Ich gehe mit dem Hund die Alanstraße
herunter, als mich ein Mann um die vierzig anspricht. Er hat ein
Handy am Ohr und brüllt irgendetwas hinein, was ich nicht verstehen
kann.
„Sorrry. Hier geht es doch zum
Alaunpark, oder?“, spricht er mich an.
„Ähh. Ja. Klar.“
„Gut.
Ich will schon weitergehen, als er mich
urplötzlich und unvermittelt fragt:
„Da gibt es doch Drogen, oder?“
„Klar.“
Wenn ich mir etwas gut vorstellen kann,
dann, dass es im Alaunpark Drogen gibt. Ab und an sehe ich
verdächtige Gestalten herumlungern. Aber hundertprozentig habe ich
das noch nicht eruieren können. Schließlich habeich den Hund erst
drei Monate und Drogendealer sind schlau.
„Sag mal: verscheißern die mich? Für
vier Gramm hundert Euro?“
Ich denke an Gras – ich denke an
Peace...ich denke zu harmlos, denn als ich den Mann anlache und
frage: „Du willst mich doch verscheißern?!“, kommt nur perplex
zurück.
„Nee. Für Crystal.“
Wie aus dem Nichts kommt der Geist von
Jürgen Domian über mich und seine Worte kommen aus meinem Mund:
„Chrystal ist doch Dreck. Du willst
Chrystal kaufen? Das brennt Dir das Hirn weg und ist auch keine
Lösung!“
„Ich weiß – Ich weiß.“, kommt
als Antwort zurück. „Ich weiß schon. Ich war ja auch sieben
Monate clean. Aber heute muss ich einfach was haben.“
Er windet sich vor mir und mir wird
schon allein beim Zugucken schwindelig. Er kann nicht eine Sekunde
still stehen – aber Blickkontakt. Den kann er halten:
„Heute hat mich nämlich meine
Freundin verlassen. Weißt du? Sie hat Borderline und sie hat gesagt,
dass sie jetzt erstmal Zeit für sich braucht. Das kann ich ja auch
verstehen. Ist ne Scheißkrankheit... Das Borderline ist ne
Scheißkrankheit. Aber trotzdem. Sie hat mich verlassen...“
Ich gebe Stichworte und er gibt mir
seine Lebensgeschichte.
„Aber das heißt doch noch nicht,
dass ihr euch nie wieder ...“
„... Nee. Das heißt es nicht. Aber
ich bin traurig und außerdem haben die mich am Wickel. Die haben
mich in der Hand.“
„Wer hat Dich in der Hand?“
„Na... DIE!“ Das sagt mir nichts
weiter und ich sehe ihn fragend an.
„Na. Ich habe illegale Boxkämpfe in
Dresden organisiert. Und jetzt haben die mich in der Hand. Das gibt
es alles in Dresden. Ich habe das organisiert. Hau drauf. Das ist die
Devise. Hau drauf und denk nicht drüber nach, ob Dein Gegenüber
stirbt. Einfach Hau Drauf.“
„Ach... Aber deswegen musst Du doch
nicht Chrystal nehmen? Geh doch einfach NICHT in den Alaunpark. Geh
doch einfach Richtung Elbe. Geh da wieder runter und such Dir Hilfe.
Du weißt doch bestimmt, wo Du Hilfe bekommen kannst?“
„Klar. Aber ich will nicht in die
Klinik.“
„Aber das bringt doch jetzt nichts.
Drogen sind doch keine Lösung. Du hast einfach Suchtdruck.“
Domian kommt mir wirklich zu Gute. Ich
kenne Sätze, die mit „... sind doch keine Lösung.“ enden und
Wörter, wie „Suchtdruck“.
Aber diese Dinge machen keinen Eindruck
auf den Mann der da vor mir steht. Kein Happyend des Gespräches in
Sicht – wie bei Domian, wo dann immer das Happyend in Form des
Psychologen aus dem Nähkästchen gezaubert wird.
Hier wird mir stattdessen eine weitere
Geschichte präsentiert:
„Also früher fand ich Frauen immer
toll. Die sind heilig habe ich gedacht. Als ich einmal ne Freundin
hatte und so ein Typ hat ihre Brüste angefasst, da hab ich den
richtig zusammengeschlagen. Aber sowas von. Frauen waren heilig.
Verstehst du?“
Ich nicke und harre der Dinge, die da
kommen.
„Aber jetzt? Da ist so eine alte
Frau. Bestimmt schon siebzig. Und die wollte Sex mit mir und hat mir
5000 Euro geboten, damit ich Sex mit ihr machen. Ich meine. Frauen
waren heilig für mich. Und ich wusste nicht, dass die genauso
schlimm sein können, wie Männer. Die können nicht nur genauso
schlimm sein. Sondern noch viel schlimmer. Und ich habe das Geld
genommen. 5000 Euro. Davon sind jetzt schon 2000 weg. Aber ich habe
noch 3000.“
Er guckt mich hilflos an. Ich sehe
hilflos zurück und wiederhole wie ein Mantra: „Geh doch den
anderen Weg. Frauen sind Scheiße. Na und? Du musst nicht...“
Sein Telefon klingelt, er geht ran,
wendet sich von mir ab und geht in Richtung Drogen. Richtung
Alaunpark.
Der Hund schüttelt sich äußerlich
und ich mich innerlich.
Hätte ich einen Psychologen bei der
Hand gehabt, ich hätte ihn den Mann anrufen lassen. Aber so gibt es
wohl kein Happyend.
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