Dienstag

Wolkenverhangen

“Wolkenverhangen der Himmel ... wolkenverhangen meine Seele.”
“Was? Ähh... Ja.”
“Weißt du? Mir geht es nicht so gut.”
“Ja.”
“Weißt du. Ich sitze auf meiner Couch und denke darüber nach, dass das Leben endlich ist. Und das ist so seltsam. Das haben nicht alle Menschen oder? Ich meine diese Gedanken.”
“Nein.”
“Eben. Und dann sitze ich so da und denke darüber nach ... und ... naja... zum Beispiel die Julia aus meine Büro. Die kennst du doch oder?”
“Ja.”
“Die Julia ist strunzendumm. Die denkt bestimmt nie darüber nach.”
“Nein.”
Ich frage mich wo dieses Gespräch noch hinführen soll. Wird das eine beschränkte Diskussion über die Endlichkeit des Lebens oder soll schlichtweg gejammert werden. Nach dem Motto: Ich bin endlich. Was soll ich tun mit meinem Leben? Oder wird es dann doch ein Monolog über das Sterben an sich und in Gänze. Ausufernd in einem Zusammenbruch, der nicht nur von Tränen und Schluchzen, sondern auch von der Aussage: Ich will nicht mehr. Alles ist so schlimm, begleitet wird?
Ich sollte nicht so objektiv sein, denke ich. Das tut mir nicht gut. Und meinem Gegenüber auch nicht.
“Naja.”, sage ich nach einigem Zögern. “Ich habe Freunde, die bereits ihre Trauerrede geschrieben haben. Sie wollen ihre Angehörige damit später nicht belasten. Ich persönlich halte das für Schwachsinn.”
“Gut. Dann bin ich ja nicht der Einzige, der darüber nachdenkt.”
“Nein. Bist du nicht.”

Die lustige Witwe

Und da sitze ich dann. Im völlig überfüllten Zug vom Norden in den Süden. Eine kleine, zierliche, zähle Frau ganz in schwarz setzt sich neben mich. Und ich merke schon im ersten Augenblick, dass sie weder meine tiefbrauenen Augenringe noch meine Kopfhörer auf den Ohren zu respektieren gedenkt.
“Ganz schön viele Auslänger hier im Zug.”, ruft sie mir im hessischen Dialekt entgegen.
“Das ist doch gut für die Touristik.”, flüstere ich in Richtung dieser Frau. Augenkontakt vermeiden, denke ich. Sonst höre ich eine Stunde lang ihre Lebensgeschichte. Ich setze schon während des Flüsterns meine Kopfhörer wieder auf.
“Ich war in Malente. Bei Freunden von meinem Mann und mir. Mein Mann ist (als) nun schon fünf Monate tot.”
Das erklärt die schwarze Kleidung, denke ich und kapituliere. Vielleicht ist es doch spannend zu wissen, was diese kleine lustige Witwe in den Norden getrieben hat. Sogleich wird es mir präsentiert:
“Ich wollte (als) Wein verkaufen. Ich habe nämlich einen Weinberg. Alla. Und letztens war meine Kusine da. Und wir haben (als) nur eine Stunde Wein gelesen. Und dann haben wir uns verquatscht. Und nur noch Kaffee getrunken.” Bei der Erzählung strahlt sie übers ganze Gesicht. “Mein Sohn war nämlich in Urlaub. Und meine Tochter. Die spinnt. Die studiert Pathologie. Die spinnt.” Dabei macht sie eine wegwerfende Handbewegung. “Aber ehrlich ist sie. Die hat einmal vor einem Klohäuschen ein Tempotaschentuch gefunden.In dem Tempotaschentuch war ein fünfzig Mark Schein. Den hat sie aufs Fundbüro gebracht. Und dann hat sie niemandem davon erzählt. Weil – da kann ja jeder (als) kommen und behaupten, dass das seiner ist. Und dann hat sie (als) ein Jahr gewartet und sich dann den Schein abgeholt. Ehrlich ist sie. Das muss man ihr lassen.”
“Wie alt ist denn ihre Tochter?”
“Jetzt ist sie (als) schon fünfzig. Das war vor zehn Jahren. Da war sie vierzig.”
Gut, denke ich und pflichte der Frau mir gegenüber im Geiste zu. Die Tochter spinnt wohl ein bisschen. Aber ehrlich ist sie.
Es wird mir dann noch so manches erzählt und als herauskommt, dass auch sie den ICE in Richtung Hannover nehmen muss, greife ich zu meiner Geheimwaffe und sage:
“Ich gehe ins Raucherabteil. Sie rauchen bestimmt nicht, oder?”
“Nein. Aber meine Tochter.”
Und so trennen wir uns denn in Hamburg. Sie winkt mir zu, strahlt unablässig weiter und ich denke, dass sie wohl Glück hatte, dass ihr Mann gestorben ist. Ertappe mich bei dem Gedanken und entschuldige mich dafür. Bei wem auch immer.

Lehramtsstudentinnen - nur zwei aber genug

“In Frankfurt kann man gut einkaufen.”
“Aber in Köln auch.”
“Aber Frankfurt hat Bäume.”
“Da hast du Recht.”
“Ich kaufe auch gern in Hamburg ein.”
Zwei Lehramtsstudentinnen sitzem im Bus eine Reihe vor mir und unterhalten sich über die wirklich wesentlichen Dinge im Leben. Und ich muss zuhören. Habe keine andere Möglichkeit, denn sie sprechen laut und deutlich. Gut – mit leicht hessischem Akzent – aber was macht das schon. Sie werden Lehrerinnen. Und zwar Gute. Das ist doch wohl klar.
“Weisst du, was das Erste war, was meine Mutter gesagt hat über Ricky?” Bedeutungsschwangere Pause, gekoppelt mit gekonntem zurückwerfen der langen blonden Mähne. “Man sieht der gut aus. Das hat sie gesagt. Weisst du? Der hat blaue Augen und so Haare.”
“Du meinst strassenköterblond?”
“Äh...” Sie ist ein wenig aus der Fassung gebracht, ob der hässlichen Begrifflichkeit. “Ähh. Ja. Aber die Augen. Blitzeblau. Aber so ein Blau. So ein Blau gibt es gar nicht.”
“Und das ist sooooo wichtig.”, fügt ihre vermutlich beste Freundin hinzu und wirft ihre ebenso langen und ebenso blonden Haare mit einer perfekt lässigen Haltung verbunden, über ihre zarten Kleinmädchenschultern.
“Ja. Das ist das Wichtigste. Weisst du braune Augen... bei braunen Augen bekommst du irgendwie kein Feedback. Die kannst du nicht lesen. Da kannst du nichts drin erkennen. Aber blaue Augen – die spiegeln dich.”
Sie nicken sich gegenseitig zu und wissen – sie haben sich verstanden und sind unglaublich erfahren mit dem Leben im Ganzen und der Liebe und so.
Ich denke, dass sie gerade Milliarden von Menschen diskriminiert haben und dass man sehr wohl aus braunen Augen etwas herauslesen kann – aber egal – ich bin der geistreichen Konversation restlos ausgeliefert. Ich möchte weglaufen, aber das geht schwer, denn der Bus in dem wir sitzen steckt im üblichen Verkehrsgewirr der Rush Hour fest. Morgen fahre ich Fahrrad. Egal ob es gewittert und ich klitschnass werde. Egal ob es hagelt oder stürmt.
“Also? Was hast du so in Deutsch belegt?”
“Ich muss noch die Einführung in die Linguistik machen.”
“Ich eigentlich auch. Aber das liegt so schlecht. Das ist am Freitag. Und ich will Freitags nicht in die Uni. Die Fahrt ist immer so lang.”
“Da hast du Rec ht. Die Fahrt ist wirklich lang.”
Ich sehe vor meinem geistigen Auge eine Randnotiz:
“dpa. Frankfurt. Studentini läuft Amok und verprügelt im überfüllten Bus Janine (23) und Nicole (22). Beide überlebten schwer verletzt. Sie haben sich – nach diesem Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte entschieden nicht weiter zu studieren, sondern nach Mallorca auszuwandern, um dort ein Heim für vernachlässigte Haustiere zu eröffnen.”
Gut, denke ich. Damit wäre uns wohl allen geholfen und stehe auf. Bin kurz davor das, was in meinem Kopf vorgeht Wirklichkeit werden zu lassen, zögere noch ein ganz klein bisschen, um siegesgewiss zu lächeln. Doch dann – kaum erwartet und doch erhofft – kommt die Rettung mittels eines entnervten Blickes von schräg gegenüber.
Braune Augen sprechen Bände.
Gewaltphantasien verkrümeln isch fürs erst und ich verspreche mir innerlich:
Morgen werden ich Fahrrad fahren und somit gar keine Möglichkeit haben die armen Lehrämter zu veprügeln.
Versprochen.
Morgen nehme ich das Rad.