Wer sucht der findet sich ein – am Barabend im Studentenwohnheim. Auch wenn ich nicht suche, sondern vielmehr auf einem Geburtstag eingeladen bin, gehe ich hin. An einem Samstag gegen 23 Uhr.
Noch bin ich nicht kommunikativ. Noch bin ich bei meinem ersten Bier und nicht bei Wodka und noch habe ich meine Jacke an und unterhalte mich mit einem Mathematikstudenten.
Im Moment sind das nicht gerade grandiose Aussichten. Aber es wird schon anders werden.
“Ich studiere Astrophysik.”, erkläre ich dem Menschen der mir gegenübesteht. (Aber erst, nachdem er mir das mit Mathe gesagt hat und ich in ihm das personifizierte Klischee sehe – inklusive Aussehen)
“Mathe ist zwar schon geil – von wegen universaler Sprache und so – aber Astrophysik... Da wird das Konkrete mit dem Abstrakten verbunden. Nein. Vielmehr das Abstrakte wird zum konkreten und umgekehrt. Das ist das, was mich daran fasziniert. Mathematik ist dagegen ein Dreck!”
Dass ich weder irgendeine Ahnung von Physik oder Mathe habe, steht auf einem anderen Blatt – Das Ziel wurde erreicht. Der Mathestudent sieht mich nun als asexuelles Wesen und fragt mich:
“Kennst du eine Susanne?”
“Aus den ersten Semestern kenne ich niemanden.”
“Nee. Nee. Die ist im siebten.”
“Wie sieht die denn aus?”
“Brille. Kurze Haare. Hat meistens Jeans an...”
Super Beschreibung denke ich, subsumiere dann kurz seinen Gesamteindruck und wende ihn auf Susanne an – mein Gott bin ich heute arrogant. Also:
“Das ist doch so eine, die nie abschreiben lässt und immer in der ersten Reihe sitzt. Aber die ist im achten. Mit der habe ich angefangen.”
“Ja.Ja.Ja. Die ist vielleicht auch im Achten.”, antwortet er mit einem leicht debilen Grinsen.
Ich muss hier weg, denke ich und drehe mich auf dem Absatz um. Das wollte ich schon immer einmal machen. Eigentlich ist das ja gar nicht nett. Und ein gutes Gefühl habe ich dabei keineswegs. So fühlt man sich also, wenn man ein Arschloch ist.
Aha.
Noch ein Bier? Oder doch Rum? Nein lieber Bier und so gehe ich zur Bar und lasse mir ein geben. Gehe rüber zum Billiardtisch – zur Tanzfläche und zu den Sofas. Ein bisschen frische Luft könnte auch nicht schaden, denke ich und gehe kurzentschlossen an den Tanzenden vorbei, trete hinaus und setze mich hin.
“Guten Abend. Wie heisst denn du?”
Ein Mann mittleren Alters kommt auf mich zu. Ich sage ihm brav meinen Namen und er den seinen. Das Studienfach wird kurz ausgetauscht – nur um einen Grund zu haben, um auf den Punkt zu kommen:
“Wohnst du weit von hier?”
“Nein. Die Strasse runter.”
“Aha. Wollen wir hin gehen?”
“Nein.”
“Hast du eine Handynummer?”
“Nein.”
“Willst du mit mir kommen?”
“Nein.”
Ein gutes Gespräch denke ich. In einer Disco wurde mir auch schon mal nur “Vögeln?” zugeworfen und da hat es ewig gedauert, bis ich geschnallt hatte, was diese Figur von mir wollte. Hier wenigstens zivilisiert und so sage ich noch ein paar Mal “Nein!”, bis ich es mit der frischen Luft aufgebe und wieder hineingehe.
“Vielleicht änderst du ja später noch deine Meinung,.”, ruft mir der BWL Student hinterher.
Jetzt? Ein bisschen Ruhe? Ich setze mich auf eines der Sofas und gucke ein bisschen. Menschen bewegen sich zuckend zur Musik. Michael Jackson Techno. Entsetzlich. Aber irgendwie auch spannend.
Ein junger gutaussender Mann setzt sich neben mich. Wir schauen uns an und ich bemerke sofort das psychotische Glitzern in seinen Augen. Nach einigen Minuten Schweigen – die ich sehr genoss – spricht er:
“Ein oberflächliches Vergnügen.” und schaut mich dabei von der Seite an. Im folgenden erfahre ich, dass er Philosophie studiert, dass seine Mutter Architektin ist, dass er die Bar mit entworfen hat und vieles mehr.
Das Gespräch ist immer wieder durch lange Pausen bestimmt in denen er nachdenkt, um mich dann und wann mit einem Zitat von Nietsche oder Adorno zu überraschen. In den könnte ich mich verlieben, denke ich. Der ist krank. Der hat mit dem Wahnsinn Brüderschaft getrunken und seine Freunde heissen Horkheimer und Hegel. Folgerichtig stehe ich auf, danke ihm für das Gespräch und hole mir noch ein Bier.
“Hallo Süße. Kennen wir uns nicht?”
Ich muss mich ein bisschen schütteln, denn ich weiß nicht genau wer das ist, der da spricht. Auf alle Fälle kein Philosoph, Bwler Lustmolch oder Mathematiker. Nein – der Dennis ist es. Börsenmakler und gebürtiger Rheinländer. Der ist jetzt genau richtig.
“Hallo.”, antworte ich und gebe ein paar lustige Allgemeinplätze von mir. Ich schüttele die Tiefe ab wie einen Regenschauer. Schwupp die Wupp bin ich wieder auf der Party angekommen. Richtig. Man muss trinken und lachen und tanzen und kein Adorno kann mich heute davon abhalten.
“So eine wie dich gibt es selten. Das muss man schon sagen. Du bist so gar keine Zicke. Weisst du – wenn ich eine Freundin hätte, dann würde ich sie auf Händen tragen. Die würde alles bekommen von mir. Aber alles.”
Wie langweilig, siniere ich, aber ich wünsche ihm solch ein Mädchen, bei dem er der große Mann sein und der er viele Kinder machen kann. Ich bin das bestimmt nicht. Dafür bin ich heute viel zu arrogant unterwegs.
“Willst du noch ein Bier? Ich lad dich ein.”
Gut. Gut. Ein Bier ist nun doch nicht zu verachten.
“Danke. Ja. Ahhhh. Da ist ja auch Alex. Kommst du dann zu ihr hin?”, frage ich ihn und drücke mich mitsamt meinem Bier zu Alex hin. Die ist schon absolut betrunken. Sie war ein Jahr in Irland und sseitedem kann sie es – so denke ich – mit jedem Iren in ihrem Alter aufnehmen. Ausserdem kann sie im betrunkenen Zustand nicht mehr ins Deutsche wechseln. Sie bleibt im Englischen und sie stellt mich einem irischen Freund vor mit:
“Hello. This is Margharita. She is one of my best – here in Frankfurt.”
“Hi. My Name is Marianne. Not Margharita.”, sage ich zum ihm, der sich mir kurze Zeit später als Jack vorstellt.
“Nice to meet you!”, antworte ich. “I am just gettings some Smokes. Will be back in a Sec.”, antworte ich ihm. Dort werde ich jedoch von Ansgar angesprochen, der katholische Theologie studiert und mich über ein Horrorausbildungscamp in Seeheim-Jugenheim aufklärt. Unaufgefordert.
“Oh.Oh.Oh.”, sage ich nur, setze mich einen Moment zu ihm. Jack ist vergessen und wir unterhalten uns dann doch noch über Literatur, Filme und Politik. Das Bier fließt weiter in Strömen und wir versuchen uns mit Wissen zu beeindrucken. Warum auch nicht...
Schließlich kommt noch Max aus meiner Einführungsveranstaltung über Linguistik auf uns zu und lässt sich neben mich fallen:
“Ich sauf einfach immer zuviel.”, stöhnt er.
“Yupp.”, antworte ich nur knapp und sehe mich im Raum um.
Kaum jemand mehr da.
Der Mathematikstudent ist schon seit Stunden gegangen. Der Bwler hat gewiss eine andere abgeschleppt. Der Börsianer redet gerade auf englisch auf Alex und Jack ein und ich denke:
Wer nach diesem Abend kein Selbstbewusstsein hat ist selbst Schuld. Vielleicht sollte ich doch Astrophysik studieren. Aber nicht heute ... Wie war das nochmal mit Adorno?
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