Ich nehme mir vor: Diesen Montag gehe
ich ins Finanzamt und frage, ob sie wirklich meine Sparbücher
pfänden wollen.
Ich nehme mir vor: Diesen Dienstag gehe
ich ins Finanzamt und frage, ob sie wirklich meine Sparbücher
pfänden wollen.
Ich nehme mir vor: Diesen Mittwoch gehe
ich ins Finanzamt und frage, ob sie wirklich meine Sparbücher
pfänden wollen und als ich dann davor stehe, habe ich solche Angst,
wie damals als ich aufbrach, um Kanada zu durchqueren. Wäre ich mal
am Montag gegangen.
Es ist ein großes, angsteinflößendes
Gebäude und als ich hineingehe, verliere ich mich sofort ein
bisschen. Nummer ziehen und warten. Und obwohl niemand vor mir steht
und ich gar keine Nummer ziehen müsste, mache ich es trotzdem. Weil:
Es ist das Finanzamt. Man sagt: Hier gibt es keinen Spaß. Also
lieber eine Nummer ziehen und nicht allzu irritiert sein, wenn nach
30 Sekunden eben diese Nummer in fetter Digitalanzeige erscheint und
man in das Zimmer B gerufen wird. Im übrigen das einzige Zimmer, was
besetzt ist. Weil: Es ist ja auch nichts los.
Der nette schwule Beamte mit
Nickelbrille guckt sich den Brief an, den ich von meiner Bank
bekommen habe. Pfändund hin und Pfändung her. Er schaut im Computer
nach meiner Steuernummer, die ich unvorbereiteterweise nicht mithabe
und schlägt nach, wohin er mich denn verweist bzw. verweisen sollte.
Er ist da unsicher und da ich es auch bin, trifft sich das ganz gut.
Er gibt mir eine Zimmernummer und einen
Namen und schickt mich dann nach links.
„Geht das immer so schnell bei
Ihnen?“, frage ich neugierig.
„Ach. Nein.“ Er sieht überrascht
aus, dass ihn jemand nett anspricht. „Aber Ihnen konnte ich ja
nicht weiter helfen.“
„Dankeschön.“, sage ich und bewege
mich Richtung Zimmer 222.
Natürlich ist es wie bei Hotels und
das Zimmer befindet sich im zweiten Stock. Hässlicher Teppichboden,
hässlicher Geruch und hässliche – halbtote – Pflanzen,
begleiten meinen Weg. Das einzig lustige ist eine alte Frau, die aus
dem Herrenklo kommt und laut: „Falsch!“ sagt.
Ich überlege mir derweil Sätze, die
man Finanzbeamten sagen könnte, damit sie einen mögen:
„Ach wissen Sie, ich habe da ganz
viele Dinge falsch gemacht. Sie wissen das ja sicher besser.“
oder
„Ich hatte keine Ahnung. Ich hielt
den ersten Brief von meiner Bank für Spam. Deshalb habe ich nicht
reagiert. Dass jetzt nur noch ein Tag bis zur Pfändung ist? Hmmm...
Ich hatte keine Ahnung.“
oder
„Sie haben sicherlich sehr viel zu
tun...“
Aber mit dem letzten Satz kam ich nicht
weiter, denn ich war schon vor Zimmer 222 angekommen. Ich klopfte,
wartete und erblasste, als eine Frau Ende vierzig mit hässlichem,
schwarzen, herausgewachsenen Bubikopf und ganz in der Modefarbe des
letzten Jahres, nämlich türkis, bekleidet ihren Kopf herausstreckte
und nur sagte: „Wir sind beschäftigt. Dauert nicht mehr lange.“
Dann schloss sich die Tür wieder und
ich betrachtete weiterhin hässliche Teppichböden, atmete hässlichen
Geruch und wollte halbtote Pflanzen wässern.
Aber die Tür hatte die Dame nur halb
geschlossen und so ging ich ein wenig näher, um zu lauschen:
„Nein. Sie müssen nicht so
schreien... Nein... Nein... Ich habe alles versucht... So beruhigen
Sie sich doch... Das ist kein Grund ausfallend zu werden... Ja...
Ausfallend... Aber ich habe doch keine Schuld... Ich habe wirklich
versucht...Nein... Nein...“
Leider wurde justamente bemerkt, dass
die Tür nur angelehnt war und sie wurde verschlossen. Schade. Aber
ich wusste jetzt: Höflichkeit war meine gewählte Waffe.
Die Dame in Türkis kam wieder heraus –
nachdem ich zehn Minuten lang versucht hatte Schweißausbrüche zu
vermeiden – und nahm auf dem Flur meine Daten auf.
„Kann ich Ihnen schon weiterhelfen?
Also – worum geht es denn?“ Sie fragte dies mit zitternder Stimme
und abwesendem Blick.
Ich beantwortete ihr alles äußerst
höflich und zuvorkommend und so bat sie mich denn in ihr Büro. Auf
8 Quadratmetern stapelten sich an allen Wänden Aktenberge und drei
Frauen saßen an einem Schreibtisch mittendrinn. Wenn ich eine
Krawatte gehabt hätte, hätte ich sie jetzt gelockert. Denn dieses
Zimmer nahm wohl jedem alle Luft.
„Kommen Sie mal her?“, sagte die
Dame in Türkis und wollte mich gleich in eine andere Abteilung
schicken.
„Nee. Nee.“, sagte die Frau, die
ihr gegenüber saß. Burschikos mit lockerer Kleidung und
herausgewachsener Dauerwelle. „Das ist ja eigentlich meine. Mit KA
hinten. Ich hab auch schon ihre Akte. Kommen Sie mal her. Ich heiße
Stamm.“
„Das ist schon mal ein gutes
Zeichen.“, dachte ich. Stamm ist ein guter Name für eine
Finanzbeamtin und ich benutzte die erste Variante von Sätzen:
„Ach wissen Sie, ich habe da ganz
viele Dinge falsch gemacht. Sie wissen das ja sicher besser.“
„Zeigen Sie erstmal. Ohhh ja. Da
müssen Sie eine Steuererklärung machen für das Jahr 2010.“
„Echt?“
„Ja. Das müssen Sie.“
„Auch wenn ich ganz wenig verdient
habe?“
„Ja. Das müssen Sie. Wer sich einmal
aufs Finanzamt einlässt, der muss es dann immer wieder.“
„Hmm.“
„Wissen Sie was? Sie kommen einfach
morgen wieder und bringen Ihre Einnahmen – Überschuss Rechnung mit
und dann klären wir das.“
„Und dann wird nicht gepfändet?“
„Nun ja. Ich sag mal so: Gepfändet
wird nur, wenn man die Pfändung auch in Auftrag gibt.“
„Ahhhh.“, sagte ich und lächelte
sie an.
„Und wie macht man eine
Steuererklärung?“
„Ach wissen Sie? Kommen sie einfach
mit.“
Frau Stamm stand auf und ich trottelte
hinter ihr her. Sie führte mich in die Eingangshalle, wo jede Menge
Dokumente lagen und zog einige heraus.
„Also Sie brauchen Anlage XY und
Anlage YX und überhaupt müssen Sie das ...und das... und das... un
– be – dingt ausfüllen.“
Frau Stamm kam mir wie eine Magierin
vor, die ein Kaninchen aus einem schwarzen Zylinder gezogen hatte und
dass sie eine Alkoholfahne von hier bis in den Jemen hatte war
verständlich und mir echt egal.
„Ich dachte immer die Leute im
Finanzamt sind alle furchtbar.“, rutschte es mir heraus.
„Ja. Das denkt man. Und das SOLL man
auch denken.“, lächelte sie zurück und sagte dann:
„Sie müssen mir auf die Hand
versprechen, dass sie morgen damit vorbeikommen.“
„Morgen?!“
„Ja. Morgen!“, sagte sie und
dultete keinen Wiederspruch.
Sie entließ mich und ich fuhr mit
vollem Herzen nach Hause. Gottseidank. Das wäre doch gelacht und ich
lachte tatsächlich die Frau mit Tourettesyndrom, die alle 30
Sekunden bellte wie ein Hund und die ansonsten von allen anderen
Passagieren versucht wurde zu ignorieren – was für ein Quatsch - ,
voller Naivität an.
Ich nehme mir vor: Diesen Montag mache
ich meine Steuererklärung für 2011
Ich nehme mir vor: Diesen Dienstag
mache ich meine Steuererklärung für 2011
...
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