Samstag

Wege finden

Es ist Samstag und mein Wecker klingelt um fünf Uhr fünzehn. Selbst Schuld, denke ich. Warum mache ich auch diesen dämlichen Job? "Des Geldes wegen!", ist die unmittelbare Antwort aus meinem Großhirn und ich erhebe mich ächzend. Jawohl. Ächzend. Mit einem perfekten Rundrücken und im langsamen Trippelschritt nähere ich mich meinem besten Freund der Kaffeemaschine und lasse mir mein Lebenselexier filtern. Toilette - und dort wie immer die Frage: Wer putzt sich vor dem Kaffee die Zähne? Doch nur Kostverächter oder Menschen, die nicht so abhängig sind wie ich. Trotzdem stehe ich noch eine Weile dumm im Bad herum. Nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Erst mein zweitlieblingsgeräusch - das der zischenenden, verkalkten Kaffeemaschine - erlöst mich aus dieser Starre.
Schon bei dem Geruch von Kaffee wird mein Rücken gerader. Ab auf den Balkon und immer schön ducken, da die Schwalbe an sich dem Wahnsinn ziemlich nahe zu stehen scheinen. Laut kreischend und hübsch im Sturzflug vor meiner Nase. Meine Augen können ihnen nicht folgen. Müssen sie auch nicht. Meine Augen, Nase und Hände haben nur ein Ziel. Richtig. Kaffeetasse hochheben, an Lippen ansetzen, pusten, Kaffee einflößen, Kaffee herunterschlucken.
Meine Bahn fährt sechs Uhr 52. Jetzt ist es fünf Uhr 45. Noch eine Kippe, noch ein paar Schlucke Kaffee. Wie schnell verfliegt die Zeit: Schon bin ich an der Bahn, in der Bahn und vor dem Hörsaalgebäude, wo ich letztes Mal Aufsicht hatte.
Niemand dort.
Ich denke mir nichts dabei. Öffne alle Türen, die auch nur ansatzweise nach universitärem Lehrbetrieb aussehen. Doch nirgendwo sind die Renterinnen und Renter mit denen ich Aufsicht führen soll. Ein wenig verdächtig ist es schon. Ich beginne also damit Passanten nach dem Weg zu fragen. Ach nein - keine Passanten... Studenten sinds. Aber auch irgendwie Passanten, wenn man ...ach - egal. Nachdem ich diverse Male auf die Frage: "Wo ist den hier der Mathehörsaal?" die Antwort: "Also ich habe gleich Mathe. Und mein Mathehörsaal ist dahinten.", läuft mir der Schweiß in Bächen herunter.
Nicht, weil ich zu spät komme. Nicht, weil ich verloren bin. Nicht, weil ich erst einmal am Münchner Platz - an der TU Dresden war... Nein. Nur des kapitalistischen Beweggrundes wegen. Wenn ich diesen verflixten Hörsaal nicht finde, so gibt es kein Geld.
Und da bin ich doch schon aufgestanden ... Und?
Vor dem Münchner Platz Gebäude sitzt eine Studentin, die tatsächlich etwas weiß. Nämlich:
"Der Mathehörsaal ist bestimmt im Mathegebäude. Und das ist ganz woanders."
"Oh."
"Ja. Da musst du da runter und hinter der Mensa. Kennst du die Mensa?"
"Nein."
"Naja. Hinter dem großen Gebäude ist ein kleineres und da ist das Mathegebäude."
"Ist das weit?"
"Ne Viertelstunde?"
"Danke..."
Ich mache mich mit meinem Kampfesblick auf zur Mensa. Keine Zeit mich über das ostdeutsche Ampelmännchen zu freuen, wie sonst jeden Tag, sondern die Mensa finden. Tatsächlich. Ähnlich häßlich wie in Frankfurt/Main. Ein großes, zweckmäßiges, hässliches Gebäude. Dahinter also?
Zunächst frage ich lieber noch eine andere Passantin - äh - Studentin. Die aber noch weniger weiß als ich und mich zu einem Schaubild der TU verweist.
Okidoki.
Nun weiß ich auch, dass es einen Merkel Bau gibt. Hat wohl nichts mit Herrn Sauer zu tun. Will ich dort hin? Soll mir die Angela Geleit geben? In schweren Zeiten (wie jetzt) sollte sie es doch, oder? Zumindestens im Geiste. "Mathematik" steht an einem Gebäude. Nix mit Merkel. "Mathematik" - Naja - fällt mir in der Sekunde ein. Ist sie nicht sowieso Physikerin? Wünsche mich in den Moment des Aufwachens zurück ... Als mir Rasenmähertrecker entgegenkommen. Ich werte es als Zeichen umzukehren - das Geld Geld sein zu lassen und noch einen Kaffee in einem Cafe zu trinken.
Noch einen Versuch gebe ich mir. Das Hörsaalzentrum ist durch eine Brücke zu erreichen, die einen sicher über eine sechsspurige Straße leitet. Und dort stehe ich dann tatsächlich das erste Mal am heutigen Tag absolut orientierungslos herum. Soll ich etwa an allen Türen rütteln? Lass es fünfzig sein. Lass es sechzig Türen sein. Nein. Ein klares Nein, formuliert sich in mir.
Aber ein Student sitzt dort, der ziemlich nach Mathe, Physik oder Informatik aussieht. Den frage ich... und ER - der Held meines Tages - weist mir den richtigen Weg.
Man muss den Rasenmähertreckern entgegentreten. Diese Hürde überwinden. Gleich dahinter ... nur ein paar Meter entfernt lässt sich durch frisch gemähtes Heu der Weg zum Mathehörsaal finden.
Müde bin ich, Kaffee brauch ich... aber Geld werde ich heut wohl verdienen.

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