht.
Die nächste Stunde besteht darin sich zu langweilen und Übergriffsversuche der männlichen Wesen abzuwehren. Zuerst Bella, die zum Tanzen animiert werden soll:
„Nein.“
„Doch tanzen.“
„Nein.“
„Komm. Komm. Das bringt Spaß!“
„Nein.“
Obwohl Bella dreimal laut und vernehmlich „Nein“ gesagt hat, hindert es den Animateur nicht daran, sie an ihren Händen zu greifen und den Versuch sie auf die Tanzfläche, Hosenanziehfläche, zu ziehen, um mit ihr zu Technobeats eine gute, tolle, erquickliche, fantastische Zeit zu verbringen. Aber da hat er sich die Falsche ausgesucht, denn Bella stemmt sich mit aller Kraft – sie wird puterrot im Gesicht ob der Anstrengung – gegen den Besitzanspruch und gewinnt. Ächzend sitzt sie wieder aufrecht neben mir und sagt:
„Die verstehen nur, wenn man Nein brüllt!“
Wenig später darf auch ich diese Erfahrung machen, denn der Kapitän, dessen Mütze ich vor gefühlten tausend Stunden auf dem Kopf hatte, macht mir Avancen. Auch er tanzt und will mich zum tanzen animieren. Aber er versteht dieses „Nein danke.“ Das nächste „Nein.“ versteht er jedoch nicht, denn er hat sich in den Kopf gesetzt mir sein Hemd, dessen er sich mittlerweile entledigt hat, überzuziehen.
„Komm. Komm.“
Ich verstehe, dass er es lustig fände, wenn ich sein Hemd tragen würde . Ich verstehe, dass er das für einen Riesenspaß hält. Aber er versteht dieses „Nein.“ nicht, nimmt meinen rechten Arm (den ich danach auf der Toilette mit Wasser abwasche) und beginnt mir eigenmächtig das Ding anzuziehen. Einen Arm schafft er. Bevor er es auch noch über meinen anderen Arm ziehen kann, brülle ich laut: „NEIN!“ und mache eine Geste, die ich sonst nur aus Mafiafilmen kenne. Ganz selbstverständlich ist sie in meinem aktiven Gestenschatz parat: Die rechte Hand unter das Kinn gezogen und dann mit der ausgestreckten Hand vor diesem hin und her gewedelt. Ich sehe gewiss richtig böse aus. So böse war ich lange nicht mehr. Gegen einen körperlichen Übergriff muste ich mich das letzte Mal vor meiner und der Pubertät meines älteren Bruders wehren. Sein Hemd stinkt nicht nur nach seinem Schweiß, sondern ist noch feucht von seinem Schweiß.
„Mach schnell ein Photo!“, brülle ich Bella zu. „Mach schnell. Mach schnell. Ich finde es eklig.“
Bella kramt in Windeseile den Photoapparat heraus, macht ein Photo und ich werfe ihm seine Kleidung vor die Füße. Danach die Toilette und das Waschen und nur noch böse Blicke zu ihm.
„Schlimm hier.“, sage ich zu Bella.
„Ja. Ich will hier auch weg.“, stimmt sie mir zu.
Das Boot ist fortan ein Gefängnis, wo es uns gar nicht weiter erschreckt, dass ein jüngeres Paar sich laut darüber unterhält, ob sie es Abends noch zu dem Buffet in ihrem Hotel schaffen oder nicht. Es interessiert uns auch weniger, ob der Animateur das Wort „Schlamm“ im Englischen weiß oder nicht und wir es ihm fünfmal zubrüllen müssen. Es interessiert uns nur noch, dass wir endlich in Alanya ankommen. Was irgendwann tatsächlich der Fall ist. Schon nach wenigen Minuten an Land stellen wir fest, dass auch hier nicht Europa und Friedlichkeit sondern Tourismus und Angequatsche das Geschäft bestreitet. Überraschend ist es nicht – nur frustrierend.Aber zumindestens werden wir nicht noch einmal auf das Boot zurückmüssen. Das ist vorbei. Die blaue Reise überstanden.
Sozialstudien beendet. Für diesen Urlaub. Zumindestens in dieser Drastik.Es hat gereicht. Für immer. Ab in den Bus – Musik auf die Ohren – und Sozialstudien beendet. Punktum.

Samstag

Hochzeit

Da sitze ich also im Zug gen Norden. Am Nachmittag wurde noch versucht den vier 12jährigen Förderschülerinnen etwas sinnvolles - wie die deutsche Rechtschreibung - beizubringen. Gescheitert bin ich nicht ... aber nah am Scheitern dran.
Weggewischt die Gedanken und nett einen Podcast über den neuen Feudalismus in Deutschland gehört. Ist aber auch ein Jammer, dass es den Kommunismus nicht mehr gibt ... Ein Jammer, denn sonst könnte man sagen: "Die da drüben sind besser dran!" - so jedenfalls wurde es von mir verstanden, als ich langsam wegdöste und erst in Büchen wieder aufwachte.
Büchen. Tja. Büchen ist ein Phänomen.
Vor gar nicht allzu langer Zeit stieg ich dort schon einmal um und fragte jemanden, der Büchener war, ob es sich lohnt auszusteigen und sich für ein paar Stunden die Stadt anzusehen.
"Nein.", war seine klare Antwort. Und ich habe ihm geglaubt.
Und so hetze ich von meinem Bahnsteig zum Bahnsteig 41b. Und das ist ein Bahnsteig, den man nur über eine Schranke innerhalb des Bahnhofs erreichen kann. Jawohl. Eine Bahnschranke innerhalb der Bahnhofsanlage. Auf so etwas geniales muss man erstmal gestoßen werden. Fällt einem spontan ja nicht ein.
Und schon sitze ich in dem überfüllten Zug und höre mir noch einen Podcast an. Dieses Mal über die Zeiten der Wende. Es scheint mir, als hätten Sachbuchautoren nicht wirklich viele Themen, über die sie schreiben. Oder andere Themen werden von den Medien nicht eingeladen.
Wie es auch sei.
Ich komme im heimatlichen Hafen an, werde nach Hause chauffiert und begebe mich direkt sowohl in Feuerlaune als auch nach Nebenan.
Denn meine Tankstellenwärter - Kusine wird 40, hat geheiratet und das will gefeiert sein. Kaum bin ich da, habe ich auch schon ein Bier in der Hand und proste den Menschen zu. DEN Menschen, die ich schon mein gesamtes Leben kenne und allesamt Nenntanten und Nennonkels waren. Ach - allesamt kenne ich sie nicht. Die Freunde meiner Kusine kenn ich nicht. Die stehen aber auch nur dumm rum und trinken Prosecco.
Ich trinke Bier, esse ne kalte Wurst, die übrig geblieben ist und checke die Lage.
Schlagermusik, weißes Partyzelt, Alterdurchschnitt 55. Zeit, damit die Party startet... Und an wem sollte es denn hängenbleiben, wenn nicht an den Jungspunden?
Den Schuh zieh ich mir an.
Und ich zerre meinen kleinen Bruder auf die Tanzfläche, wo gerade der Hochzeitstanz getanzt wird. Ob nun Wolfgang Petri oder Pur. Das kriege ich nicht auseinander. Beides schrecklich. Und es wird getanzt. Ganz einfach, weil es die Gäste sind, die ein Fest erst zu einem Fest machen. Es sind nicht die Gastgeber. Es sind die Gäste. Und meine hartarbeitende Kusine hat ein rauschendes Fest verdient. Und so tanze ich, erfinde justamente den "wir haken uns ein, wirbeln über die Tanzfläche und haken andere Menschen ein" Tanz und bin verwundert, dass alle mitmachen. Nun gut. Es wird gelacht - zumindestens wir acht, die tanzen haben Spass. die 10, die drumherumstehen und Maul Affen feil halten, haben keinen.
"Trinkt mehr!", höre ich mich rufen und laufe dann, wie als wäre es ein Befehl zum nächstgelegenen Zapfhahn.
Kaum bin ich weg, wird nicht mehr getanzt. Also wieder hin: Weitergetanzt. Egal, ob geschwitzt wird. Meine Kusine hat Spass. Und allein tanzen ist doof. Da braucht man kein zweites Adjektiv. Es ist schlichtweg doof.
Aber auch ich kann nicht ewig tanzen und die Leute verlustieren. Um halb elf bin ich gekommen und schon gegen halb drei sind alle Leute weg. Aber ... immerhin. Es war ein Fest und niemand kann sagen, dass ich nicht zu feiern verstehe.
Selbst zu Wolle Petri.
Wolle mit doppelt l, weil das O kurz ist. Doof mit zwei O, damit wir es ganz lang machen können, liebe Förderschülerinnen in den Preteens...
Heidewitzka. Und den Schrifterwerb diesen letzten Wortes, mag ich nicht auseinanderdividieren.
Heidewitzka.

amerikanisches Prag

Prag ist nur zwei Stunden von Dresden entfernt. Näher als Berlin. Näher als jede andere große Stadt. Was liegt also näher, als in diese wunderschöne Stadt zu fahren?
Doch genug der rhetorischen Fragen. An einem Freitag nach er Arbeit wird aufgebrochen. Zu einer Couchsurferin. Einer Lehrerin für Englisch in Prag. Einer Amerikanerin, deren Eltern medizinisches Gras anbauen. Quasi der Gegenbesuch, denn sie war schon einmal in Dresden. Nicht wir suchen sie aus, sondern sie suchte aus. Und zwar nicht mich. Warum, wird mir später klar. Doch jetzt wird sich gefreut - auf Prag – auf die Moldau. Auf Smetana. Darauf Dresden zu entfliehen.
Wir finden sehr leicht hin. Bekommen sogar einen Parkplatz direkt vor dem Haus und werden sogleich zu einem Treffen mit ein paar anderen englisch sprechenden Menschen mitgenommen.
An sich keine schlechte Idee, wo ich doch die englische Sprache so vermisse. Doch, wie so oft im Leben, platziere ich mich an dem falschen Ende der Tafel. Komme also neben einer kleinen, dicken, zweiundzwanzigjährigen Britin unter, die ohne Unterlass plappert. Man kann es noch nicht einmal reden nennen – auch nicht schnacken. Sie plappert. Und das wird mir sehr sehr schnell klar. Ich höre trotzdem zu. Was bleibt mir übrig.
Ein Bier habe ich zumindestens vor mir stehen und ich trinke in großen Zügen aus eben jenem welchen. Bereits nach einer Viertelstunde höre ich der Britin Clarissa nicht mehr wirklich zu. Aber das scheint sie nicht zu bemerken.
Aber – nun mal ehrlich – was ist interessant an einer Bankerin, die aus einer kleinen britischen Stadt kommt, einen 9 to 5 Job hat und als ihren größten Wunsch: „Ich möchte mich endlich häuslich niederlassenn!” angibt?
Weil alle am Tisch es langweilig finden,hört ihr keiner zu. Und das hat zur Folge, dass ich ihr zuhören muss. Allein aus Mitleid. Irgendwo. Ach ja ... Und das Bier? „Keep em coming!”
Aber wir wechseln die Location. Weg von einem gemütlichen Pub, wo ich ein paar Tschechen von weitem sah. Hin zu einer alten Abfallhalde. Die wurde jetzt umgemodelt und laut unserer Wirtin, sei es jetzt total spacig, cool und „the place to be”
Gehässig will ich nicht sein, aber vielleicht ist es der Platz an dem man sein muss, wenn man Ami ist? Mir ist es nicht wirklich abgefahren genug.
Okay... vielleicht die psychotische Frau, die mir entgegentanzt, als ich am Eingang dieses Gebäudes stehe. Oder die heruntergerockten Securityguards? Oder die dünne Frau, die auf der Treppe steht und keinen Hehl daraus macht, dass sie Drogen vertickt?
Nun ja. Nun ja. Nun ja.
„Ah – ey. And the Beer? Keep em coming.”
Weil ich elektroinsche Musik nicht wirklich verlockend finde, habe ich keine Lust mich ins Gedränge zu werfen. Und auch ansonsten... bin wohl Indie, wie man das heutzutage nennt. Ich mag akustische Melodien, die haken oder fließen. Ich mag keine aggressive Musik. Fast ausschließlich gar nicht. Selbst wenn sie fließen sollte. Was sie wohl tut. So sagen jedenfalls die Fans.
Und natürlich sitze ich dann wieder neben Clarissa und höre ihr weiter zu, denn ... sie ist verliebt.
Und ganze drei Gründe sprechen gegen ihn. Nummer 1: Er sieht nicht gut aus. Nummer zwei: Er wohnt 50 km entfernt. Nummer 3: Er mag keinen Sport.
Ich kann es auf die späte Stunde oder auf die Tatsache, dass ich Clarissa schon viel zu lange zugehört habe schieben. Das tut wohl nichts zur Sache. Fakt ist, dass ich auf den Tisch schlage und sage:
„Fuck. Dont be so superficial! It is such crap, what youve told me. If you like him. So what.”
Ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich mit diesen Worten aufgestanden und gegangen bin. Aber das entspricht einfach nicht den Tatsachen. Ich blieb sitzen und hörte ihr weiter zu. Stunden. Tage. Wochen. Monate. Trotzdem am selben Abend erlöste mich meine Begleitung, wir gingen in einen anderen Raum, sahen Amis und Tschechen zusammen tanzen und es war dann wohl ganz gut. Nein. Sehr gut. Mit wirbelnden Gedankenflüssen und die laute Musik ausblenden könnend.
Am nächsten Tag.
Frühstück kaufen im Supermarkt. Mit Meterbrot und frischen Früchten. Einkaufen in Prag.
Dann...Im wunderschönen Sonnenschein heumspazierend. Von der amerikanischen Wirtin geführt. Es hätte sie enttäuscht, wenn wir allein losgezogen wären. Und so?
Mehr Amis, mehr Touristen. Wenig wundern über kleine Ecken – keine Zeit nach rechts und links zu schauen und Seltsamkeiten wahrzunehmen. Schnellen Schrittes laufen. Abknipsen. Ungarisch essen in ungarischem Lokal. Schmeckt so, wie Oma koch. Und die kommt aus dem jetzigen Polen. Weiterlaufen. Weitergehen. Keine Zeit das tatsächliche Prag zu erkennen. Eine vage Idee von Prag. Ja. Ich habe eine vage Idee von Prag. Aber vielleicht ist es auch das?
Kann es sein, dass Prag ein bisschen von allem ist? Oder habe ich da etwas übersehen? Es ist so, als wäre man schon einmal in Prag gewesen. Ein bisschen Österreich, ein bisschen Ungarn, ein bisschen Deutschland, ein bisschen Frankreich. Von allem ein bisschen. Der Kern blieb mir verschlossen. Aber vielleicht hätte ich es auch nicht gesehen, hätte ich in meinem Tempo sehen können.
Nur einmal gab es den Moment.
An der Moldau sitzend. Wahrnehmen, denken, fühlen. Vielleicht ist Prag eine gelassene Stadt?
Und dann ein aufjuchzendes Lachen: Prag.
Falsch geparkt. Direkt neben einem Bezahlparkplatz.
Als wir zum Auto zurückkommen, springt der Aufpasser des Bezahlparkplatzes heraus und beginnt auf tschechisch mit uns zu reden.
„Wir kein Tschechisch.”, sage ich auf englisch und deutsch. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, weiterzufluchen. Und siehe da: Ich verstehe ihn.
Die Polizei wollte unser Auto abschleppen, weil wir nicht innerhalb des weißen Striches geparkt hatten. Er hätte dann behauptet, dass das sein Auto sei. Wir hätten es also ihm zu verdanken, dass wir nicht abgeschleppt wurden.
„Dobre. Dobre. Dobre.”, sage ich und denke mir im geheimen. Ich musss noch einmal herkommen. Ohne Amis. Mit Zeit. Zeit zu schauen. Nicht zu hetzen. Zeit sich zu verlieben – und etwas zurückzubekommen. Vielleicht kann Prag ja auch das?

Wege finden

Es ist Samstag und mein Wecker klingelt um fünf Uhr fünzehn. Selbst Schuld, denke ich. Warum mache ich auch diesen dämlichen Job? "Des Geldes wegen!", ist die unmittelbare Antwort aus meinem Großhirn und ich erhebe mich ächzend. Jawohl. Ächzend. Mit einem perfekten Rundrücken und im langsamen Trippelschritt nähere ich mich meinem besten Freund der Kaffeemaschine und lasse mir mein Lebenselexier filtern. Toilette - und dort wie immer die Frage: Wer putzt sich vor dem Kaffee die Zähne? Doch nur Kostverächter oder Menschen, die nicht so abhängig sind wie ich. Trotzdem stehe ich noch eine Weile dumm im Bad herum. Nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Erst mein zweitlieblingsgeräusch - das der zischenenden, verkalkten Kaffeemaschine - erlöst mich aus dieser Starre.
Schon bei dem Geruch von Kaffee wird mein Rücken gerader. Ab auf den Balkon und immer schön ducken, da die Schwalbe an sich dem Wahnsinn ziemlich nahe zu stehen scheinen. Laut kreischend und hübsch im Sturzflug vor meiner Nase. Meine Augen können ihnen nicht folgen. Müssen sie auch nicht. Meine Augen, Nase und Hände haben nur ein Ziel. Richtig. Kaffeetasse hochheben, an Lippen ansetzen, pusten, Kaffee einflößen, Kaffee herunterschlucken.
Meine Bahn fährt sechs Uhr 52. Jetzt ist es fünf Uhr 45. Noch eine Kippe, noch ein paar Schlucke Kaffee. Wie schnell verfliegt die Zeit: Schon bin ich an der Bahn, in der Bahn und vor dem Hörsaalgebäude, wo ich letztes Mal Aufsicht hatte.
Niemand dort.
Ich denke mir nichts dabei. Öffne alle Türen, die auch nur ansatzweise nach universitärem Lehrbetrieb aussehen. Doch nirgendwo sind die Renterinnen und Renter mit denen ich Aufsicht führen soll. Ein wenig verdächtig ist es schon. Ich beginne also damit Passanten nach dem Weg zu fragen. Ach nein - keine Passanten... Studenten sinds. Aber auch irgendwie Passanten, wenn man ...ach - egal. Nachdem ich diverse Male auf die Frage: "Wo ist den hier der Mathehörsaal?" die Antwort: "Also ich habe gleich Mathe. Und mein Mathehörsaal ist dahinten.", läuft mir der Schweiß in Bächen herunter.
Nicht, weil ich zu spät komme. Nicht, weil ich verloren bin. Nicht, weil ich erst einmal am Münchner Platz - an der TU Dresden war... Nein. Nur des kapitalistischen Beweggrundes wegen. Wenn ich diesen verflixten Hörsaal nicht finde, so gibt es kein Geld.
Und da bin ich doch schon aufgestanden ... Und?
Vor dem Münchner Platz Gebäude sitzt eine Studentin, die tatsächlich etwas weiß. Nämlich:
"Der Mathehörsaal ist bestimmt im Mathegebäude. Und das ist ganz woanders."
"Oh."
"Ja. Da musst du da runter und hinter der Mensa. Kennst du die Mensa?"
"Nein."
"Naja. Hinter dem großen Gebäude ist ein kleineres und da ist das Mathegebäude."
"Ist das weit?"
"Ne Viertelstunde?"
"Danke..."
Ich mache mich mit meinem Kampfesblick auf zur Mensa. Keine Zeit mich über das ostdeutsche Ampelmännchen zu freuen, wie sonst jeden Tag, sondern die Mensa finden. Tatsächlich. Ähnlich häßlich wie in Frankfurt/Main. Ein großes, zweckmäßiges, hässliches Gebäude. Dahinter also?
Zunächst frage ich lieber noch eine andere Passantin - äh - Studentin. Die aber noch weniger weiß als ich und mich zu einem Schaubild der TU verweist.
Okidoki.
Nun weiß ich auch, dass es einen Merkel Bau gibt. Hat wohl nichts mit Herrn Sauer zu tun. Will ich dort hin? Soll mir die Angela Geleit geben? In schweren Zeiten (wie jetzt) sollte sie es doch, oder? Zumindestens im Geiste. "Mathematik" steht an einem Gebäude. Nix mit Merkel. "Mathematik" - Naja - fällt mir in der Sekunde ein. Ist sie nicht sowieso Physikerin? Wünsche mich in den Moment des Aufwachens zurück ... Als mir Rasenmähertrecker entgegenkommen. Ich werte es als Zeichen umzukehren - das Geld Geld sein zu lassen und noch einen Kaffee in einem Cafe zu trinken.
Noch einen Versuch gebe ich mir. Das Hörsaalzentrum ist durch eine Brücke zu erreichen, die einen sicher über eine sechsspurige Straße leitet. Und dort stehe ich dann tatsächlich das erste Mal am heutigen Tag absolut orientierungslos herum. Soll ich etwa an allen Türen rütteln? Lass es fünfzig sein. Lass es sechzig Türen sein. Nein. Ein klares Nein, formuliert sich in mir.
Aber ein Student sitzt dort, der ziemlich nach Mathe, Physik oder Informatik aussieht. Den frage ich... und ER - der Held meines Tages - weist mir den richtigen Weg.
Man muss den Rasenmähertreckern entgegentreten. Diese Hürde überwinden. Gleich dahinter ... nur ein paar Meter entfernt lässt sich durch frisch gemähtes Heu der Weg zum Mathehörsaal finden.
Müde bin ich, Kaffee brauch ich... aber Geld werde ich heut wohl verdienen.

Dresden brennt ein bisschen

Dresden brennt ein bisschen

"10 Uhr Albertplatz!", ist die Ansage und so verlasse ich gegen viertel vor zehn meine Wohnung. Der 13 Februar ist der Jahrestag des Zerbombens von Dresden. 13. Febuar 1945. Ein wichtiger Tag der Stadt. Er hat sich nicht nur im übertragenen Sinn in die Seele der Stadt eingebrannt. Genau dieser Tag wird von den Neonazis instrumentalisiert. Zu einem schlichten "Dresdnern wurde Unrecht angetan Gedenkmarsch!". Und ich denke das große Wort "Bürgerpflicht", als ich den Bischofsweg hinaufspaziere und mich durch eine Gruppe von Bündnis 90- die Grünen hindurchschlängele. Mit wachen Gesichtern, mit strahlenden Augen sind sie auf den Weg in die Hansastraße. Um zu blockieren...den Aufmarsch der Neonazis zu blockieren. Sie sollen nicht marschieren. Sie sollten daran gehindert werden.
Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin den Aufmarsch zu blockieren. Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin, mich mit ihnen zu prügeln oder Steine nach ihnen zu werfen. Meine Bürgerpflicht besteht stattdessen darin, auf die Straße zu gehen und zu zeigen, dass ich es nicht okay finde. Ganz und gar einfach - schlichtweg "nicht okay"
Aber ich komme aus dem Westen und nenne sie Neonazis und nicht Nazis. Ich komme nicht aus der sächischen Schweiz, was eine rechte Hochburg ist. Ich komme von der Uni und schüttele fassungslos den Kopf über Gehirnwäsche, Beschränktheit, Ängste, Machotum ... und noch vieles mehr.
Ich wohne zur Zeit in Dresden. Wohne zur Zeit in der Neustadt. Und genau durch die spaziere ich jetzt. Die Königsbrücker entlang, die Louisenstraße hoch und dann rechts in die Alaunstraße. An deren Ende ist der Albertplatz. Ein paar Polizisten sind dort. Nur ein paar. Sie sind für mich keine Bedrohung. Auch die zwei Polizeihubschrauber, die über der Neustadt kreisen, sind zwar störend - aber keine Bedrohung.
Alles in Ordnung.
Freunde von mir warten vor einer Bäckerei.
"Erstmal einen Kaffee."
"Ja. Erstmal einen Kaffee."
Mit genau dem in der Hand stehen wir kurze Zeit später in der Mitte des Albertplatzes. Ich weiß zwar nicht, was Erich Kästner gesagt hätte, wenn er wüsste, dass seine Statue als Müllabstellplatz mißbraucht wird.. .Aber es gibt schlimmeres. Tatsächlich. Wir hören zu, was gesagt wird. Ansprachen voller Fremdwörter. Eines ist besonders wichtig: "Geschichtsrevisionismus". Ja.Ja.Ja. Wir hören die Ostband "Die Prinzen" aus den Lautsprechern. Danach Nena und Tomte und Rio Reiser. Die Stimmung ist gelöst und fast heiter. Ein als Clown verkleideter läuft hüpfend unter den Demonstranten herum - genauso wie eine Gruppe pink angezogener Mädchen mit pinken Regenschirmen.
"Wir stehen hier friedlich!"
"Wir tanzen hier."
"Wir wollen, dass so etwas nie wieder passiert."
Familien mit Kindern, ältere Menschen, jüngere Menschen. Gebildet, ungebildet. Egal. Ein breiter Ausschnitt der Gesellschaft. Hier fühle ich mich wohl. Hier kann ich bleiben. Ein paar Stunden. Wir stehen, gehen herum, tanzen ein bisschen, um warm zu bleiben.Gehen für eine halbe Stunde in einen Dönerladen, um ein Bier zu trinken. Dann sind wir noch wärmer.

Zur Menschenkette? Die Menschenkette? Die Menschenkette ist auf der anderen Elbseite.
Dresden, als die Stadt der Brücken und die Stadt der krassen Teilung zwischen dem einen und dem anderen Elbufer. Schon um 11 Uhr morgens ist klar, dass die Brücken gesperrt sind und es keine Möglichkeit gibt hinüber zu kommen. Gesichtskontrolle. Ausweiskontrolle.
"Wo wollen sie hin?"
"Zur Menschenkette."
"Sie sind kein Anwohner? Dann ist das keine gute Idee. Bleiben sie dort, wo sie sind!"
Polizisten in voller Montur stehen mir gegenüber und verbieten mir zu demonstrieren. Ich bin fassungslos. Hatte es schon gehört. Hatte es fast erwartet und doch ...
Demonstrieren - im friedlichen Sinn - ist nicht möglich. Ich habe mich zu spät für die Menschenkette entschieden. Hätte es um 10 wissen sollen. Dann wäre ich noch rüber gekommen. Vermutlich aber nicht wieder zurück in die Neustadt. Jetzt bin ich hier gefangen. Das schlechte Bauchgefühl verstärkt sich noch, als auf dem Albertplatz verkündet wird, dass unsere Demonstration hier, jetzt und gleich verboten wurde. Es ist jetzt eine Ansammlung. Keine Demonstration mehr.
Aber dass die Gegendemonstration gegen das Demonstrationsverbot gebilligt wurde. Was für ein Humbug, denke ich und schüttele innerlich und äußerlich den Kopf.
"Also keine Menschenkette. Sollen wir Hansastraße versuchen?", werde ich gefragt.
"Warum nicht?", frage ich zurück.
Die Königsbrücker kommen wir entlang. Dann treffen wir auf die erste Polizeiabsperrung. Erst rechts, dann links, dann wieder links. Über eine kleine Nebenstraße kommen wir zum Bischofsplatz. Nur geradeaus. Dort ist die Hansastraße. Doch ... Polizeiblockade:
"Wo wollen sie hin?"
"Hansastraße."
"Was wollen sie dort?"
"Demonstrieren."
"Das ist zur Zeit keine gute Idee..."
"Was?!"
Aber der Bischofsplatz ist breit und dort gelangen wir auf die andere Seite - ohne weiteres gefragt zu werden . Als wir auf die Hansastrasse kommen, schlagen uns negative Gefühle entgegen. Wie  eine Welle. Hier sind sie also. Die Linksautonomen. Die vermummten. Wir sind näher dran - am Neustädter Bahnhof.
Von dort sollte der Neonazi Aufmarsch starten. Direkt unter der Gedenktafel, dass von dort viele Juden in Vernichtungslager deportiert wurden.Eine Unmöglichkeit, dass Dresden diesen Ort und diese Umständen diesen "Gedenkmarsch" zulässt.
Nun stehen wir also hinter dem Bahnhof. Immer mit der Angst eingekesselt zu werden. Nicht mehr weg zu können, da viele Seitenstraßen durch die Polizei blockiert werden. Zuviele Männer, denke ich. Zuwenige Kinder, denke ich. Zuviele die auf Styroporplatten und in Isolierdecken eingewickelt auf der schneenassen Straße sitzen.

Also zurück zum Lidl, wo es die Conradstraße und damit auch eine Straße in die man sich im Notfall flüchten könnte, gibt. Keine Polizei in direkter Sichtweite.
Bürgerpflicht, frage ich mich in meinem inneren, als wir uns an eine Steinmauer lehnen, weil die Autonomen auf einmal beginnen zu laufen.
"Ruhig. Ruhig. Ruhig.", sage ich leise vor mich hin.
"Die Polizei hat kleine Kugelgeschosse. Mit denen dürfen sie auch schießen.", ruft ein Autonomer.
"Da hinten sind die Naziwichser!", ruft ein anderer.
"Fuck Bullenschweine!", ruft ein dritter.
Mir wird mulmig zumute. Ich will nach Hause. Es ist kalt und ich habe genug gesehen. Genug Flagge gezeigt. Genug gezeigt, dass ich gegen Neonazis bin. Nicht zu haben bin für Rechtextremismus. Aber zuhause ist dort, wo sich die Ausweichroute befindet.
Das bemerken wir, als wir wieder zurück zum Bischofsplatz gehen. Schön langsam. Immer mit der Ruhe. Und mit einem Schleichweg über den Neustädter Friedhof. Dort gibt es eine Toilette. Leider ist die geschlossen .. aber wir trampeln uns über den Friedhof. Im Vorbeigehen raunze ich einen Alternativen mit halb geöffnetem Hosenschlitz an:
"Du wirst jawohl hier nicht auf ein Grab pinkeln! Such Dir gefälligst einen Baum."
Tatsächlich hört er auf mich. Aber ich habe nur die Zeit für eine Sekunde stolz auf das bisschen Zivilcourage zu haben, die ich aufgebracht habe, denn wir kommen an den südlichen Ausgang des Friedhofes : Die Eisentür ist geschlossen. Direkt  davor eine Reihe von Polizisten. Ich klettere ein Stückchen nach oben, wo in die Friedhofsmauer der Name Marie Sophie eingehauen ist. Nicke ihr kurz zu und luge dann herüber. Ich bin gerade groß genug, um auf Zehenspitzen die Vorgänge sehen zu können.
Links die Autonomen, die laut : "Nazis raus!", brüllen.
Rechts die Rechten, die nichts brüllen, aber mit wehenden Deutschlandfahnen und offensiven Glatzen über den Bischofsplatz marschieren.
In der Mitte die Polizei. Und oben auf dem Bahngleis, was über den Bischofsweg führt, wird  eine Israelfahne geschwenkt.Fassbar ist es nicht. Ich bin froh eingesperrt zu sein. Auf dem Friedhof. Mit der geschlossenen Eisentür.
"Die Toten beschützen uns.", sage ich leise und glaube es in dem Moment auch.
Mittendrinnen und doch ausgeschlossen. Dabei. Beobachterin mit der stummen Faszination, dass die Rechten hier marschieren. Es tatsächlich tun. Beschützt von der Polizei. Aufgehetzte Menschen auf beiden Seiten. Ohnmacht ... Und der Zug der glatzköpfigen, zumeist männlichen, rechtsextremen oder sympatisierenden Menschen zieht sich seine Bahn.

In meine Wohnung gelangen wir wieder nur über Zickzackwege. Was uns aber gleich aufweist, dass alle Supermärkte in meiner direkten Umgebung geschlossen sind.
"Später versuchen wir es noch einmal...Der Rewe hat glaube ich offen!"
"Später!"
Jetzt erst Kaffee und ein wenig Wärme und ein wenig Radio. Wo erklärt wird, dass es Ausschreitungen auf dem Dammweg gibt und die Neonazis wieder zurückmarschieren  - vermutlich wieder Hechtstraße.
"Wenn das wirklich wahr ist, dann gehen wir jetzt lieber Pizza und Bier kaufen, oder?"
"Ähhh... ja?"
Schon sind wir wieder auf der Straße. Eine Polizeiblockade reiht sich an die nächste. Der Weg zu Pizza und Bier ist versperrt.
Ein Polizist weist uns in den entgegengesetzen Weg: "Dort hinten ist ein Edeka."
"Dankeschön!"
Nach kurzer Zeit glauben wir, dass Disinformation ein Großteil der Polizeistrategie ist. Nämlich als wir uns auf einer Allee befinden und uns eine ältere Frau erklärt, dass hier in der Nähe weit und breit kein Supermarkt zu finden sei.
"Aber nehmt doch den Bus. Sind nur 10 Minuten. Und DER Netto hat auf."

Nach einer halben Stunde - eingedeckt mit Bier und Pizza - schlagen wir uns wieder in meine Straße. Mitten hindurch durch vermummte, schlagstocktragende Linksautonome. Weichen brennenden Mülltonnen aus. Hüpfen über Urinlachen, die in dem frischgefallenen Schnee, lustiige Muster hinterlassen haben und lassen uns nicht durch die Hausanschriften: "Dresden muss brennen" irritieren.
Daheim ist eines klar:
Heute nicht mehr raus! Heute daheim bleiben...
Erst um viertel vor zehn am Abend kehrt Ruhe ein. Und das, was der Tag eigentlich bringen sollte.
Ich öffne alle Fenster und lasse das Glockengeläut herein, was den Beginn der Bombennacht und das Gedenken an die dort Verstorbenen, will.
Nichts mehr - nichts weniger...
Und doch - noch immer unterbrochen von einem über der Neustadt kreisenden Polizeihubschrauber.