Dresden brennt ein bisschen
"10 Uhr Albertplatz!", ist die Ansage und so verlasse ich gegen viertel vor zehn meine Wohnung. Der 13 Februar ist der Jahrestag des Zerbombens von Dresden. 13. Febuar 1945. Ein wichtiger Tag der Stadt. Er hat sich nicht nur im übertragenen Sinn in die Seele der Stadt eingebrannt. Genau dieser Tag wird von den Neonazis instrumentalisiert. Zu einem schlichten "Dresdnern wurde Unrecht angetan Gedenkmarsch!". Und ich denke das große Wort "Bürgerpflicht", als ich den Bischofsweg hinaufspaziere und mich durch eine Gruppe von Bündnis 90- die Grünen hindurchschlängele. Mit wachen Gesichtern, mit strahlenden Augen sind sie auf den Weg in die Hansastraße. Um zu blockieren...den Aufmarsch der Neonazis zu blockieren. Sie sollen nicht marschieren. Sie sollten daran gehindert werden.
Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin den Aufmarsch zu blockieren. Meine Bürgerpflicht besteht nicht darin, mich mit ihnen zu prügeln oder Steine nach ihnen zu werfen. Meine Bürgerpflicht besteht stattdessen darin, auf die Straße zu gehen und zu zeigen, dass ich es nicht okay finde. Ganz und gar einfach - schlichtweg "nicht okay"
Aber ich komme aus dem Westen und nenne sie Neonazis und nicht Nazis. Ich komme nicht aus der sächischen Schweiz, was eine rechte Hochburg ist. Ich komme von der Uni und schüttele fassungslos den Kopf über Gehirnwäsche, Beschränktheit, Ängste, Machotum ... und noch vieles mehr.
Ich wohne zur Zeit in Dresden. Wohne zur Zeit in der Neustadt. Und genau durch die spaziere ich jetzt. Die Königsbrücker entlang, die Louisenstraße hoch und dann rechts in die Alaunstraße. An deren Ende ist der Albertplatz. Ein paar Polizisten sind dort. Nur ein paar. Sie sind für mich keine Bedrohung. Auch die zwei Polizeihubschrauber, die über der Neustadt kreisen, sind zwar störend - aber keine Bedrohung.
Alles in Ordnung.
Freunde von mir warten vor einer Bäckerei.
"Erstmal einen Kaffee."
"Ja. Erstmal einen Kaffee."
Mit genau dem in der Hand stehen wir kurze Zeit später in der Mitte des Albertplatzes. Ich weiß zwar nicht, was Erich Kästner gesagt hätte, wenn er wüsste, dass seine Statue als Müllabstellplatz mißbraucht wird.. .Aber es gibt schlimmeres. Tatsächlich. Wir hören zu, was gesagt wird. Ansprachen voller Fremdwörter. Eines ist besonders wichtig: "Geschichtsrevisionismus". Ja.Ja.Ja. Wir hören die Ostband "Die Prinzen" aus den Lautsprechern. Danach Nena und Tomte und Rio Reiser. Die Stimmung ist gelöst und fast heiter. Ein als Clown verkleideter läuft hüpfend unter den Demonstranten herum - genauso wie eine Gruppe pink angezogener Mädchen mit pinken Regenschirmen.
"Wir stehen hier friedlich!"
"Wir tanzen hier."
"Wir wollen, dass so etwas nie wieder passiert."
Familien mit Kindern, ältere Menschen, jüngere Menschen. Gebildet, ungebildet. Egal. Ein breiter Ausschnitt der Gesellschaft. Hier fühle ich mich wohl. Hier kann ich bleiben. Ein paar Stunden. Wir stehen, gehen herum, tanzen ein bisschen, um warm zu bleiben.Gehen für eine halbe Stunde in einen Dönerladen, um ein Bier zu trinken. Dann sind wir noch wärmer.
Zur Menschenkette? Die Menschenkette? Die Menschenkette ist auf der anderen Elbseite.
Dresden, als die Stadt der Brücken und die Stadt der krassen Teilung zwischen dem einen und dem anderen Elbufer. Schon um 11 Uhr morgens ist klar, dass die Brücken gesperrt sind und es keine Möglichkeit gibt hinüber zu kommen. Gesichtskontrolle. Ausweiskontrolle.
"Wo wollen sie hin?"
"Zur Menschenkette."
"Sie sind kein Anwohner? Dann ist das keine gute Idee. Bleiben sie dort, wo sie sind!"
Polizisten in voller Montur stehen mir gegenüber und verbieten mir zu demonstrieren. Ich bin fassungslos. Hatte es schon gehört. Hatte es fast erwartet und doch ...
Demonstrieren - im friedlichen Sinn - ist nicht möglich. Ich habe mich zu spät für die Menschenkette entschieden. Hätte es um 10 wissen sollen. Dann wäre ich noch rüber gekommen. Vermutlich aber nicht wieder zurück in die Neustadt. Jetzt bin ich hier gefangen. Das schlechte Bauchgefühl verstärkt sich noch, als auf dem Albertplatz verkündet wird, dass unsere Demonstration hier, jetzt und gleich verboten wurde. Es ist jetzt eine Ansammlung. Keine Demonstration mehr.
Aber dass die Gegendemonstration gegen das Demonstrationsverbot gebilligt wurde. Was für ein Humbug, denke ich und schüttele innerlich und äußerlich den Kopf.
"Also keine Menschenkette. Sollen wir Hansastraße versuchen?", werde ich gefragt.
"Warum nicht?", frage ich zurück.
Die Königsbrücker kommen wir entlang. Dann treffen wir auf die erste Polizeiabsperrung. Erst rechts, dann links, dann wieder links. Über eine kleine Nebenstraße kommen wir zum Bischofsplatz. Nur geradeaus. Dort ist die Hansastraße. Doch ... Polizeiblockade:
"Wo wollen sie hin?"
"Hansastraße."
"Was wollen sie dort?"
"Demonstrieren."
"Das ist zur Zeit keine gute Idee..."
"Was?!"
Aber der Bischofsplatz ist breit und dort gelangen wir auf die andere Seite - ohne weiteres gefragt zu werden . Als wir auf die Hansastrasse kommen, schlagen uns negative Gefühle entgegen. Wie eine Welle. Hier sind sie also. Die Linksautonomen. Die vermummten. Wir sind näher dran - am Neustädter Bahnhof.
Von dort sollte der Neonazi Aufmarsch starten. Direkt unter der Gedenktafel, dass von dort viele Juden in Vernichtungslager deportiert wurden.Eine Unmöglichkeit, dass Dresden diesen Ort und diese Umständen diesen "Gedenkmarsch" zulässt.
Nun stehen wir also hinter dem Bahnhof. Immer mit der Angst eingekesselt zu werden. Nicht mehr weg zu können, da viele Seitenstraßen durch die Polizei blockiert werden. Zuviele Männer, denke ich. Zuwenige Kinder, denke ich. Zuviele die auf Styroporplatten und in Isolierdecken eingewickelt auf der schneenassen Straße sitzen.
Also zurück zum Lidl, wo es die Conradstraße und damit auch eine Straße in die man sich im Notfall flüchten könnte, gibt. Keine Polizei in direkter Sichtweite.
Bürgerpflicht, frage ich mich in meinem inneren, als wir uns an eine Steinmauer lehnen, weil die Autonomen auf einmal beginnen zu laufen.
"Ruhig. Ruhig. Ruhig.", sage ich leise vor mich hin.
"Die Polizei hat kleine Kugelgeschosse. Mit denen dürfen sie auch schießen.", ruft ein Autonomer.
"Da hinten sind die Naziwichser!", ruft ein anderer.
"Fuck Bullenschweine!", ruft ein dritter.
Mir wird mulmig zumute. Ich will nach Hause. Es ist kalt und ich habe genug gesehen. Genug Flagge gezeigt. Genug gezeigt, dass ich gegen Neonazis bin. Nicht zu haben bin für Rechtextremismus. Aber zuhause ist dort, wo sich die Ausweichroute befindet.
Das bemerken wir, als wir wieder zurück zum Bischofsplatz gehen. Schön langsam. Immer mit der Ruhe. Und mit einem Schleichweg über den Neustädter Friedhof. Dort gibt es eine Toilette. Leider ist die geschlossen .. aber wir trampeln uns über den Friedhof. Im Vorbeigehen raunze ich einen Alternativen mit halb geöffnetem Hosenschlitz an:
"Du wirst jawohl hier nicht auf ein Grab pinkeln! Such Dir gefälligst einen Baum."
Tatsächlich hört er auf mich. Aber ich habe nur die Zeit für eine Sekunde stolz auf das bisschen Zivilcourage zu haben, die ich aufgebracht habe, denn wir kommen an den südlichen Ausgang des Friedhofes : Die Eisentür ist geschlossen. Direkt davor eine Reihe von Polizisten. Ich klettere ein Stückchen nach oben, wo in die Friedhofsmauer der Name Marie Sophie eingehauen ist. Nicke ihr kurz zu und luge dann herüber. Ich bin gerade groß genug, um auf Zehenspitzen die Vorgänge sehen zu können.
Links die Autonomen, die laut : "Nazis raus!", brüllen.
Rechts die Rechten, die nichts brüllen, aber mit wehenden Deutschlandfahnen und offensiven Glatzen über den Bischofsplatz marschieren.
In der Mitte die Polizei. Und oben auf dem Bahngleis, was über den Bischofsweg führt, wird eine Israelfahne geschwenkt.Fassbar ist es nicht. Ich bin froh eingesperrt zu sein. Auf dem Friedhof. Mit der geschlossenen Eisentür.
"Die Toten beschützen uns.", sage ich leise und glaube es in dem Moment auch.
Mittendrinnen und doch ausgeschlossen. Dabei. Beobachterin mit der stummen Faszination, dass die Rechten hier marschieren. Es tatsächlich tun. Beschützt von der Polizei. Aufgehetzte Menschen auf beiden Seiten. Ohnmacht ... Und der Zug der glatzköpfigen, zumeist männlichen, rechtsextremen oder sympatisierenden Menschen zieht sich seine Bahn.
In meine Wohnung gelangen wir wieder nur über Zickzackwege. Was uns aber gleich aufweist, dass alle Supermärkte in meiner direkten Umgebung geschlossen sind.
"Später versuchen wir es noch einmal...Der Rewe hat glaube ich offen!"
"Später!"
Jetzt erst Kaffee und ein wenig Wärme und ein wenig Radio. Wo erklärt wird, dass es Ausschreitungen auf dem Dammweg gibt und die Neonazis wieder zurückmarschieren - vermutlich wieder Hechtstraße.
"Wenn das wirklich wahr ist, dann gehen wir jetzt lieber Pizza und Bier kaufen, oder?"
"Ähhh... ja?"
Schon sind wir wieder auf der Straße. Eine Polizeiblockade reiht sich an die nächste. Der Weg zu Pizza und Bier ist versperrt.
Ein Polizist weist uns in den entgegengesetzen Weg: "Dort hinten ist ein Edeka."
"Dankeschön!"
Nach kurzer Zeit glauben wir, dass Disinformation ein Großteil der Polizeistrategie ist. Nämlich als wir uns auf einer Allee befinden und uns eine ältere Frau erklärt, dass hier in der Nähe weit und breit kein Supermarkt zu finden sei.
"Aber nehmt doch den Bus. Sind nur 10 Minuten. Und DER Netto hat auf."
Nach einer halben Stunde - eingedeckt mit Bier und Pizza - schlagen wir uns wieder in meine Straße. Mitten hindurch durch vermummte, schlagstocktragende Linksautonome. Weichen brennenden Mülltonnen aus. Hüpfen über Urinlachen, die in dem frischgefallenen Schnee, lustiige Muster hinterlassen haben und lassen uns nicht durch die Hausanschriften: "Dresden muss brennen" irritieren.
Daheim ist eines klar:
Heute nicht mehr raus! Heute daheim bleiben...
Erst um viertel vor zehn am Abend kehrt Ruhe ein. Und das, was der Tag eigentlich bringen sollte.
Ich öffne alle Fenster und lasse das Glockengeläut herein, was den Beginn der Bombennacht und das Gedenken an die dort Verstorbenen, will.
Nichts mehr - nichts weniger...
Und doch - noch immer unterbrochen von einem über der Neustadt kreisenden Polizeihubschrauber.
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