1.Abstieg
„Die anderen Magisterarbeiten waren länger. Sie haben ja einen ziemlich breiten Rand. Und bei diesem komplexen Thema hätte ich mehr erwartet.“
„Es sind hundertzehn Seiten.“
„Trotzdem. Der breite Rand.“
„Aha.“
„Und ausserdem bin ich mit der Auswahl ihrer Texte nicht einverstanden.“
„Wieso?“
„Sie hätten die Kurzgeschichte von der Pausewang mit hineinnehmen sollen.“
„Aber die sagt doch nichts aus. Nur dass eine Mutter ihr Mutterkreuz auf den Misthaufen wirft. Ich habe vier Bücher von der Pausewang besprochen.“
– Und war viermal in ihrer Sprechstunde, wo sie nichts weiter gesagt haben, als „Nehmen Sie unbedingt die Assmann mit hinein.“
„Aber diese Kurzgeschichte eben nicht. Die die ich meine. Ausserdem gefällt mir ihr Stil nicht und die Rechtschreibung ist auch katastrophal.“
„Aber ich habe mit der neuen Rechtschreibung...“
„Naja. Von der habe ich nun keine Ahnung. Trotzdem... das war nichts.“
„Aha. Aber ich habe drei Scheine bei ihnen gemacht und das waren nur Einsen...“
„Man kann immer mal daneben hauen...“
„Aber bei der Magisterarbeit...“
„Sie müssen mal über ihre Lebensplanung nachdenken. Das ist wichtig. Noten sind gar nicht so wichtig. Da ist nur das Ego gekränkt. Nichts weiter. So schlimm ist das nicht. Die Studenten denken immer...“
Ich stehe fassungslos vor dem Professor, der mir Nachrichten mitteilt, die mich nicht nur verdutzt, sondern zugleich auch ohne jedwedes Gefühl für irgend etwas stehen lassen. Wo ist die substanzielle Kritik - Wo sind die tatsächlichen Gründe - Abgesehen vom Stil oder von dem breiten Rand –
Was drinnen steht tut nichts zur Sache und ich stehe vor seinem Schreibtisch und würde mich anlehnen wenn ich könnte.
Er sitzt auf seinem Stuhl, mit zurückgelehntem Oberkörper. Mit Händen über dem Kopf und wippt vor und zurück, als er mir diese Dinge mitteilt. Der uneingeschränkte Herrscher, der keinen Zweitgutachter neben sich duldet. Es fehlt nur noch, dass er sich an seinen Geschlechtsteilen herumwurschtelt, denke ich und zucke kurz zusammen. In solchen Situationen denkt man wohl immer nicht wirklich adäquate Dinge.
Eigentlich wollte ich das Gutachten lesen, dass wie ich dachte, gut ausfallen würde. Eigentlich wollte ich mit der Sekretärin reden. Was kann ich dafür, dass der Herr Professor gerade da ist und mir die Nachrichten persönlich mitteilt.
Ich komme zu keinem weiteren „Aber.“ oder „Und.“
„Die Studenten. Die habe ich schon lange aufgeben. Von denen erwarte ich nichts mehr.“
Dabei grinst er mich an. Gedanken dazu habe ich nicht. Das berühmte Zugunglück, bei dem man erstarrt zusieht und doch noch funktioniert.
Das Telefon klingelt, während er den Gedankengang, dass Studenten ja sowieso überschätzt werden und nichts wirkliches zustande bringen, zuende bringt.
„Können Sie vielleicht kurz den Raum verlassen. Berlin ruft an.“ Mit solch einem Handgewinke bin ich noch nie aus einem Zimmer hinauskomplimentiert worden. Die Bettlerin vor dem König.
Und ich funktioniere, verlasse den Raum, mit weichen Knien und wahrscheinlich dem bleichsten Gesicht, dass ich jemals in meinem Leben hatte und stehe an die Wand gelehnt da. Eine Minute verstreicht und ich merke deutlich, dass die Ohnmacht sich ankündigt und ich rutsche langsam an der Wand hinunter, sitze auf dem kalten Boden und überlege, ob ich einfach gehen sollte, gehen könnte. Ein Dozent kommt aus seinem Zimmer und bringt mir ungefragt einen Stuhl.
Fassung bewahren. Diskutieren bringt nichts und weglaufen erst Recht nichts.
Ich gehe, als die Tür wieder aufgeht, noch einmal hinein und er drückt mir das Gutachten in die Hand. Dieselben Worte nur noch einmal in unbestechlichem Schwarz-Weiss.
Ich überfliege es tatsächlich. Was soll ich anderes tun. Wenn man Seiten mit der Aufforderung: „Lesen Sie!“, dann liest man. Vermisse schon jetzt meinen Humor.
Vermisse ihn schmerzlich – kann keine Pointe finden, die auf diese Situation passen würde. Ich murmele vor mich Sachen hin wie: „Neue Rechtsschreibung. Vier Bücher sind besser als eine Kurzgeschichte.“ Und bewahre Fassung.
Als ich das Gutachten in sein Zimmer zurückbringen will ist der Professor weg und wieder stehe ich auf dem Gang, schaue mich um und überlege einmal mehr, ob ich nicht einfach gehen sollte. Minuten werden zu Stunden.
„Ich wollte nur Tschüss sagen. Komme dann nochmal in ihre Sprechstunde wegen der Themen der mündlichen Prüfung.“
„Das müssen Sie nicht. Ich prüfe alles.“
Er nimmt mich in den Arm und ist ganz nah und ich kann seinen Atem riechen als er sagt:
„Ach. Mach dir nichts draus. Das wuppen wir noch auf ne zwei.“
2.Zwischenspiel
Ich wanke aus der Uni und setze mich auf die nächstgelegene Parkbank am Grüneburgpark. Telefoniere mit einer Freundin, die es genauso wenig wie ich fassen kann, rauche eine Zigarette nach der anderen. Sehe, dass mich die Kinder, die an mir vorbeilaufen anlächeln und schaffe es gerade noch so, sie zurück anzulächeln. Herbstferien im anderen Universum. Wanke zum nächstgelegenen Supermarkt, Zeit verschwimmt und verzweifele darüber, dass es weder Bier noch Fertigpizza zu kaufen gibt. Torkele nach Hause, heule Krokodilstränen und warte darauf, dass der Humor zurückkommt.
Am nächsten Morgen um sechs ist das Warten auf den Humor vorbei, der Laptop an und der Titel „Tötet den Professor“ schimmert auf meinem Bildschirm. Gaspistolen werden gegoogelt und überlegt wie man „Schande“ nochmal schreiben kann – nur anders. Schnell ändert sich „Tötet den Professor“ in „Des Herrn Professors Guantanamo“ und die Ohnmacht wird überwunden. Für ein paar Stunden am Tag.
3.Das Wuppen ist vorbei
„Passen sie doch bitte auf meine Tasche auf.“, sagt die Professorin und verschwindet zur Prüfungskommission. Es ist Montag Morgen zwanzig nach neun und vor zwanzig Minuten hätte meine Examenprüfung beginnen sollen. Statt beunruhigt zu sein, bin ich panisch und verstecke diesen Umstand hinter einen mir unbekannten Lethargie. Aussen ruhig, innerlich Gedankensprünge. Wozu aufstehen, wozu überhaupt eine Prüfung. Nichts kann ich tun. Nur auf die Tasche aufpassen.
Ich passe auf und als sie nach fünf Minuten wiederkommt und mir sagt:
„Wir haben tatsächlich vor dem falschen Raum gewartet.“ und zu dem richtigen Raum vorstürmt, hebt sich kurzfristig die körperliche Lethargie auf und ich watschele hinter der Professorin her. Auch dort wird an der Tür geklopft und niemand ist da.
„Passen sie doch bitte nochmal auf meine Tasche auf.“
Die Professorin stürmt wieder davon und hinterlässt mich ratlos in dem Gang. Der körperlichen Lethargie gesellt sich eine geistige hinzu. Und als die Professorin wieder kommt und mich mit den Worten:
„Er hat es verbaselt. Er kommt nicht. Wir können die Prüfung auf Donnerstag verschieben.“ begrüsst, kann ich nur: „Gut.“ sagen und die Surrealität der ganzen Situation begreifen.
Seltsamer Ausschnitt des Lebens.
„Ich kann prüfen.“, sagt die übereifrige Sekretärin in dem Büro des Professors.
„Dürfen sie das?“, fragt meine Professorin und runzelt die Stirn.
Es ist halb zehn und mir ist so ziemlich alles egal. Körperliche und geistige Lethargie. Bringen wird es hinter uns.
„Ich darf jetzt prüfen. Und ich will prüfen.“
Ich sehe eine seltsame Freude in ihren Augen und denke, dass sie nun endlich etwas zu tun bekommt. Etwas, was Achtung verdient, was oberflächlich freundlich erscheint und ich doch mit einigem Widerwillen betrachte. Übereifrigkeit mochte ich nie wirklich. Jedenfalls nicht, wenn sie allzu ostentativ gezeigt wird. Die kann man doch verstecken.
„Ich gehe noch einmal kurz auf die Toilette.“, sage ich zu meiner Professorin und Zeit zieht sich zusammen und Gedanken verschwinden. Überhaupt wiederholt sich die lethargische Panik der Magisterarbeitsnotenverkündung.
Meine Professorin und ich sitzen in dem Büro und die Minuten verstreichen. Die Beisitzerin taucht nicht auf.
„Warum will sie es erst machen, wenn sie dann nicht auftaucht?“, fragt meine Professorin mich, die ich versuche, mich irgendwie zu konzentrieren. Auf irgendwas – im Zweifel auf die folgende Prüfung.
Die Beisitzerin kommt, setzt sich zwischen mich und die Professorin. Auf dem Tisch liegen jede Menge Akten. Jede Menge Hausarbeiten und ich kann nicht anders, als darüber nachzudenken, was das wohl für Gedanken sind. Werde ganz sentimental. Bei dem Gedanken.
„Dann können wir ja anfangen.“, sagt meine Professorin. „Erstmal die Frage: Fühlen sie sich prüfungsbereit.“
„Hmm.“, sage ich, als die Prof. sich selbst unterbricht, die Beisitzerin anstarrt und sagt:
„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.“ Sie sagt ihren Namen, reicht der Beisitzerin die Hand und als auch diese ihren Namen nennt, weiss ich gar nicht mehr, was ich denken kann oder soll oder muss.
Die Beisitzerin öffnet meine Akte und schaut sich, als die ersten an mich gerichteten Fragen kommen, ersteinmal die Noten der bereits abgelegten Prüfungen an und wedelt mit dem noch nicht beschriebenen Protokoll vor meiner Nase herum. Wedelt mir meine schlechten Noten vor die Nase und ich zucke innnerlich mit den Achseln. Rümpfe innerlich die Nase – aber eigentlich bin ich schon gar nicht mehr vorhanden.
Meine Konzentration ist im Zweifel in Timbuktu, aber nicht in dieser Situation. Ich könnte auf Hawai sein, aber meine Seele ist nicht in diesem Raum. Ich funktioniere. Ich antworte auf Fragen. Ich kann nicht abstrahieren. Kann nicht das sagen, was ich denke und denke nicht, was ich sage. Lasse mich ablenken von dem Geschreibe der Protokollantin. Bekomme keinen Gedanken zu fassen. Starre in die Leere. Ich bin so wenig in der Situation, dass ich noch nicht einmal innerlich Panik empfinde.
„Surreal.“, das erste Wort. Das einzig ehrliche Wort dieses Tages. Das Wuppen ist vorbei. Wegen einer Stunde in meinem Leben. Die zwei ist weg... Die drei ist da ... Und meine Gedanken, wenngleich auch nicht in Timbuktu so doch zumindestens in Vancouver.
4.Farce-Finale
Es ist die letzte Stunde – allerletze Universitätsstunde-Examensprüfung und ich weiss genau, ich sollte aufgeregt sein, eiskalte Hände haben und den Wunsch nach der bestmöglichen Note.
Das habe ich alles nicht, sondern die pure Angst davor mein Gesicht zu verlieren, in Tränen auszubrechen oder dem Herrn Professor meine ungezügelte Wut ins Gesicht zu schreien.
„Ich habe mir gestern vorgestellt, dass ich ihn anspucke.“, sage ich zu meiner Begleiterin, die vorsorglich mitgenommen wurde, da ich mir zutraue eventuell wieder mit einer Professorin im Gang zu stehen, auf die Prüfung zu warten und einmal mehr über die Sinnigkeit von Patientenverfügungen zu debattieren.
„Das machst du aber nicht.“, sagt sie laut und so bestimmt sie nur irgend kann.
„Nein. Das mache ich nicht. Und ich zitiere auch nicht die 68er mit „Euer Ehren. Sie sind ein Arschloch.“
„Genau. Das machst du auch nicht.“
„Und was wenn doch?“, frage ich unsicher.
„Du machst das einfach nicht.“ Meine Begleiterin schaut mich mit entschlossener Miene an und reicht mir einen Schokobon.
„Iß!“
„Ja.“
Ich überlege, ob ich es vermeiden kann ihm ins Gesicht zu spucken. Ich denke schon. Schließlich bin ich einigermaßen gut erzogen.
„Aber stell Dir ihr Gesicht vor, wenn ich so etwas mache.“
„Iß!“, sagt die Freundin und es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte mir dieses Schokoladendings eigenhändig selbst in den Mund gestopft.
Ich esse und sie denkt an ihre Prüfung zurück.
„Ich könnte ja meine Prüfung nochmal machen. Ich geh rein und mach es besser.“
„Und du könntest ausserdem zeigen, dass doch noch eine Germanistin in dir steckt.“
„Das könnte ich tatsächlich. Ich weiss jetzt wer Nils Holgerson ist.“
„Und was der mit Kinderliteratur der Weimarer Republik zu tun hat.“
Ich zünde mir die tausendste Zigarette an. Mit besserem Gefühl irgendwie, denn schließlich befindet sich in meinem Magen nun Nahrung und sage laut:
„Ich werde nicht brüllen, schreien, spucken. Vielleicht sage ich einfach nur: ‚Ab jetzt dürfen sich mich mit meinem Nachnamen anreden.’ Oder ‚Ich hoffe ihr Buch wird ein Flop – Wenn sie je eins veröffentlichen.’“
„Oder – Rennen sie nicht vor der Mittelmäßigkeit davon. Sie stecken längst mitten drin.“
„Oder – Wer von allem gemocht werden will ...“
Mir fällt nichts ein. Was wie ein Sprichwort anfing, wollte sich dann doch nicht als eins entpuppen.
„Du musst ihn dann niemals wieder sehen.“, sagt die Freundin und reicht mir noch einen Schokobon, den ich aber höflich ablehne.
„Niemals Nie. Und nur noch diese eine Stunde.“ Ich inhaliere tief. „Ich darf nicht zu gut sein. Wenn ich mit ner 2.6 aus dieser ganze Choose heraustrete, dann steinige ich mich.“
„Also doch – Pippi Langstrumpf – War die nicht das mit der Schildkröte auf der Suche nach der Zeit?“ Die Freundin kichert und ich führe ihren Gedankengang fort.
„Die dann später auf einem Floß auf dem Mississippi gestrandet ist. Auf dem hat sie dann permanent Holzfiguren geschnitzt. Es war wie ein Zwang. Eine Obsession.“
„Dann kam Gottseidank der Glücksdrache.“
„Hieß der nicht Lotta?“
Wir stellen uns auf den Gang. Thesenpapiere in der Hand. Von dem einen weiß ich, dass es mich nicht retten wird, weil ich keinen einzigen der bestimmt sehr guten Ratschläge der Professorin umgesetzt habe und das andere wird mich nicht retten, weil der Herr Professor einen einzigen Blick darauf werfen wird und sich einen Dreck um meine Meinung schert.
Ich bin davon überzeugt, dass eine Pippi oder Ronja Frage kommt, weil ich nicht wirklich glauben kann, dass er die Mädchenbücher kennt.
„Ich könnte doch mit ihm anfangen und zwar auf Schwedisch. Jag läsat Astrid Lindgren pa Svenska.“
„Das könntest du durchaus.“
„Ich fange mit ihr an. Vor ihr habe ich keine Angst.“
„Seltsam.“
„Ja. Ist aber so.“
Da kommt sie schon die Treppe herunter und die Freundin flüstert mir noch zu: „Keine Witze übers Jodeldiplom.“
„Okay.“
Wir stehen da und ich bin froh, dass die Freundin auch da steht und ich somit nicht ganz allein von der Frage was denn mit der Magisterarbeit war, stehe und sie nicht beantworten will. Ich sage nur: „Darüber kann ich nicht reden. Sonst rege ich mich wieder auf.“
Gespräch unter drei Professoren. Nur kurz. Ich sehe ihn das erste Mal wieder. Er in seinem Element. Ich MUSS mit ihr anfangen.
Und das ist der Moment wo ich bemerke, dass mein Weg der Verarbeitung der falsche war. Die Kurzgeschichte mit „Des Herrn Professors Guantanomo“ hätte nie begonnen werden dürfen. Denn meine Fantasien haben längst die Realität abgelöst. Er sitzt mir gegenüber und bei den wenigen Blicken die ich auf ihn werfe, zucken die Bilder aus meiner eigenen Fantasie hervor. Wie ich ihn entführe, wie ich mir vorstelle auf welche Art er das Leben lassen soll. Wie das geht mit der Hygiene wenn man einen Menschen entführt und mit ihm in einem abgeschlossenem Raum lebt. Was die geeignete qualvollste Methode wäre ihn darauf hinzustoßen, dass er nicht unfehlbar ist. Er ist längst mehr als diejenige Person die mir da gegenüber sitzt.
Eine zähe erste halbe Stunde und auch wenn ich nicht genau weiß, ob das Wort „leider“ innerhalb der Aussage der Professorin: „Wir müssen leider zum nächsten Thema kommen.“ ernstgemeint ist, da die groben Schnitzer in Anhäuffungen vorhanden sind, aber ich bedaure es zutiefst. Lieber eine Stunde bei ihr Scheitern als mit ihm reden. Dann und wann sehe ich zu ihm herüber.
Er gähnt mit offenem Mund ohne sich die Hand vorzuhalten, er liest das Gutachten was er selbst geschrieben hat nochmal und macht laut „Hah!“, als er auch bemerkt, dass nichts mehr zu retten ist.
Lieber nochmal das 18 mit dem 19 Jahrhundert verwechseln, die gesamte Handlung einer Novelle vergessen oder die Frage zum zweiten, dritten, vierten Mal nicht verstanden zu haben, als mit ihm zu reden.
Aber dann ist die halbe Stune vorbei, er lehnt sich zurück und fängt an etwas zu erklären, was die Professorin sicherlich schon weiß und mir herzlich egal ist.
Es ist tatsächlich Verachtung, die ich fühle. Und zwar tatsächliche, verzweifelte Verachtung. Ein Gefühl, dass hier keinen Raum hat. Agota Kristof und Niklas Frank duplizieren sich in meinem Schädel und spielen Quartett mit meinen Gedanken.
Dann ist es wohl doch Hass und den bekomme ich gerade so gezügelt. Lächeln und funktionieren. Kratzen, beissen, spucken ist schon bei Kinderraufereien ein Zeichen von Unterlegenheit. Ich versuche ihm nicht die Augen zu schauen und erst recht nicht zu meiner Professorin zu blicken, von der ich glaube, dass sie innerhalb einer Millisekunde wüsste, dass hier – in mir – ein ganz anderer Kampf kämpft als an der Oberfläche.
Er kennt von den fünf Mädchenbüchern drei. Mehr als ich dachte und während er redet und hahnebüchene Theorien über Astrid Lindgren aufstellt, überlege ich, dass er die Bücher vor 30 Jahren gelesen, seitdem höchst selten darüber nachgedacht hat und trotzdem die Meinung die er sich damals darüber bildete mehr zählt als meine.
Ab und an versuche ich etwas beizusteuern, ansonsten lasse ich ihn reden. Mein Humor ist tatsächlich weg und bei den beiden Witzen die er macht und die eigentlich zur Entkrampfung dienen sollten, sitze ich einfach nur stumm auf meinem Platz. Das Spiel kann ich nicht mitspielen und die angebliche Studentenfreundlichkeit ist für mich nur eine Farce. Es ist vorbei und ich will nur diesen Raum verlassen, packe meine Dinge und werde von der Professorin davon abgehalten:
„Sie kommen ja nochmal wieder.“
„Ja. Richtig. Ja. Bestimmt.“ Ich stottere meinen Weg hinaus, stehe auf dem Gang und nehme meine letzte Kraft zusammen. „Ich habe nicht geschrien. Ich habe hoffentlich nichts schlimmes gesagt. Es war fürchterlich. Aber okay.“
Und ich muss wieder hinein. Die Prüfung war mir egal. Die Note ist mir egal.
„Was machen sie jetzt?“
Ich will mit ihr reden und nicht mit ihm. Aufstehen, verabschieden.
Glückwünsche der Professorin, Glückwünsche von ihm. Der feste Händedruck von ihr wird viel zu schnell von dem weichen Händedruck von ihm abgelöst und er lädt mich – ganz der Gönner und väterliche nette Mensch zu dieser Fake- Abschlussfeier ein.
„Danke nein.“
„Aber. Wir feiern da...“ Er kommt immer näher und ich kann es nicht ertragen. Ekel schüttelt mich und ich bewahre die Fassung. Mit vorletzter Kraft.
„Da bin ich sicher schon weg.“
„Aber...“
„Da bin ich sicher schon weg.“
Meine Kraft reicht zu keinem weiteren Satz. Zu keiner weiteren Nähe. Und ich verlasse schnell den Raum, schließe die Tür hinter mir zu und bin so geladen, dass ich gar nicht bemerke, dass die Professorin eine Sekunde später herauskommt.
„Dreckskerl.“, schiesst es aus mir heraus.
Und alle halten ihre Zeigefinger vor die Münder. Da mir Fluchen nicht länger erlaubt ist, verlege ich mich aufs lautieren, was vermutlich auch nicht wirklich besser ist. Und so spucke ich meine gesamte Verachtung auf den Boden des Universitätsgebäudes und es schüttelt mich bei dem Gedanken, dass er mich schon wieder fast getröstet hätte.
5.Vorbei
Mit einer viertelflasche Sekt in den Venen tauchen wir im Prüfungsamt auf.
„Frau Sauer. Es ist vorbei.“
„Herzlichen Glückwunsch.“
Mein persönlicher Fels in der Brandung steht im nüchtersten aller nüchternen Zustände im Prüfungsamt, öffnet die Akte und beginnt sogleich mit der Rechnerei.
„Frau Sauer...“
Sie sieht mich irritiert an und antwortet:
„Ich nehme dann mal lieber den Taschenrechner.“
„Davon wird es bestimmt nicht besser.“
„Ich kann es ja mal versuchen.“
„Dieses Mal habe ich nicht gesagt, dass ich jetzt mein Jodeldiplom hätte.“, muss ich ihr erzählen, da ich so stolz darauf bin, dass es mir nicht herausgerutscht ist.
Frau Sauer sieht mich wieder irritiert an.
„Naja. Letztes Mal kannte die Professorin das nicht und ich habe mit aller Deutlichkeit gespürt, dass der Witz nicht ankam und die letzte Achtung vor mir zerbrökelte.“
„Aber...“ Frau Sauer schnappt nach Luft. „Das gehört nun wirklich zur Allgemeinbildung.“ Und sie legt ihren Kopf zurück und summt: „Hollari – Du – Dödel – Du.“
„Du Dödel Di.“ und auf zum fröhlichen Wodkakaufen.
Dienstag
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