Dienstag

Kampf der Süchte

Vor dem Ziehen der Zähne wusste ich nicht, dass darauf ein 48stündiger Entzug von Kaffee und Zigaretten folgen sollte.
Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich die letzte Kippe mitsamt dem letzten Kaffee so richtig genossen, hätte mich darauf eingestellt, hätte mich irgendwie verabschieden können. Von den Freuden des Alltags.

Das war nicht der Fall. Stattdessen wurde mir, als ich auf dem Zahnarztstuhl saß, eröffnet, dass ich nicht Auto fahren dürfte, bei Schmerzen sofort wiederkommen und die Tabletten nehmen sollte oder anders herum und ... Ach ja:
„Auch wenn es schwer fällt 48 Stunden auf Kaffee, Tee, Zigaretten und Alkohol verzichten müsste.“

Fast beiläufig las mir die nette Sprechstundenhilfe diesen Absatz eines Merkblattes der Torturen vor.
Ich machte große Augen und bei der Frage „WAS?“ neigte meine Stimme dazu sich zu überschlagen.
„Das ist leider so.“, sagte sie mitfühlend.
„Das wusste ich nicht.“, sagte ich entsetzt.
„Es ist aber so. Und ich würde das Rauchen auch wirklich nicht machen. Ich habe das nämlich gemacht. Und es tat dann Hölle weh.“
„Echt.“
„Ja!“
Sie nickte so laut sie konnte und ich war fassungslos.
Konnte mich dadurch auch etwas ablenken von dem Verlust der Zähne, der mir ja noch bevorstand.

Kein Kaffee, keine Zigaretten schwirrte es in meinem Schädel.
Keine Zigaretten, kein Kaffee.

„Wirkt bei ihnen die Betäubung? Ist die Lippe taub?“, fragte die Ärztin.
„Ja... Darf ich Nikotinkaugummis kauen?“
„Nein. Kein Nikotin an die Wunde.“
„Aber Nikotinpflaster?“
„Ja. Das geht.“
„Gut.“
„Die Betäubung wirkt also? Ich mache das wirklich ungern. Aber es muss sein.“

Im stillen denke ich:
„Ich weiß, dass es sein muss. Ich wusste, bevor ich kam, dass es sein muss und ich wusste seit zwei Jahren, dass es sein müsste. Deswegen war ich ja nicht beim Zahnarzt.“ Im lauten nicke ich nur. Und stelle mich auf Schmerzen ein.

Sie zieht hin und her.
Drückt und Ruckelt.
Holt dann eine Wahnsinnsmaschine, mit der sie den Zahn durchschneiden muss, da er nicht auf Anhieb den angestammten und tief verwurzelten Mundraum verlassen will.
Wie eine kleine Säge und in der Tat hört sich das Geräusch ganz so an, als würde gleich ein Baum gefällt werden.
Ich kann mir vorstellen, dass ihr das keinen Spaß bringt. Es riecht schließlich auch alles andere als nach frisch gefälltem Holz.
Anderen Gewalt anzutun (und es ist nichts anderes) würde mir wohl auch keinen Spaß bringen.
In schmerzverzerrte Gesichter (in diesem Fall meines) hineinzugucken und Blutbäche zu erzeugen, bringen nur Sadisten Spaß.
Und sie ist keine Sadistin.
Vielleicht ist sie sogar die erste gute Zahnärztin die ich habe?

Links von mir die Sprechstundenhilfe, rechts von mir die Ärztin und wenn ich einmal wieder vor Schmerzen nicht weiter kann und die linke Hand erhebe, werde ich von beiden Seiten gestreichelt.
Irgendwie stelle ich mir so eine Geburt vor.
Unglaubliche Schmerzen (nur an anderer Stelle), dabei die unumschränkte Unterstützung von Menschen und die gleichzeitige Kapitulation vor der Situation.
Also ... Hinein in den Schmerz. Nützt ja nichts. Da muss ich durch.

Ab und zu rufe ich: „Ich will Wodka“ und ab und an schreie ich: „Ich bin Norddeutsch. Ich halte Schmerzen aus.“
Meine Gedanken fliegen nach Kanada und zu Janet Frame, der an einem Tag alle Zähne gezogen wurden. Ich habe es also besser als sie.
Meine Gedanken versuchen wegzufliegen, mein Puls beruhigt sind und es klappt. Irgendwann sind die doofen Dinger weg...
Die Wunde wird genäht.

Und ich bin entlassen in die „Freiheit“.

Mein erster Gang ist in die Apotheke.
„Ich brauche Nikotinpflaster.“
„Aha.“ Die Apothekerin guckt mich zweifelnd an.
„Aber ich sage ihnen. Wenn man nicht will, dann nützen die Dinger auch nichts.“
„Ich will ja gar nicht. Mir wurden Zähne gezogen und ich darf nicht.“
„Ach so.“
Die Apothekerin zögert und zögert noch ein bisschen länger. Schließlich sagt sie:
„Hmm. Das ist jetzt vielleicht kein professioneller Rat ... Hmmm... Aber ich habe das so gemacht, dass ich geraucht habe und danach meinen Mund mit Desinfektionsmundspülung ausgespült habe.“
„Echt?“
„Ja.“, sagt sie verschämt.
„Und es war okay?“
„Ja.“, sagt sie mit einem kleinen bisschen Stolz.
„Dann überlege ich mir das nochmal. Im Zweifel gibt es ja eine Lösung.“

Ich wanke zur Arbeit, wo ich auf 7 Menschen aufpassen müsste (was mir heute herzlich egal ist) und wo mir von einer Krankenschwester der Rat gegeben wurde, den Mund mit antiseptischen Tupfern auszulegen und dann zu rauchen und wanke dann schließlich heim, wo ich relativ schnell einschlafe.

Ein ganzer Tag ohne Kaffee und ohne Kippen, ist mein erster Gedanke nach dem Aufwachen ... und es ist auch mein zweiter Gedanke.
Erst mein dritter Gedanke ist: „Au – Weh. Aua.Aua.Aua“
Da der Kiefer nicht wirklich beweglich ist, die Schmerzen stark und meine Kopfschmerzen unglaublich sind, beschliesse ich liegen zu bleiben.
Und den ganzen Tag verbringe ich damit zu schlafen, zu versuchen einen Film zu sehen und wiederum zu schlafen.
Das erste Mal wach bin ich um 17 Uhr. Und auch dann nur für drei Stunden.
Ich habe gewitzelt:
„Without coffee I could'nt do the walking and the talking.“
Und ... Es ist kein Witz. Es ist in der Tat eine absolute Wahrheit.
Mein erster Gedanke heute morgen war: „Kaffee.“.
Dann strengte ich meine Gehirnzellen an, um herauszufinden, wie viele Stunden ich noch von der magischen 48 Stunden Grenze entfernt bin und fand die Zahl 8 heraus.
Und hernach gelang es mir, mich davon zu überzeugen, dass 48 Stunden eine extrem willkürlich und dehnbare Festlegung von Zeit ist. Man sagt doch leicht: „2 Tage.“ und nicht so leicht „2 und ein halb Tage“. So was verstehen ja nicht alle. Und es kommt immer wieder nach Nachfragereien.

Es könnten genauso gut 40 Stunden sein. Vielleicht sind es ja bei mir 40 Stunden. Es gibt doch für jeden Menschen eine individuelle „Heilzeit von Wunden“ - ich glaube fest daran, dass meine Heilung schnell von Statten geht.
40 Stunden sind eine extrem lange Zeit ... ohne Kaffee.
Zwei Tage und 40 Stunden sind prinzipiell ja das gleiche.

Der Kaffee wurde also aufgesetzt.
Der Kaffee ist in mir drinnen und meine Augen sind auf und ich kann nicht nur „the walking and the talking“ tun, sondern auch „the tipping“.
Obwohl ... ich könnte auch eine Zigarette rauchen?
41 Stunden sind ja fast wie 48 Stunden ... oder etwa nicht?

Fussball auf dem Drive

Das letzte Fußballspiel - Spanien gegen Russland - haben wir in einem kleinen italienischen Restaurant um zwei Stunden zeitversetzt gesehen.
Das war immerhin etwas. Immerhin besser, als in meinem kleinen Zimmer über 90 Minuten auf den schäbigen LiveStream eines türkischen Senders zu schauen, kein Wort von den Kommentaren zu verstehen und letztlich still allein vor sich hinzujubeln. Drei zu zwei. Und das letzte Tor. Und das Tor von Klose und ... überhaupt.
Das in dem kleinen italienischen Restaurant gegen Ende bereits die Stühle zusammengestellt wurden, dass ausser uns nur fünf Leute das Spiel sahen und dass wir permanent das Gefühl hatten: "Irgendwas ist hier falsch" änderte ja nichts an der Tatsache, dass wir tatsächlich auf einen Flachbildfernseher glotzen konnten.
Und JA - die Spanier haben gut gespielt. Und Torres ... und ... JA.
Dieses Mal war alles anders. Nicht zeitversetzt sondern tatsächlich live. Das war der Plan.
Und so setzten eine Schwedin, ein spanischer Australier und ich (meine quasi Wohngemeinschaft) uns am Sonntag morgen gegen elf in Bewegung.
Der Drive war das Ziel. Der Drive mit seinen kleinen Restaurants und Kneipen. Mit italienischen Restaurants und portugisischen Trinkhallen und natürlich einem englischen Pub.
Und es war voll. Geballt voll. Menschen auf den Strassen mit Deutschlandfahnen, Spanienmützen und mit Bieren in der Hand. Im stahlenden Sonnenschein bei 32 Grad wurde Fußball geschaut.
Und wir landeten im englischen Pub, wo wir nach einigem hin und her schliesslich vor den kleinen Bildschirmen hingen, die das Spiel per Satellit und nicht per Kabel zeigten. Verwirrend wars, wenn die eine Seite des Lokales über etwas jubelte, was die andere Seite noch gar nicht gesehen hatte.
"Ein Bier?"
"Ich habe noch nicht gefrühstückt."
"Ich auch nicht... Ein Bier?"
Ein Bier geht wohl. Ein Bier geht immer.
Das aus dem einen Bier dann innerhalb der zweiten Halbzeit drei Biere wurden und wir gegen zwei Uhr nachmittags betrunken aus dem Pub wankten, ist wohl nicht der Rede wert.
Dass ich immer lauter wurde, mit den deutschen Fans
"No- No - No" oder "Go go go" rief, vor mich hinflüsterte und alle guten Gedanken an das deutsche Team richtete ist wohl klar.
Irgendwann stand ich mit deutschen vor dem Pub und konnte nicht mehr switchen. Konnte nicht mehr einfach auf deutsch sagen: "Das war ja fürchterlich. Aber das spanische Team war besser." konnte es nur auf englisch stammeln... sagen... betrunken wie ich war.
Der australische Spanier kaufte sich auf der Straße eine spanische Flagge, wedelte damit vor meiner Nase herum, grinste mich an und sagte:

"Ich bin sehr glücklich, dass ich das Spiel mit einer orginal-Deutschen sehen konnte.
Burger?"
Und mein erster amerikanischer Burger fand seinen Weg in meinen Magen. Frühstück um drei mit zwei Pitchern (Bier in einem Krug) und danach dem Strand nahe Davie Street. Die Füße im Pazifik, die Nase in die Sonne, das Bier im Magen.
Die Deutschen haben verloren...Spanien hat gewonnen... In Deutschland ist es tiefste Nacht und ich liege am Strand im strahlenden Sonnenschein...
und ...
Noch ein Bier?
Alles findet sich...

Nachbarschaft

„Hallo!“
„Hallo!“
„Ich habe dich hier in der Nachbarschaft noch nie gesehen. Bist du neu hier?“
„Hmm ja.“
„Und woher kommst du?“
„Deutschland.“
„Aha. Dann ... „Willkommen in Canada“. Hoffentlich sehe ich dich nochmal.“

Ein zufälliges Gespräch auf der Strasse. Ein zufälliges Gespräch mit einer älteren Dame, die gerade in ihrem Garten zugange war und damit beschäftigt war Rosen zu beschneiden, bzw. Marghariten zu pflanzen.

„Hallo. Neu hier?“
„Ja.“
„Das hier ist der Kater Caesar. Er denkt, dass er der König der Strasse ist. Aber eigentlich ist er nett.“
„Aha.“
„Und woher kommst du?“
„Aus Deutschland.“
„Dann „Willkommen in Canada.“

Mit grossem Augenzwinkern und Strahlerei.

Ecken des Schreckens

Es gibt sie wohl in allen Wohnungen. Das versuche ich mir zumindestens einzureden, damit ich mich beruhigen kann.

Die kleinen versteckten Winkel, wo sich getrost einiges an Altpapier, Altflaschen und diversen anderen leeren, unnützen und nicht mehr zu gebrauchenden Dingen ansammeln kann.

In meiner Wohnung gibt es mindestens drei und mit was für einer Angst ich an diese Ecken herangegangen bin, dass wird wohl nur jemand verstehen, der eine genauso hohe Toleranzgrenze für Staub hat, wie ich.

An dieser Stelle flackert in mir der Gedanke an einen Bettkasten auf.
Hätte ich, was sich in meinem
Nischenkleiderschrank (Altkleider en Masse),
hinter meiner Couch in der Küche (Mehrwegflaschen en Masse) und
hinter meiner Küchentür (Altpapier en Masse – denn eine Freundin und ich mussten vor gefühlten 1000 Jahren auf der Buchmesse Flyer verteilen, die wir – anstatt es zu tun – in meiner Wohnung verstauten, einen leckeren Kaffee tranken und dann wieder zurück zur Messe fuhren, wo wir uns vor allen Dingen in Halle 3 aufhielten) befand, in einem Bettkasten verstaut?
In einem Bettkasten verstaut und diese Ecken sauber gehalten?

Vielleicht hätte ich diese Ecken des Schreckens nicht mit ungeöffneten Briefen von Arcor, erwartungsfroh aufgerissenen und hernach sorglos hinter den Wäscheständer hinter der Küchentür abgelegten Amazonpapppäckchen und den geliebten Mehrwegflaschen gefüllt, wo sie Staubflocken produzierten (ich glaube so funktioniert das), sondern in dem hermetisch abgeschlossenen Rahmen eines Bettkastens, wo es keine Staubflocken gegeben hätte?

Wenn man umzieht, muss man sich mit einigem beschäftigen. Aber dieses Staubflockendisaster ist schon mehr, als eine simple Randerscheinung eines Umzugs und ich schwöre an dieser Stelle den 1.Januar Eid, dass ich mich bessern werde.

Keine Ecken mehr, keine Verstecke unter Betten, hinter Schränken und Sofas, hinter Türen und unter Spülen ...oder ... weiter lügen, wenn einen der Mehrwegflaschenmann fragt:

„Haben Sie den Keller aufgeräumt?“

und sich in Grund und Boden schämen, wenn der Mehrwegflaschenmann fragt:

„Woher kriegen Sie den diese Flaschen?“ und auf eine spezielle kleine Wassermehrwegflasche zeigt und dann wegwerfend sagt:
„Naja. Vielleicht wird sie auch nicht mehr hergestellt. Das Ablaufdatum ist schließlich 2004.“

Von nun an gings bergab

1.Abstieg

„Die anderen Magisterarbeiten waren länger. Sie haben ja einen ziemlich breiten Rand. Und bei diesem komplexen Thema hätte ich mehr erwartet.“
„Es sind hundertzehn Seiten.“
„Trotzdem. Der breite Rand.“
„Aha.“
„Und ausserdem bin ich mit der Auswahl ihrer Texte nicht einverstanden.“
„Wieso?“
„Sie hätten die Kurzgeschichte von der Pausewang mit hineinnehmen sollen.“
„Aber die sagt doch nichts aus. Nur dass eine Mutter ihr Mutterkreuz auf den Misthaufen wirft. Ich habe vier Bücher von der Pausewang besprochen.“
– Und war viermal in ihrer Sprechstunde, wo sie nichts weiter gesagt haben, als „Nehmen Sie unbedingt die Assmann mit hinein.“
„Aber diese Kurzgeschichte eben nicht. Die die ich meine. Ausserdem gefällt mir ihr Stil nicht und die Rechtschreibung ist auch katastrophal.“
„Aber ich habe mit der neuen Rechtschreibung...“
„Naja. Von der habe ich nun keine Ahnung. Trotzdem... das war nichts.“
„Aha. Aber ich habe drei Scheine bei ihnen gemacht und das waren nur Einsen...“
„Man kann immer mal daneben hauen...“
„Aber bei der Magisterarbeit...“
„Sie müssen mal über ihre Lebensplanung nachdenken. Das ist wichtig. Noten sind gar nicht so wichtig. Da ist nur das Ego gekränkt. Nichts weiter. So schlimm ist das nicht. Die Studenten denken immer...“

Ich stehe fassungslos vor dem Professor, der mir Nachrichten mitteilt, die mich nicht nur verdutzt, sondern zugleich auch ohne jedwedes Gefühl für irgend etwas stehen lassen. Wo ist die substanzielle Kritik - Wo sind die tatsächlichen Gründe - Abgesehen vom Stil oder von dem breiten Rand –
Was drinnen steht tut nichts zur Sache und ich stehe vor seinem Schreibtisch und würde mich anlehnen wenn ich könnte.
Er sitzt auf seinem Stuhl, mit zurückgelehntem Oberkörper. Mit Händen über dem Kopf und wippt vor und zurück, als er mir diese Dinge mitteilt. Der uneingeschränkte Herrscher, der keinen Zweitgutachter neben sich duldet. Es fehlt nur noch, dass er sich an seinen Geschlechtsteilen herumwurschtelt, denke ich und zucke kurz zusammen. In solchen Situationen denkt man wohl immer nicht wirklich adäquate Dinge.

Eigentlich wollte ich das Gutachten lesen, dass wie ich dachte, gut ausfallen würde. Eigentlich wollte ich mit der Sekretärin reden. Was kann ich dafür, dass der Herr Professor gerade da ist und mir die Nachrichten persönlich mitteilt.
Ich komme zu keinem weiteren „Aber.“ oder „Und.“

„Die Studenten. Die habe ich schon lange aufgeben. Von denen erwarte ich nichts mehr.“
Dabei grinst er mich an. Gedanken dazu habe ich nicht. Das berühmte Zugunglück, bei dem man erstarrt zusieht und doch noch funktioniert.
Das Telefon klingelt, während er den Gedankengang, dass Studenten ja sowieso überschätzt werden und nichts wirkliches zustande bringen, zuende bringt.
„Können Sie vielleicht kurz den Raum verlassen. Berlin ruft an.“ Mit solch einem Handgewinke bin ich noch nie aus einem Zimmer hinauskomplimentiert worden. Die Bettlerin vor dem König.
Und ich funktioniere, verlasse den Raum, mit weichen Knien und wahrscheinlich dem bleichsten Gesicht, dass ich jemals in meinem Leben hatte und stehe an die Wand gelehnt da. Eine Minute verstreicht und ich merke deutlich, dass die Ohnmacht sich ankündigt und ich rutsche langsam an der Wand hinunter, sitze auf dem kalten Boden und überlege, ob ich einfach gehen sollte, gehen könnte. Ein Dozent kommt aus seinem Zimmer und bringt mir ungefragt einen Stuhl.
Fassung bewahren. Diskutieren bringt nichts und weglaufen erst Recht nichts.
Ich gehe, als die Tür wieder aufgeht, noch einmal hinein und er drückt mir das Gutachten in die Hand. Dieselben Worte nur noch einmal in unbestechlichem Schwarz-Weiss.
Ich überfliege es tatsächlich. Was soll ich anderes tun. Wenn man Seiten mit der Aufforderung: „Lesen Sie!“, dann liest man. Vermisse schon jetzt meinen Humor.
Vermisse ihn schmerzlich – kann keine Pointe finden, die auf diese Situation passen würde. Ich murmele vor mich Sachen hin wie: „Neue Rechtsschreibung. Vier Bücher sind besser als eine Kurzgeschichte.“ Und bewahre Fassung.
Als ich das Gutachten in sein Zimmer zurückbringen will ist der Professor weg und wieder stehe ich auf dem Gang, schaue mich um und überlege einmal mehr, ob ich nicht einfach gehen sollte. Minuten werden zu Stunden.

„Ich wollte nur Tschüss sagen. Komme dann nochmal in ihre Sprechstunde wegen der Themen der mündlichen Prüfung.“
„Das müssen Sie nicht. Ich prüfe alles.“
Er nimmt mich in den Arm und ist ganz nah und ich kann seinen Atem riechen als er sagt:
„Ach. Mach dir nichts draus. Das wuppen wir noch auf ne zwei.“

2.Zwischenspiel

Ich wanke aus der Uni und setze mich auf die nächstgelegene Parkbank am Grüneburgpark. Telefoniere mit einer Freundin, die es genauso wenig wie ich fassen kann, rauche eine Zigarette nach der anderen. Sehe, dass mich die Kinder, die an mir vorbeilaufen anlächeln und schaffe es gerade noch so, sie zurück anzulächeln. Herbstferien im anderen Universum. Wanke zum nächstgelegenen Supermarkt, Zeit verschwimmt und verzweifele darüber, dass es weder Bier noch Fertigpizza zu kaufen gibt. Torkele nach Hause, heule Krokodilstränen und warte darauf, dass der Humor zurückkommt.
Am nächsten Morgen um sechs ist das Warten auf den Humor vorbei, der Laptop an und der Titel „Tötet den Professor“ schimmert auf meinem Bildschirm. Gaspistolen werden gegoogelt und überlegt wie man „Schande“ nochmal schreiben kann – nur anders. Schnell ändert sich „Tötet den Professor“ in „Des Herrn Professors Guantanamo“ und die Ohnmacht wird überwunden. Für ein paar Stunden am Tag.


3.Das Wuppen ist vorbei

„Passen sie doch bitte auf meine Tasche auf.“, sagt die Professorin und verschwindet zur Prüfungskommission. Es ist Montag Morgen zwanzig nach neun und vor zwanzig Minuten hätte meine Examenprüfung beginnen sollen. Statt beunruhigt zu sein, bin ich panisch und verstecke diesen Umstand hinter einen mir unbekannten Lethargie. Aussen ruhig, innerlich Gedankensprünge. Wozu aufstehen, wozu überhaupt eine Prüfung. Nichts kann ich tun. Nur auf die Tasche aufpassen.
Ich passe auf und als sie nach fünf Minuten wiederkommt und mir sagt:
„Wir haben tatsächlich vor dem falschen Raum gewartet.“ und zu dem richtigen Raum vorstürmt, hebt sich kurzfristig die körperliche Lethargie auf und ich watschele hinter der Professorin her. Auch dort wird an der Tür geklopft und niemand ist da.
„Passen sie doch bitte nochmal auf meine Tasche auf.“
Die Professorin stürmt wieder davon und hinterlässt mich ratlos in dem Gang. Der körperlichen Lethargie gesellt sich eine geistige hinzu. Und als die Professorin wieder kommt und mich mit den Worten:
„Er hat es verbaselt. Er kommt nicht. Wir können die Prüfung auf Donnerstag verschieben.“ begrüsst, kann ich nur: „Gut.“ sagen und die Surrealität der ganzen Situation begreifen.
Seltsamer Ausschnitt des Lebens.
„Ich kann prüfen.“, sagt die übereifrige Sekretärin in dem Büro des Professors.
„Dürfen sie das?“, fragt meine Professorin und runzelt die Stirn.
Es ist halb zehn und mir ist so ziemlich alles egal. Körperliche und geistige Lethargie. Bringen wird es hinter uns.
„Ich darf jetzt prüfen. Und ich will prüfen.“
Ich sehe eine seltsame Freude in ihren Augen und denke, dass sie nun endlich etwas zu tun bekommt. Etwas, was Achtung verdient, was oberflächlich freundlich erscheint und ich doch mit einigem Widerwillen betrachte. Übereifrigkeit mochte ich nie wirklich. Jedenfalls nicht, wenn sie allzu ostentativ gezeigt wird. Die kann man doch verstecken.
„Ich gehe noch einmal kurz auf die Toilette.“, sage ich zu meiner Professorin und Zeit zieht sich zusammen und Gedanken verschwinden. Überhaupt wiederholt sich die lethargische Panik der Magisterarbeitsnotenverkündung.
Meine Professorin und ich sitzen in dem Büro und die Minuten verstreichen. Die Beisitzerin taucht nicht auf.
„Warum will sie es erst machen, wenn sie dann nicht auftaucht?“, fragt meine Professorin mich, die ich versuche, mich irgendwie zu konzentrieren. Auf irgendwas – im Zweifel auf die folgende Prüfung.
Die Beisitzerin kommt, setzt sich zwischen mich und die Professorin. Auf dem Tisch liegen jede Menge Akten. Jede Menge Hausarbeiten und ich kann nicht anders, als darüber nachzudenken, was das wohl für Gedanken sind. Werde ganz sentimental. Bei dem Gedanken.
„Dann können wir ja anfangen.“, sagt meine Professorin. „Erstmal die Frage: Fühlen sie sich prüfungsbereit.“
„Hmm.“, sage ich, als die Prof. sich selbst unterbricht, die Beisitzerin anstarrt und sagt:
„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.“ Sie sagt ihren Namen, reicht der Beisitzerin die Hand und als auch diese ihren Namen nennt, weiss ich gar nicht mehr, was ich denken kann oder soll oder muss.
Die Beisitzerin öffnet meine Akte und schaut sich, als die ersten an mich gerichteten Fragen kommen, ersteinmal die Noten der bereits abgelegten Prüfungen an und wedelt mit dem noch nicht beschriebenen Protokoll vor meiner Nase herum. Wedelt mir meine schlechten Noten vor die Nase und ich zucke innnerlich mit den Achseln. Rümpfe innerlich die Nase – aber eigentlich bin ich schon gar nicht mehr vorhanden.
Meine Konzentration ist im Zweifel in Timbuktu, aber nicht in dieser Situation. Ich könnte auf Hawai sein, aber meine Seele ist nicht in diesem Raum. Ich funktioniere. Ich antworte auf Fragen. Ich kann nicht abstrahieren. Kann nicht das sagen, was ich denke und denke nicht, was ich sage. Lasse mich ablenken von dem Geschreibe der Protokollantin. Bekomme keinen Gedanken zu fassen. Starre in die Leere. Ich bin so wenig in der Situation, dass ich noch nicht einmal innerlich Panik empfinde.
„Surreal.“, das erste Wort. Das einzig ehrliche Wort dieses Tages. Das Wuppen ist vorbei. Wegen einer Stunde in meinem Leben. Die zwei ist weg... Die drei ist da ... Und meine Gedanken, wenngleich auch nicht in Timbuktu so doch zumindestens in Vancouver.

4.Farce-Finale

Es ist die letzte Stunde – allerletze Universitätsstunde-Examensprüfung und ich weiss genau, ich sollte aufgeregt sein, eiskalte Hände haben und den Wunsch nach der bestmöglichen Note.
Das habe ich alles nicht, sondern die pure Angst davor mein Gesicht zu verlieren, in Tränen auszubrechen oder dem Herrn Professor meine ungezügelte Wut ins Gesicht zu schreien.
„Ich habe mir gestern vorgestellt, dass ich ihn anspucke.“, sage ich zu meiner Begleiterin, die vorsorglich mitgenommen wurde, da ich mir zutraue eventuell wieder mit einer Professorin im Gang zu stehen, auf die Prüfung zu warten und einmal mehr über die Sinnigkeit von Patientenverfügungen zu debattieren.
„Das machst du aber nicht.“, sagt sie laut und so bestimmt sie nur irgend kann.
„Nein. Das mache ich nicht. Und ich zitiere auch nicht die 68er mit „Euer Ehren. Sie sind ein Arschloch.“
„Genau. Das machst du auch nicht.“
„Und was wenn doch?“, frage ich unsicher.
„Du machst das einfach nicht.“ Meine Begleiterin schaut mich mit entschlossener Miene an und reicht mir einen Schokobon.
„Iß!“
„Ja.“
Ich überlege, ob ich es vermeiden kann ihm ins Gesicht zu spucken. Ich denke schon. Schließlich bin ich einigermaßen gut erzogen.
„Aber stell Dir ihr Gesicht vor, wenn ich so etwas mache.“
„Iß!“, sagt die Freundin und es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte mir dieses Schokoladendings eigenhändig selbst in den Mund gestopft.
Ich esse und sie denkt an ihre Prüfung zurück.
„Ich könnte ja meine Prüfung nochmal machen. Ich geh rein und mach es besser.“
„Und du könntest ausserdem zeigen, dass doch noch eine Germanistin in dir steckt.“
„Das könnte ich tatsächlich. Ich weiss jetzt wer Nils Holgerson ist.“
„Und was der mit Kinderliteratur der Weimarer Republik zu tun hat.“
Ich zünde mir die tausendste Zigarette an. Mit besserem Gefühl irgendwie, denn schließlich befindet sich in meinem Magen nun Nahrung und sage laut:
„Ich werde nicht brüllen, schreien, spucken. Vielleicht sage ich einfach nur: ‚Ab jetzt dürfen sich mich mit meinem Nachnamen anreden.’ Oder ‚Ich hoffe ihr Buch wird ein Flop – Wenn sie je eins veröffentlichen.’“
„Oder – Rennen sie nicht vor der Mittelmäßigkeit davon. Sie stecken längst mitten drin.“
„Oder – Wer von allem gemocht werden will ...“
Mir fällt nichts ein. Was wie ein Sprichwort anfing, wollte sich dann doch nicht als eins entpuppen.
„Du musst ihn dann niemals wieder sehen.“, sagt die Freundin und reicht mir noch einen Schokobon, den ich aber höflich ablehne.
„Niemals Nie. Und nur noch diese eine Stunde.“ Ich inhaliere tief. „Ich darf nicht zu gut sein. Wenn ich mit ner 2.6 aus dieser ganze Choose heraustrete, dann steinige ich mich.“
„Also doch – Pippi Langstrumpf – War die nicht das mit der Schildkröte auf der Suche nach der Zeit?“ Die Freundin kichert und ich führe ihren Gedankengang fort.
„Die dann später auf einem Floß auf dem Mississippi gestrandet ist. Auf dem hat sie dann permanent Holzfiguren geschnitzt. Es war wie ein Zwang. Eine Obsession.“
„Dann kam Gottseidank der Glücksdrache.“
„Hieß der nicht Lotta?“
Wir stellen uns auf den Gang. Thesenpapiere in der Hand. Von dem einen weiß ich, dass es mich nicht retten wird, weil ich keinen einzigen der bestimmt sehr guten Ratschläge der Professorin umgesetzt habe und das andere wird mich nicht retten, weil der Herr Professor einen einzigen Blick darauf werfen wird und sich einen Dreck um meine Meinung schert.
Ich bin davon überzeugt, dass eine Pippi oder Ronja Frage kommt, weil ich nicht wirklich glauben kann, dass er die Mädchenbücher kennt.
„Ich könnte doch mit ihm anfangen und zwar auf Schwedisch. Jag läsat Astrid Lindgren pa Svenska.“
„Das könntest du durchaus.“
„Ich fange mit ihr an. Vor ihr habe ich keine Angst.“
„Seltsam.“
„Ja. Ist aber so.“
Da kommt sie schon die Treppe herunter und die Freundin flüstert mir noch zu: „Keine Witze übers Jodeldiplom.“
„Okay.“
Wir stehen da und ich bin froh, dass die Freundin auch da steht und ich somit nicht ganz allein von der Frage was denn mit der Magisterarbeit war, stehe und sie nicht beantworten will. Ich sage nur: „Darüber kann ich nicht reden. Sonst rege ich mich wieder auf.“
Gespräch unter drei Professoren. Nur kurz. Ich sehe ihn das erste Mal wieder. Er in seinem Element. Ich MUSS mit ihr anfangen.
Und das ist der Moment wo ich bemerke, dass mein Weg der Verarbeitung der falsche war. Die Kurzgeschichte mit „Des Herrn Professors Guantanomo“ hätte nie begonnen werden dürfen. Denn meine Fantasien haben längst die Realität abgelöst. Er sitzt mir gegenüber und bei den wenigen Blicken die ich auf ihn werfe, zucken die Bilder aus meiner eigenen Fantasie hervor. Wie ich ihn entführe, wie ich mir vorstelle auf welche Art er das Leben lassen soll. Wie das geht mit der Hygiene wenn man einen Menschen entführt und mit ihm in einem abgeschlossenem Raum lebt. Was die geeignete qualvollste Methode wäre ihn darauf hinzustoßen, dass er nicht unfehlbar ist. Er ist längst mehr als diejenige Person die mir da gegenüber sitzt.
Eine zähe erste halbe Stunde und auch wenn ich nicht genau weiß, ob das Wort „leider“ innerhalb der Aussage der Professorin: „Wir müssen leider zum nächsten Thema kommen.“ ernstgemeint ist, da die groben Schnitzer in Anhäuffungen vorhanden sind, aber ich bedaure es zutiefst. Lieber eine Stunde bei ihr Scheitern als mit ihm reden. Dann und wann sehe ich zu ihm herüber.
Er gähnt mit offenem Mund ohne sich die Hand vorzuhalten, er liest das Gutachten was er selbst geschrieben hat nochmal und macht laut „Hah!“, als er auch bemerkt, dass nichts mehr zu retten ist.
Lieber nochmal das 18 mit dem 19 Jahrhundert verwechseln, die gesamte Handlung einer Novelle vergessen oder die Frage zum zweiten, dritten, vierten Mal nicht verstanden zu haben, als mit ihm zu reden.
Aber dann ist die halbe Stune vorbei, er lehnt sich zurück und fängt an etwas zu erklären, was die Professorin sicherlich schon weiß und mir herzlich egal ist.
Es ist tatsächlich Verachtung, die ich fühle. Und zwar tatsächliche, verzweifelte Verachtung. Ein Gefühl, dass hier keinen Raum hat. Agota Kristof und Niklas Frank duplizieren sich in meinem Schädel und spielen Quartett mit meinen Gedanken.
Dann ist es wohl doch Hass und den bekomme ich gerade so gezügelt. Lächeln und funktionieren. Kratzen, beissen, spucken ist schon bei Kinderraufereien ein Zeichen von Unterlegenheit. Ich versuche ihm nicht die Augen zu schauen und erst recht nicht zu meiner Professorin zu blicken, von der ich glaube, dass sie innerhalb einer Millisekunde wüsste, dass hier – in mir – ein ganz anderer Kampf kämpft als an der Oberfläche.
Er kennt von den fünf Mädchenbüchern drei. Mehr als ich dachte und während er redet und hahnebüchene Theorien über Astrid Lindgren aufstellt, überlege ich, dass er die Bücher vor 30 Jahren gelesen, seitdem höchst selten darüber nachgedacht hat und trotzdem die Meinung die er sich damals darüber bildete mehr zählt als meine.
Ab und an versuche ich etwas beizusteuern, ansonsten lasse ich ihn reden. Mein Humor ist tatsächlich weg und bei den beiden Witzen die er macht und die eigentlich zur Entkrampfung dienen sollten, sitze ich einfach nur stumm auf meinem Platz. Das Spiel kann ich nicht mitspielen und die angebliche Studentenfreundlichkeit ist für mich nur eine Farce. Es ist vorbei und ich will nur diesen Raum verlassen, packe meine Dinge und werde von der Professorin davon abgehalten:
„Sie kommen ja nochmal wieder.“
„Ja. Richtig. Ja. Bestimmt.“ Ich stottere meinen Weg hinaus, stehe auf dem Gang und nehme meine letzte Kraft zusammen. „Ich habe nicht geschrien. Ich habe hoffentlich nichts schlimmes gesagt. Es war fürchterlich. Aber okay.“
Und ich muss wieder hinein. Die Prüfung war mir egal. Die Note ist mir egal.
„Was machen sie jetzt?“
Ich will mit ihr reden und nicht mit ihm. Aufstehen, verabschieden.
Glückwünsche der Professorin, Glückwünsche von ihm. Der feste Händedruck von ihr wird viel zu schnell von dem weichen Händedruck von ihm abgelöst und er lädt mich – ganz der Gönner und väterliche nette Mensch zu dieser Fake- Abschlussfeier ein.
„Danke nein.“
„Aber. Wir feiern da...“ Er kommt immer näher und ich kann es nicht ertragen. Ekel schüttelt mich und ich bewahre die Fassung. Mit vorletzter Kraft.
„Da bin ich sicher schon weg.“
„Aber...“
„Da bin ich sicher schon weg.“
Meine Kraft reicht zu keinem weiteren Satz. Zu keiner weiteren Nähe. Und ich verlasse schnell den Raum, schließe die Tür hinter mir zu und bin so geladen, dass ich gar nicht bemerke, dass die Professorin eine Sekunde später herauskommt.
„Dreckskerl.“, schiesst es aus mir heraus.
Und alle halten ihre Zeigefinger vor die Münder. Da mir Fluchen nicht länger erlaubt ist, verlege ich mich aufs lautieren, was vermutlich auch nicht wirklich besser ist. Und so spucke ich meine gesamte Verachtung auf den Boden des Universitätsgebäudes und es schüttelt mich bei dem Gedanken, dass er mich schon wieder fast getröstet hätte.

5.Vorbei

Mit einer viertelflasche Sekt in den Venen tauchen wir im Prüfungsamt auf.
„Frau Sauer. Es ist vorbei.“
„Herzlichen Glückwunsch.“
Mein persönlicher Fels in der Brandung steht im nüchtersten aller nüchternen Zustände im Prüfungsamt, öffnet die Akte und beginnt sogleich mit der Rechnerei.
„Frau Sauer...“
Sie sieht mich irritiert an und antwortet:
„Ich nehme dann mal lieber den Taschenrechner.“
„Davon wird es bestimmt nicht besser.“
„Ich kann es ja mal versuchen.“
„Dieses Mal habe ich nicht gesagt, dass ich jetzt mein Jodeldiplom hätte.“, muss ich ihr erzählen, da ich so stolz darauf bin, dass es mir nicht herausgerutscht ist.
Frau Sauer sieht mich wieder irritiert an.
„Naja. Letztes Mal kannte die Professorin das nicht und ich habe mit aller Deutlichkeit gespürt, dass der Witz nicht ankam und die letzte Achtung vor mir zerbrökelte.“
„Aber...“ Frau Sauer schnappt nach Luft. „Das gehört nun wirklich zur Allgemeinbildung.“ Und sie legt ihren Kopf zurück und summt: „Hollari – Du – Dödel – Du.“
„Du Dödel Di.“ und auf zum fröhlichen Wodkakaufen.

Tokio Hotel

Ich sitze vor dem Maritim in Frankfurt.
Es ist ein Hochsommer Apriltag. Frühlings-Overkill-Wetter. 29 Grad am 15 April. Warum der Wettergott die globale Erwärmung zugelassen hat, ist mir bis heute ein Rätsel.
Irgendeine Kunstmesse hat es für nötig gehalten einen schwarzen, aufgeblasenen Frauentorso vor das Messegelände zu stellen – ich halte das ja für abgekupferten Mist und imaginiere mir stattdessen den Nikki-Engel aus dem Züricher Bahnhof herbei und setze mich zu Füßen des Torsos - erstmal ne Kippe –
Ohrstöpsel habe ich vergessen zu kaufen, jedoch versuche ich dem Ganzen etwas positives abzugewinnen...
Auf diese Weise bin ich quasi dazu verdammt mich der Urgewalt von weiblichen Kindern und weiblichen Teenagern auszusetzen.
Kann der Masse nicht nur zusehen sondern auch noch zuhören, wie Bill, Tom, Gustav und Georg(nicht Gregor – das dachte ich bis vor ein paar Minuten noch) den grossen Rock der grossen Welt nach Frankfurt bringen.
Das einmal zu sehen. Scheiss auf Bruce Springsteen und Scheiss auf Bob Dylan.
Tokio Hotel ist anders – Tokio Hotel ist speziell und Tokio Hotel lässt Millionen Mädchenherzchen höherschlagen. Auch ... meins?
Dann hört es auf. Urplötzlich.
Method Acting funktioniert nicht wirklich, als drei siebenjährige mit hellblauen Tokio Hotel T-Shirts an mir vorbeihüpfen und ihrer Mutter aufgeregt erzählen, daß Bill ja so süß sei und Georg ein Looser – aber für einen Looser immer noch ziemlich süß.
Ich ziehe noch mal an meiner Kippe, werfe sie auf den Boden, trete sie aus und halte auf einmal die Idee mir so ein Konzert anzusehen für den allerletzten Dreck.
Aber da hinten winkt der Freund mit den Karten.
„Guck mal. Ich hab Ohrstöpsel. War noch bei der Notfallapotheke.“, grinst er mich an.
„Super.“, hüstele ich und nicke ihm zu.
„Haste auch welche?“
„Nöö...“, antworte ich nur und mustere eine coole Mutter, die mit ihrer coolen Tochter auf eine coole Art und Weise demonstriert, daß die beiden auch Schwestern sein könnten.
„Aber das ist cool...“ Ich räuspere mich. „Dass du welche hast mein ich...“
Ich bin mir einfach zu fein, um danach zu fragen: „Du einen Stöpsel – Ich einen Stöpsel?“, sondern reisse mich zusammen und denke an das toughe Schleswig-Holstein. Wir sind ja auch nicht vor den Dänen weggelaufen...
„Gucken wir doch mal zur Elternbetreuung.“, schlägt er vor.
„Yup.“
Wir gehen über das Messegelände.
Zuletzt war ich hier im Oktober zur Buchmesse, und in Halle vier, wo die Bildbände ausgestellt waren, befindet sich jetzt ein Formel 1 Simulator, eine Hüpfburg und eine Radio-Bühne, die als wir eintreten Melissa Etheridge spielt.
Noch nicht mal Grönemeyer – Deutscher Gesang zu Deutschem Gesang, denke ich bei mir ...
Aber so eng wird das ja hier nicht gesehen. Schließlich werden hier nur die Eltern betreut – damit sie auch Spass haben, während ihre durchgeknallten Kids: „Ich muss durch den Monsun“ grölen und dabei hüpfen und springen. Die können auch ohne Hüpfburg.
Doch ich will nicht vorgreifen.
Nix los in der Elternbetreuung und ab in die Festhalle.
Als wir eintreten hören wir schon Gekreische und Gejole. Im ersten Rang könnte man gut sehen, wenn nicht schon eine Band, die ich nicht kenne, schrammeln würde, die Lichter an wären und die Menschen in den Reihen vor uns nicht stehen würden –
Demonstrativ stöpselt der Freund die dafür gedachten Schaumgummidinger in seine Ohren, lehnt sich zurück und harrt der Dinge die da kommen mögen.
Nach einiger Zeit gewöhnen sich meine Ohren an den Krach und mir kommt in den Sinn, daß das hier tatsächlich meine Kinder sein könnten und fühle mich meilenweit von dem Gefühl „jung“ zu sein entfernt.
Irgendeine Band singt also irgendwelche Texte von denen ich noch nie gehört habe und arroganterweise sagen muss, daß sie mich auch keineswegs interessieren.
Hören sich so an – wie alle –
Und alle – ausser mir und dem Freund – kennen diese Band...
Noch ein paar Lieder und nur dann hysterische Schreie, wenn die Band fragt:
„Freut ihr euch schon auf Tokio Hotel?“
Da halte ich mir einfach die Ohren zu und staune, daß das Publikum sich schon bei der Vorband dermaßen echauffiert.
Sie tragen den Gitaristen, als sei er ein Surfer und sie das Meer.
Sie hüpfen, wenn sie hüpfen sollen, sie klatschen wenn sie klatschen sollen ... eine grosse Masse da unten, die ganz bestimmt viel Spass hat in sich selbst aufzugehen.
Schon jetzt fällt ab und zu ein Mädchen um und wird von den Security-Männern in Blau herausgezogen.
Das letzte Lied der Band wird gesungen und ich werfe ab und zu einen Blick zu der Frau neben mir, die aussieht, als würde sie für die FAZ schreiben.
Ein zu lang geratener Bubikopf, eine dezente Hornbrille, ein weisses Blüschen und ein dunkelgrüner Faltenrock, der gerade so über die Knie geht.
Bestimmt trägt sie dunkelbraune Schnürschuhe und blickdichte Strumpfhosen, jedoch kann ich das nicht genauer erkunden.
Sie sieht so altmodisch aus, wie die 11 jährigen modern aussehen - ab und an nicken wir uns zu... Als seien wir zwei verwandte Seelen, die aus reiner Neugier einen Blick in die Hölle werfen wollten und dabei nicht an den Notausgang gedacht haben.
Doch was sage ich: Tokio Hotel ist ja noch nicht einmal aufgetreten – die elfjährigen vor mir haben sich aber dennoch bereits auf ihre Sitzplätze gestellt und wippen mit ihren noch nicht wirklich in die Breite geschnellten Hüften. Ein wenig verstohlen ... aber es gibt ja Shakira – die bringt ihnen das noch bei... und n paar Jährchen haben sie ja noch Zeit...
Und wer mit 11 auf Tokio Hotel steht ... der hat noch eine große Zukunft vor sich ...
Pause – Licht an und die „Blau-T-Shirt-Männer“ gehen mit roten Wassereimern durch die Reihen und geben den überhitzten Mädchen Wasser. Davon kann ich nun meinen Blick überhaupt nicht wenden. Tatsächliche knallrote Plastikeimer, in die sie Plastikbecher eintauchen und den Mädchen das kühle Nass hinüberreichen.
Nach ein paar Teasern ... die Stimme von Bill ertönt, das Licht flackert, ein Werbespot wird auf den Leinwänden gezeigt (wo man sich einen Tokio Hotel Klingelton herunterladen kann, den die Mädels sicherlich schon alle haben) und schließlich geht das Licht aus und Tokio Hotel kommt.
Das ist also Hysterie?
Eine lautstarke, unbändige Kraft schlängelt sich in Richtung Bühne und wird dort keineswegs aufgefangen, sondern schlägt zurück – Hier wird nicht Federball gespielt sondern das, leider veraltete Squash.
Die Stimmung in der Halle ist von einer Sekunde zur nächsten so elektrisiert, daß mir nichts anderes übrig bleibt, als mit offenem Mund diesen häßlichen Jugendlichen mit furchtbaren Frisuren zuzusehen, wie sie versuchen die Hysterie zu bändigen ... Hier ist nicht mehr von einem: „Wir schwimmen miteinander um die Wette“ die Rede, sondern von einem Gewitter oder Orkan oder Hurrican oder ... was auch immer El Ninjo ... oder so ...
Mich kriegen sie nicht – Aber die Masse kriegt mich – Die drehen alle vollkommen durch –
Nach drei Liedern tritt der Frontmann Bill an den Bühnenrand und spricht mit so einer lieben Sozialpädagogenstimme, die mir gehörig auf die Nerven fällt. Hauchend, mit hoher Stimme und ganz ganz lieb.
„Es ist ja so heiß. Und ihr habt ja schon so lange gewartet. Aber ich muss ja sagen .. .etwas gutes ist an dem Sommer. Da haben die Mädchen weniger an...“
Ich schnappe nach Luft und überlege kurz, was das für die kleinen siebjährigen heissen mag, die in Bill verknallt sind, schüttele den Gedanken aber bald wieder ab ...vielleicht war das ja so etwas wie Pubertätshumor?
Dunkelgrüner Rock und Ich werfen uns einen verschwörerischen Blick zu und sie lenkt den ihren ein wenig hinter mich und ich bemerke ein Plakat:
„Deine VIP Ferkelchen lieben dich!“
Alles klar ...
Tokio Hotel singt: „Wir haben uns totgeliebt“, „Wo sind eure Hände“ und auf einmal – ich Trottel hätte mich auch besser vorbereiten können und die CD zumindestens einmal bei Saturn hören können: „Vergessene Kinder“
Das „politische Lied“ der Band, wo sie über die Kinder, welche nicht gewollt wurden und über Krieg und Armut und Sozialverwahrlosung singen ... und 8000 Mädchen singen mit ihnen. Es wird nicht Schweiss sondern ihr verschmähtes Wasser in die Mädchenmasse geschüttet und mein persönlicher Höhepunkt ist es, als Bill erklärt:
„Ich war ungefähr 9 Jahre als ich dieses Lied geschrieben habe und ich habe davon geträumt einmal auf so einer Bühne zu stehen. Es ist... Leb die Sekunde.“
Ich dagegen bin müde, habe alle Sekunden für heute gelebt und merke, daß mir eine Stunde von dieser Band reicht um in die Knie zu gehen. Ein Lied hört sich an wie das Andere und das permanente Gekreische zerrt an meinen Nerven. Ich setze mich zu dem Freund, der sich mit stoischer Miene Luft zufächelt und wahrscheinlich auch darauf wartet, daß das nun endlich aufhört.
Und richtig ... das tut es ... Es hört auf ...
Das Mädchen neben mir ist nun vollkommen am Boden.
Sie schreit: „Gustav! Gustav! Gustav!“ und als sie bemerkt, daß nur Bill und Tom auf die Bühne kommen: „Tom! Tom! Tom!“ Ihre Stimme überschlägt sich und die exemplarische Einzelhysterikerin neben mir lässt in mir den dringenden Wunsch entstehen ihr ein Glas Wasser über den Kopf zu schütten und zu brüllen: „Komm zu Dir – Kind!“
Es dröhnt in meinen Ohren ... verstehe kein Wort...will heim ... hätte lieber den Furtwängler Tatort sehen sollen ...
Wir brechen auf.
Eine coole Mutter mit ihren zwei coolen Töchtern geht an uns vorbei.
„Du sag mal...“, wende ich mich an das eine Mädchen. „Wie heisst denn der Drummer mit dem Metallica T-Shirt?“
Sie guckt mich verächtlich an, zögert (höchstwahrscheinlich weil sie meine Ignoranz verabscheut) und antwortet: „Der ist nicht Drummer. Der ist Schlagzeuger. Und er heisst Georg.“
Ich schüttele mich und haue so schnell es geht ab ... Meine Generation ist das auf gar keinen Fall. Ich werde alt ... und vielleicht sollte ich morgen doch lieber auf die Kunstmesse gehen, wenn dann die massive Penetration meiner Gehörgänge verheilt ist ... Und – ich Doppel-Trottel ... Georg ist kein Drummer ... sondern Schlagzeuger.

Frühlingsfest in Frankfurt

Natürlich kommen wir zu spät. Es konnte auch nicht anders kommen.
Das „Frühlingsfest der Volksmusik“ muss um punkt halb acht, wie angekündigt, anfangen, da die Renterinnen und ihre mitgeschleppten Ehemänner oder besten Freundinnen bereits seit einer Stunde in dem Festsall sitzen und geduldig auf Florian Silbereisen warten.
„Gehe sie da vorne rechts und dann durch die zweite Tür links.“
„Danke.“
Wir treten ein und eine Einlassdame mit Taschenlampe läuft in einem Affenzahn vor uns her. Und da ist er auch schon: „Der Flori!“
Bei dem Satz:
„Jetzt fangen wir endlich an“ treten wir in die bestuhlte Festhalle, laufen der Taschenlampenfrau fast atemlos hinterher und finden letztlich unsere Plätze. Reihe Acht – ganz nah dran.
Links von uns ein graumelierter Mann und links von uns eine Frau mit ihrer Mutter. Das hatte ich ganz vergessen.
Da macht man der Mama einmal eine Freude und schenkt ihr selbstlos Karten zum Frühlingsfest und dann sitzt man da und tauscht – zum Glück bin ich ja da – mit mir einen ich steh auch nicht wirklich auf Volksmusik Blick aus.
„Jetzt stehen sie einmal alle auf.“, brüllt der Flori, auf seine durch und durch charmante Art und Weise.
Und alle alle stehen auf. Das Licht im Saal geht kurz an und so kann ich verstohlen einen Blick auf das Publikum werfen. Keine Überraschung... Schade ist es. Ein paar Kinder sind mit Oma und Opa da.
„Jetzt dürfen sich alle sitzen, die heute schlecht gelaunt sind.“
Ich setze mich hin, bin erschlagen ob des Umfeldes, was da laut lacht und sich, wenn es nicht stehen würde sich auf die Schenkel schlagen würde.
„Da stehe ja noch alle. Wie schön. Jetzt dürfen sich alle setzen die feige sind.“
„Jetzt dürfen sich alle setzen, die heute nicht mitsingen wollen.“
„Und jetzt dürfen sich alle setzen, die heute nicht mit mir tanzen wollen.“
Die perfekte Überleitung, denn nachdem sich alle, bis auf eine schrill-rotgefärbte dicke Frau in der zweiten Reihe gesetzt haben, kündigt der Flori das Deutsche Fernsehballett an.
Und sie tanzen. Ich beginne mich schon jetzt zu langweilen und den soziologischen Forschungseifer (Ich will doch mal sehen, wie das Publikum so aussieht) zu verfluchen. Doch es kommt noch schlimmer. Getanze zu „Hoch auf dem gelben Wagen“ ist vollkommen okay, doch jetzt kommen irgendwelche Schwestern (ich glaube Hofmann) und singen volkstümliche Lieder, dann eine Boygroup der Volksmusik – wo auch wieder alle aufstehen müssen und schließlich die Wildecker Herzbuben, die zunächst einmal beweisen, dass sie auch Rock/Chanson und Schlager singen können.
Das Publikum amüsiert sich grossartig, als sie abwechselnd als Mireille Mathieu, Nana Mouskuri und schließlich und endlich als Tina Turner auftauchen.
„Singen können sie nicht.“, flüstere ich Jörg zu und er atmet dazu nur schwer.
Das Publikum atmet hörbar auf, als die beiden in ihren Trachtenjankern auftauchen und sofort mit „Herzilein – Herzilein“ anfangen.
Ich sinke immer tiefer in meinen Stuhl hinein und reisse mich in eben jenem Augenblick wieder aus ihm, als ich einen älteren Mann in Richtung Bühne tanzen sehe.
Er tanzt und dirigiert, stellt sich direkt vor die Wildecker Herzbuben – lacht und freut sich des Lebens.
Die Dramatik des Lebens wird hier auf anschauliche Weise verdeutlicht und umso mehr, als dass der Alte, nachdem die „alten Buben“ fertig gejodelt und das Publikum fertig geschunkelt hat zurück auf seinen Platz tänzelt und bei dem kleinen vierjährigen Mädchen stehen bleibt und sie dazu auffordert ihren Platz auf der Stelle zu räumen.
Das Kind sieht ihn nur verstört an, wie er eine auffordernd, befehlende Geste unternimmt, doch die Großmutter schreitet ein und so behält das Kind seinen Platz und er muss wieder in die letzten Reihen tänzeln.
Da ist auch der Flori schon wieder.
„Dann wollen wir einmal sehen wie wunderschön unser Publikum ist.“, sing-sangt er in sein Mikrophon hinein.
Ich halte, das kann man nicht anders bezeichnen, Maulaffenfeil und hoffe dass der Kelch an mir vorrübergeht und richtig ... Nachdem er einer 92 jährigen einen unkeuschen Antrag gemacht hat und sie fragte, ob sie „sehr dominant“ wäre, stürzt er sich auf eine gewisse Hannelore und geht mit ihr zur Bühne.
Nachdem – als Füllsel- noch mal die Geschwister Hofmann oder andere Schwestern – die kriege ich immer durch den Tüddel – aufgetreten sind tauchen der Flori und die Hannelore auf der grossen Bühne auf. Erst lernen sie laufen, dann lernen sie „erotisch“ sein.
„Nein Hannelore...Erotisch...“
Ich muss mir das Lachen extrem verkneifen, denn unter erotisch versteht der Flori, dass die Hannelore sich aufreizend durch ihre „Kassiererinnenfrisur“ streicht und er daraufhin seine Geschlechtsteile verdeckt –
Als ob da irgendetwas stattfinden würde, denke ich leise bei mir und in einem (extrem) kurzen Augenblick flattert das Bild von Flori und mir auf einem Wasserbett durch meinen Schädel, stelle mir vor, wie er so wäre und ob er dabei noch immer moderieren würde:
„Meine Damen und Herren... Wir befinden uns im Anflug auf das Allerheiligste ... ich wage es nicht zu beschreiben ...“ oder mir ab und zu sagen würde: „Sei erotisch.“
Unbedingt ist hier anzumerken, dass bei dem kleinen Wörtchen erotisch zu beachten ist, dass das „r“ auf eine extrem unerotische Weise gerollt werden muss.
Doch zurück zu Hannelore, die auf der großen Bühne steht, vor tausenden von Zuschauern und der beigebracht wird erotisch zu gehen und überhaupt errrrrrrrrrrotisch zu sein.
„Dafür hat es sich gelohnt die Wildecker Herzbuben zu ertragen.“, sage ich leise zu mir selbst, denn Jörg hat schon längst abgeschaltet.
Nachdem der Flori dann für die Hannelore ein paar Lieder gesungen hat, kommt eine Dame, die ein Polaroid von beiden macht:
„Sie können sich entscheiden... Wollen sie das Photo oder einen Kuss von mir.“
„Beides.“
Das Publikum lacht. Lacht umso mehr, als Flori hinzufügt: „Frauen....tzzz ... tzzz.“
Doch nun kommt das eigentliche Highlight.
„Er ist eine Leinwandlegende. Ein Mann, der die ganzen großen gekannt hat. Einer, der selbst einer der ganz großen war. Sie kennen ihn alle und in dem Moment wenn er auftaucht, bin ich nur noch ein kleines Licht.“
Die Winnetou Musik erklingt – das Theme von Pierre Brice und tatsächlich ist er es ... Winnetou himself in Frankfurt in der Festhalle.
Ich klatsche, denn schließlich war ich als Kind jedes Jahr bei den Karl-May Festspielen und habe ganze Sommerferien nix anderes als Cowboy und Indianer gespielt. Wobei ich den Indianer Part schon immer spannender gefunden habe. Die hatten einfach schönere Kostüme und coolere Pferde.
Und da kommt der Held meiner Kindheit, der sich in einen abgehalfterten alten Mann verwandelt hat.
78 Jahre( als der Flori das sagt klatschen die Leute auch – sind aber keineswegs überrascht) und ich denke nur, dass er bestimmt sein ganzes Geld versoffen hat und dass er mir leid tut. Ganz schlimm leid.
Noch „leider“ tut er mir, als er „Toutes – toutes – toutes – les femmes sont belles“ singt – sicherlich angelehnt an Maurice Chevalier, der ja auch noch als alter Sack“Thank heaven for little Girls“ singen durfte ... aber bei Winnetou, welcher hölzern auf der Bühne steht, eine derart intensiv kranke Ausstrahlung hat, dass man eigentlich sofort den Arzt holen möchte, wirkt es keineswegs.
Und dann kommt auch noch der Held der jungen Generation (unterbrochen von zwei Solisten des Fernsehballets, von denen ich meine Augen tatsächlich nicht wenden kann und denen zuzusehen ein Augenschmaus ist)
DECLAN
Der englischsprachige Heintje von heute.
Schon als er angesagt wird stürmen die Teenager nach vorne um ihm Blumen zu übereichen und eigentlich um sich einen Kuss abzuholen.
Doch das versäumt der dreizehnjährige Chartsstürmer und so kümmert sich der Flori selbst drum:
„Hat er euch eigentlich ein Küsschen gegeben? Dann kommt ihr später noch mal mit.“

Studentenwohnheimsparty

Wer sucht der findet sich ein – am Barabend im Studentenwohnheim. Auch wenn ich nicht suche, sondern vielmehr auf einem Geburtstag eingeladen bin, gehe ich hin. An einem Samstag gegen 23 Uhr.
Noch bin ich nicht kommunikativ. Noch bin ich bei meinem ersten Bier und nicht bei Wodka und noch habe ich meine Jacke an und unterhalte mich mit einem Mathematikstudenten.
Im Moment sind das nicht gerade grandiose Aussichten. Aber es wird schon anders werden.
“Ich studiere Astrophysik.”, erkläre ich dem Menschen der mir gegenübesteht. (Aber erst, nachdem er mir das mit Mathe gesagt hat und ich in ihm das personifizierte Klischee sehe – inklusive Aussehen)
“Mathe ist zwar schon geil – von wegen universaler Sprache und so – aber Astrophysik... Da wird das Konkrete mit dem Abstrakten verbunden. Nein. Vielmehr das Abstrakte wird zum konkreten und umgekehrt. Das ist das, was mich daran fasziniert. Mathematik ist dagegen ein Dreck!”
Dass ich weder irgendeine Ahnung von Physik oder Mathe habe, steht auf einem anderen Blatt – Das Ziel wurde erreicht. Der Mathestudent sieht mich nun als asexuelles Wesen und fragt mich:
“Kennst du eine Susanne?”
“Aus den ersten Semestern kenne ich niemanden.”
“Nee. Nee. Die ist im siebten.”
“Wie sieht die denn aus?”
“Brille. Kurze Haare. Hat meistens Jeans an...”
Super Beschreibung denke ich, subsumiere dann kurz seinen Gesamteindruck und wende ihn auf Susanne an – mein Gott bin ich heute arrogant. Also:
“Das ist doch so eine, die nie abschreiben lässt und immer in der ersten Reihe sitzt. Aber die ist im achten. Mit der habe ich angefangen.”
“Ja.Ja.Ja. Die ist vielleicht auch im Achten.”, antwortet er mit einem leicht debilen Grinsen.
Ich muss hier weg, denke ich und drehe mich auf dem Absatz um. Das wollte ich schon immer einmal machen. Eigentlich ist das ja gar nicht nett. Und ein gutes Gefühl habe ich dabei keineswegs. So fühlt man sich also, wenn man ein Arschloch ist.
Aha.
Noch ein Bier? Oder doch Rum? Nein lieber Bier und so gehe ich zur Bar und lasse mir ein geben. Gehe rüber zum Billiardtisch – zur Tanzfläche und zu den Sofas. Ein bisschen frische Luft könnte auch nicht schaden, denke ich und gehe kurzentschlossen an den Tanzenden vorbei, trete hinaus und setze mich hin.
“Guten Abend. Wie heisst denn du?”
Ein Mann mittleren Alters kommt auf mich zu. Ich sage ihm brav meinen Namen und er den seinen. Das Studienfach wird kurz ausgetauscht – nur um einen Grund zu haben, um auf den Punkt zu kommen:
“Wohnst du weit von hier?”
“Nein. Die Strasse runter.”
“Aha. Wollen wir hin gehen?”
“Nein.”
“Hast du eine Handynummer?”
“Nein.”
“Willst du mit mir kommen?”
“Nein.”
Ein gutes Gespräch denke ich. In einer Disco wurde mir auch schon mal nur “Vögeln?” zugeworfen und da hat es ewig gedauert, bis ich geschnallt hatte, was diese Figur von mir wollte. Hier wenigstens zivilisiert und so sage ich noch ein paar Mal “Nein!”, bis ich es mit der frischen Luft aufgebe und wieder hineingehe.
“Vielleicht änderst du ja später noch deine Meinung,.”, ruft mir der BWL Student hinterher.
Jetzt? Ein bisschen Ruhe? Ich setze mich auf eines der Sofas und gucke ein bisschen. Menschen bewegen sich zuckend zur Musik. Michael Jackson Techno. Entsetzlich. Aber irgendwie auch spannend.
Ein junger gutaussender Mann setzt sich neben mich. Wir schauen uns an und ich bemerke sofort das psychotische Glitzern in seinen Augen. Nach einigen Minuten Schweigen – die ich sehr genoss – spricht er:
“Ein oberflächliches Vergnügen.” und schaut mich dabei von der Seite an. Im folgenden erfahre ich, dass er Philosophie studiert, dass seine Mutter Architektin ist, dass er die Bar mit entworfen hat und vieles mehr.
Das Gespräch ist immer wieder durch lange Pausen bestimmt in denen er nachdenkt, um mich dann und wann mit einem Zitat von Nietsche oder Adorno zu überraschen. In den könnte ich mich verlieben, denke ich. Der ist krank. Der hat mit dem Wahnsinn Brüderschaft getrunken und seine Freunde heissen Horkheimer und Hegel. Folgerichtig stehe ich auf, danke ihm für das Gespräch und hole mir noch ein Bier.
“Hallo Süße. Kennen wir uns nicht?”
Ich muss mich ein bisschen schütteln, denn ich weiß nicht genau wer das ist, der da spricht. Auf alle Fälle kein Philosoph, Bwler Lustmolch oder Mathematiker. Nein – der Dennis ist es. Börsenmakler und gebürtiger Rheinländer. Der ist jetzt genau richtig.
“Hallo.”, antworte ich und gebe ein paar lustige Allgemeinplätze von mir. Ich schüttele die Tiefe ab wie einen Regenschauer. Schwupp die Wupp bin ich wieder auf der Party angekommen. Richtig. Man muss trinken und lachen und tanzen und kein Adorno kann mich heute davon abhalten.
“So eine wie dich gibt es selten. Das muss man schon sagen. Du bist so gar keine Zicke. Weisst du – wenn ich eine Freundin hätte, dann würde ich sie auf Händen tragen. Die würde alles bekommen von mir. Aber alles.”
Wie langweilig, siniere ich, aber ich wünsche ihm solch ein Mädchen, bei dem er der große Mann sein und der er viele Kinder machen kann. Ich bin das bestimmt nicht. Dafür bin ich heute viel zu arrogant unterwegs.
“Willst du noch ein Bier? Ich lad dich ein.”
Gut. Gut. Ein Bier ist nun doch nicht zu verachten.
“Danke. Ja. Ahhhh. Da ist ja auch Alex. Kommst du dann zu ihr hin?”, frage ich ihn und drücke mich mitsamt meinem Bier zu Alex hin. Die ist schon absolut betrunken. Sie war ein Jahr in Irland und sseitedem kann sie es – so denke ich – mit jedem Iren in ihrem Alter aufnehmen. Ausserdem kann sie im betrunkenen Zustand nicht mehr ins Deutsche wechseln. Sie bleibt im Englischen und sie stellt mich einem irischen Freund vor mit:
“Hello. This is Margharita. She is one of my best – here in Frankfurt.”
“Hi. My Name is Marianne. Not Margharita.”, sage ich zum ihm, der sich mir kurze Zeit später als Jack vorstellt.
“Nice to meet you!”, antworte ich. “I am just gettings some Smokes. Will be back in a Sec.”, antworte ich ihm. Dort werde ich jedoch von Ansgar angesprochen, der katholische Theologie studiert und mich über ein Horrorausbildungscamp in Seeheim-Jugenheim aufklärt. Unaufgefordert.
“Oh.Oh.Oh.”, sage ich nur, setze mich einen Moment zu ihm. Jack ist vergessen und wir unterhalten uns dann doch noch über Literatur, Filme und Politik. Das Bier fließt weiter in Strömen und wir versuchen uns mit Wissen zu beeindrucken. Warum auch nicht...
Schließlich kommt noch Max aus meiner Einführungsveranstaltung über Linguistik auf uns zu und lässt sich neben mich fallen:
“Ich sauf einfach immer zuviel.”, stöhnt er.
“Yupp.”, antworte ich nur knapp und sehe mich im Raum um.
Kaum jemand mehr da.
Der Mathematikstudent ist schon seit Stunden gegangen. Der Bwler hat gewiss eine andere abgeschleppt. Der Börsianer redet gerade auf englisch auf Alex und Jack ein und ich denke:
Wer nach diesem Abend kein Selbstbewusstsein hat ist selbst Schuld. Vielleicht sollte ich doch Astrophysik studieren. Aber nicht heute ... Wie war das nochmal mit Adorno?

Wolkenverhangen

“Wolkenverhangen der Himmel ... wolkenverhangen meine Seele.”
“Was? Ähh... Ja.”
“Weißt du? Mir geht es nicht so gut.”
“Ja.”
“Weißt du. Ich sitze auf meiner Couch und denke darüber nach, dass das Leben endlich ist. Und das ist so seltsam. Das haben nicht alle Menschen oder? Ich meine diese Gedanken.”
“Nein.”
“Eben. Und dann sitze ich so da und denke darüber nach ... und ... naja... zum Beispiel die Julia aus meine Büro. Die kennst du doch oder?”
“Ja.”
“Die Julia ist strunzendumm. Die denkt bestimmt nie darüber nach.”
“Nein.”
Ich frage mich wo dieses Gespräch noch hinführen soll. Wird das eine beschränkte Diskussion über die Endlichkeit des Lebens oder soll schlichtweg gejammert werden. Nach dem Motto: Ich bin endlich. Was soll ich tun mit meinem Leben? Oder wird es dann doch ein Monolog über das Sterben an sich und in Gänze. Ausufernd in einem Zusammenbruch, der nicht nur von Tränen und Schluchzen, sondern auch von der Aussage: Ich will nicht mehr. Alles ist so schlimm, begleitet wird?
Ich sollte nicht so objektiv sein, denke ich. Das tut mir nicht gut. Und meinem Gegenüber auch nicht.
“Naja.”, sage ich nach einigem Zögern. “Ich habe Freunde, die bereits ihre Trauerrede geschrieben haben. Sie wollen ihre Angehörige damit später nicht belasten. Ich persönlich halte das für Schwachsinn.”
“Gut. Dann bin ich ja nicht der Einzige, der darüber nachdenkt.”
“Nein. Bist du nicht.”

Die lustige Witwe

Und da sitze ich dann. Im völlig überfüllten Zug vom Norden in den Süden. Eine kleine, zierliche, zähle Frau ganz in schwarz setzt sich neben mich. Und ich merke schon im ersten Augenblick, dass sie weder meine tiefbrauenen Augenringe noch meine Kopfhörer auf den Ohren zu respektieren gedenkt.
“Ganz schön viele Auslänger hier im Zug.”, ruft sie mir im hessischen Dialekt entgegen.
“Das ist doch gut für die Touristik.”, flüstere ich in Richtung dieser Frau. Augenkontakt vermeiden, denke ich. Sonst höre ich eine Stunde lang ihre Lebensgeschichte. Ich setze schon während des Flüsterns meine Kopfhörer wieder auf.
“Ich war in Malente. Bei Freunden von meinem Mann und mir. Mein Mann ist (als) nun schon fünf Monate tot.”
Das erklärt die schwarze Kleidung, denke ich und kapituliere. Vielleicht ist es doch spannend zu wissen, was diese kleine lustige Witwe in den Norden getrieben hat. Sogleich wird es mir präsentiert:
“Ich wollte (als) Wein verkaufen. Ich habe nämlich einen Weinberg. Alla. Und letztens war meine Kusine da. Und wir haben (als) nur eine Stunde Wein gelesen. Und dann haben wir uns verquatscht. Und nur noch Kaffee getrunken.” Bei der Erzählung strahlt sie übers ganze Gesicht. “Mein Sohn war nämlich in Urlaub. Und meine Tochter. Die spinnt. Die studiert Pathologie. Die spinnt.” Dabei macht sie eine wegwerfende Handbewegung. “Aber ehrlich ist sie. Die hat einmal vor einem Klohäuschen ein Tempotaschentuch gefunden.In dem Tempotaschentuch war ein fünfzig Mark Schein. Den hat sie aufs Fundbüro gebracht. Und dann hat sie niemandem davon erzählt. Weil – da kann ja jeder (als) kommen und behaupten, dass das seiner ist. Und dann hat sie (als) ein Jahr gewartet und sich dann den Schein abgeholt. Ehrlich ist sie. Das muss man ihr lassen.”
“Wie alt ist denn ihre Tochter?”
“Jetzt ist sie (als) schon fünfzig. Das war vor zehn Jahren. Da war sie vierzig.”
Gut, denke ich und pflichte der Frau mir gegenüber im Geiste zu. Die Tochter spinnt wohl ein bisschen. Aber ehrlich ist sie.
Es wird mir dann noch so manches erzählt und als herauskommt, dass auch sie den ICE in Richtung Hannover nehmen muss, greife ich zu meiner Geheimwaffe und sage:
“Ich gehe ins Raucherabteil. Sie rauchen bestimmt nicht, oder?”
“Nein. Aber meine Tochter.”
Und so trennen wir uns denn in Hamburg. Sie winkt mir zu, strahlt unablässig weiter und ich denke, dass sie wohl Glück hatte, dass ihr Mann gestorben ist. Ertappe mich bei dem Gedanken und entschuldige mich dafür. Bei wem auch immer.

Lehramtsstudentinnen - nur zwei aber genug

“In Frankfurt kann man gut einkaufen.”
“Aber in Köln auch.”
“Aber Frankfurt hat Bäume.”
“Da hast du Recht.”
“Ich kaufe auch gern in Hamburg ein.”
Zwei Lehramtsstudentinnen sitzem im Bus eine Reihe vor mir und unterhalten sich über die wirklich wesentlichen Dinge im Leben. Und ich muss zuhören. Habe keine andere Möglichkeit, denn sie sprechen laut und deutlich. Gut – mit leicht hessischem Akzent – aber was macht das schon. Sie werden Lehrerinnen. Und zwar Gute. Das ist doch wohl klar.
“Weisst du, was das Erste war, was meine Mutter gesagt hat über Ricky?” Bedeutungsschwangere Pause, gekoppelt mit gekonntem zurückwerfen der langen blonden Mähne. “Man sieht der gut aus. Das hat sie gesagt. Weisst du? Der hat blaue Augen und so Haare.”
“Du meinst strassenköterblond?”
“Äh...” Sie ist ein wenig aus der Fassung gebracht, ob der hässlichen Begrifflichkeit. “Ähh. Ja. Aber die Augen. Blitzeblau. Aber so ein Blau. So ein Blau gibt es gar nicht.”
“Und das ist sooooo wichtig.”, fügt ihre vermutlich beste Freundin hinzu und wirft ihre ebenso langen und ebenso blonden Haare mit einer perfekt lässigen Haltung verbunden, über ihre zarten Kleinmädchenschultern.
“Ja. Das ist das Wichtigste. Weisst du braune Augen... bei braunen Augen bekommst du irgendwie kein Feedback. Die kannst du nicht lesen. Da kannst du nichts drin erkennen. Aber blaue Augen – die spiegeln dich.”
Sie nicken sich gegenseitig zu und wissen – sie haben sich verstanden und sind unglaublich erfahren mit dem Leben im Ganzen und der Liebe und so.
Ich denke, dass sie gerade Milliarden von Menschen diskriminiert haben und dass man sehr wohl aus braunen Augen etwas herauslesen kann – aber egal – ich bin der geistreichen Konversation restlos ausgeliefert. Ich möchte weglaufen, aber das geht schwer, denn der Bus in dem wir sitzen steckt im üblichen Verkehrsgewirr der Rush Hour fest. Morgen fahre ich Fahrrad. Egal ob es gewittert und ich klitschnass werde. Egal ob es hagelt oder stürmt.
“Also? Was hast du so in Deutsch belegt?”
“Ich muss noch die Einführung in die Linguistik machen.”
“Ich eigentlich auch. Aber das liegt so schlecht. Das ist am Freitag. Und ich will Freitags nicht in die Uni. Die Fahrt ist immer so lang.”
“Da hast du Rec ht. Die Fahrt ist wirklich lang.”
Ich sehe vor meinem geistigen Auge eine Randnotiz:
“dpa. Frankfurt. Studentini läuft Amok und verprügelt im überfüllten Bus Janine (23) und Nicole (22). Beide überlebten schwer verletzt. Sie haben sich – nach diesem Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte entschieden nicht weiter zu studieren, sondern nach Mallorca auszuwandern, um dort ein Heim für vernachlässigte Haustiere zu eröffnen.”
Gut, denke ich. Damit wäre uns wohl allen geholfen und stehe auf. Bin kurz davor das, was in meinem Kopf vorgeht Wirklichkeit werden zu lassen, zögere noch ein ganz klein bisschen, um siegesgewiss zu lächeln. Doch dann – kaum erwartet und doch erhofft – kommt die Rettung mittels eines entnervten Blickes von schräg gegenüber.
Braune Augen sprechen Bände.
Gewaltphantasien verkrümeln isch fürs erst und ich verspreche mir innerlich:
Morgen werden ich Fahrrad fahren und somit gar keine Möglichkeit haben die armen Lehrämter zu veprügeln.
Versprochen.
Morgen nehme ich das Rad.

Werd erwachsen


Aber – verdammte Scheisse – es gibt Menschen, die wissen, wie man leben soll. Als erwachsener deutscher Mensch. Sie sagen Dir genau worauf es ankommt. Nämlich auf Geld. Auf ein Haus. Auf einen Ehemann und zwei Kinder. Darauf kommt es an. Nur wenn man das hat, dann lebt man richtig. Ab und an ändert sich das Denken ein ganz klein bisschen. Dann darf eine Frau Kanzlerin werden. Plötzlich. Dann darf man ein Kind vor der Heiratsschliessung bekommen. Auf einmal. Das wird normal. Dann und Wann. An und Ab oder Ab und An.
Aber ändern tut sich nichts. Es gibt Menschen, die wissen, wie man leben sollte. Als erwachsener deutscher Mensch. Spar Dein Geld! Schließ eine Lebensversicherung ab. Beantrage die Riester Rente. Arbeite von 9 bis 5. Am besten noch ein bisschen länger. Ein bisschen früher kommen. Ein bisschen später gehen. Unbezahlt und bitte ohne zu Murren.
Frage Dich keine unnützen Fragen. Und alle Fragen, die des Fragen wegens gestellt, sind unnütz. Das ist doch klar. Werd erwachsen!
Hinterfrage nicht das System sondern schimpfe auf Politiker oder Manager oder Banker. Je nachdem was gerade angesagt ist. Und das sagt dir schon die Bild Zeitung.
Sauberleute der Wohlstandsdemokratie – sie nageln Dich wie schon seit ehedem ans Kreuz und tätowieren auf deine Stirn: Du bist anders – werd erwachsen. Werd endlich erwachsen!
Du bist falsch. Sieh doch her – wie man leben kann. Wie man das leben als leben nehmen kann.
Schreibe zuerst gute Noten. Erdenke Dir, was Deine Lehrer wollen. Hinterfrage deine Lehrer nicht. Sie wissen automatisch mehr. Hinterfrage nicht – denn dann schreibst du keine guten Noten. Lehrer sind keine Menschen. Sie sind Götter und haben das System gemeistern und zimmern an seinem Fortbestand. In manchmal achtloser Arroganz.
Du musst passen. Mach Abitur gefälligst. Ohne Abitur bist du nichts.
Studier BWL. Studier Jura. Studier Ingenieurwesen. Studier Mathe, Physik. Meinetwegen noch Chemie. Oder geh gleich zur Bank. Und merke dir: Du bist dein Job und vertraue dir selbst. Aber nicht zu sehr!
Die einen meistern das System. Die anderen dienen dem System.
Du darfst beides tun aber ja nichts anderes.
Putz dir die Fantasie von der Backe. Nur dann und wann: Fremdgesteuerte Harry Potter Hysterien. Das ist erlaubt. Das ist erwünscht. Schliesslich waren wir alle mal Kinder.
Es gibt Menschen, die wissen, wie man leben soll. Und das heisst:
konkret, zielgerichtet – mit dem Alter vor den Augen.
Lass dich beherrschen von Ängsten. Das hält dich unter Kontrolle. So brauchen wir dich. Aber wenn sie Überhand nehmen schluck nicht zuviel Antidepressiva und lande ja nicht in der Klapse. Denn dann bist du nutzlos und nicht mehr drinnen... sondern draussen. Jogge mit Kopfhörern in den Ohren in der Natur oder geh besser gleich ins Fitnessstudio. Lasse dich binden in Verpflichtungen und nimm am aller-allerbesten einen Kredit auf. Damit bist du am einfachsten normal gemacht. Normale Angst vor Geldverlust ist dein ständiger Begleiter. Denn eines ist so richtig erwachsen:
Glaube immer ans Geld.
Glaube an den Kapitalismus. Lass dich gern beherrschen!
Glaube bitte bitte bitte daran, dass alles gut werden wird – letztendlich - und versumpfe nicht im Fatalismus oder Komunismus oder gar der Metaphysik. Das macht doch keinen Sinn.
Sieh es doch ein. Werd erwachsen!