Wir gehen in den Berliner Zoo.
Warum auch nicht. In einer großen Stadt kann man in Zoos gehen. Da haben es die Tiere meistens gut. So denken wir - doch als wir in den Berliner Zoo kommen, wissen wir sofort: Weit gefehlt.
Hier hat niemand Platz.
Und weil uns die Elefanten und Giraffen und die Tiger und die Löwen leid tun und weil wir Vergleiche anstellen und es unfair finden, dass ein Meerschweinchen im Vergleich zu einem Wolf vergleichsweise viel mehr Platz zur Verfügung hat, sagen wir:
"Nur kurz ins Affenhaus. Nur ganz kurz und wenn es zu schlimm ist, gehen wir gleich wieder."
Im Affenhaus ist viel Trubel und der geht nicht von den Affen, sondern von den Menschen aus. Die Affen verstecken sich unter Stroh oder in den hintersten Winkeln, während ein kleiner, schmächtiger und irgendwie grau aussehender Mann mit einem Trolley auf uns zu gerollt kommt. Er hat einen aufgeschlagenen Aktenordner in der Hand und beginnt unvermittelt die Namen der Gorillas und Affen im Berliner Zoo aufzuzählen. Dabei zeigt er auf die Bilder.
"Das ist... und das ist... und das ist... hier sieht man sie wieder... und dort ist ... und ich denke dort sieht man... ganz besonders gut... Hier sieht man wieder ... und dort trinkt ... mit ... Kaffee. Das macht... besonders gern. Und dort war ... noch klein. Nicht so wie hier."
Ich kann den Namen nicht folgen und versuche mich höflich zu verabschieden. Aber diverse Versuche scheitern. Der graue Mann kann wohl einfach nicht ermessen, dass ich ihm nicht folgen kann. Nach vier Minuten der Versuche von Verabschiedung und Höflichkeit gebe ich auf und gehe schlichtweg weg. Das musste ich bislang bei noch niemandem machen. Irgendwann ist immer das erste Mal und so ist es halt hier - im Berliner Affenhaus. Und noch dazu unspektakulär. Ich dachte, dass so etwas spektakulärer daherkommt.
Und so stelle ich mich vor die Panzerglasscheibe, wo ein Gorilla ist. Ich beobachte die Menschen um mich herum. Sie schreien und rufen und machen sich gegenseitig auf den Gorilla aufmerksam. Als wäre das nicht augenscheinlich genug, dass nicht noch einmal darauf hingewiesen werden muss. Hätte ich dem grauen Mann besser zugehört oder die Gesichtszüge von Gorillas ebenso gut auseinanderhalten können wie er, hätte ich wohl auch den Namen des Gorillas gewusst, der dort wohnt.
Wie alles: Viel zu klein.
Und nun kommt er direkt an die Glasscheibe.
"Guck doch mal. Ein Gorilla."
"Ja. Guck doch mal. Ein Gorilla."
Er stellt sich hin, baut sich direkt vor dem Publikum auf. Eine Masse von Tier. Er zieht die Aufmerksamkeit in seinen Bann und ist ganz ruhig. Jeder Muskel seines Körpers ist in Spannung. Und nun bewegt er doch etwas. Er bewegt seinen Kopf - und nur seinen Kopf - ganz langsam von links nach rechts. So dass er jeden einzelnen ansieht. Ein Mensch pro Sekunde. Und es sind vierzig Menschen vor ihm. Er mustert einen jeden und das geht nicht schnell vonstatten. Die Spannung wird stärker. Das Publikum wird leiser ... Der Gorilla kommuniziert mit uns. Das spüre ich ganz genau.
Und dann ... unvermittelt, weil die Sekunde, wo es passiert nur von dem Gorilla selbst gewusst und bestimmt, schlägt er einmal mit der linken und einmal mit der rechten Pranke auf die Glasscheib. Nicht mehr. Nicht weniger. Zwei Schläge und wir haben verstanden.
Wir verlassen sofort das Affenhaus.
Tief beeindruckt.
Besser hätte man: "Verschwindet!" nicht sagen können.
Dienstag
Raubüberfall und Kinder in Essen
Da komme ich gerade aus Berlin und ich
bin nicht in Bochum, sondern in Essen gelandet. Auch wenn es mir leid
tut. Für mich sind beide Städte immer wieder erschreckend ähnlich.
Aber schließlich wohne ich dort nicht, sondern bin nur bei meiner
Familie zu Besuch.
„Kannst du das Kind von der
Tagesmutter abholen? Wir schreiben Dir auch auf, wo das ist.“
„Klar.“, sage ich in meinem neu
gewonnenen großstädtischen Selbstvertrauen. Obwohl ich mich in
diesem Moment nur allzu bildlich daran erinnere, wie ich am
vorhergehenden Tag nicht in der Lage war den Kinderwagen auch nur
einen Millimeter von der Seite zu bewegen, weil sich die Räder
verhakten.
„Klar. Kann ich machen.“, sage ich
noch ein wenig lauter und bejahe es innerlich. Ein bisschen helfen
muss ich, kann ich, will ich.. .und überhaupt... Ich will eine gute
Tante sein.
Auf der Ortsbeschreibung steht als
erstes eine fünfminütige U-Bahn Fahrt. Dann eine Viertelstunde zu
Fuß. Die eine Stunde, die ich dafür einkalkuliere müsste reichen.
Denn ich kenne mich. Mir begegnen
Menschen und Umwege. Das war schon immer so.
Und der erste Umweg beginnt schon vor
der Rolltreppe hinunter in den U-Bahn Schacht.
„JA.“, brüllt eine Frau. „Lauf
nur weg. Dann ist es ja kein Wunder, wenn dich deine Frau verlässt.“
Ich schaue zuerst dem Mann hinterher
und dann die Frau an, die eben diesen grandiosen Satz quer über den
Platz geschrien hat.
„Ich hab doch recht.“, sagt sie
nun. Ein wenig leiser. Jedoch ist es immer noch eine erhöhte
Frequenz. Vielleicht brauche ich doch keine Stunde für den Weg zu
dem Kind, denke ich. Für genau so etwas habe ich einen Puffer
gedacht. Und ich bleibe stehen und bin gewillt der Frau zuzuhören,
die mir wichtiges zu sagen hat.
„Na. Er ist Alkoholiker. Und jetzt
steht er vor Gericht. Aber er geht nicht hin. Ich meine- das ich
wirklich nicht so schlimm, was der gemacht hat. Also – ich meine.
Vielleicht will der ja auch in den Knast. Er war da schon mal drinn.
Wie wir alle halt. Wegen Schwarzfahren.“
„Echt?“
„Klar. Aber er ist echt ein harter
Fall. Der war wegen Schwarzfahren und Sachbeschädigung drin. Ich
mein... Das ist ja ne schöne Geste, dass er seiner Frau da die Liebe
beweisen wollte. Das versteh ich schon. Aber warum muss er das denn
das direkt vor ner Überwachungskamera tun? Na – aber sein
Kunstwerk kann man noch ansehen. Ist wirklich schön. Aber der
Saufkopp. Der dröhnt sich erst zu und macht das dann DI-REKT vor ner
Kamera. Der ist doch n Trottel.“
„Und wegen was ist er jetzt
angeklagt?“, frage ich leise und still. Ich schaue mir meine Schuhe
an und dann die Frau, die jetzt direkt vor mir steht. Sie müsste
jetzt nicht mehr so laut reden. Ich kann sie gut verstehen. Aber sie
redet trotzdem laut. Weil – das ist ihre Art. Dick ist sie. Groß
ist sie. Mit schlecht gefärbten blonden Haaren, einem Piercing in
der Nase und in der linken Augenbraue und an anderem Schmuck -
diverse Goldzähne im Mund. Sie hat eine Jeans an und eine zu enge
schwarze Lederjacke.
Jetzt sagt sie langsam: „Wegen
bewaffnetem Raub.“
„WAS?“, frage ich sie verdutzt.
„Ach.“, Sie macht eine wegwerfende
Handbewegung. „Das klingt schlimmer, als es ist. Es ist gar nicht
so schlimm. Also der Marcel hat nen Terrier. Und wenn man so ein
kleine Tier hat, dann darf man K.0. Spray bei sich führen. Das ist
voll erlaubt. Tja. Und dann war der beim Lidl drin und da hat er wohl
nen Flachmann mitgehen lassen. Und weil sie das Spray gefunden haben,
ist es gleich bewaffneter Raub.“
„Echt?!“ Ich bin verdattert. Aber
so etwas kann man sich nicht wirklich ausdenken. So etwas passiert.
Ist dem Mann passiert, der jetzt gerade wegläuft.
„Wenn das nicht so ein lieber Mann
wär, ne? Aber der hört ja nicht auf uns. Ich mein, ich kenn das.
Der ist wie ein Spiegel von mir. Weil – ich war ja auch
Alkoholiker. Da hab ich mir auch nicht helfen lassen. Da dacht ich
auch, ich brauch keinen. Dabei sind wir alle für ihn da. Und ich hab
noch ganz andere Probleme. Weil - deswegen haben die mir jetzt auch
meine Tochter weggenommen. Weil ich Beigebrauch hatte. In der
Schwangerschaft. Ich sag dir – Ehrlichkeit ist nicht immer gut. Ich
würde jetzt das Jugendamt immer anlügen. Aber das habe ich nicht
gemacht. Und als die fragten: Haben sie in der Schwangerschaft Drogen
genommen. Da hab ich ja gesagt. Ich meine – ich hätte einfach
lügen sollen. Klar musste das Baby auf Detox. Das ist ja klar. Wegen
dem Methadon und so. Aber ich hätt einfach nur lügen sollen.“
Ich bekomme immer nur hin gerade so zu
nicken. Weiter schaffe ich es nichts zu sagen. Mir schwirren Fake
Realitäten auf RTL2 im Kopf herum. Aber ich habe in letzter Zeit
nicht soviel Junk gesehen. Aber hier steht ein wahrhaftiger Mensch
mit großen Problemen vor mir... Aber ich muss los und sage es ihr.
Auf dem Weg hinunter zur U-Bahn erzählt
sie noch weiter, wie schwierig es ist das Kind wiederzubekommen und
was sie nicht alles leidet und steigt dann – ohne eine
Abschiedsformel – in die einfahrende U-Bahn ein. Es ist nicht
meine, wie ich auf dem handgeschriebenen Zettel meines Bruders
nachlesen kann. Jetzt muss ich zu deren Kind. Dem es – auch wenn
ich ein paar Minuten später kommen sollte – tausendmal besser geht
als dem Kind der Frau... So denke ich. Die Frau verabschiedet sich
nicht. Egal. Wir haben uns ja auch nicht begrüßt. Sie war mein
Umweg und mit Blick auf die Uhr, darf ich mir keinen anderen leisten.
Ich schaffe es zur Tagesmutter, die
mich mit schuldigem Gesicht ansieht.
„Die Lätzchen sind nicht dicht.“,
sagt sie und zeigt auf den beschmutzten Pullover.
„Ach je. Ist nicht so wild.“ Aber
sie will, obwohl es mir schnurz ist, dass das Kind dreckig ist, mir
diese Dinge mitteilen. Und als wäre es nicht schon genug an Details:
„Das Kind hatte ein wenig Durchfall.
Zweimal heute.“
„Ach. Hmm.“
Ich gucke sie abwartend an – ob sonst
noch irgendetwas kommt... das war es schon... Gut.
Blick auf das Kind – ist alles noch
dran und ist glücklich mich zu sehen... Gut... Gut... Gut...
Die Puppe muss mit und irgendwie muss
ich dem Kind die Nase putzen. Aber die Tagesmutter sieht meine
Hilflosigkeit angesichts dem Rotz, der sich klebenderweise um die
Nase des ansonsten so süßen Fratzes verteilt hat und lässt das
Kind schnauben. Noch ein weiteres GUT – GUT – auf meiner Liste.
Und das Kind und ich stapfen los. Also
ich stapfe – das Kind sitzt äußerst bequem im Wagen.
„Wirf die Puppe nicht aus der
Karre.“, wird der Satz, den ich an diesem Tag am häufigsten sage.
Ein weiterer oft gesagter Satz: „Wir finden den Fahrstuhl gleich,
Kind. Werd nur nicht panisch.“
Ersteres an das Kind gerichtet und
letzteres zu mir.
Da komme ich gerade aus Berlin und ich
bin nicht in Bochum, sondern in Essen gelandet. Und noch dazu im
U-Bahn System, was das Kind besser kennt als ich. Aber schließlich
schaffen wir es und kommen heil an.
Gott – wie bin ich stolz.
Montag
Salamat Pagi
Nach einer ewig langen
Busfahrt komme ich endlich in dieser großen Stadt an. Berlin. Ich
freue mich keinen Millimeter auf die DAZ Fortbildung und male mir,
nicht zu lange, denn man will ja nicht sofort in eine Depression
verfallen, immer wieder die dämlichen Leute aus, die ich dort
kennenlernen werde. Lehrerinnen aus Berlin – engagierte
Pädagoginnen. Wir werden dumme Ballspiele spielen müssen. Wir werde
uns selbstreflektierend über unseren Unterricht austauschen müssen.
Und überhaupt. Und überhaupt - Noch dazu in Berlin. Auf dem Hinweg
überlege ich, warum ich die Fortbildung nicht doch in Jena gemacht
habe. Dort hätte ich zumindestens keine Meinung über die Stadt. Bei
Berlin sind in mir Vorurteile eingebrannt. Gar keine wirklichen
Urteile, sondern tatsächliche Vorurteile. Denn dass was Hipp ist,
ist prinzipiell UnHipp. Dieses Gedankengut habe ich aus meiner
Pubertät herüberretten können. Es ist cool Berlin nicht zu mögen,
weil es uncool ist Berlin zu mögen. Nun ja. Ich habe das Ziel eine
positive Egal Haltung Berlin gegenüber einzunehmen, aber ich
scheitere schon am Klomann am ZOB.
50 Cent habe ich
eingeworfen, jedoch bewegt sich die Tür kein Stück. Weder vor noch
zurück. Der Mann, der nach wiederholtem Anrufen, nicht antwortet –
geschweige denn sich umguckt – reagiert dann doch.
„Was ziehen sie denn
auch?“, sagt er nur. Kurz angebunden und sichtlich genervt.
Meine Blase platzt fast
und ich antworte keck: „Es ging nicht und deswegen zog ich die
Tür.“
Keinerlei Pointe
bislang.
Nur einer der
unfreundlichen Berliner – wie ich denke. Und überhaupt: Berliner
sind ja gar keine Menschen, sondern eben halt … Berliner.
Er öffnet dann doch
die Tür, ich kann mich erleichtern und der kurze Geisteblitz:
Berliner sind auch Menschen – kommt mir in den Kopf.
„Herzlichen Dank.“,
sage ich im Weggehen und tatsächlich antwortet er:
„Wenn man muss, dann
ist manches auch schwerer.“
Da hat der gute Mann
wohl recht.
Ich fahre mit der
Ringbahn nach Schöneberg und bin tatsächlich begeistert ob der
alten Villen, dem sanften Herbstlicht und könnte mir fast vorstellen
dort wohnen zu können. Mit vielen Einschränkungen – jedoch macht
es einen schönen Eindruck.
Dann komme ich – nach
einer halben Stunde Kofferzieherei und dem drohenden Muskelkater
schon im Hinterkopf – bei meiner Fortbildungsstätte an.
Einführung,
Eisbrecherei, Powerpointpräsentation und Herumgeführe in der
Schule. Das einzig relevante ist die 85%ige Anwesenheitspflicht.
Herrjemeni. Alles wie erwartet. Doch das Blatt dreht sich noch auf
unglaublich nervige Art und Weise. Mit Uschi nämlich.
„So. Und jetzt kommt
die Uschi. Die wird mit euch eine Unterrichtsstunde halten in einer
Sprache, die ihr garantiert nicht kennt. Das ist dann unsere
Selbsterfahrung. Ihr habt eine Unterrichtsstunde, wo nur in der
Zielsprache geredet wird und könnt euch dann in euere Schüler
besser hineinfühlen.“
Uschi kommt und in dem
Moment, wo sie beginnt zu reden, könnte ich mich auch schon
übergeben.
Anfang zwanzig, mit
langen roten Haaren und ganz in mausgrau gekleidet. Sommersprossig
und braune Augen, die nicht lächeln oder grinsen oder großzügig
sind. Nein... Uschis Gesicht verzieht sich zu einer Fratze, die wohl
von Außenstehenden als Lächeln bezeichnet wird, sie hebt ihre
rechte Hand und winkt durch die Gegend und sagt immer wieder – und
immer und immer wieder:
„Selamat Pagi!“ -
„Selamat Pagi!“ - „Selamat Pagi.“
In einem hohen
Singsang, wie ihn Grundschullehrerinnen pflegen.
dü dü dü di dü.
„Ke-vin – Mal-te –
Nei Hein.“
„Ma-ja- ne – hier –
her.“
„Ich hass euch a –
lle.“
„Ihr seid so –
Schei – ße“
Nun – ich finde sie
furchtbar. Tatsächlich furchtbar unsympatisch und dieses Gefühl
verstärkt sich nur, als sie eine Karte herausholt und uns Indonesien
zeigt.
Das ist nun Land, in
das ich nunmehr eine tiefe Abneigung gefasst habe.
Sie redet irgendeinen
Wirrwarr von Affen und Borneo und Schnickschnack und dabei wippt sie
körperlich immer hin und her. Sie klettert bestimmt auch, denke ich.
Sie klettert und hüpft sehr gerne – aber sie lächelt nicht mit
den Augen. Und das ist wichtig als Lehrerin.
Nach „Selamat Pagi“
kommen noch: „Apa
kabar.“ und „Kabar baik.“ (Wie geht es dir? Mir geht es gut.)
und „Apa nama anda?“
- „Nama saya Uschi.“ (Wie ist dein Name? Mein Name ist Uschi.)
und noch dazu: „ Anda
dari mana?“ - „Saya dari Jerman.“ (Woher kommst du? Aus
Deutschland)
Immer in diesem
dämlichen Singsang, der mich abschalten lässt und nicht wieder zu
ihr zurückfinden lässt. Selbsterfahrung in einer Modellstunde, die
mich in den Wahnsinn zu treiben droht. Ich zähle die Minuten – ich
zähle die Sekunden und fühle mich in den Matheunterricht aus der
fünften Klasse versetzt, wo ich einfach nur weg wollte.
„Kopi“ - „Kaffee“
„jus jeruk“ -
„Orangensaft“
„Air“ - „Wasser“
„Man apa?“
„Man air.“
Ich mache Miene zum
bösen Spiel, sage am Ende der Stunde auch nicht dezidiert, dass ich
die Lehrerin wechseln würde, weil sie wie auf Crack wirkt...
Zappelig, unfreundlich, schnell und unsympatisch.
Meine Lehrerfahrung.
Langsam sprechen, so dass alle alles verstehen können.
Und doch... am nächsten
Morgen denke ich als erstes:
„Salamat...“
Willkommen in Berlin.
Samstag
Das Finanzamt
Ich nehme mir vor: Diesen Montag gehe
ich ins Finanzamt und frage, ob sie wirklich meine Sparbücher
pfänden wollen.
Ich nehme mir vor: Diesen Dienstag gehe
ich ins Finanzamt und frage, ob sie wirklich meine Sparbücher
pfänden wollen.
Ich nehme mir vor: Diesen Mittwoch gehe
ich ins Finanzamt und frage, ob sie wirklich meine Sparbücher
pfänden wollen und als ich dann davor stehe, habe ich solche Angst,
wie damals als ich aufbrach, um Kanada zu durchqueren. Wäre ich mal
am Montag gegangen.
Es ist ein großes, angsteinflößendes
Gebäude und als ich hineingehe, verliere ich mich sofort ein
bisschen. Nummer ziehen und warten. Und obwohl niemand vor mir steht
und ich gar keine Nummer ziehen müsste, mache ich es trotzdem. Weil:
Es ist das Finanzamt. Man sagt: Hier gibt es keinen Spaß. Also
lieber eine Nummer ziehen und nicht allzu irritiert sein, wenn nach
30 Sekunden eben diese Nummer in fetter Digitalanzeige erscheint und
man in das Zimmer B gerufen wird. Im übrigen das einzige Zimmer, was
besetzt ist. Weil: Es ist ja auch nichts los.
Der nette schwule Beamte mit
Nickelbrille guckt sich den Brief an, den ich von meiner Bank
bekommen habe. Pfändund hin und Pfändung her. Er schaut im Computer
nach meiner Steuernummer, die ich unvorbereiteterweise nicht mithabe
und schlägt nach, wohin er mich denn verweist bzw. verweisen sollte.
Er ist da unsicher und da ich es auch bin, trifft sich das ganz gut.
Er gibt mir eine Zimmernummer und einen
Namen und schickt mich dann nach links.
„Geht das immer so schnell bei
Ihnen?“, frage ich neugierig.
„Ach. Nein.“ Er sieht überrascht
aus, dass ihn jemand nett anspricht. „Aber Ihnen konnte ich ja
nicht weiter helfen.“
„Dankeschön.“, sage ich und bewege
mich Richtung Zimmer 222.
Natürlich ist es wie bei Hotels und
das Zimmer befindet sich im zweiten Stock. Hässlicher Teppichboden,
hässlicher Geruch und hässliche – halbtote – Pflanzen,
begleiten meinen Weg. Das einzig lustige ist eine alte Frau, die aus
dem Herrenklo kommt und laut: „Falsch!“ sagt.
Ich überlege mir derweil Sätze, die
man Finanzbeamten sagen könnte, damit sie einen mögen:
„Ach wissen Sie, ich habe da ganz
viele Dinge falsch gemacht. Sie wissen das ja sicher besser.“
oder
„Ich hatte keine Ahnung. Ich hielt
den ersten Brief von meiner Bank für Spam. Deshalb habe ich nicht
reagiert. Dass jetzt nur noch ein Tag bis zur Pfändung ist? Hmmm...
Ich hatte keine Ahnung.“
oder
„Sie haben sicherlich sehr viel zu
tun...“
Aber mit dem letzten Satz kam ich nicht
weiter, denn ich war schon vor Zimmer 222 angekommen. Ich klopfte,
wartete und erblasste, als eine Frau Ende vierzig mit hässlichem,
schwarzen, herausgewachsenen Bubikopf und ganz in der Modefarbe des
letzten Jahres, nämlich türkis, bekleidet ihren Kopf herausstreckte
und nur sagte: „Wir sind beschäftigt. Dauert nicht mehr lange.“
Dann schloss sich die Tür wieder und
ich betrachtete weiterhin hässliche Teppichböden, atmete hässlichen
Geruch und wollte halbtote Pflanzen wässern.
Aber die Tür hatte die Dame nur halb
geschlossen und so ging ich ein wenig näher, um zu lauschen:
„Nein. Sie müssen nicht so
schreien... Nein... Nein... Ich habe alles versucht... So beruhigen
Sie sich doch... Das ist kein Grund ausfallend zu werden... Ja...
Ausfallend... Aber ich habe doch keine Schuld... Ich habe wirklich
versucht...Nein... Nein...“
Leider wurde justamente bemerkt, dass
die Tür nur angelehnt war und sie wurde verschlossen. Schade. Aber
ich wusste jetzt: Höflichkeit war meine gewählte Waffe.
Die Dame in Türkis kam wieder heraus –
nachdem ich zehn Minuten lang versucht hatte Schweißausbrüche zu
vermeiden – und nahm auf dem Flur meine Daten auf.
„Kann ich Ihnen schon weiterhelfen?
Also – worum geht es denn?“ Sie fragte dies mit zitternder Stimme
und abwesendem Blick.
Ich beantwortete ihr alles äußerst
höflich und zuvorkommend und so bat sie mich denn in ihr Büro. Auf
8 Quadratmetern stapelten sich an allen Wänden Aktenberge und drei
Frauen saßen an einem Schreibtisch mittendrinn. Wenn ich eine
Krawatte gehabt hätte, hätte ich sie jetzt gelockert. Denn dieses
Zimmer nahm wohl jedem alle Luft.
„Kommen Sie mal her?“, sagte die
Dame in Türkis und wollte mich gleich in eine andere Abteilung
schicken.
„Nee. Nee.“, sagte die Frau, die
ihr gegenüber saß. Burschikos mit lockerer Kleidung und
herausgewachsener Dauerwelle. „Das ist ja eigentlich meine. Mit KA
hinten. Ich hab auch schon ihre Akte. Kommen Sie mal her. Ich heiße
Stamm.“
„Das ist schon mal ein gutes
Zeichen.“, dachte ich. Stamm ist ein guter Name für eine
Finanzbeamtin und ich benutzte die erste Variante von Sätzen:
„Ach wissen Sie, ich habe da ganz
viele Dinge falsch gemacht. Sie wissen das ja sicher besser.“
„Zeigen Sie erstmal. Ohhh ja. Da
müssen Sie eine Steuererklärung machen für das Jahr 2010.“
„Echt?“
„Ja. Das müssen Sie.“
„Auch wenn ich ganz wenig verdient
habe?“
„Ja. Das müssen Sie. Wer sich einmal
aufs Finanzamt einlässt, der muss es dann immer wieder.“
„Hmm.“
„Wissen Sie was? Sie kommen einfach
morgen wieder und bringen Ihre Einnahmen – Überschuss Rechnung mit
und dann klären wir das.“
„Und dann wird nicht gepfändet?“
„Nun ja. Ich sag mal so: Gepfändet
wird nur, wenn man die Pfändung auch in Auftrag gibt.“
„Ahhhh.“, sagte ich und lächelte
sie an.
„Und wie macht man eine
Steuererklärung?“
„Ach wissen Sie? Kommen sie einfach
mit.“
Frau Stamm stand auf und ich trottelte
hinter ihr her. Sie führte mich in die Eingangshalle, wo jede Menge
Dokumente lagen und zog einige heraus.
„Also Sie brauchen Anlage XY und
Anlage YX und überhaupt müssen Sie das ...und das... und das... un
– be – dingt ausfüllen.“
Frau Stamm kam mir wie eine Magierin
vor, die ein Kaninchen aus einem schwarzen Zylinder gezogen hatte und
dass sie eine Alkoholfahne von hier bis in den Jemen hatte war
verständlich und mir echt egal.
„Ich dachte immer die Leute im
Finanzamt sind alle furchtbar.“, rutschte es mir heraus.
„Ja. Das denkt man. Und das SOLL man
auch denken.“, lächelte sie zurück und sagte dann:
„Sie müssen mir auf die Hand
versprechen, dass sie morgen damit vorbeikommen.“
„Morgen?!“
„Ja. Morgen!“, sagte sie und
dultete keinen Wiederspruch.
Sie entließ mich und ich fuhr mit
vollem Herzen nach Hause. Gottseidank. Das wäre doch gelacht und ich
lachte tatsächlich die Frau mit Tourettesyndrom, die alle 30
Sekunden bellte wie ein Hund und die ansonsten von allen anderen
Passagieren versucht wurde zu ignorieren – was für ein Quatsch - ,
voller Naivität an.
Ich nehme mir vor: Diesen Montag mache
ich meine Steuererklärung für 2011
Ich nehme mir vor: Diesen Dienstag
mache ich meine Steuererklärung für 2011
...
Profanität einer Kündigung
Der Sohn vom Chef. Ach – wie soll ich
anfangen. Der Sohn vom Chef ist ein BWLer und für die Kundenaquise
im Unternehmen zuständig? Nein. Nein. Der Sohn vom Chef ist AUCH
zuständig für die IPads. Ja. Das ist der richtige Anfang, um die
unlustig – lustige Geschichte meiner jüngsten Kündigung zu
erzählen. Denn Ipads sind wichtig und waren teuer und alle Lehrer
haben nun eins und das ist nicht nur wegen der Steuereinsparung.
Nein! Das ist vor allem dafür da, dass die Lehrer es einfacher
haben. Nun ja...
Die Personalerin rief mich eines
Dienstags an:
„Kannst du morgen einspringen? Ich
habe niemanden. Kannst du bitte kommen? Ich bin schon fast im Urlaub
und ich habe keine Lust mehr.“ Sie bettelte fast und so sagte ich
zu:
„Ja. Kann ich wohl machen. Es sind ja
Herbstferien und ich kann nachmittags arbeiten.“
„Oh. Dankeschön.“
So schnappte ich mir am nächsten Tag
mein Ipad, wo die Unterrichtsmaterialien hübsch ordentlich
abgespeichert sind und machte mich auf den Weg. Pünktlich wie immer
– natürlich muss ich das jetzt sagen und tatsächlich kam ich in
meiner zehnmonatigen Arbeitszeit bei diesem Job nie unpünktlich,
sondern immer zehn Minuten zu früh – war ich im Büro. Auf meinem
Ipad sollten noch Aktualisierungen vorgenommen werden. Unter anderem
ein „Deutsch für Ärzte“ Buch. Gut. Gut. Leider hatte ich nicht
mit dem Extra 3 Podcast gerechnet, welcher sich auf dem Ipad befand
und welcher die letzten 100 000 Folgen von Extra 3 heruntergeladen
und somit meine Speicher gesprengt hatten.
Der Sohn vom Chef war „not amused“.
Erschwerte es seine Arbeit doch um einiges. In etwa zwei Minuten.
Lassen wir es fünf sein. Immer hübsch fair bleiben.
Beim eigentlichen Unterricht wurde
klar, dass der Arzt aus Bulgarien gar kein „Deutsch für Ärzte“
lernen will, sondern stattdessen seine Angst vor dem Telefon und die
Aktivierung seines passiven Wortschatzes betreiben wollte. Klar.
Machen wir. Kriegen wir hin. Keine Panik.
Und es ist wirklich eine unlustige
Geschichte, merke ich, wo ich das jetzt schreibe, denn bei der
Terminabsprache – also wann denn der Arzt und ich gemeinsam die
Passivität abbauen und die Aktivierung der Sprache betreiben würden
– gestaltete sich als schwierig. Vom Sohn vom Chef künstlich
schwierig gehalten. Ich kenne meinen Plan.
„Dienstag Abend könnte ich. Mittwoch
auch. Die anderen Tage kann ich leider nicht, da die Herbstferien
nächste Woche vorbei sind.“
Schluss und aus. Die Personalerin
verschwand in den Urlaub und in dem Sohn vom Chef schien es zu gären.
Denn diese beiden Dinge. Meine Aussage (VOR dem Kunden), dass ich nur
am Dienstag und Mittwoch des Abends könnte und die Tatsache, dass
Extra 3 meinen Speicherplatz gefressen hatte, reichten aus.
Der Sohn vom Chef
KANN
NICHT
mit mir zusammenarbeiten. So sagte er es seiner Mutter. Der Chefin. Und so
sagte er es seinem Vater. Dem Chef.
Mir hingegen sagte er nichts. Weil wir ja nie wirklich zusammengearbeitet haben.Es
erreichte mich nur die Aufforderung (in einer förmlichen Mail, ohne
ein Wort zuviel - jedoch mit jeder Menge Rechtschreibfehlern) das
Ipad jetzt wieder zurückzugeben. Ich bräuchte es ja nicht und
andere bräuchten es mehr.
„Was ist denn los? Warum arbeitest du
nicht mehr hier? Was ist denn passiert? Ich kam aus dem Urlaub und
ein neuer B2 Kurs hat begonnen und du warst nicht da? Nur der Olaf?“
Ach der Olaf, den ich dem Unternehmen
wärmstens empfohlen hatte. Der hat jetzt meinen Job, dachte ich bei
mir und war – tatsächlich und tief in meinem Inneren –
hochgradig amüsiert.
Der Sohn vom Chef. Ach – wie soll ich
enden...oder ihm ohne zu Lachen mit ganzer Professionalität in die Augen sehen?
Nur 20 Jahre
Museumsnacht in Dresden. Man könnte alle Museen ansehen. Die alten Meister, das grüne Gewölbe und überhaupt... das Albertinum oder so... Aber ich gehe in die Gedenkstätte Bautzener Straße. Die alte Dresdner Stasi Zentrale nebst Untersuchungsgefängnis direkt an der Elbe - da wo auch Putin während seiner Dresden Zeit sein Büro hatte - findet eine Theaterperformance mit Jugendlichen statt.
Schon als ich die Gänge hineintrete und die typischen Gefängnistreppenaufgänge sehe, beschleicht mich das Gruselgefühl, was ich auch schon in Bautzen hatte. Gefängnis ist anscheinend Gefängnis. Soweit man das nach dem Besuch von zwei Gefängnissen sagen kann. Mehrfach verwendet - von Regime zu Regime weitergegeben. Eingesperrt unter Hitler, eingesperrt unter SED, DDR, KPD und Sowietunion. Ob nun Flugblätter gegen die NSDAP oder gegen die STASI ... dafür wird man halt eingesperrt. Freiheitsdrang wird mit Freiheitsentzug bestraft. Der Wunsch ein Schmetterling zu sein mit dem Stutzen von kleinen Flügelchen.
PVC Böden und ein Geruch, der frischgewachst und doch abgelutscht in die geputzten Nasen der Besucher dringt.
Jugendliche, ganz in schwarz gekleidet und sich mit dieser altklugen Art und Weise ernstnehmend, die jedes Unrecht verurteilt und noch unbelastet nach dem "WARUM" fragen kann, ohne gleich die Antwort: "Darauf gibt es keine Antwort" parat zu haben, treten an die Oberfläche und sprechen zu dem Publikum.
"Kommen Sie mit. Wir entführen Sie in das Gefängnis. Am besten nur 30 zur Zeit. Wir machen die Performance dann ein zweites Mal. Heute ist leider eine Schauspielerin nicht aufgetaucht. Wir wissen nicht warum. Aber wir tun unser Bestes."
Schon werfen sie sich malerisch auf den Boden, werden von Wächtern hinter Türen verstaut und fliehen, der harte Kern der drei Insassen, durch die Gänge. Und das Publikum marschiert tapfer mit. Wir fliehen in das Gefängnis und nicht heraus.
"Zum Verhörraum" sehe ich ein Schild an der Wand. Und der schmale enge Gang, wo man die Decke auf einen herunterfallen sieht, füllt sich mit Geistern. Die Namen haben die Schüler angebracht - ein Zettel fällt herunter: Michael Schmidt (1919 - 1954) Zwei Kriege, denke ich. Der Herr hat zwei Kriege und Nachkriegszeiten überlebt. Hier ist er nun gestorben.
Gekachelte Wände - gekachelter Boden - praktisch, um (un) erbetene Flüssigkeiten, von "Verbrechern" abgesondert schnell unsichtbar zu machen.
Auch wenn man nicht an Geister oder an Gespenster glaubt. Weder die Existenz eines Gottes oder Teufels für irgendwie realistisch hält, so haben doch Orte anscheinend ein Gedächtnis.
Die Stimmung ist unvergleichbar - 80 Jahre Folter - Nun ja vielleicht 60, denn schon 20 Jahre gibt es die Wende.
Wir werden geführt und uns wird klar gemacht, wie willkürlich ein jedes Unrechtsregime handelt. Den freidenkenden gegenüber... und überhaupt.
Und es wird geklatscht und man ist erleichtert, als es vorbei ist.
Eine Frau mit wachen blauen Augen bleibt noch ein wenig im Hof und ich trete an sie heran. Mit irgendeinem Spruch, der an der Oberfläche die Tiefe anspricht und sie beginnt zu erzählen:
"Damals... 89... Als wir dieses Gefängnis hier gestürmt haben."
"Was?"
Ihre Geschichte des Erlebten ist direkt unter der Oberfläche und ihre Augen blitzen, ihre Stimme bebt und sie ist wieder ganz in diesem Moment.
"Also es fing ganz harmlos an. Wir Kunststudenten wollten die Mauer anmalen. Und sind mit Farben hergekommen und haben gemalt. Erst waren es nur ein paar und dann kamen immer mehr und immer mehr. Auf einmal war es ein Mob. Jemand rief: "Schreibt: Wo ist Jürgen Schmidt." oder irgend ein anderer Name. Und das schrieben wir dann dran. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Die wollten rein. Ich kenne auch jede Menge Studenten, die noch nach Bautzen gebracht worden sind. Die sind natürlich alle nach der Wende sofort entlassen worden. Aber trotzdem. Wir hatten Angst um die. Hier in Dresden hörte man richtig die Schredder. Es wurden Akten und Akten vernichtet. Dann gingen wir in das Gefängnis. Also ich ging nicht mit, weil ich meine Tochter dabei hatte..."
Ein Mann kommt dazu. Einer mit blitzenden Augen und wilden Haaren, der für die nächste Performance aufbauen will. Er sagt nur:
"Ach. Du warst auch dabei?"
Menschen um die 40, die damals jung waren. Sie verlieren sich in den Gedanken an damals.
"Ich meine, die hatten alle Kalaschnikovs. Dass da niemand geschossen hat, ist der Wahnsinn."
"Wir hatten solche Angst. ABer gleichzeitig das GEfühl, dass wir das jetzt tun müssen."
"Einer hat erzählt, er ist reingekommen und hat einen Spind aufgemacht. Und dort waren jede Menge Ausweise. Die Frage ist nur: Wem gehörten diese Ausweise? Gruselig, oder?"
"Man kam rein und überall lag Papier. Dokumente, die noch nicht zerstört waren. Ich meine - da waren Leute drinnen und die haben noch für das Regime gearbeitet. Immer noch. Obwohl alles schon zerstört war."
"Sie haben ihre Haut gerettet."
"Ja. Das haben sie."
Zeitzeugen in Dresden. Wozu denn alle Museen ansehen, wenn eines reicht. Die Lebendigkeit der ERlebnisse.
Schon als ich die Gänge hineintrete und die typischen Gefängnistreppenaufgänge sehe, beschleicht mich das Gruselgefühl, was ich auch schon in Bautzen hatte. Gefängnis ist anscheinend Gefängnis. Soweit man das nach dem Besuch von zwei Gefängnissen sagen kann. Mehrfach verwendet - von Regime zu Regime weitergegeben. Eingesperrt unter Hitler, eingesperrt unter SED, DDR, KPD und Sowietunion. Ob nun Flugblätter gegen die NSDAP oder gegen die STASI ... dafür wird man halt eingesperrt. Freiheitsdrang wird mit Freiheitsentzug bestraft. Der Wunsch ein Schmetterling zu sein mit dem Stutzen von kleinen Flügelchen.
PVC Böden und ein Geruch, der frischgewachst und doch abgelutscht in die geputzten Nasen der Besucher dringt.
Jugendliche, ganz in schwarz gekleidet und sich mit dieser altklugen Art und Weise ernstnehmend, die jedes Unrecht verurteilt und noch unbelastet nach dem "WARUM" fragen kann, ohne gleich die Antwort: "Darauf gibt es keine Antwort" parat zu haben, treten an die Oberfläche und sprechen zu dem Publikum.
"Kommen Sie mit. Wir entführen Sie in das Gefängnis. Am besten nur 30 zur Zeit. Wir machen die Performance dann ein zweites Mal. Heute ist leider eine Schauspielerin nicht aufgetaucht. Wir wissen nicht warum. Aber wir tun unser Bestes."
Schon werfen sie sich malerisch auf den Boden, werden von Wächtern hinter Türen verstaut und fliehen, der harte Kern der drei Insassen, durch die Gänge. Und das Publikum marschiert tapfer mit. Wir fliehen in das Gefängnis und nicht heraus.
"Zum Verhörraum" sehe ich ein Schild an der Wand. Und der schmale enge Gang, wo man die Decke auf einen herunterfallen sieht, füllt sich mit Geistern. Die Namen haben die Schüler angebracht - ein Zettel fällt herunter: Michael Schmidt (1919 - 1954) Zwei Kriege, denke ich. Der Herr hat zwei Kriege und Nachkriegszeiten überlebt. Hier ist er nun gestorben.
Gekachelte Wände - gekachelter Boden - praktisch, um (un) erbetene Flüssigkeiten, von "Verbrechern" abgesondert schnell unsichtbar zu machen.
Auch wenn man nicht an Geister oder an Gespenster glaubt. Weder die Existenz eines Gottes oder Teufels für irgendwie realistisch hält, so haben doch Orte anscheinend ein Gedächtnis.
Die Stimmung ist unvergleichbar - 80 Jahre Folter - Nun ja vielleicht 60, denn schon 20 Jahre gibt es die Wende.
Wir werden geführt und uns wird klar gemacht, wie willkürlich ein jedes Unrechtsregime handelt. Den freidenkenden gegenüber... und überhaupt.
Und es wird geklatscht und man ist erleichtert, als es vorbei ist.
Eine Frau mit wachen blauen Augen bleibt noch ein wenig im Hof und ich trete an sie heran. Mit irgendeinem Spruch, der an der Oberfläche die Tiefe anspricht und sie beginnt zu erzählen:
"Damals... 89... Als wir dieses Gefängnis hier gestürmt haben."
"Was?"
Ihre Geschichte des Erlebten ist direkt unter der Oberfläche und ihre Augen blitzen, ihre Stimme bebt und sie ist wieder ganz in diesem Moment.
"Also es fing ganz harmlos an. Wir Kunststudenten wollten die Mauer anmalen. Und sind mit Farben hergekommen und haben gemalt. Erst waren es nur ein paar und dann kamen immer mehr und immer mehr. Auf einmal war es ein Mob. Jemand rief: "Schreibt: Wo ist Jürgen Schmidt." oder irgend ein anderer Name. Und das schrieben wir dann dran. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Die wollten rein. Ich kenne auch jede Menge Studenten, die noch nach Bautzen gebracht worden sind. Die sind natürlich alle nach der Wende sofort entlassen worden. Aber trotzdem. Wir hatten Angst um die. Hier in Dresden hörte man richtig die Schredder. Es wurden Akten und Akten vernichtet. Dann gingen wir in das Gefängnis. Also ich ging nicht mit, weil ich meine Tochter dabei hatte..."
Ein Mann kommt dazu. Einer mit blitzenden Augen und wilden Haaren, der für die nächste Performance aufbauen will. Er sagt nur:
"Ach. Du warst auch dabei?"
Menschen um die 40, die damals jung waren. Sie verlieren sich in den Gedanken an damals.
"Ich meine, die hatten alle Kalaschnikovs. Dass da niemand geschossen hat, ist der Wahnsinn."
"Wir hatten solche Angst. ABer gleichzeitig das GEfühl, dass wir das jetzt tun müssen."
"Einer hat erzählt, er ist reingekommen und hat einen Spind aufgemacht. Und dort waren jede Menge Ausweise. Die Frage ist nur: Wem gehörten diese Ausweise? Gruselig, oder?"
"Man kam rein und überall lag Papier. Dokumente, die noch nicht zerstört waren. Ich meine - da waren Leute drinnen und die haben noch für das Regime gearbeitet. Immer noch. Obwohl alles schon zerstört war."
"Sie haben ihre Haut gerettet."
"Ja. Das haben sie."
Zeitzeugen in Dresden. Wozu denn alle Museen ansehen, wenn eines reicht. Die Lebendigkeit der ERlebnisse.
Dienstag
Dresden im Februar 2012
Bei der Menschenkette stehen eine Freundin und ich mit ein paar Studenten zusammen, die über sächsische Begrifflichkeiten reden. "Hier geht man nicht ins Fitnessstudio. Hier geht man ins "Fitti""
Wie auf Kommando joggt ein Mann mit rot blinkendem Kopf an der Menschenkette vorbei. An Ignoranz kaum zu überbieten. Er hat wohl einen Trainingsplan - und von dem soll nicht abgewichen werden. Das sollte der Fotograf knipsen, der jetzt zu fünf händchenhaltenden Menschen sagt: "Tut so, als wäre ich nicht da. Wir machen jetzt ein schönes Foto."
Es geht nicht in den Kopf, dass genau jetzt vor 67 Jahren Dresden noch stand und ein paar Stunden später in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Frauenkirche, die Hofkirche, die Brücken. Es wurde wieder aufgebaut und erweckt den Schein, dass alles hinter sich zu haben. Hier haben sich Menschen, die brannten in die Elbe geworfen. Genau an dieser Stelle, vielleicht mit solch einem Minusgrade - Schnee - Wetter. Menschen, wie Du und ich. Menschen wie wir. Nur hungernd, frierend, unsicher und eine (falschen) Ideals beraubt. Unmöglich es sich vorzustellen. Und doch versuche ich es, als ich mit 1000senden von Dresdnern um 18 Uhr die Händchen halte.
Wie schon in den letzten Jahren gewohnt begleiten nicht nur die Töne von Kirchenglocken, sondern auch Hubschrauberlärm die friedliche Demonstration.
"Nach der Menschenkette treffen wir uns auf dem Postplatz. Es geht darum den Aufmarsch der Neonazis zu verhindern." Dies hatte uns ein netter, höflicher und junger Mensch gesagt und uns einen Flyer in die Hand gedrückt.
Es ist nicht nur Bürgerpflicht zur Menschenkette zu gehen, sondern auch zur Gegendemonstration, beschließe ich. Schließlich soll der Tag der Zerbombung Dresdens nicht durch die Neonazis zu einem Opfertag der Deutschen hochstilisiert werden können.
Und wir gehen zum Postplatz, nicht ohne das Handy auszuschalten - denn wir haben uns an einen Big Brother Staat angepasst, und werden dort weiter zur St. Annen Kirche geleitet. Auf in den Kampf. Polizisten in Kampfmontur, mit Darth Vader Mundmasken in weiß und kugelsicheren Westen weisen uns den Weg. Nicht zu vergessen die zwei Hubschrauber, die aufzeigen, in welcher Richtung die meisten Autonomen bzw. Neonazis unterwegs sind.
Die Stimmung schwankt zwischen Aggressivität und Rebellentum. Zwischen verhaltener, ja fast schüchterner und kampfbereiter Laune. Eine manisch depressive Stimmung, die jederzeit zu kippen droht.
Amüsant, als unvermutet ein Kleinbus mit vier Lautsprechern auf dem Dach mit rasanter Geschwindigkeit und lauter Reggea Musik herangefahren kommt, welche dann schnell von Rio Reiser abgelöst wird. Wir laufen hinterher. Wie der Rattenfänger von Hameln, denke ich und überlege, ob der Vergleich hinkt. Musik wird gespielt und wir laufen hinterher. Irren herum und laufen durch Wohngebiete. "Wir sind links. Wir sind gegen Kapitalismus" - So etwas in der Art wird gesungen und ich bin mittendrin und versuche mich vor Eindrücken zu retten. Inmitten des Wohngebietes ein jäher Halt, die Demonstranten verteilen sich und lachen laut auf, als der Kleinbusfahrer fragt: "Kennt sich hier jemand von euch in Dresden aus?"
Schwarze Polizisten, die eine kampfsichere Burka tragen. Man kann nur die Augen sehen - ansonsten sind sie verhüllt. Ob ihnen schon einmal dieser Vergleich in den Kopf gekommen ist? Zum Schutz gegen andere - Zum Schutz, wenn sie auf unbewaffnete Menschen einknüppeln.
Wer sind diese vermummten Menschen?
Eine ältere Dame mit einer neongelben Weste, auf der hinten mit großen Lettern geschrieben steht: "Parlamentarischer Beobachter", bahnt sich ihren Weg und fragt einen Burka Polizisten gewiss etwas mit Substanz.
Ein Polizist, der anscheinend die Aufgabe hateine Kamera in die Masse zu halten, macht genau dies.
Flaggen über Flaggen, Waffen über Waffen, Menschen über Menschen -
Der Wasserwerfer, der Angst macht und der drei Fronten Belagerungszustand: Neonazis, Gegendemonstranten, Polizei.
Polizeiautos, die noch mit grünen und nicht mit blauen Streifen versehen sind stehen herum und bilden eine Mauer. Sie zeigen, dass zum letzten Kampf gerüstet und im Notfall die letzten Reserven aufgeboten werden.
Und immer wieder die Frage: Wohin würden wir uns retten, falls die Situation eskaliert? Hinter die Polizeiautos? Hinter die Häuserecken?
Nach einiger Zeit, als alle frieren und die Neonaziaufmarsch zwar stattfindet - jedoch verkürzt. Gehen wir wieder. Ein ungutes Gefühl bleibt zurück und die Trauer um tausende von Menschen, die genau zu dieser STunde - gegen viertel vor zehn ... gestorben sind.
Wie auf Kommando joggt ein Mann mit rot blinkendem Kopf an der Menschenkette vorbei. An Ignoranz kaum zu überbieten. Er hat wohl einen Trainingsplan - und von dem soll nicht abgewichen werden. Das sollte der Fotograf knipsen, der jetzt zu fünf händchenhaltenden Menschen sagt: "Tut so, als wäre ich nicht da. Wir machen jetzt ein schönes Foto."
Es geht nicht in den Kopf, dass genau jetzt vor 67 Jahren Dresden noch stand und ein paar Stunden später in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Frauenkirche, die Hofkirche, die Brücken. Es wurde wieder aufgebaut und erweckt den Schein, dass alles hinter sich zu haben. Hier haben sich Menschen, die brannten in die Elbe geworfen. Genau an dieser Stelle, vielleicht mit solch einem Minusgrade - Schnee - Wetter. Menschen, wie Du und ich. Menschen wie wir. Nur hungernd, frierend, unsicher und eine (falschen) Ideals beraubt. Unmöglich es sich vorzustellen. Und doch versuche ich es, als ich mit 1000senden von Dresdnern um 18 Uhr die Händchen halte.
Wie schon in den letzten Jahren gewohnt begleiten nicht nur die Töne von Kirchenglocken, sondern auch Hubschrauberlärm die friedliche Demonstration.
"Nach der Menschenkette treffen wir uns auf dem Postplatz. Es geht darum den Aufmarsch der Neonazis zu verhindern." Dies hatte uns ein netter, höflicher und junger Mensch gesagt und uns einen Flyer in die Hand gedrückt.
Es ist nicht nur Bürgerpflicht zur Menschenkette zu gehen, sondern auch zur Gegendemonstration, beschließe ich. Schließlich soll der Tag der Zerbombung Dresdens nicht durch die Neonazis zu einem Opfertag der Deutschen hochstilisiert werden können.
Und wir gehen zum Postplatz, nicht ohne das Handy auszuschalten - denn wir haben uns an einen Big Brother Staat angepasst, und werden dort weiter zur St. Annen Kirche geleitet. Auf in den Kampf. Polizisten in Kampfmontur, mit Darth Vader Mundmasken in weiß und kugelsicheren Westen weisen uns den Weg. Nicht zu vergessen die zwei Hubschrauber, die aufzeigen, in welcher Richtung die meisten Autonomen bzw. Neonazis unterwegs sind.
Die Stimmung schwankt zwischen Aggressivität und Rebellentum. Zwischen verhaltener, ja fast schüchterner und kampfbereiter Laune. Eine manisch depressive Stimmung, die jederzeit zu kippen droht.
Amüsant, als unvermutet ein Kleinbus mit vier Lautsprechern auf dem Dach mit rasanter Geschwindigkeit und lauter Reggea Musik herangefahren kommt, welche dann schnell von Rio Reiser abgelöst wird. Wir laufen hinterher. Wie der Rattenfänger von Hameln, denke ich und überlege, ob der Vergleich hinkt. Musik wird gespielt und wir laufen hinterher. Irren herum und laufen durch Wohngebiete. "Wir sind links. Wir sind gegen Kapitalismus" - So etwas in der Art wird gesungen und ich bin mittendrin und versuche mich vor Eindrücken zu retten. Inmitten des Wohngebietes ein jäher Halt, die Demonstranten verteilen sich und lachen laut auf, als der Kleinbusfahrer fragt: "Kennt sich hier jemand von euch in Dresden aus?"
Schwarze Polizisten, die eine kampfsichere Burka tragen. Man kann nur die Augen sehen - ansonsten sind sie verhüllt. Ob ihnen schon einmal dieser Vergleich in den Kopf gekommen ist? Zum Schutz gegen andere - Zum Schutz, wenn sie auf unbewaffnete Menschen einknüppeln.
Wer sind diese vermummten Menschen?
Eine ältere Dame mit einer neongelben Weste, auf der hinten mit großen Lettern geschrieben steht: "Parlamentarischer Beobachter", bahnt sich ihren Weg und fragt einen Burka Polizisten gewiss etwas mit Substanz.
Ein Polizist, der anscheinend die Aufgabe hateine Kamera in die Masse zu halten, macht genau dies.
Flaggen über Flaggen, Waffen über Waffen, Menschen über Menschen -
Der Wasserwerfer, der Angst macht und der drei Fronten Belagerungszustand: Neonazis, Gegendemonstranten, Polizei.
Polizeiautos, die noch mit grünen und nicht mit blauen Streifen versehen sind stehen herum und bilden eine Mauer. Sie zeigen, dass zum letzten Kampf gerüstet und im Notfall die letzten Reserven aufgeboten werden.
Und immer wieder die Frage: Wohin würden wir uns retten, falls die Situation eskaliert? Hinter die Polizeiautos? Hinter die Häuserecken?
Nach einiger Zeit, als alle frieren und die Neonaziaufmarsch zwar stattfindet - jedoch verkürzt. Gehen wir wieder. Ein ungutes Gefühl bleibt zurück und die Trauer um tausende von Menschen, die genau zu dieser STunde - gegen viertel vor zehn ... gestorben sind.
Abonnieren
Posts (Atom)