Dienstag

Lehramtsstudentinnen - nur zwei aber genug

“In Frankfurt kann man gut einkaufen.”
“Aber in Köln auch.”
“Aber Frankfurt hat Bäume.”
“Da hast du Recht.”
“Ich kaufe auch gern in Hamburg ein.”
Zwei Lehramtsstudentinnen sitzem im Bus eine Reihe vor mir und unterhalten sich über die wirklich wesentlichen Dinge im Leben. Und ich muss zuhören. Habe keine andere Möglichkeit, denn sie sprechen laut und deutlich. Gut – mit leicht hessischem Akzent – aber was macht das schon. Sie werden Lehrerinnen. Und zwar Gute. Das ist doch wohl klar.
“Weisst du, was das Erste war, was meine Mutter gesagt hat über Ricky?” Bedeutungsschwangere Pause, gekoppelt mit gekonntem zurückwerfen der langen blonden Mähne. “Man sieht der gut aus. Das hat sie gesagt. Weisst du? Der hat blaue Augen und so Haare.”
“Du meinst strassenköterblond?”
“Äh...” Sie ist ein wenig aus der Fassung gebracht, ob der hässlichen Begrifflichkeit. “Ähh. Ja. Aber die Augen. Blitzeblau. Aber so ein Blau. So ein Blau gibt es gar nicht.”
“Und das ist sooooo wichtig.”, fügt ihre vermutlich beste Freundin hinzu und wirft ihre ebenso langen und ebenso blonden Haare mit einer perfekt lässigen Haltung verbunden, über ihre zarten Kleinmädchenschultern.
“Ja. Das ist das Wichtigste. Weisst du braune Augen... bei braunen Augen bekommst du irgendwie kein Feedback. Die kannst du nicht lesen. Da kannst du nichts drin erkennen. Aber blaue Augen – die spiegeln dich.”
Sie nicken sich gegenseitig zu und wissen – sie haben sich verstanden und sind unglaublich erfahren mit dem Leben im Ganzen und der Liebe und so.
Ich denke, dass sie gerade Milliarden von Menschen diskriminiert haben und dass man sehr wohl aus braunen Augen etwas herauslesen kann – aber egal – ich bin der geistreichen Konversation restlos ausgeliefert. Ich möchte weglaufen, aber das geht schwer, denn der Bus in dem wir sitzen steckt im üblichen Verkehrsgewirr der Rush Hour fest. Morgen fahre ich Fahrrad. Egal ob es gewittert und ich klitschnass werde. Egal ob es hagelt oder stürmt.
“Also? Was hast du so in Deutsch belegt?”
“Ich muss noch die Einführung in die Linguistik machen.”
“Ich eigentlich auch. Aber das liegt so schlecht. Das ist am Freitag. Und ich will Freitags nicht in die Uni. Die Fahrt ist immer so lang.”
“Da hast du Rec ht. Die Fahrt ist wirklich lang.”
Ich sehe vor meinem geistigen Auge eine Randnotiz:
“dpa. Frankfurt. Studentini läuft Amok und verprügelt im überfüllten Bus Janine (23) und Nicole (22). Beide überlebten schwer verletzt. Sie haben sich – nach diesem Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte entschieden nicht weiter zu studieren, sondern nach Mallorca auszuwandern, um dort ein Heim für vernachlässigte Haustiere zu eröffnen.”
Gut, denke ich. Damit wäre uns wohl allen geholfen und stehe auf. Bin kurz davor das, was in meinem Kopf vorgeht Wirklichkeit werden zu lassen, zögere noch ein ganz klein bisschen, um siegesgewiss zu lächeln. Doch dann – kaum erwartet und doch erhofft – kommt die Rettung mittels eines entnervten Blickes von schräg gegenüber.
Braune Augen sprechen Bände.
Gewaltphantasien verkrümeln isch fürs erst und ich verspreche mir innerlich:
Morgen werden ich Fahrrad fahren und somit gar keine Möglichkeit haben die armen Lehrämter zu veprügeln.
Versprochen.
Morgen nehme ich das Rad.

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