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Dienstag

Der Gorilla

Wir gehen in den Berliner Zoo.
Warum auch nicht. In einer großen Stadt kann man in Zoos gehen. Da haben es die Tiere meistens gut. So denken wir - doch als wir in den Berliner Zoo kommen, wissen wir sofort: Weit gefehlt.

Hier hat niemand Platz.
Und weil uns die Elefanten und Giraffen und die Tiger und die Löwen leid tun und weil wir Vergleiche anstellen und es unfair finden, dass ein Meerschweinchen im Vergleich zu einem Wolf vergleichsweise viel mehr Platz zur Verfügung hat, sagen wir:
"Nur kurz ins Affenhaus. Nur ganz kurz und wenn es zu schlimm ist, gehen wir gleich wieder."

Im Affenhaus ist viel Trubel und der geht nicht von den Affen, sondern von den Menschen aus. Die Affen verstecken sich unter Stroh oder in den hintersten Winkeln, während ein kleiner, schmächtiger und irgendwie grau aussehender Mann mit einem Trolley auf uns zu gerollt kommt. Er hat einen aufgeschlagenen Aktenordner in der Hand und beginnt unvermittelt die Namen der Gorillas und Affen im Berliner Zoo aufzuzählen. Dabei zeigt er auf die Bilder.

"Das ist... und das ist... und das ist... hier sieht man sie wieder... und dort ist ... und ich denke dort sieht man... ganz besonders gut... Hier sieht man wieder ... und dort trinkt ... mit ... Kaffee. Das macht... besonders gern. Und dort war ... noch klein. Nicht so wie hier."

Ich kann den Namen nicht folgen und versuche mich höflich zu verabschieden. Aber diverse Versuche scheitern. Der graue Mann kann wohl einfach nicht ermessen, dass ich ihm nicht folgen kann. Nach vier Minuten der Versuche von Verabschiedung und Höflichkeit gebe ich auf und gehe schlichtweg weg. Das musste ich bislang bei noch niemandem machen. Irgendwann ist immer das erste Mal und so ist es halt hier - im Berliner Affenhaus. Und noch dazu unspektakulär. Ich dachte, dass so etwas spektakulärer daherkommt.

Und so stelle ich mich vor die Panzerglasscheibe, wo ein Gorilla ist. Ich beobachte die Menschen um mich herum. Sie schreien und rufen und machen sich gegenseitig auf den Gorilla aufmerksam. Als wäre das nicht augenscheinlich genug, dass nicht noch einmal darauf hingewiesen werden muss. Hätte ich dem grauen Mann besser zugehört oder die Gesichtszüge von Gorillas ebenso gut auseinanderhalten können wie er, hätte ich wohl auch den Namen des Gorillas gewusst, der dort wohnt.
Wie alles: Viel zu klein.

Und nun kommt er direkt an die Glasscheibe.
"Guck doch mal. Ein Gorilla."
"Ja. Guck doch mal. Ein Gorilla."
Er stellt sich hin, baut sich direkt vor dem Publikum auf. Eine Masse von Tier. Er zieht die Aufmerksamkeit in seinen Bann und ist ganz ruhig. Jeder Muskel seines Körpers ist in Spannung. Und nun bewegt er doch etwas. Er bewegt seinen Kopf - und nur seinen Kopf - ganz langsam von links nach rechts. So dass er jeden einzelnen ansieht. Ein Mensch pro Sekunde. Und es sind vierzig Menschen vor ihm. Er mustert einen jeden und das geht nicht schnell vonstatten. Die Spannung wird stärker. Das Publikum wird leiser ... Der Gorilla kommuniziert mit uns. Das spüre ich ganz genau.
Und dann ... unvermittelt, weil die Sekunde, wo es passiert nur von dem Gorilla selbst gewusst und bestimmt, schlägt er einmal mit der linken und einmal mit der rechten Pranke auf die Glasscheib. Nicht mehr. Nicht weniger. Zwei Schläge und wir haben verstanden.

Wir verlassen sofort das Affenhaus.
Tief beeindruckt.
Besser hätte man: "Verschwindet!" nicht sagen können.

Raubüberfall und Kinder in Essen


Da komme ich gerade aus Berlin und ich bin nicht in Bochum, sondern in Essen gelandet. Auch wenn es mir leid tut. Für mich sind beide Städte immer wieder erschreckend ähnlich. Aber schließlich wohne ich dort nicht, sondern bin nur bei meiner Familie zu Besuch.
„Kannst du das Kind von der Tagesmutter abholen? Wir schreiben Dir auch auf, wo das ist.“
„Klar.“, sage ich in meinem neu gewonnenen großstädtischen Selbstvertrauen. Obwohl ich mich in diesem Moment nur allzu bildlich daran erinnere, wie ich am vorhergehenden Tag nicht in der Lage war den Kinderwagen auch nur einen Millimeter von der Seite zu bewegen, weil sich die Räder verhakten.
„Klar. Kann ich machen.“, sage ich noch ein wenig lauter und bejahe es innerlich. Ein bisschen helfen muss ich, kann ich, will ich.. .und überhaupt... Ich will eine gute Tante sein.
Auf der Ortsbeschreibung steht als erstes eine fünfminütige U-Bahn Fahrt. Dann eine Viertelstunde zu Fuß. Die eine Stunde, die ich dafür einkalkuliere müsste reichen.
Denn ich kenne mich. Mir begegnen Menschen und Umwege. Das war schon immer so.
Und der erste Umweg beginnt schon vor der Rolltreppe hinunter in den U-Bahn Schacht.
„JA.“, brüllt eine Frau. „Lauf nur weg. Dann ist es ja kein Wunder, wenn dich deine Frau verlässt.“
Ich schaue zuerst dem Mann hinterher und dann die Frau an, die eben diesen grandiosen Satz quer über den Platz geschrien hat.
„Ich hab doch recht.“, sagt sie nun. Ein wenig leiser. Jedoch ist es immer noch eine erhöhte Frequenz. Vielleicht brauche ich doch keine Stunde für den Weg zu dem Kind, denke ich. Für genau so etwas habe ich einen Puffer gedacht. Und ich bleibe stehen und bin gewillt der Frau zuzuhören, die mir wichtiges zu sagen hat.
„Na. Er ist Alkoholiker. Und jetzt steht er vor Gericht. Aber er geht nicht hin. Ich meine- das ich wirklich nicht so schlimm, was der gemacht hat. Also – ich meine. Vielleicht will der ja auch in den Knast. Er war da schon mal drinn. Wie wir alle halt. Wegen Schwarzfahren.“
„Echt?“
„Klar. Aber er ist echt ein harter Fall. Der war wegen Schwarzfahren und Sachbeschädigung drin. Ich mein... Das ist ja ne schöne Geste, dass er seiner Frau da die Liebe beweisen wollte. Das versteh ich schon. Aber warum muss er das denn das direkt vor ner Überwachungskamera tun? Na – aber sein Kunstwerk kann man noch ansehen. Ist wirklich schön. Aber der Saufkopp. Der dröhnt sich erst zu und macht das dann DI-REKT vor ner Kamera. Der ist doch n Trottel.“
„Und wegen was ist er jetzt angeklagt?“, frage ich leise und still. Ich schaue mir meine Schuhe an und dann die Frau, die jetzt direkt vor mir steht. Sie müsste jetzt nicht mehr so laut reden. Ich kann sie gut verstehen. Aber sie redet trotzdem laut. Weil – das ist ihre Art. Dick ist sie. Groß ist sie. Mit schlecht gefärbten blonden Haaren, einem Piercing in der Nase und in der linken Augenbraue und an anderem Schmuck - diverse Goldzähne im Mund. Sie hat eine Jeans an und eine zu enge schwarze Lederjacke.
Jetzt sagt sie langsam: „Wegen bewaffnetem Raub.“
„WAS?“, frage ich sie verdutzt.
„Ach.“, Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. „Das klingt schlimmer, als es ist. Es ist gar nicht so schlimm. Also der Marcel hat nen Terrier. Und wenn man so ein kleine Tier hat, dann darf man K.0. Spray bei sich führen. Das ist voll erlaubt. Tja. Und dann war der beim Lidl drin und da hat er wohl nen Flachmann mitgehen lassen. Und weil sie das Spray gefunden haben, ist es gleich bewaffneter Raub.“
„Echt?!“ Ich bin verdattert. Aber so etwas kann man sich nicht wirklich ausdenken. So etwas passiert. Ist dem Mann passiert, der jetzt gerade wegläuft.
„Wenn das nicht so ein lieber Mann wär, ne? Aber der hört ja nicht auf uns. Ich mein, ich kenn das. Der ist wie ein Spiegel von mir. Weil – ich war ja auch Alkoholiker. Da hab ich mir auch nicht helfen lassen. Da dacht ich auch, ich brauch keinen. Dabei sind wir alle für ihn da. Und ich hab noch ganz andere Probleme. Weil - deswegen haben die mir jetzt auch meine Tochter weggenommen. Weil ich Beigebrauch hatte. In der Schwangerschaft. Ich sag dir – Ehrlichkeit ist nicht immer gut. Ich würde jetzt das Jugendamt immer anlügen. Aber das habe ich nicht gemacht. Und als die fragten: Haben sie in der Schwangerschaft Drogen genommen. Da hab ich ja gesagt. Ich meine – ich hätte einfach lügen sollen. Klar musste das Baby auf Detox. Das ist ja klar. Wegen dem Methadon und so. Aber ich hätt einfach nur lügen sollen.“
Ich bekomme immer nur hin gerade so zu nicken. Weiter schaffe ich es nichts zu sagen. Mir schwirren Fake Realitäten auf RTL2 im Kopf herum. Aber ich habe in letzter Zeit nicht soviel Junk gesehen. Aber hier steht ein wahrhaftiger Mensch mit großen Problemen vor mir... Aber ich muss los und sage es ihr.
Auf dem Weg hinunter zur U-Bahn erzählt sie noch weiter, wie schwierig es ist das Kind wiederzubekommen und was sie nicht alles leidet und steigt dann – ohne eine Abschiedsformel – in die einfahrende U-Bahn ein. Es ist nicht meine, wie ich auf dem handgeschriebenen Zettel meines Bruders nachlesen kann. Jetzt muss ich zu deren Kind. Dem es – auch wenn ich ein paar Minuten später kommen sollte – tausendmal besser geht als dem Kind der Frau... So denke ich. Die Frau verabschiedet sich nicht. Egal. Wir haben uns ja auch nicht begrüßt. Sie war mein Umweg und mit Blick auf die Uhr, darf ich mir keinen anderen leisten.
Ich schaffe es zur Tagesmutter, die mich mit schuldigem Gesicht ansieht.
„Die Lätzchen sind nicht dicht.“, sagt sie und zeigt auf den beschmutzten Pullover.
„Ach je. Ist nicht so wild.“ Aber sie will, obwohl es mir schnurz ist, dass das Kind dreckig ist, mir diese Dinge mitteilen. Und als wäre es nicht schon genug an Details:
„Das Kind hatte ein wenig Durchfall. Zweimal heute.“
„Ach. Hmm.“
Ich gucke sie abwartend an – ob sonst noch irgendetwas kommt... das war es schon... Gut.
Blick auf das Kind – ist alles noch dran und ist glücklich mich zu sehen... Gut... Gut... Gut...
Die Puppe muss mit und irgendwie muss ich dem Kind die Nase putzen. Aber die Tagesmutter sieht meine Hilflosigkeit angesichts dem Rotz, der sich klebenderweise um die Nase des ansonsten so süßen Fratzes verteilt hat und lässt das Kind schnauben. Noch ein weiteres GUT – GUT – auf meiner Liste.
Und das Kind und ich stapfen los. Also ich stapfe – das Kind sitzt äußerst bequem im Wagen.
„Wirf die Puppe nicht aus der Karre.“, wird der Satz, den ich an diesem Tag am häufigsten sage. Ein weiterer oft gesagter Satz: „Wir finden den Fahrstuhl gleich, Kind. Werd nur nicht panisch.“
Ersteres an das Kind gerichtet und letzteres zu mir.
Da komme ich gerade aus Berlin und ich bin nicht in Bochum, sondern in Essen gelandet. Und noch dazu im U-Bahn System, was das Kind besser kennt als ich. Aber schließlich schaffen wir es und kommen heil an.
Gott – wie bin ich stolz.

Sonntag

Die blaue Reise in der Türkei

Die blaue Reise – ich will die sieben Stunden zurück

Im Internet hatte ich es gelesen. Falls man einen Tagesausflug in der an sich wunderschön gelegenen, jedoch von Unterschichtstouristen übervölkerten, Halbinsel Side bucht, sollte man es direkt am Hafen tun. Dort sei es billiger – das sagt zumindestens das Internet. Und dem wird geglaubt. Zumindestens bis das Gegenteil bewiesen ist.
Weil sowohl Bella als auch Ich Lust auf Bootfahren haben, begeben wir uns am Montag eben genau dorthin. An den Hafen.
Delfine klingen gut, Schildkröten klingen sehr gut – und die Boote, die auf alt getrimmt sind, versprechen einen schönen Tag. 20 Euro klingt nicht zuviel für eine Tagesschiffsreise inklusive Mittagessen. Und so beschließen wir es zu wagen: Die blaue Reise wird unsere Reise sein.
Um neun sollen wir dort sein und nachdem wir zuerst auf ein falsches Boot gelotst wurden, sitzen wir irgendwann tatsächlich mutterseelenallein auf einem Holzboot, was Richtung Alanya aufbrechen soll. Es ist ruhig, wunderschönes Weter und noch nicht zu heiß. Außer uns ist nur ein mittelalter männlicher Mensch, der in Kapitänskluft herumläuft, vorhanden.
Er winkt mich zu sich heran: „Photo!“, ruft er. „Photo.“
Und da ich zu dieser Tageszeitsehr wohl noch dazu aufgelegt bin, ein Photo zu machen, lasse ich mir die Kapitänsmütze aufsetzen, stelle mich hinter das Steuer und tue so, als würde ich fahren. Eigentlich finde ich es dämlich, eigentlich finde ich es dumm, lasse mich auf den Schabernack ein und setze mich dann wieder. Kurz und schmerzlos.
„Lass uns doch nach unten setzen. An den Bug. Da sind Matten und wir können dort herumliegen. Da ist es besser.“, meint Bella und nach einigem Zögern, da das Obergeschoß mit einem Sonnenschutz, der Bug jedoch nicht überdacht ist, und ich Angst um meine Haut habe, raffe ich mich dazu auf.
Kurze Zeit später liegen wir dort und sehen nicht, wie ein Shuttlebus nach dem Anderen weitere deutsche, englische, schwedische, norwegische Touristen ablädt. Wir merken nur an dem anschwellenden Stimmengewirr, dass wir nicht mehr alleine sind. Augen verschlossen und sich aufs Meer geträumt. In Wellen – Wind und Weite.
Mit einer Stunde Verspätung und einem vollen Schiff geht es los. Eine Eisenkette zieht das Schiff aus der Bucht heraus. Spannend. Urtümlich. Wunderbar. Ein Abenteuer, denke ich.
„Ein Abenteuer.“, flüstere ich Bella zu. Welche auch mit großen Augen und pochendem Herzen den kommenden Stunden entgegenzublicken scheint. Doch schon gefühlte Millisekunden später hat die relative Ruhe ein Ende, die Schönheit wird zerbrochen und dröhnende Techno-schlager-musik erdröhnt aus den Lautsprechern.
„Infinity.“
Oder was auch immer es sein mag. Ich stöhne innerlich und äußerlich auf.
„Nein. Nein. Nein.“
Bella stimmt in den Chor der Technohasserinnen ein und wir verschanzen uns hinter unserer Musikliebhaberei und Sonnenbrillen. Andere würden es sicherlich als Arroganz auffassen. Wir nicht. Wir wissen was gut ist. Und diese Musik ist alles andere als gut. Das Wort Ohrenkrebs ist zwar kein schönes Wort. Aber es trifft in Etwa das, was wir beide denken, fühlen, verschmerzen müssen.
Während Bella sich zurücklehnt und das Sein auf dem Wasser mit einem Buch versüßt, sehe ich mich um und versuche zu verorten, was zu verorten ist.
Abgesehen von der meist unerträglichen Musik. Nur momentanes Aufatmen, als „Spiderman“ von The Cure kommt – doch dann wieder stoisches über sich ergehen lassen, als ein weiterer Technoschlager tönt.
Es hätte schlimmer kommen können. Es hätte ein Wolle Petri Schiff sein können, denke ich und bekomme ein Zucken im Auge, was sich nur verstärkt, als ich mich weiter umsehe:
Vorn links am Bug sehe ich zwei weiße Menschen. Und da der Mann einmal „Üxy“ sagt, kann ich, mit meinem Wissen um die ersten zehn Zahlen auf finnisch, darauf schließen, dass sie aus eben jenem norwegischen Land kommen.
Der Mann ist das Klischeebild von einem „Bären“ - Also nicht von einem richtigen Bären, sondern von der Metapher: „Ein Mann wie ein Bär.“
Mit freiem Oberkörper und rückwärts aufgesetzer Baseballkappe sitzt er – pardauz – mit dem Rücken entgegen der Fahrtrichtung – also mit Blick auf das Schiff – ganz vorn am Bug. Was mich verdutzen wird ist, dass er es vermag in den gesamten sieben Stunden, welche wir auf dem Schiff verbringen werden, nicht wirklich seine Position verändert. Er sitzt und sitzt. Er sitzt weiter und dann sitzt er wieder. Natürlich wäre das Bild nicht komplett, wenn er dabei nicht trinken würde. Also – er sitzt, trinkt einen Schluck Effes Bier und dann sitzt er wieder und trinkt noch einen Schluck Effes Bier. Ab und an gibt er durch das Hochheben der leeren Bierdose zu verstehen: „Noch eins.“
An sich langweilig. Aber in dem sich eins zu eins deckenden Klischee in meinem Kopf – für mich relativ spektakulär.
Seine Begleitung hingegen – die Frau die sich die gesamte Zeit neben ihm befindet – ist nicht hübsch zu beobachten. Weil sie vor allem eines tut. Sie tut einem Leid. Mit einer Eindringlichkeit, die ans Beschützen wollen grenzt. Ihr Gesicht sehe ich nur kurz. Es ist puterrot und ein wenig aufgedunsen. Sonnenbrand hoch tausend, denke ich und mein Mundwinkelzucken verstärkt sich ein wenig. Und es verlässt mich auch einige Zeit nicht, nachdem sie sich neben den „Bären“ legt, Sonnenmütze über ihr gesamtes Gesicht gezogen und die nackten Beinchen der Sonne ausgesetzt. Damit auch sie knallrot werden und schmerzen. Damit sie ihren Freundinnen zuhause sagen und vor allen Dingen beweisen kann: „Ich habe mich erholt. Ich lag den ganzen Tag in der Sonne.“
Dann lieber die Bilderbuchfamilie rechts vom Bug ansehen. Auch Skandinavier. Jedoch Schweden.
Vater, Mutter und drei Kinder. Allesamt bildhübsch. Blond und auf gesunde Art braungebrannt. Auch sie unterhalten sich nicht, sondern sonnen sich lieber. Aber auf eine nette, unspektakuläre Art und Weise.
Da sind die Engländer, die direkt vor Bella und mir sitzen mehr Worte wert.
Vater, Mutter und pubertierende Tochter. Letztere scheint auf die Reise mitgeschleift worden zu sein. Sicher wäre sie viel lieber im Hotel geblieben, was man ihren verdüsterten Augen, die die Umwelt ebenso feindlich, jedoch mit weniger Wohlwollen ansehen als die meinen, erkennen kann. Ich kann mir vage vorstellen was für Musik aus ihrem Ipod erklingt. Sicherlich nicht Techno, sondern dramatische „Die Welt versteht mich nicht.“ Musik. Jedoch bin ich schon zu alt – und das ist tatsächlich der Fall – um wissen zu können, was sie hört. Sie ist ein „Doors, Velvet Underground, Leonard Cohen Typ.“ Das hört sie bestimmt nicht. Oder doch? Mein wohlwollender Blick schafft es nicht zu ihr herüber. Sie scheint damit beschäftigt zu sein das Feindbild „Schiff“ in Gänze aufrecht erhalten zu wollen. Soll sie. Ihre Stimmung ist schon von Beginn an beschissen. Nunja – sie ist vierzehn.
Die Mutter sitzt, wie man von weitem sieht, da sie es nicht nur metaphorisch tut sondern auch tatsächlich, zwischen den Stühlen. Während der Vater – er sollte sich mit dem norwegischen Bären zusammentun – bereits um zehn sein erstes Efes trinkt. Noch dazu raucht er Kette und sieht sich kommunikativ um. Ein Engländer mit einem ungesunden Teint. Mit lustigem Sonnenhut auf dem Schädel, welcher ihn auch in eine andere Zeit und an einen anderen Ort – etwa eine Safari in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts – verorten könnte.
Ich sehe weg.
„Stopp zu Baden.“, brüllt ein junger Türke, der vermutlich den Animateur – oder wie auch immer man ihn bezeichnen soll – darstellt.
Eine Insel. Eine Badeinsel? Muss man baden? Ich will nicht baden. Keineswegs. Auf keinen Fall.
Hier mündet ein Fluss in das Mittelmeer. Und zwischendrin ist ein bisschen Sand. Eine Badeinsel?!
Nun. Was stellt man sich unter einer Badeinsel vor? Ein paar Palmen, ein paar Liegestühle, eine Bar. Ähnlich ist auch die Badeinsel auf der unser Technoschiff anlegt. Nur gibt es keine Palmen. So stell ich mir eher die Wüste vor. Eine immense Ansammlung von Sandkörnern. Ohne jedweden Bewuchs.
Touristen werden auf der einen Seite an Land gepuckt und springen auf der anderen Seite des schmalen Sandstreifens wieder ins Wasser. Auf dem Weg dazwischen kaufen sie sich ein Efes. Jedoch nur wenn sie daran gedacht habe sich, bevor sie das Boot verließen, ihre Schuhe bzw. Flip Flops anzuziehen. Sonnenhitze und Sand macht langsames spazieren auf Badeinseln unmöglich. Und so sehen Bella und ich mit hochgezogenen Augenbrauen den hüpfenden und „Aua.Aua.“ schreienden Menschen zu, die von einer Seite zur anderen Seite springen. Und es sind derer viele.
Langweilig, denke ich. Langweilig, denkt Bella.
Und wir verziehen uns unter das Zeltdach, was an zentraler Stelle – in Mitte der Insel – aufgestellt wurde, betrachten mitleidig die Fußwehen Menschen, die kurz verschnaufen, bevor sie die weiteren zehn Meter hüpfend zum Strand zurücklegen. Wir teilen uns eine kalte Fanta.
Wenigstens für ein paar Minuten kein „Itzen – Itzen“ Techno Dreck. Für ein paar Minuten Ruhe.
Wieder auf das Boot gespült, gibt es Mittag.
Kaltes Hühnchen, was jedoch noch insoweit lauwarm ist, als dass erkennbar ist, dass es heiß hätte sein sollen, mit Salat und Weißbrot. Allesamt fürchterlich.
Aber das haben wir auch nicht anders erwartet. Zumindestens ist es etwas zu essen.
Langsam wird das draußen sitzen zu heiß und obwohl wir uns mit dem klebrigen Sonnenfaktor 50 eingeschmiert haben, weswegen wir auch überall kleben bleiben, verziehen wir uns nach drinnen. Leider nicht früh genug, um dem Animateur, welcher nun auch Souvenirfotograf ist, zu entgehen. Hier helfen keine Abwehrversuche. Wir müssen posieren. Wir müssen Klischeebilder machen, die wir dann später überteuert abkaufen sollen. Wehren bringt nichts und so machen wir das pubertäre – das einzig Hilfreiche- Wir geben uns keine Mühe zu lächeln.
Es werden beschissene Fotos werden. Aber das hat der Typ davon, wenn er uns etwas aufzwingt, was wir nicht wollen.
Dass „Nein.“ nicht als „Nein“, sondern als „Eigentlich doch.“ verstanden wird, erfahren wir beide später noch eindringlicher. Aber jetzt verziehen wir uns erstmal unter Deck und sehen über die Reling dem nahen Land am vorüberziehen zu. Oder umgekehrt. Eine leise Sehnsucht stellt sich bei uns ein. Wie gerne wären wir jetzt dort. Nicht hier. Dort drüben. Ohne Menschen. Gut. Gut. Nicht in dieser Betonburg oder jener Bettenburg. Aber prinzipiell – nicht hier. Da sind wir uns einig.
Ab und an linse ich jedoch immer wieder zu dem skandinavischen Bären herüber, nehme die skandinavische Bilderbuchfamilie war und sehe, wie der englische Vater sich einen Schnorchel über seinen Kopf gezogen hat. Albern ist das nicht wirklich, weil viele einen Schnorchel haben – albern ist, dass er mit Schwimmflossen über das Boot stapft.
Sozialstudien, denke ich achselzuckend.
Wir sehen mit Entsetzen ein mittelaltes - älteres Ehepaar aus Deutschland an, die sich leise und dennoch zu laut auf sächisch unterhalten. Die Frau ist um die fünfzig, hat eine perfekt sitzende Fönfrisur mit naturgemäß blondgefärbten Haaren, eine Jeans mit putzigen goldenen Applikationen am Hinterteil und bewegt sich etwas steif. Was bedeutet, dass sie ihren Oberkörper hin und her bewegt, während ihr Unterleib weder ein Eigenleben noch irgendein Leben zu haben scheint. Was auch nicht verwunderlich ist, wenn man ihren Mann ansieht. Immer wieder verwunderlich ist mir, dass die Verteilung von Fett an den menschlichen Körpern nicht proportional, sondern stattdessen von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfällt. Dünne Beinen, dicker Bauch. Zierlich wäre das sächsische Männlein zu bezeichnen, wenn es nicht diesen Bauch hätte.
„Badestopp!“, brüllt der Animateurmensch und versucht Leute dazu zu animieren sich auszuziehen und von Bord zu springen. Affig. Aber bringt gewiss Spass. Irgendwo. Wenn ich zwölf wäre, hätte ich Spass. Wenn ich allein mit Bella auf diesem Schiff wäre, hätte ich Spass. Wenn wir mit unseren Freunden auf diesem Schiff wären, wäre es ein wahrliches Vergnügen. Aber so?
„Nein danke.“
„Es ist Pflicht.“
„Ein Dreck ist es.“
Bella und ich bleiben sitzen und harren der Dinge, die da kommen mögen. Es kommt aber nichts. Der norwegische Bär macht einen Bauchplatscher und brummt als er seinen Kopf wieder aus dem Wasser streckt.Der englische Vater klettert umständlich mit seinem Instrumentarium über eine Leiter ins Wasser. Die Bilderbuchfamlie juchzt gemeinsam mit dem Sachsen, der ihnen erklärt, dass er ja gestern eine Burg besichtigt hätte und nach zehn Minuten werden sie wieder eingesammelt und wir fahren weiter.
Erschreckend ist es zuzusehen, wie der Sachse sich in der Mitte des Schiffes – ohne sich festhalten zu können, versucht die Hose anzuziehen. Eine Mischung aus kläglich, bemitleidenwert und zugleich auch bewunderswert – wenn es nicht so erbärmlich wäre – wie er den Versuch unternimmt sich, ohne sich irgendwo, noch nicht einmal an seiner Frau, abzustützen seine Hose über die Stelzenbeinchen hin zum dicken Bauch zu ziehen.
Ich sehe erstaunt, wie auch seine Frau den Versuch, der vermutlich auch an mindestens zwei Efes Bieren scheitert, ihren Blick langsam und dezent in eine andere Richtung lenkt. Und lieber den torkelnden Schnorchel Enländer ansieht.
Die nächste Stunde besteht darin sich zu langweilen und Übergriffsversuche der männlichen Wesen abzuwehren. Zuerst Bella, die zum Tanzen animiert werden soll:
„Nein.“
„Doch tanzen.“
„Nein.“
„Komm. Komm. Das bringt Spaß!“
„Nein.“
Obwohl Bella dreimal laut und vernehmlich „Nein“ gesagt hat, hindert es den Animateur nicht daran, sie an ihren Händen zu greifen und den Versuch sie auf die Tanzfläche, Hosenanziehfläche, zu ziehen, um mit ihr zu Technobeats eine gute, tolle, erquickliche, fantastische Zeit zu verbringen. Aber da hat er sich die Falsche ausgesucht, denn Bella stemmt sich mit aller Kraft – sie wird puterrot im Gesicht ob der Anstrengung – gegen den Besitzanspruch und gewinnt. Ächzend sitzt sie wieder aufrecht neben mir und sagt:
„Die verstehen nur, wenn man Nein brüllt!“
Wenig später darf auch ich diese Erfahrung machen, denn der Kapitän, dessen Mütze ich vor gefühlten tausend Stunden auf dem Kopf hatte, macht mir Avancen. Auch er tanzt und will mich zum tanzen animieren. Aber er versteht dieses „Nein danke.“ Das nächste „Nein.“ versteht er jedoch nicht, denn er hat sich in den Kopf gesetzt mir sein Hemd, dessen er sich mittlerweile entledigt hat, überzuziehen.
„Komm. Komm.“
Ich verstehe, dass er es lustig fände, wenn ich sein Hemd tragen würde . Ich verstehe, dass er das für einen Riesenspaß hält. Aber er versteht dieses „Nein.“ nicht, nimmt meinen rechten Arm (den ich danach auf der Toilette mit Wasser abwasche) und beginnt mir eigenmächtig das Ding anzuziehen. Einen Arm schafft er. Bevor er es auch noch über meinen anderen Arm ziehen kann, brülle ich laut: „NEIN!“ und mache eine Geste, die ich sonst nur aus Mafiafilmen kenne. Ganz selbstverständlich ist sie in meinem aktiven Gestenschatz parat: Die rechte Hand unter das Kinn gezogen und dann mit der ausgestreckten Hand vor diesem hin und her gewedelt. Ich sehe gewiss richtig böse aus. So böse war ich lange nicht mehr. Gegen einen körperlichen Übergriff muste ich mich das letzte Mal vor meiner und der Pubertät meines älteren Bruders wehren. Sein Hemd stinkt nicht nur nach seinem Schweiß, sondern ist noch feucht von seinem Schweiß.
„Mach schnell ein Photo!“, brülle ich Bella zu. „Mach schnell. Mach schnell. Ich finde es eklig.“
Bella kramt in Windeseile den Photoapparat heraus, macht ein Photo und ich werfe ihm seine Kleidung vor die Füße. Danach die Toilette und das Waschen und nur noch böse Blicke zu ihm.
„Schlimm hier.“, sage ich zu Bella.
„Ja. Ich will hier auch weg.“, stimmt sie mir zu.
Das Boot ist fortan ein Gefängnis, wo es uns gar nicht weiter erschreckt, dass ein jüngeres Paar sich laut darüber unterhält, ob sie es Abends noch zu dem Buffet in ihrem Hotel schaffen oder nicht. Es interessiert uns auch weniger, ob der Animateur das Wort „Schlamm“ im Englischen weiß oder nicht und wir es ihm fünfmal zubrüllen müssen. Es interessiert uns nur noch, dass wir endlich in Alanya ankommen. Was irgendwann tatsächlich der Fall ist. Schon nach wenigen Minuten an Land stellen wir fest, dass auch hier nicht Europa und Friedlichkeit sondern Tourismus und Angequatsche das Geschäft bestreitet. Überraschend ist es nicht – nur frustrierend.Aber zumindestens werden wir nicht noch einmal auf das Boot zurückmüssen. Das ist vorbei. Die blaue Reise überstanden.
Sozialstudien beendet. Für diesen Urlaub. Zumindestens in dieser Drastik.Es hat gereicht. Für immer. Ab in den Bus – Musik auf die Ohren – und Sozialstudien beendet. Punktum.

Samstag

amerikanisches Prag

Prag ist nur zwei Stunden von Dresden entfernt. Näher als Berlin. Näher als jede andere große Stadt. Was liegt also näher, als in diese wunderschöne Stadt zu fahren?
Doch genug der rhetorischen Fragen. An einem Freitag nach er Arbeit wird aufgebrochen. Zu einer Couchsurferin. Einer Lehrerin für Englisch in Prag. Einer Amerikanerin, deren Eltern medizinisches Gras anbauen. Quasi der Gegenbesuch, denn sie war schon einmal in Dresden. Nicht wir suchen sie aus, sondern sie suchte aus. Und zwar nicht mich. Warum, wird mir später klar. Doch jetzt wird sich gefreut - auf Prag – auf die Moldau. Auf Smetana. Darauf Dresden zu entfliehen.
Wir finden sehr leicht hin. Bekommen sogar einen Parkplatz direkt vor dem Haus und werden sogleich zu einem Treffen mit ein paar anderen englisch sprechenden Menschen mitgenommen.
An sich keine schlechte Idee, wo ich doch die englische Sprache so vermisse. Doch, wie so oft im Leben, platziere ich mich an dem falschen Ende der Tafel. Komme also neben einer kleinen, dicken, zweiundzwanzigjährigen Britin unter, die ohne Unterlass plappert. Man kann es noch nicht einmal reden nennen – auch nicht schnacken. Sie plappert. Und das wird mir sehr sehr schnell klar. Ich höre trotzdem zu. Was bleibt mir übrig.
Ein Bier habe ich zumindestens vor mir stehen und ich trinke in großen Zügen aus eben jenem welchen. Bereits nach einer Viertelstunde höre ich der Britin Clarissa nicht mehr wirklich zu. Aber das scheint sie nicht zu bemerken.
Aber – nun mal ehrlich – was ist interessant an einer Bankerin, die aus einer kleinen britischen Stadt kommt, einen 9 to 5 Job hat und als ihren größten Wunsch: „Ich möchte mich endlich häuslich niederlassenn!” angibt?
Weil alle am Tisch es langweilig finden,hört ihr keiner zu. Und das hat zur Folge, dass ich ihr zuhören muss. Allein aus Mitleid. Irgendwo. Ach ja ... Und das Bier? „Keep em coming!”
Aber wir wechseln die Location. Weg von einem gemütlichen Pub, wo ich ein paar Tschechen von weitem sah. Hin zu einer alten Abfallhalde. Die wurde jetzt umgemodelt und laut unserer Wirtin, sei es jetzt total spacig, cool und „the place to be”
Gehässig will ich nicht sein, aber vielleicht ist es der Platz an dem man sein muss, wenn man Ami ist? Mir ist es nicht wirklich abgefahren genug.
Okay... vielleicht die psychotische Frau, die mir entgegentanzt, als ich am Eingang dieses Gebäudes stehe. Oder die heruntergerockten Securityguards? Oder die dünne Frau, die auf der Treppe steht und keinen Hehl daraus macht, dass sie Drogen vertickt?
Nun ja. Nun ja. Nun ja.
„Ah – ey. And the Beer? Keep em coming.”
Weil ich elektroinsche Musik nicht wirklich verlockend finde, habe ich keine Lust mich ins Gedränge zu werfen. Und auch ansonsten... bin wohl Indie, wie man das heutzutage nennt. Ich mag akustische Melodien, die haken oder fließen. Ich mag keine aggressive Musik. Fast ausschließlich gar nicht. Selbst wenn sie fließen sollte. Was sie wohl tut. So sagen jedenfalls die Fans.
Und natürlich sitze ich dann wieder neben Clarissa und höre ihr weiter zu, denn ... sie ist verliebt.
Und ganze drei Gründe sprechen gegen ihn. Nummer 1: Er sieht nicht gut aus. Nummer zwei: Er wohnt 50 km entfernt. Nummer 3: Er mag keinen Sport.
Ich kann es auf die späte Stunde oder auf die Tatsache, dass ich Clarissa schon viel zu lange zugehört habe schieben. Das tut wohl nichts zur Sache. Fakt ist, dass ich auf den Tisch schlage und sage:
„Fuck. Dont be so superficial! It is such crap, what youve told me. If you like him. So what.”
Ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich mit diesen Worten aufgestanden und gegangen bin. Aber das entspricht einfach nicht den Tatsachen. Ich blieb sitzen und hörte ihr weiter zu. Stunden. Tage. Wochen. Monate. Trotzdem am selben Abend erlöste mich meine Begleitung, wir gingen in einen anderen Raum, sahen Amis und Tschechen zusammen tanzen und es war dann wohl ganz gut. Nein. Sehr gut. Mit wirbelnden Gedankenflüssen und die laute Musik ausblenden könnend.
Am nächsten Tag.
Frühstück kaufen im Supermarkt. Mit Meterbrot und frischen Früchten. Einkaufen in Prag.
Dann...Im wunderschönen Sonnenschein heumspazierend. Von der amerikanischen Wirtin geführt. Es hätte sie enttäuscht, wenn wir allein losgezogen wären. Und so?
Mehr Amis, mehr Touristen. Wenig wundern über kleine Ecken – keine Zeit nach rechts und links zu schauen und Seltsamkeiten wahrzunehmen. Schnellen Schrittes laufen. Abknipsen. Ungarisch essen in ungarischem Lokal. Schmeckt so, wie Oma koch. Und die kommt aus dem jetzigen Polen. Weiterlaufen. Weitergehen. Keine Zeit das tatsächliche Prag zu erkennen. Eine vage Idee von Prag. Ja. Ich habe eine vage Idee von Prag. Aber vielleicht ist es auch das?
Kann es sein, dass Prag ein bisschen von allem ist? Oder habe ich da etwas übersehen? Es ist so, als wäre man schon einmal in Prag gewesen. Ein bisschen Österreich, ein bisschen Ungarn, ein bisschen Deutschland, ein bisschen Frankreich. Von allem ein bisschen. Der Kern blieb mir verschlossen. Aber vielleicht hätte ich es auch nicht gesehen, hätte ich in meinem Tempo sehen können.
Nur einmal gab es den Moment.
An der Moldau sitzend. Wahrnehmen, denken, fühlen. Vielleicht ist Prag eine gelassene Stadt?
Und dann ein aufjuchzendes Lachen: Prag.
Falsch geparkt. Direkt neben einem Bezahlparkplatz.
Als wir zum Auto zurückkommen, springt der Aufpasser des Bezahlparkplatzes heraus und beginnt auf tschechisch mit uns zu reden.
„Wir kein Tschechisch.”, sage ich auf englisch und deutsch. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, weiterzufluchen. Und siehe da: Ich verstehe ihn.
Die Polizei wollte unser Auto abschleppen, weil wir nicht innerhalb des weißen Striches geparkt hatten. Er hätte dann behauptet, dass das sein Auto sei. Wir hätten es also ihm zu verdanken, dass wir nicht abgeschleppt wurden.
„Dobre. Dobre. Dobre.”, sage ich und denke mir im geheimen. Ich musss noch einmal herkommen. Ohne Amis. Mit Zeit. Zeit zu schauen. Nicht zu hetzen. Zeit sich zu verlieben – und etwas zurückzubekommen. Vielleicht kann Prag ja auch das?

Dienstag

Die lustige Witwe

Und da sitze ich dann. Im völlig überfüllten Zug vom Norden in den Süden. Eine kleine, zierliche, zähle Frau ganz in schwarz setzt sich neben mich. Und ich merke schon im ersten Augenblick, dass sie weder meine tiefbrauenen Augenringe noch meine Kopfhörer auf den Ohren zu respektieren gedenkt.
“Ganz schön viele Auslänger hier im Zug.”, ruft sie mir im hessischen Dialekt entgegen.
“Das ist doch gut für die Touristik.”, flüstere ich in Richtung dieser Frau. Augenkontakt vermeiden, denke ich. Sonst höre ich eine Stunde lang ihre Lebensgeschichte. Ich setze schon während des Flüsterns meine Kopfhörer wieder auf.
“Ich war in Malente. Bei Freunden von meinem Mann und mir. Mein Mann ist (als) nun schon fünf Monate tot.”
Das erklärt die schwarze Kleidung, denke ich und kapituliere. Vielleicht ist es doch spannend zu wissen, was diese kleine lustige Witwe in den Norden getrieben hat. Sogleich wird es mir präsentiert:
“Ich wollte (als) Wein verkaufen. Ich habe nämlich einen Weinberg. Alla. Und letztens war meine Kusine da. Und wir haben (als) nur eine Stunde Wein gelesen. Und dann haben wir uns verquatscht. Und nur noch Kaffee getrunken.” Bei der Erzählung strahlt sie übers ganze Gesicht. “Mein Sohn war nämlich in Urlaub. Und meine Tochter. Die spinnt. Die studiert Pathologie. Die spinnt.” Dabei macht sie eine wegwerfende Handbewegung. “Aber ehrlich ist sie. Die hat einmal vor einem Klohäuschen ein Tempotaschentuch gefunden.In dem Tempotaschentuch war ein fünfzig Mark Schein. Den hat sie aufs Fundbüro gebracht. Und dann hat sie niemandem davon erzählt. Weil – da kann ja jeder (als) kommen und behaupten, dass das seiner ist. Und dann hat sie (als) ein Jahr gewartet und sich dann den Schein abgeholt. Ehrlich ist sie. Das muss man ihr lassen.”
“Wie alt ist denn ihre Tochter?”
“Jetzt ist sie (als) schon fünfzig. Das war vor zehn Jahren. Da war sie vierzig.”
Gut, denke ich und pflichte der Frau mir gegenüber im Geiste zu. Die Tochter spinnt wohl ein bisschen. Aber ehrlich ist sie.
Es wird mir dann noch so manches erzählt und als herauskommt, dass auch sie den ICE in Richtung Hannover nehmen muss, greife ich zu meiner Geheimwaffe und sage:
“Ich gehe ins Raucherabteil. Sie rauchen bestimmt nicht, oder?”
“Nein. Aber meine Tochter.”
Und so trennen wir uns denn in Hamburg. Sie winkt mir zu, strahlt unablässig weiter und ich denke, dass sie wohl Glück hatte, dass ihr Mann gestorben ist. Ertappe mich bei dem Gedanken und entschuldige mich dafür. Bei wem auch immer.