Ich sitze vor dem Maritim in Frankfurt.
Es ist ein Hochsommer Apriltag. Frühlings-Overkill-Wetter. 29 Grad am 15 April. Warum der Wettergott die globale Erwärmung zugelassen hat, ist mir bis heute ein Rätsel.
Irgendeine Kunstmesse hat es für nötig gehalten einen schwarzen, aufgeblasenen Frauentorso vor das Messegelände zu stellen – ich halte das ja für abgekupferten Mist und imaginiere mir stattdessen den Nikki-Engel aus dem Züricher Bahnhof herbei und setze mich zu Füßen des Torsos - erstmal ne Kippe –
Ohrstöpsel habe ich vergessen zu kaufen, jedoch versuche ich dem Ganzen etwas positives abzugewinnen...
Auf diese Weise bin ich quasi dazu verdammt mich der Urgewalt von weiblichen Kindern und weiblichen Teenagern auszusetzen.
Kann der Masse nicht nur zusehen sondern auch noch zuhören, wie Bill, Tom, Gustav und Georg(nicht Gregor – das dachte ich bis vor ein paar Minuten noch) den grossen Rock der grossen Welt nach Frankfurt bringen.
Das einmal zu sehen. Scheiss auf Bruce Springsteen und Scheiss auf Bob Dylan.
Tokio Hotel ist anders – Tokio Hotel ist speziell und Tokio Hotel lässt Millionen Mädchenherzchen höherschlagen. Auch ... meins?
Dann hört es auf. Urplötzlich.
Method Acting funktioniert nicht wirklich, als drei siebenjährige mit hellblauen Tokio Hotel T-Shirts an mir vorbeihüpfen und ihrer Mutter aufgeregt erzählen, daß Bill ja so süß sei und Georg ein Looser – aber für einen Looser immer noch ziemlich süß.
Ich ziehe noch mal an meiner Kippe, werfe sie auf den Boden, trete sie aus und halte auf einmal die Idee mir so ein Konzert anzusehen für den allerletzten Dreck.
Aber da hinten winkt der Freund mit den Karten.
„Guck mal. Ich hab Ohrstöpsel. War noch bei der Notfallapotheke.“, grinst er mich an.
„Super.“, hüstele ich und nicke ihm zu.
„Haste auch welche?“
„Nöö...“, antworte ich nur und mustere eine coole Mutter, die mit ihrer coolen Tochter auf eine coole Art und Weise demonstriert, daß die beiden auch Schwestern sein könnten.
„Aber das ist cool...“ Ich räuspere mich. „Dass du welche hast mein ich...“
Ich bin mir einfach zu fein, um danach zu fragen: „Du einen Stöpsel – Ich einen Stöpsel?“, sondern reisse mich zusammen und denke an das toughe Schleswig-Holstein. Wir sind ja auch nicht vor den Dänen weggelaufen...
„Gucken wir doch mal zur Elternbetreuung.“, schlägt er vor.
„Yup.“
Wir gehen über das Messegelände.
Zuletzt war ich hier im Oktober zur Buchmesse, und in Halle vier, wo die Bildbände ausgestellt waren, befindet sich jetzt ein Formel 1 Simulator, eine Hüpfburg und eine Radio-Bühne, die als wir eintreten Melissa Etheridge spielt.
Noch nicht mal Grönemeyer – Deutscher Gesang zu Deutschem Gesang, denke ich bei mir ...
Aber so eng wird das ja hier nicht gesehen. Schließlich werden hier nur die Eltern betreut – damit sie auch Spass haben, während ihre durchgeknallten Kids: „Ich muss durch den Monsun“ grölen und dabei hüpfen und springen. Die können auch ohne Hüpfburg.
Doch ich will nicht vorgreifen.
Nix los in der Elternbetreuung und ab in die Festhalle.
Als wir eintreten hören wir schon Gekreische und Gejole. Im ersten Rang könnte man gut sehen, wenn nicht schon eine Band, die ich nicht kenne, schrammeln würde, die Lichter an wären und die Menschen in den Reihen vor uns nicht stehen würden –
Demonstrativ stöpselt der Freund die dafür gedachten Schaumgummidinger in seine Ohren, lehnt sich zurück und harrt der Dinge die da kommen mögen.
Nach einiger Zeit gewöhnen sich meine Ohren an den Krach und mir kommt in den Sinn, daß das hier tatsächlich meine Kinder sein könnten und fühle mich meilenweit von dem Gefühl „jung“ zu sein entfernt.
Irgendeine Band singt also irgendwelche Texte von denen ich noch nie gehört habe und arroganterweise sagen muss, daß sie mich auch keineswegs interessieren.
Hören sich so an – wie alle –
Und alle – ausser mir und dem Freund – kennen diese Band...
Noch ein paar Lieder und nur dann hysterische Schreie, wenn die Band fragt:
„Freut ihr euch schon auf Tokio Hotel?“
Da halte ich mir einfach die Ohren zu und staune, daß das Publikum sich schon bei der Vorband dermaßen echauffiert.
Sie tragen den Gitaristen, als sei er ein Surfer und sie das Meer.
Sie hüpfen, wenn sie hüpfen sollen, sie klatschen wenn sie klatschen sollen ... eine grosse Masse da unten, die ganz bestimmt viel Spass hat in sich selbst aufzugehen.
Schon jetzt fällt ab und zu ein Mädchen um und wird von den Security-Männern in Blau herausgezogen.
Das letzte Lied der Band wird gesungen und ich werfe ab und zu einen Blick zu der Frau neben mir, die aussieht, als würde sie für die FAZ schreiben.
Ein zu lang geratener Bubikopf, eine dezente Hornbrille, ein weisses Blüschen und ein dunkelgrüner Faltenrock, der gerade so über die Knie geht.
Bestimmt trägt sie dunkelbraune Schnürschuhe und blickdichte Strumpfhosen, jedoch kann ich das nicht genauer erkunden.
Sie sieht so altmodisch aus, wie die 11 jährigen modern aussehen - ab und an nicken wir uns zu... Als seien wir zwei verwandte Seelen, die aus reiner Neugier einen Blick in die Hölle werfen wollten und dabei nicht an den Notausgang gedacht haben.
Doch was sage ich: Tokio Hotel ist ja noch nicht einmal aufgetreten – die elfjährigen vor mir haben sich aber dennoch bereits auf ihre Sitzplätze gestellt und wippen mit ihren noch nicht wirklich in die Breite geschnellten Hüften. Ein wenig verstohlen ... aber es gibt ja Shakira – die bringt ihnen das noch bei... und n paar Jährchen haben sie ja noch Zeit...
Und wer mit 11 auf Tokio Hotel steht ... der hat noch eine große Zukunft vor sich ...
Pause – Licht an und die „Blau-T-Shirt-Männer“ gehen mit roten Wassereimern durch die Reihen und geben den überhitzten Mädchen Wasser. Davon kann ich nun meinen Blick überhaupt nicht wenden. Tatsächliche knallrote Plastikeimer, in die sie Plastikbecher eintauchen und den Mädchen das kühle Nass hinüberreichen.
Nach ein paar Teasern ... die Stimme von Bill ertönt, das Licht flackert, ein Werbespot wird auf den Leinwänden gezeigt (wo man sich einen Tokio Hotel Klingelton herunterladen kann, den die Mädels sicherlich schon alle haben) und schließlich geht das Licht aus und Tokio Hotel kommt.
Das ist also Hysterie?
Eine lautstarke, unbändige Kraft schlängelt sich in Richtung Bühne und wird dort keineswegs aufgefangen, sondern schlägt zurück – Hier wird nicht Federball gespielt sondern das, leider veraltete Squash.
Die Stimmung in der Halle ist von einer Sekunde zur nächsten so elektrisiert, daß mir nichts anderes übrig bleibt, als mit offenem Mund diesen häßlichen Jugendlichen mit furchtbaren Frisuren zuzusehen, wie sie versuchen die Hysterie zu bändigen ... Hier ist nicht mehr von einem: „Wir schwimmen miteinander um die Wette“ die Rede, sondern von einem Gewitter oder Orkan oder Hurrican oder ... was auch immer El Ninjo ... oder so ...
Mich kriegen sie nicht – Aber die Masse kriegt mich – Die drehen alle vollkommen durch –
Nach drei Liedern tritt der Frontmann Bill an den Bühnenrand und spricht mit so einer lieben Sozialpädagogenstimme, die mir gehörig auf die Nerven fällt. Hauchend, mit hoher Stimme und ganz ganz lieb.
„Es ist ja so heiß. Und ihr habt ja schon so lange gewartet. Aber ich muss ja sagen .. .etwas gutes ist an dem Sommer. Da haben die Mädchen weniger an...“
Ich schnappe nach Luft und überlege kurz, was das für die kleinen siebjährigen heissen mag, die in Bill verknallt sind, schüttele den Gedanken aber bald wieder ab ...vielleicht war das ja so etwas wie Pubertätshumor?
Dunkelgrüner Rock und Ich werfen uns einen verschwörerischen Blick zu und sie lenkt den ihren ein wenig hinter mich und ich bemerke ein Plakat:
„Deine VIP Ferkelchen lieben dich!“
Alles klar ...
Tokio Hotel singt: „Wir haben uns totgeliebt“, „Wo sind eure Hände“ und auf einmal – ich Trottel hätte mich auch besser vorbereiten können und die CD zumindestens einmal bei Saturn hören können: „Vergessene Kinder“
Das „politische Lied“ der Band, wo sie über die Kinder, welche nicht gewollt wurden und über Krieg und Armut und Sozialverwahrlosung singen ... und 8000 Mädchen singen mit ihnen. Es wird nicht Schweiss sondern ihr verschmähtes Wasser in die Mädchenmasse geschüttet und mein persönlicher Höhepunkt ist es, als Bill erklärt:
„Ich war ungefähr 9 Jahre als ich dieses Lied geschrieben habe und ich habe davon geträumt einmal auf so einer Bühne zu stehen. Es ist... Leb die Sekunde.“
Ich dagegen bin müde, habe alle Sekunden für heute gelebt und merke, daß mir eine Stunde von dieser Band reicht um in die Knie zu gehen. Ein Lied hört sich an wie das Andere und das permanente Gekreische zerrt an meinen Nerven. Ich setze mich zu dem Freund, der sich mit stoischer Miene Luft zufächelt und wahrscheinlich auch darauf wartet, daß das nun endlich aufhört.
Und richtig ... das tut es ... Es hört auf ...
Das Mädchen neben mir ist nun vollkommen am Boden.
Sie schreit: „Gustav! Gustav! Gustav!“ und als sie bemerkt, daß nur Bill und Tom auf die Bühne kommen: „Tom! Tom! Tom!“ Ihre Stimme überschlägt sich und die exemplarische Einzelhysterikerin neben mir lässt in mir den dringenden Wunsch entstehen ihr ein Glas Wasser über den Kopf zu schütten und zu brüllen: „Komm zu Dir – Kind!“
Es dröhnt in meinen Ohren ... verstehe kein Wort...will heim ... hätte lieber den Furtwängler Tatort sehen sollen ...
Wir brechen auf.
Eine coole Mutter mit ihren zwei coolen Töchtern geht an uns vorbei.
„Du sag mal...“, wende ich mich an das eine Mädchen. „Wie heisst denn der Drummer mit dem Metallica T-Shirt?“
Sie guckt mich verächtlich an, zögert (höchstwahrscheinlich weil sie meine Ignoranz verabscheut) und antwortet: „Der ist nicht Drummer. Der ist Schlagzeuger. Und er heisst Georg.“
Ich schüttele mich und haue so schnell es geht ab ... Meine Generation ist das auf gar keinen Fall. Ich werde alt ... und vielleicht sollte ich morgen doch lieber auf die Kunstmesse gehen, wenn dann die massive Penetration meiner Gehörgänge verheilt ist ... Und – ich Doppel-Trottel ... Georg ist kein Drummer ... sondern Schlagzeuger.
Dienstag
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