Wir gehen in den Berliner Zoo.
Warum auch nicht. In einer großen Stadt kann man in Zoos gehen. Da haben es die Tiere meistens gut. So denken wir - doch als wir in den Berliner Zoo kommen, wissen wir sofort: Weit gefehlt.
Hier hat niemand Platz.
Und weil uns die Elefanten und Giraffen und die Tiger und die Löwen leid tun und weil wir Vergleiche anstellen und es unfair finden, dass ein Meerschweinchen im Vergleich zu einem Wolf vergleichsweise viel mehr Platz zur Verfügung hat, sagen wir:
"Nur kurz ins Affenhaus. Nur ganz kurz und wenn es zu schlimm ist, gehen wir gleich wieder."
Im Affenhaus ist viel Trubel und der geht nicht von den Affen, sondern von den Menschen aus. Die Affen verstecken sich unter Stroh oder in den hintersten Winkeln, während ein kleiner, schmächtiger und irgendwie grau aussehender Mann mit einem Trolley auf uns zu gerollt kommt. Er hat einen aufgeschlagenen Aktenordner in der Hand und beginnt unvermittelt die Namen der Gorillas und Affen im Berliner Zoo aufzuzählen. Dabei zeigt er auf die Bilder.
"Das ist... und das ist... und das ist... hier sieht man sie wieder... und dort ist ... und ich denke dort sieht man... ganz besonders gut... Hier sieht man wieder ... und dort trinkt ... mit ... Kaffee. Das macht... besonders gern. Und dort war ... noch klein. Nicht so wie hier."
Ich kann den Namen nicht folgen und versuche mich höflich zu verabschieden. Aber diverse Versuche scheitern. Der graue Mann kann wohl einfach nicht ermessen, dass ich ihm nicht folgen kann. Nach vier Minuten der Versuche von Verabschiedung und Höflichkeit gebe ich auf und gehe schlichtweg weg. Das musste ich bislang bei noch niemandem machen. Irgendwann ist immer das erste Mal und so ist es halt hier - im Berliner Affenhaus. Und noch dazu unspektakulär. Ich dachte, dass so etwas spektakulärer daherkommt.
Und so stelle ich mich vor die Panzerglasscheibe, wo ein Gorilla ist. Ich beobachte die Menschen um mich herum. Sie schreien und rufen und machen sich gegenseitig auf den Gorilla aufmerksam. Als wäre das nicht augenscheinlich genug, dass nicht noch einmal darauf hingewiesen werden muss. Hätte ich dem grauen Mann besser zugehört oder die Gesichtszüge von Gorillas ebenso gut auseinanderhalten können wie er, hätte ich wohl auch den Namen des Gorillas gewusst, der dort wohnt.
Wie alles: Viel zu klein.
Und nun kommt er direkt an die Glasscheibe.
"Guck doch mal. Ein Gorilla."
"Ja. Guck doch mal. Ein Gorilla."
Er stellt sich hin, baut sich direkt vor dem Publikum auf. Eine Masse von Tier. Er zieht die Aufmerksamkeit in seinen Bann und ist ganz ruhig. Jeder Muskel seines Körpers ist in Spannung. Und nun bewegt er doch etwas. Er bewegt seinen Kopf - und nur seinen Kopf - ganz langsam von links nach rechts. So dass er jeden einzelnen ansieht. Ein Mensch pro Sekunde. Und es sind vierzig Menschen vor ihm. Er mustert einen jeden und das geht nicht schnell vonstatten. Die Spannung wird stärker. Das Publikum wird leiser ... Der Gorilla kommuniziert mit uns. Das spüre ich ganz genau.
Und dann ... unvermittelt, weil die Sekunde, wo es passiert nur von dem Gorilla selbst gewusst und bestimmt, schlägt er einmal mit der linken und einmal mit der rechten Pranke auf die Glasscheib. Nicht mehr. Nicht weniger. Zwei Schläge und wir haben verstanden.
Wir verlassen sofort das Affenhaus.
Tief beeindruckt.
Besser hätte man: "Verschwindet!" nicht sagen können.
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