Und da sitze ich dann. Im völlig überfüllten Zug vom Norden in den Süden. Eine kleine, zierliche, zähle Frau ganz in schwarz setzt sich neben mich. Und ich merke schon im ersten Augenblick, dass sie weder meine tiefbrauenen Augenringe noch meine Kopfhörer auf den Ohren zu respektieren gedenkt.
“Ganz schön viele Auslänger hier im Zug.”, ruft sie mir im hessischen Dialekt entgegen.
“Das ist doch gut für die Touristik.”, flüstere ich in Richtung dieser Frau. Augenkontakt vermeiden, denke ich. Sonst höre ich eine Stunde lang ihre Lebensgeschichte. Ich setze schon während des Flüsterns meine Kopfhörer wieder auf.
“Ich war in Malente. Bei Freunden von meinem Mann und mir. Mein Mann ist (als) nun schon fünf Monate tot.”
Das erklärt die schwarze Kleidung, denke ich und kapituliere. Vielleicht ist es doch spannend zu wissen, was diese kleine lustige Witwe in den Norden getrieben hat. Sogleich wird es mir präsentiert:
“Ich wollte (als) Wein verkaufen. Ich habe nämlich einen Weinberg. Alla. Und letztens war meine Kusine da. Und wir haben (als) nur eine Stunde Wein gelesen. Und dann haben wir uns verquatscht. Und nur noch Kaffee getrunken.” Bei der Erzählung strahlt sie übers ganze Gesicht. “Mein Sohn war nämlich in Urlaub. Und meine Tochter. Die spinnt. Die studiert Pathologie. Die spinnt.” Dabei macht sie eine wegwerfende Handbewegung. “Aber ehrlich ist sie. Die hat einmal vor einem Klohäuschen ein Tempotaschentuch gefunden.In dem Tempotaschentuch war ein fünfzig Mark Schein. Den hat sie aufs Fundbüro gebracht. Und dann hat sie niemandem davon erzählt. Weil – da kann ja jeder (als) kommen und behaupten, dass das seiner ist. Und dann hat sie (als) ein Jahr gewartet und sich dann den Schein abgeholt. Ehrlich ist sie. Das muss man ihr lassen.”
“Wie alt ist denn ihre Tochter?”
“Jetzt ist sie (als) schon fünfzig. Das war vor zehn Jahren. Da war sie vierzig.”
Gut, denke ich und pflichte der Frau mir gegenüber im Geiste zu. Die Tochter spinnt wohl ein bisschen. Aber ehrlich ist sie.
Es wird mir dann noch so manches erzählt und als herauskommt, dass auch sie den ICE in Richtung Hannover nehmen muss, greife ich zu meiner Geheimwaffe und sage:
“Ich gehe ins Raucherabteil. Sie rauchen bestimmt nicht, oder?”
“Nein. Aber meine Tochter.”
Und so trennen wir uns denn in Hamburg. Sie winkt mir zu, strahlt unablässig weiter und ich denke, dass sie wohl Glück hatte, dass ihr Mann gestorben ist. Ertappe mich bei dem Gedanken und entschuldige mich dafür. Bei wem auch immer.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
5e33v2t2
AntwortenLöschenkamagra
glucotrust official website
sight care
cialis 20 mg sipariş
viagra satın al
https://shop.blognokta.com/urunler/ereksiyon-haplari/cialis/cialis-100-mg-30-tablet-eczaneden-etkili-ereksiyon-saglayici-ilac/
cialis 5 mg satın al