Prag ist nur zwei Stunden von Dresden entfernt. Näher als Berlin. Näher als jede andere große Stadt. Was liegt also näher, als in diese wunderschöne Stadt zu fahren?
Doch genug der rhetorischen Fragen. An einem Freitag nach er Arbeit wird aufgebrochen. Zu einer Couchsurferin. Einer Lehrerin für Englisch in Prag. Einer Amerikanerin, deren Eltern medizinisches Gras anbauen. Quasi der Gegenbesuch, denn sie war schon einmal in Dresden. Nicht wir suchen sie aus, sondern sie suchte aus. Und zwar nicht mich. Warum, wird mir später klar. Doch jetzt wird sich gefreut - auf Prag – auf die Moldau. Auf Smetana. Darauf Dresden zu entfliehen.
Wir finden sehr leicht hin. Bekommen sogar einen Parkplatz direkt vor dem Haus und werden sogleich zu einem Treffen mit ein paar anderen englisch sprechenden Menschen mitgenommen.
An sich keine schlechte Idee, wo ich doch die englische Sprache so vermisse. Doch, wie so oft im Leben, platziere ich mich an dem falschen Ende der Tafel. Komme also neben einer kleinen, dicken, zweiundzwanzigjährigen Britin unter, die ohne Unterlass plappert. Man kann es noch nicht einmal reden nennen – auch nicht schnacken. Sie plappert. Und das wird mir sehr sehr schnell klar. Ich höre trotzdem zu. Was bleibt mir übrig.
Ein Bier habe ich zumindestens vor mir stehen und ich trinke in großen Zügen aus eben jenem welchen. Bereits nach einer Viertelstunde höre ich der Britin Clarissa nicht mehr wirklich zu. Aber das scheint sie nicht zu bemerken.
Aber – nun mal ehrlich – was ist interessant an einer Bankerin, die aus einer kleinen britischen Stadt kommt, einen 9 to 5 Job hat und als ihren größten Wunsch: „Ich möchte mich endlich häuslich niederlassenn!” angibt?
Weil alle am Tisch es langweilig finden,hört ihr keiner zu. Und das hat zur Folge, dass ich ihr zuhören muss. Allein aus Mitleid. Irgendwo. Ach ja ... Und das Bier? „Keep em coming!”
Aber wir wechseln die Location. Weg von einem gemütlichen Pub, wo ich ein paar Tschechen von weitem sah. Hin zu einer alten Abfallhalde. Die wurde jetzt umgemodelt und laut unserer Wirtin, sei es jetzt total spacig, cool und „the place to be”
Gehässig will ich nicht sein, aber vielleicht ist es der Platz an dem man sein muss, wenn man Ami ist? Mir ist es nicht wirklich abgefahren genug.
Okay... vielleicht die psychotische Frau, die mir entgegentanzt, als ich am Eingang dieses Gebäudes stehe. Oder die heruntergerockten Securityguards? Oder die dünne Frau, die auf der Treppe steht und keinen Hehl daraus macht, dass sie Drogen vertickt?
Nun ja. Nun ja. Nun ja.
„Ah – ey. And the Beer? Keep em coming.”
Weil ich elektroinsche Musik nicht wirklich verlockend finde, habe ich keine Lust mich ins Gedränge zu werfen. Und auch ansonsten... bin wohl Indie, wie man das heutzutage nennt. Ich mag akustische Melodien, die haken oder fließen. Ich mag keine aggressive Musik. Fast ausschließlich gar nicht. Selbst wenn sie fließen sollte. Was sie wohl tut. So sagen jedenfalls die Fans.
Und natürlich sitze ich dann wieder neben Clarissa und höre ihr weiter zu, denn ... sie ist verliebt.
Und ganze drei Gründe sprechen gegen ihn. Nummer 1: Er sieht nicht gut aus. Nummer zwei: Er wohnt 50 km entfernt. Nummer 3: Er mag keinen Sport.
Ich kann es auf die späte Stunde oder auf die Tatsache, dass ich Clarissa schon viel zu lange zugehört habe schieben. Das tut wohl nichts zur Sache. Fakt ist, dass ich auf den Tisch schlage und sage:
„Fuck. Dont be so superficial! It is such crap, what youve told me. If you like him. So what.”
Ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich mit diesen Worten aufgestanden und gegangen bin. Aber das entspricht einfach nicht den Tatsachen. Ich blieb sitzen und hörte ihr weiter zu. Stunden. Tage. Wochen. Monate. Trotzdem am selben Abend erlöste mich meine Begleitung, wir gingen in einen anderen Raum, sahen Amis und Tschechen zusammen tanzen und es war dann wohl ganz gut. Nein. Sehr gut. Mit wirbelnden Gedankenflüssen und die laute Musik ausblenden könnend.
Am nächsten Tag.
Frühstück kaufen im Supermarkt. Mit Meterbrot und frischen Früchten. Einkaufen in Prag.
Dann...Im wunderschönen Sonnenschein heumspazierend. Von der amerikanischen Wirtin geführt. Es hätte sie enttäuscht, wenn wir allein losgezogen wären. Und so?
Mehr Amis, mehr Touristen. Wenig wundern über kleine Ecken – keine Zeit nach rechts und links zu schauen und Seltsamkeiten wahrzunehmen. Schnellen Schrittes laufen. Abknipsen. Ungarisch essen in ungarischem Lokal. Schmeckt so, wie Oma koch. Und die kommt aus dem jetzigen Polen. Weiterlaufen. Weitergehen. Keine Zeit das tatsächliche Prag zu erkennen. Eine vage Idee von Prag. Ja. Ich habe eine vage Idee von Prag. Aber vielleicht ist es auch das?
Kann es sein, dass Prag ein bisschen von allem ist? Oder habe ich da etwas übersehen? Es ist so, als wäre man schon einmal in Prag gewesen. Ein bisschen Österreich, ein bisschen Ungarn, ein bisschen Deutschland, ein bisschen Frankreich. Von allem ein bisschen. Der Kern blieb mir verschlossen. Aber vielleicht hätte ich es auch nicht gesehen, hätte ich in meinem Tempo sehen können.
Nur einmal gab es den Moment.
An der Moldau sitzend. Wahrnehmen, denken, fühlen. Vielleicht ist Prag eine gelassene Stadt?
Und dann ein aufjuchzendes Lachen: Prag.
Falsch geparkt. Direkt neben einem Bezahlparkplatz.
Als wir zum Auto zurückkommen, springt der Aufpasser des Bezahlparkplatzes heraus und beginnt auf tschechisch mit uns zu reden.
„Wir kein Tschechisch.”, sage ich auf englisch und deutsch. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, weiterzufluchen. Und siehe da: Ich verstehe ihn.
Die Polizei wollte unser Auto abschleppen, weil wir nicht innerhalb des weißen Striches geparkt hatten. Er hätte dann behauptet, dass das sein Auto sei. Wir hätten es also ihm zu verdanken, dass wir nicht abgeschleppt wurden.
„Dobre. Dobre. Dobre.”, sage ich und denke mir im geheimen. Ich musss noch einmal herkommen. Ohne Amis. Mit Zeit. Zeit zu schauen. Nicht zu hetzen. Zeit sich zu verlieben – und etwas zurückzubekommen. Vielleicht kann Prag ja auch das?
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