Dienstag

Frühlingsfest in Frankfurt

Natürlich kommen wir zu spät. Es konnte auch nicht anders kommen.
Das „Frühlingsfest der Volksmusik“ muss um punkt halb acht, wie angekündigt, anfangen, da die Renterinnen und ihre mitgeschleppten Ehemänner oder besten Freundinnen bereits seit einer Stunde in dem Festsall sitzen und geduldig auf Florian Silbereisen warten.
„Gehe sie da vorne rechts und dann durch die zweite Tür links.“
„Danke.“
Wir treten ein und eine Einlassdame mit Taschenlampe läuft in einem Affenzahn vor uns her. Und da ist er auch schon: „Der Flori!“
Bei dem Satz:
„Jetzt fangen wir endlich an“ treten wir in die bestuhlte Festhalle, laufen der Taschenlampenfrau fast atemlos hinterher und finden letztlich unsere Plätze. Reihe Acht – ganz nah dran.
Links von uns ein graumelierter Mann und links von uns eine Frau mit ihrer Mutter. Das hatte ich ganz vergessen.
Da macht man der Mama einmal eine Freude und schenkt ihr selbstlos Karten zum Frühlingsfest und dann sitzt man da und tauscht – zum Glück bin ich ja da – mit mir einen ich steh auch nicht wirklich auf Volksmusik Blick aus.
„Jetzt stehen sie einmal alle auf.“, brüllt der Flori, auf seine durch und durch charmante Art und Weise.
Und alle alle stehen auf. Das Licht im Saal geht kurz an und so kann ich verstohlen einen Blick auf das Publikum werfen. Keine Überraschung... Schade ist es. Ein paar Kinder sind mit Oma und Opa da.
„Jetzt dürfen sich alle sitzen, die heute schlecht gelaunt sind.“
Ich setze mich hin, bin erschlagen ob des Umfeldes, was da laut lacht und sich, wenn es nicht stehen würde sich auf die Schenkel schlagen würde.
„Da stehe ja noch alle. Wie schön. Jetzt dürfen sich alle setzen die feige sind.“
„Jetzt dürfen sich alle setzen, die heute nicht mitsingen wollen.“
„Und jetzt dürfen sich alle setzen, die heute nicht mit mir tanzen wollen.“
Die perfekte Überleitung, denn nachdem sich alle, bis auf eine schrill-rotgefärbte dicke Frau in der zweiten Reihe gesetzt haben, kündigt der Flori das Deutsche Fernsehballett an.
Und sie tanzen. Ich beginne mich schon jetzt zu langweilen und den soziologischen Forschungseifer (Ich will doch mal sehen, wie das Publikum so aussieht) zu verfluchen. Doch es kommt noch schlimmer. Getanze zu „Hoch auf dem gelben Wagen“ ist vollkommen okay, doch jetzt kommen irgendwelche Schwestern (ich glaube Hofmann) und singen volkstümliche Lieder, dann eine Boygroup der Volksmusik – wo auch wieder alle aufstehen müssen und schließlich die Wildecker Herzbuben, die zunächst einmal beweisen, dass sie auch Rock/Chanson und Schlager singen können.
Das Publikum amüsiert sich grossartig, als sie abwechselnd als Mireille Mathieu, Nana Mouskuri und schließlich und endlich als Tina Turner auftauchen.
„Singen können sie nicht.“, flüstere ich Jörg zu und er atmet dazu nur schwer.
Das Publikum atmet hörbar auf, als die beiden in ihren Trachtenjankern auftauchen und sofort mit „Herzilein – Herzilein“ anfangen.
Ich sinke immer tiefer in meinen Stuhl hinein und reisse mich in eben jenem Augenblick wieder aus ihm, als ich einen älteren Mann in Richtung Bühne tanzen sehe.
Er tanzt und dirigiert, stellt sich direkt vor die Wildecker Herzbuben – lacht und freut sich des Lebens.
Die Dramatik des Lebens wird hier auf anschauliche Weise verdeutlicht und umso mehr, als dass der Alte, nachdem die „alten Buben“ fertig gejodelt und das Publikum fertig geschunkelt hat zurück auf seinen Platz tänzelt und bei dem kleinen vierjährigen Mädchen stehen bleibt und sie dazu auffordert ihren Platz auf der Stelle zu räumen.
Das Kind sieht ihn nur verstört an, wie er eine auffordernd, befehlende Geste unternimmt, doch die Großmutter schreitet ein und so behält das Kind seinen Platz und er muss wieder in die letzten Reihen tänzeln.
Da ist auch der Flori schon wieder.
„Dann wollen wir einmal sehen wie wunderschön unser Publikum ist.“, sing-sangt er in sein Mikrophon hinein.
Ich halte, das kann man nicht anders bezeichnen, Maulaffenfeil und hoffe dass der Kelch an mir vorrübergeht und richtig ... Nachdem er einer 92 jährigen einen unkeuschen Antrag gemacht hat und sie fragte, ob sie „sehr dominant“ wäre, stürzt er sich auf eine gewisse Hannelore und geht mit ihr zur Bühne.
Nachdem – als Füllsel- noch mal die Geschwister Hofmann oder andere Schwestern – die kriege ich immer durch den Tüddel – aufgetreten sind tauchen der Flori und die Hannelore auf der grossen Bühne auf. Erst lernen sie laufen, dann lernen sie „erotisch“ sein.
„Nein Hannelore...Erotisch...“
Ich muss mir das Lachen extrem verkneifen, denn unter erotisch versteht der Flori, dass die Hannelore sich aufreizend durch ihre „Kassiererinnenfrisur“ streicht und er daraufhin seine Geschlechtsteile verdeckt –
Als ob da irgendetwas stattfinden würde, denke ich leise bei mir und in einem (extrem) kurzen Augenblick flattert das Bild von Flori und mir auf einem Wasserbett durch meinen Schädel, stelle mir vor, wie er so wäre und ob er dabei noch immer moderieren würde:
„Meine Damen und Herren... Wir befinden uns im Anflug auf das Allerheiligste ... ich wage es nicht zu beschreiben ...“ oder mir ab und zu sagen würde: „Sei erotisch.“
Unbedingt ist hier anzumerken, dass bei dem kleinen Wörtchen erotisch zu beachten ist, dass das „r“ auf eine extrem unerotische Weise gerollt werden muss.
Doch zurück zu Hannelore, die auf der großen Bühne steht, vor tausenden von Zuschauern und der beigebracht wird erotisch zu gehen und überhaupt errrrrrrrrrrotisch zu sein.
„Dafür hat es sich gelohnt die Wildecker Herzbuben zu ertragen.“, sage ich leise zu mir selbst, denn Jörg hat schon längst abgeschaltet.
Nachdem der Flori dann für die Hannelore ein paar Lieder gesungen hat, kommt eine Dame, die ein Polaroid von beiden macht:
„Sie können sich entscheiden... Wollen sie das Photo oder einen Kuss von mir.“
„Beides.“
Das Publikum lacht. Lacht umso mehr, als Flori hinzufügt: „Frauen....tzzz ... tzzz.“
Doch nun kommt das eigentliche Highlight.
„Er ist eine Leinwandlegende. Ein Mann, der die ganzen großen gekannt hat. Einer, der selbst einer der ganz großen war. Sie kennen ihn alle und in dem Moment wenn er auftaucht, bin ich nur noch ein kleines Licht.“
Die Winnetou Musik erklingt – das Theme von Pierre Brice und tatsächlich ist er es ... Winnetou himself in Frankfurt in der Festhalle.
Ich klatsche, denn schließlich war ich als Kind jedes Jahr bei den Karl-May Festspielen und habe ganze Sommerferien nix anderes als Cowboy und Indianer gespielt. Wobei ich den Indianer Part schon immer spannender gefunden habe. Die hatten einfach schönere Kostüme und coolere Pferde.
Und da kommt der Held meiner Kindheit, der sich in einen abgehalfterten alten Mann verwandelt hat.
78 Jahre( als der Flori das sagt klatschen die Leute auch – sind aber keineswegs überrascht) und ich denke nur, dass er bestimmt sein ganzes Geld versoffen hat und dass er mir leid tut. Ganz schlimm leid.
Noch „leider“ tut er mir, als er „Toutes – toutes – toutes – les femmes sont belles“ singt – sicherlich angelehnt an Maurice Chevalier, der ja auch noch als alter Sack“Thank heaven for little Girls“ singen durfte ... aber bei Winnetou, welcher hölzern auf der Bühne steht, eine derart intensiv kranke Ausstrahlung hat, dass man eigentlich sofort den Arzt holen möchte, wirkt es keineswegs.
Und dann kommt auch noch der Held der jungen Generation (unterbrochen von zwei Solisten des Fernsehballets, von denen ich meine Augen tatsächlich nicht wenden kann und denen zuzusehen ein Augenschmaus ist)
DECLAN
Der englischsprachige Heintje von heute.
Schon als er angesagt wird stürmen die Teenager nach vorne um ihm Blumen zu übereichen und eigentlich um sich einen Kuss abzuholen.
Doch das versäumt der dreizehnjährige Chartsstürmer und so kümmert sich der Flori selbst drum:
„Hat er euch eigentlich ein Küsschen gegeben? Dann kommt ihr später noch mal mit.“

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