Dienstag

Raubüberfall und Kinder in Essen


Da komme ich gerade aus Berlin und ich bin nicht in Bochum, sondern in Essen gelandet. Auch wenn es mir leid tut. Für mich sind beide Städte immer wieder erschreckend ähnlich. Aber schließlich wohne ich dort nicht, sondern bin nur bei meiner Familie zu Besuch.
„Kannst du das Kind von der Tagesmutter abholen? Wir schreiben Dir auch auf, wo das ist.“
„Klar.“, sage ich in meinem neu gewonnenen großstädtischen Selbstvertrauen. Obwohl ich mich in diesem Moment nur allzu bildlich daran erinnere, wie ich am vorhergehenden Tag nicht in der Lage war den Kinderwagen auch nur einen Millimeter von der Seite zu bewegen, weil sich die Räder verhakten.
„Klar. Kann ich machen.“, sage ich noch ein wenig lauter und bejahe es innerlich. Ein bisschen helfen muss ich, kann ich, will ich.. .und überhaupt... Ich will eine gute Tante sein.
Auf der Ortsbeschreibung steht als erstes eine fünfminütige U-Bahn Fahrt. Dann eine Viertelstunde zu Fuß. Die eine Stunde, die ich dafür einkalkuliere müsste reichen.
Denn ich kenne mich. Mir begegnen Menschen und Umwege. Das war schon immer so.
Und der erste Umweg beginnt schon vor der Rolltreppe hinunter in den U-Bahn Schacht.
„JA.“, brüllt eine Frau. „Lauf nur weg. Dann ist es ja kein Wunder, wenn dich deine Frau verlässt.“
Ich schaue zuerst dem Mann hinterher und dann die Frau an, die eben diesen grandiosen Satz quer über den Platz geschrien hat.
„Ich hab doch recht.“, sagt sie nun. Ein wenig leiser. Jedoch ist es immer noch eine erhöhte Frequenz. Vielleicht brauche ich doch keine Stunde für den Weg zu dem Kind, denke ich. Für genau so etwas habe ich einen Puffer gedacht. Und ich bleibe stehen und bin gewillt der Frau zuzuhören, die mir wichtiges zu sagen hat.
„Na. Er ist Alkoholiker. Und jetzt steht er vor Gericht. Aber er geht nicht hin. Ich meine- das ich wirklich nicht so schlimm, was der gemacht hat. Also – ich meine. Vielleicht will der ja auch in den Knast. Er war da schon mal drinn. Wie wir alle halt. Wegen Schwarzfahren.“
„Echt?“
„Klar. Aber er ist echt ein harter Fall. Der war wegen Schwarzfahren und Sachbeschädigung drin. Ich mein... Das ist ja ne schöne Geste, dass er seiner Frau da die Liebe beweisen wollte. Das versteh ich schon. Aber warum muss er das denn das direkt vor ner Überwachungskamera tun? Na – aber sein Kunstwerk kann man noch ansehen. Ist wirklich schön. Aber der Saufkopp. Der dröhnt sich erst zu und macht das dann DI-REKT vor ner Kamera. Der ist doch n Trottel.“
„Und wegen was ist er jetzt angeklagt?“, frage ich leise und still. Ich schaue mir meine Schuhe an und dann die Frau, die jetzt direkt vor mir steht. Sie müsste jetzt nicht mehr so laut reden. Ich kann sie gut verstehen. Aber sie redet trotzdem laut. Weil – das ist ihre Art. Dick ist sie. Groß ist sie. Mit schlecht gefärbten blonden Haaren, einem Piercing in der Nase und in der linken Augenbraue und an anderem Schmuck - diverse Goldzähne im Mund. Sie hat eine Jeans an und eine zu enge schwarze Lederjacke.
Jetzt sagt sie langsam: „Wegen bewaffnetem Raub.“
„WAS?“, frage ich sie verdutzt.
„Ach.“, Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. „Das klingt schlimmer, als es ist. Es ist gar nicht so schlimm. Also der Marcel hat nen Terrier. Und wenn man so ein kleine Tier hat, dann darf man K.0. Spray bei sich führen. Das ist voll erlaubt. Tja. Und dann war der beim Lidl drin und da hat er wohl nen Flachmann mitgehen lassen. Und weil sie das Spray gefunden haben, ist es gleich bewaffneter Raub.“
„Echt?!“ Ich bin verdattert. Aber so etwas kann man sich nicht wirklich ausdenken. So etwas passiert. Ist dem Mann passiert, der jetzt gerade wegläuft.
„Wenn das nicht so ein lieber Mann wär, ne? Aber der hört ja nicht auf uns. Ich mein, ich kenn das. Der ist wie ein Spiegel von mir. Weil – ich war ja auch Alkoholiker. Da hab ich mir auch nicht helfen lassen. Da dacht ich auch, ich brauch keinen. Dabei sind wir alle für ihn da. Und ich hab noch ganz andere Probleme. Weil - deswegen haben die mir jetzt auch meine Tochter weggenommen. Weil ich Beigebrauch hatte. In der Schwangerschaft. Ich sag dir – Ehrlichkeit ist nicht immer gut. Ich würde jetzt das Jugendamt immer anlügen. Aber das habe ich nicht gemacht. Und als die fragten: Haben sie in der Schwangerschaft Drogen genommen. Da hab ich ja gesagt. Ich meine – ich hätte einfach lügen sollen. Klar musste das Baby auf Detox. Das ist ja klar. Wegen dem Methadon und so. Aber ich hätt einfach nur lügen sollen.“
Ich bekomme immer nur hin gerade so zu nicken. Weiter schaffe ich es nichts zu sagen. Mir schwirren Fake Realitäten auf RTL2 im Kopf herum. Aber ich habe in letzter Zeit nicht soviel Junk gesehen. Aber hier steht ein wahrhaftiger Mensch mit großen Problemen vor mir... Aber ich muss los und sage es ihr.
Auf dem Weg hinunter zur U-Bahn erzählt sie noch weiter, wie schwierig es ist das Kind wiederzubekommen und was sie nicht alles leidet und steigt dann – ohne eine Abschiedsformel – in die einfahrende U-Bahn ein. Es ist nicht meine, wie ich auf dem handgeschriebenen Zettel meines Bruders nachlesen kann. Jetzt muss ich zu deren Kind. Dem es – auch wenn ich ein paar Minuten später kommen sollte – tausendmal besser geht als dem Kind der Frau... So denke ich. Die Frau verabschiedet sich nicht. Egal. Wir haben uns ja auch nicht begrüßt. Sie war mein Umweg und mit Blick auf die Uhr, darf ich mir keinen anderen leisten.
Ich schaffe es zur Tagesmutter, die mich mit schuldigem Gesicht ansieht.
„Die Lätzchen sind nicht dicht.“, sagt sie und zeigt auf den beschmutzten Pullover.
„Ach je. Ist nicht so wild.“ Aber sie will, obwohl es mir schnurz ist, dass das Kind dreckig ist, mir diese Dinge mitteilen. Und als wäre es nicht schon genug an Details:
„Das Kind hatte ein wenig Durchfall. Zweimal heute.“
„Ach. Hmm.“
Ich gucke sie abwartend an – ob sonst noch irgendetwas kommt... das war es schon... Gut.
Blick auf das Kind – ist alles noch dran und ist glücklich mich zu sehen... Gut... Gut... Gut...
Die Puppe muss mit und irgendwie muss ich dem Kind die Nase putzen. Aber die Tagesmutter sieht meine Hilflosigkeit angesichts dem Rotz, der sich klebenderweise um die Nase des ansonsten so süßen Fratzes verteilt hat und lässt das Kind schnauben. Noch ein weiteres GUT – GUT – auf meiner Liste.
Und das Kind und ich stapfen los. Also ich stapfe – das Kind sitzt äußerst bequem im Wagen.
„Wirf die Puppe nicht aus der Karre.“, wird der Satz, den ich an diesem Tag am häufigsten sage. Ein weiterer oft gesagter Satz: „Wir finden den Fahrstuhl gleich, Kind. Werd nur nicht panisch.“
Ersteres an das Kind gerichtet und letzteres zu mir.
Da komme ich gerade aus Berlin und ich bin nicht in Bochum, sondern in Essen gelandet. Und noch dazu im U-Bahn System, was das Kind besser kennt als ich. Aber schließlich schaffen wir es und kommen heil an.
Gott – wie bin ich stolz.

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