Bei der Menschenkette stehen eine Freundin und ich mit ein paar Studenten zusammen, die über sächsische Begrifflichkeiten reden. "Hier geht man nicht ins Fitnessstudio. Hier geht man ins "Fitti""
Wie auf Kommando joggt ein Mann mit rot blinkendem Kopf an der Menschenkette vorbei. An Ignoranz kaum zu überbieten. Er hat wohl einen Trainingsplan - und von dem soll nicht abgewichen werden. Das sollte der Fotograf knipsen, der jetzt zu fünf händchenhaltenden Menschen sagt: "Tut so, als wäre ich nicht da. Wir machen jetzt ein schönes Foto."
Es geht nicht in den Kopf, dass genau jetzt vor 67 Jahren Dresden noch stand und ein paar Stunden später in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Frauenkirche, die Hofkirche, die Brücken. Es wurde wieder aufgebaut und erweckt den Schein, dass alles hinter sich zu haben. Hier haben sich Menschen, die brannten in die Elbe geworfen. Genau an dieser Stelle, vielleicht mit solch einem Minusgrade - Schnee - Wetter. Menschen, wie Du und ich. Menschen wie wir. Nur hungernd, frierend, unsicher und eine (falschen) Ideals beraubt. Unmöglich es sich vorzustellen. Und doch versuche ich es, als ich mit 1000senden von Dresdnern um 18 Uhr die Händchen halte.
Wie schon in den letzten Jahren gewohnt begleiten nicht nur die Töne von Kirchenglocken, sondern auch Hubschrauberlärm die friedliche Demonstration.
"Nach der Menschenkette treffen wir uns auf dem Postplatz. Es geht darum den Aufmarsch der Neonazis zu verhindern." Dies hatte uns ein netter, höflicher und junger Mensch gesagt und uns einen Flyer in die Hand gedrückt.
Es ist nicht nur Bürgerpflicht zur Menschenkette zu gehen, sondern auch zur Gegendemonstration, beschließe ich. Schließlich soll der Tag der Zerbombung Dresdens nicht durch die Neonazis zu einem Opfertag der Deutschen hochstilisiert werden können.
Und wir gehen zum Postplatz, nicht ohne das Handy auszuschalten - denn wir haben uns an einen Big Brother Staat angepasst, und werden dort weiter zur St. Annen Kirche geleitet. Auf in den Kampf. Polizisten in Kampfmontur, mit Darth Vader Mundmasken in weiß und kugelsicheren Westen weisen uns den Weg. Nicht zu vergessen die zwei Hubschrauber, die aufzeigen, in welcher Richtung die meisten Autonomen bzw. Neonazis unterwegs sind.
Die Stimmung schwankt zwischen Aggressivität und Rebellentum. Zwischen verhaltener, ja fast schüchterner und kampfbereiter Laune. Eine manisch depressive Stimmung, die jederzeit zu kippen droht.
Amüsant, als unvermutet ein Kleinbus mit vier Lautsprechern auf dem Dach mit rasanter Geschwindigkeit und lauter Reggea Musik herangefahren kommt, welche dann schnell von Rio Reiser abgelöst wird. Wir laufen hinterher. Wie der Rattenfänger von Hameln, denke ich und überlege, ob der Vergleich hinkt. Musik wird gespielt und wir laufen hinterher. Irren herum und laufen durch Wohngebiete. "Wir sind links. Wir sind gegen Kapitalismus" - So etwas in der Art wird gesungen und ich bin mittendrin und versuche mich vor Eindrücken zu retten. Inmitten des Wohngebietes ein jäher Halt, die Demonstranten verteilen sich und lachen laut auf, als der Kleinbusfahrer fragt: "Kennt sich hier jemand von euch in Dresden aus?"
Schwarze Polizisten, die eine kampfsichere Burka tragen. Man kann nur die Augen sehen - ansonsten sind sie verhüllt. Ob ihnen schon einmal dieser Vergleich in den Kopf gekommen ist? Zum Schutz gegen andere - Zum Schutz, wenn sie auf unbewaffnete Menschen einknüppeln.
Wer sind diese vermummten Menschen?
Eine ältere Dame mit einer neongelben Weste, auf der hinten mit großen Lettern geschrieben steht: "Parlamentarischer Beobachter", bahnt sich ihren Weg und fragt einen Burka Polizisten gewiss etwas mit Substanz.
Ein Polizist, der anscheinend die Aufgabe hateine Kamera in die Masse zu halten, macht genau dies.
Flaggen über Flaggen, Waffen über Waffen, Menschen über Menschen -
Der Wasserwerfer, der Angst macht und der drei Fronten Belagerungszustand: Neonazis, Gegendemonstranten, Polizei.
Polizeiautos, die noch mit grünen und nicht mit blauen Streifen versehen sind stehen herum und bilden eine Mauer. Sie zeigen, dass zum letzten Kampf gerüstet und im Notfall die letzten Reserven aufgeboten werden.
Und immer wieder die Frage: Wohin würden wir uns retten, falls die Situation eskaliert? Hinter die Polizeiautos? Hinter die Häuserecken?
Nach einiger Zeit, als alle frieren und die Neonaziaufmarsch zwar stattfindet - jedoch verkürzt. Gehen wir wieder. Ein ungutes Gefühl bleibt zurück und die Trauer um tausende von Menschen, die genau zu dieser STunde - gegen viertel vor zehn ... gestorben sind.
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