Nach einer ewig langen
Busfahrt komme ich endlich in dieser großen Stadt an. Berlin. Ich
freue mich keinen Millimeter auf die DAZ Fortbildung und male mir,
nicht zu lange, denn man will ja nicht sofort in eine Depression
verfallen, immer wieder die dämlichen Leute aus, die ich dort
kennenlernen werde. Lehrerinnen aus Berlin – engagierte
Pädagoginnen. Wir werden dumme Ballspiele spielen müssen. Wir werde
uns selbstreflektierend über unseren Unterricht austauschen müssen.
Und überhaupt. Und überhaupt - Noch dazu in Berlin. Auf dem Hinweg
überlege ich, warum ich die Fortbildung nicht doch in Jena gemacht
habe. Dort hätte ich zumindestens keine Meinung über die Stadt. Bei
Berlin sind in mir Vorurteile eingebrannt. Gar keine wirklichen
Urteile, sondern tatsächliche Vorurteile. Denn dass was Hipp ist,
ist prinzipiell UnHipp. Dieses Gedankengut habe ich aus meiner
Pubertät herüberretten können. Es ist cool Berlin nicht zu mögen,
weil es uncool ist Berlin zu mögen. Nun ja. Ich habe das Ziel eine
positive Egal Haltung Berlin gegenüber einzunehmen, aber ich
scheitere schon am Klomann am ZOB.
50 Cent habe ich
eingeworfen, jedoch bewegt sich die Tür kein Stück. Weder vor noch
zurück. Der Mann, der nach wiederholtem Anrufen, nicht antwortet –
geschweige denn sich umguckt – reagiert dann doch.
„Was ziehen sie denn
auch?“, sagt er nur. Kurz angebunden und sichtlich genervt.
Meine Blase platzt fast
und ich antworte keck: „Es ging nicht und deswegen zog ich die
Tür.“
Keinerlei Pointe
bislang.
Nur einer der
unfreundlichen Berliner – wie ich denke. Und überhaupt: Berliner
sind ja gar keine Menschen, sondern eben halt … Berliner.
Er öffnet dann doch
die Tür, ich kann mich erleichtern und der kurze Geisteblitz:
Berliner sind auch Menschen – kommt mir in den Kopf.
„Herzlichen Dank.“,
sage ich im Weggehen und tatsächlich antwortet er:
„Wenn man muss, dann
ist manches auch schwerer.“
Da hat der gute Mann
wohl recht.
Ich fahre mit der
Ringbahn nach Schöneberg und bin tatsächlich begeistert ob der
alten Villen, dem sanften Herbstlicht und könnte mir fast vorstellen
dort wohnen zu können. Mit vielen Einschränkungen – jedoch macht
es einen schönen Eindruck.
Dann komme ich – nach
einer halben Stunde Kofferzieherei und dem drohenden Muskelkater
schon im Hinterkopf – bei meiner Fortbildungsstätte an.
Einführung,
Eisbrecherei, Powerpointpräsentation und Herumgeführe in der
Schule. Das einzig relevante ist die 85%ige Anwesenheitspflicht.
Herrjemeni. Alles wie erwartet. Doch das Blatt dreht sich noch auf
unglaublich nervige Art und Weise. Mit Uschi nämlich.
„So. Und jetzt kommt
die Uschi. Die wird mit euch eine Unterrichtsstunde halten in einer
Sprache, die ihr garantiert nicht kennt. Das ist dann unsere
Selbsterfahrung. Ihr habt eine Unterrichtsstunde, wo nur in der
Zielsprache geredet wird und könnt euch dann in euere Schüler
besser hineinfühlen.“
Uschi kommt und in dem
Moment, wo sie beginnt zu reden, könnte ich mich auch schon
übergeben.
Anfang zwanzig, mit
langen roten Haaren und ganz in mausgrau gekleidet. Sommersprossig
und braune Augen, die nicht lächeln oder grinsen oder großzügig
sind. Nein... Uschis Gesicht verzieht sich zu einer Fratze, die wohl
von Außenstehenden als Lächeln bezeichnet wird, sie hebt ihre
rechte Hand und winkt durch die Gegend und sagt immer wieder – und
immer und immer wieder:
„Selamat Pagi!“ -
„Selamat Pagi!“ - „Selamat Pagi.“
In einem hohen
Singsang, wie ihn Grundschullehrerinnen pflegen.
dü dü dü di dü.
„Ke-vin – Mal-te –
Nei Hein.“
„Ma-ja- ne – hier –
her.“
„Ich hass euch a –
lle.“
„Ihr seid so –
Schei – ße“
Nun – ich finde sie
furchtbar. Tatsächlich furchtbar unsympatisch und dieses Gefühl
verstärkt sich nur, als sie eine Karte herausholt und uns Indonesien
zeigt.
Das ist nun Land, in
das ich nunmehr eine tiefe Abneigung gefasst habe.
Sie redet irgendeinen
Wirrwarr von Affen und Borneo und Schnickschnack und dabei wippt sie
körperlich immer hin und her. Sie klettert bestimmt auch, denke ich.
Sie klettert und hüpft sehr gerne – aber sie lächelt nicht mit
den Augen. Und das ist wichtig als Lehrerin.
Nach „Selamat Pagi“
kommen noch: „Apa
kabar.“ und „Kabar baik.“ (Wie geht es dir? Mir geht es gut.)
und „Apa nama anda?“
- „Nama saya Uschi.“ (Wie ist dein Name? Mein Name ist Uschi.)
und noch dazu: „ Anda
dari mana?“ - „Saya dari Jerman.“ (Woher kommst du? Aus
Deutschland)
Immer in diesem
dämlichen Singsang, der mich abschalten lässt und nicht wieder zu
ihr zurückfinden lässt. Selbsterfahrung in einer Modellstunde, die
mich in den Wahnsinn zu treiben droht. Ich zähle die Minuten – ich
zähle die Sekunden und fühle mich in den Matheunterricht aus der
fünften Klasse versetzt, wo ich einfach nur weg wollte.
„Kopi“ - „Kaffee“
„jus jeruk“ -
„Orangensaft“
„Air“ - „Wasser“
„Man apa?“
„Man air.“
Ich mache Miene zum
bösen Spiel, sage am Ende der Stunde auch nicht dezidiert, dass ich
die Lehrerin wechseln würde, weil sie wie auf Crack wirkt...
Zappelig, unfreundlich, schnell und unsympatisch.
Meine Lehrerfahrung.
Langsam sprechen, so dass alle alles verstehen können.
Und doch... am nächsten
Morgen denke ich als erstes:
„Salamat...“
Willkommen in Berlin.
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