Es ist eine Party von jemandem den jemand kennt, der jemand kennt, den ich kenne –Und die Party ist nicht allzu weit weg von dort, wo ich bin. Da geht man doch gerne hin. Nun ja. Als ich hineinkomme und jemanden kenne, den ich nicht kennen will, kehre ich der Party den Rücken und rauche noch eine auf der Straße. Warum auch nicht. Ein bisschen Kräfte sammeln und eruieren, ob man tatsächlich auf der richtigen Party ist.
An einer Straßenecke überlege ich: Wenn ich jetzt geradeaus und dann links und dann wieder rechts ginge, dann wäre ich in 10 Minuten daheim.
Da kommt ein Fahrradfahrer auf mich zu und bleibt vor mir stehen.
Ein Mann – um die 40 – mit halblangem, ein wenig fettigem Haar. Dazu hat ein Kassenbrillengestell in peppigem Silber auf der Nase. Ganz in dunkel gekleidet und mit einem schüchternen Lächeln im Gesicht.
„Weißt du hier irgendwo einen Club, wo ich reinkomme?“
„Einen Club?“, frage ich. „Nun ja. Hier ist eine Party, die offen ist. Da kannst du bestimmt auch rein.“
Aber das ist nicht, worauf er hinaus will.
„Nein. Ich meine, einen Club, wo ich mit meinen Schuhen hineinkomme.“
Er nimmt seine Fahrradlampe in die rechte Hand, schaltet sie ein und leuchtet auf seine Füße. Und siehe da er hat nicht nur schwarze Lacksandalen an, sondern auch rotlackierte Nägel, die noch dazu mit Ringen verziert sind.
„Oh.“, sage ich und überlege. „Hmm. Da weiß ich auch nicht.“
Mein Blick gleitet über seine Gestalt und ich bemerke erst jetzt, dass er einen wohl ausgestopften Oberkörper hat. Aber weiblich, abgesehen von Brüsten und Nägeln, wirkt er so ganz und gar nicht. Einordnen kann ich nicht. Mit meiner kanadischen Erfahrung von Crossdressern frage ich ihn genau das: „Bist du Crossdresser?“
„Äh... Was?“
„Naja. Crossdresser.“ Aber ich hake es innerlich als ein „Nein.“ ab. Wenn er in der Szene wäre, würde er den Begriff wohl kennen. Es ist wohl vielmehr eine verlorene Seele, für die Dresden zu klein ist.
„Ich bin – nun – ich bin … Ach – ich zeige Dir, was ich bin.“
Nun krempelt er, zu meiner Verwunderung, sein linkes Hosenbein hoch und reicht mir die ausgeschaltete Fahrradlampe. „Leuchte hin. Dann weißt du, was ich bin.“
„Da weiß ich nicht, ob ich das wissen will.“, sage ich unschlüssig und frage mich, ob das jetzt unter sexuelle Belästigung fällt.
„Wenn du nicht willst, musst du auch nicht.“, antwortet er. Doch die Neugier siegt und ich leuchte auf sein Bein. Die Worte, die mich schockieren sollen, verfehlen ihre Wirkung:
„Ich bin ein Arschlochficker.“
Nun ja. Na denn.
„Hast du das raufgeschrieben? Oder hineintätowiert?“, frage ich mit großen Augen.
„Ich will es noch tätowieren. Aber jetzt habe ich es raufgeschrieben.“
Da setzt sich jemand hin, bevor er das Haus verlässt und schreibt auf seinen Körper, wer er ist. Eigentlich tragisch.
„Also. Da weiß ich wirklich nicht, welchen Club ich Dir empfehlen soll. Da kenne ich mich nicht aus. Ich stehe nicht darauf.“
Und plötzlich habe ich Flashback, wie ich nachts durch Lübeck laufe und mir dort eine genauso verwirrte Seele begegnete. Der sollte ich in die Weichteile treten, die er so hasste, damit er für einen Tag – oder ein paar Minuten – dort nichts mehr spürt.
Der Mann tut mir leid – der dort steht – mit mir. An einer Straßenecke in Dresden.
„Hm. Da hinten ist eine Agentur. Tannenstraße. Da kannst du vielleicht Glück haben und die Prostituierten könnten dir helfen. Das heißt – wenn du Sex willst.“
„Ja. Am liebsten hätte ich eine Aubergine in mir drinn. Weißt du? Dieses lilane Ding. Ich hatte einmal eine Beziehung und für die habe ich mir das Arschloch aufschneiden lassen. Ich kann nur hinten kommen und nicht vorne. Am besten, wenn man mir den Hintern peitscht.“
„Ach.“
Ich zittere nicht, ich lächele ihn an. Und bin seltsamerweise gar nicht so schockiert, wie ich sein sollte. Es gibt alles auf der Welt. Das also auch.
„Willst du mal sehen?“
„Nein. Das ist mir dann doch zu krass.“
„Und wenn ich dir Geld geben würde.“
„Nein. Ich kann niemandem weh tun.“
Und da ist die Entscheidung gefallen und es wird sich verabschiedet.
„Marianne, heiße ich. Und du?“
„Steffen.“
„Na – dann mache es gut.“
Ich ziehe meine Schultern hoch und gehe zurück auf die Party von jemandem, den jemand kennt, den ich kenne und gehe nicht nach Hause. Da kann mir der, den ich nicht kennen will, gestohlen bleiben.
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