Ich sitze vor dem Maritim in Frankfurt.
Es ist ein Hochsommer Apriltag. Frühlings-Overkill-Wetter. 29 Grad am 15 April. Warum der Wettergott die globale Erwärmung zugelassen hat, ist mir bis heute ein Rätsel.
Irgendeine Kunstmesse hat es für nötig gehalten einen schwarzen, aufgeblasenen Frauentorso vor das Messegelände zu stellen – ich halte das ja für abgekupferten Mist und imaginiere mir stattdessen den Nikki-Engel aus dem Züricher Bahnhof herbei und setze mich zu Füßen des Torsos - erstmal ne Kippe –
Ohrstöpsel habe ich vergessen zu kaufen, jedoch versuche ich dem Ganzen etwas positives abzugewinnen...
Auf diese Weise bin ich quasi dazu verdammt mich der Urgewalt von weiblichen Kindern und weiblichen Teenagern auszusetzen.
Kann der Masse nicht nur zusehen sondern auch noch zuhören, wie Bill, Tom, Gustav und Georg(nicht Gregor – das dachte ich bis vor ein paar Minuten noch) den grossen Rock der grossen Welt nach Frankfurt bringen.
Das einmal zu sehen. Scheiss auf Bruce Springsteen und Scheiss auf Bob Dylan.
Tokio Hotel ist anders – Tokio Hotel ist speziell und Tokio Hotel lässt Millionen Mädchenherzchen höherschlagen. Auch ... meins?
Dann hört es auf. Urplötzlich.
Method Acting funktioniert nicht wirklich, als drei siebenjährige mit hellblauen Tokio Hotel T-Shirts an mir vorbeihüpfen und ihrer Mutter aufgeregt erzählen, daß Bill ja so süß sei und Georg ein Looser – aber für einen Looser immer noch ziemlich süß.
Ich ziehe noch mal an meiner Kippe, werfe sie auf den Boden, trete sie aus und halte auf einmal die Idee mir so ein Konzert anzusehen für den allerletzten Dreck.
Aber da hinten winkt der Freund mit den Karten.
„Guck mal. Ich hab Ohrstöpsel. War noch bei der Notfallapotheke.“, grinst er mich an.
„Super.“, hüstele ich und nicke ihm zu.
„Haste auch welche?“
„Nöö...“, antworte ich nur und mustere eine coole Mutter, die mit ihrer coolen Tochter auf eine coole Art und Weise demonstriert, daß die beiden auch Schwestern sein könnten.
„Aber das ist cool...“ Ich räuspere mich. „Dass du welche hast mein ich...“
Ich bin mir einfach zu fein, um danach zu fragen: „Du einen Stöpsel – Ich einen Stöpsel?“, sondern reisse mich zusammen und denke an das toughe Schleswig-Holstein. Wir sind ja auch nicht vor den Dänen weggelaufen...
„Gucken wir doch mal zur Elternbetreuung.“, schlägt er vor.
„Yup.“
Wir gehen über das Messegelände.
Zuletzt war ich hier im Oktober zur Buchmesse, und in Halle vier, wo die Bildbände ausgestellt waren, befindet sich jetzt ein Formel 1 Simulator, eine Hüpfburg und eine Radio-Bühne, die als wir eintreten Melissa Etheridge spielt.
Noch nicht mal Grönemeyer – Deutscher Gesang zu Deutschem Gesang, denke ich bei mir ...
Aber so eng wird das ja hier nicht gesehen. Schließlich werden hier nur die Eltern betreut – damit sie auch Spass haben, während ihre durchgeknallten Kids: „Ich muss durch den Monsun“ grölen und dabei hüpfen und springen. Die können auch ohne Hüpfburg.
Doch ich will nicht vorgreifen.
Nix los in der Elternbetreuung und ab in die Festhalle.
Als wir eintreten hören wir schon Gekreische und Gejole. Im ersten Rang könnte man gut sehen, wenn nicht schon eine Band, die ich nicht kenne, schrammeln würde, die Lichter an wären und die Menschen in den Reihen vor uns nicht stehen würden –
Demonstrativ stöpselt der Freund die dafür gedachten Schaumgummidinger in seine Ohren, lehnt sich zurück und harrt der Dinge die da kommen mögen.
Nach einiger Zeit gewöhnen sich meine Ohren an den Krach und mir kommt in den Sinn, daß das hier tatsächlich meine Kinder sein könnten und fühle mich meilenweit von dem Gefühl „jung“ zu sein entfernt.
Irgendeine Band singt also irgendwelche Texte von denen ich noch nie gehört habe und arroganterweise sagen muss, daß sie mich auch keineswegs interessieren.
Hören sich so an – wie alle –
Und alle – ausser mir und dem Freund – kennen diese Band...
Noch ein paar Lieder und nur dann hysterische Schreie, wenn die Band fragt:
„Freut ihr euch schon auf Tokio Hotel?“
Da halte ich mir einfach die Ohren zu und staune, daß das Publikum sich schon bei der Vorband dermaßen echauffiert.
Sie tragen den Gitaristen, als sei er ein Surfer und sie das Meer.
Sie hüpfen, wenn sie hüpfen sollen, sie klatschen wenn sie klatschen sollen ... eine grosse Masse da unten, die ganz bestimmt viel Spass hat in sich selbst aufzugehen.
Schon jetzt fällt ab und zu ein Mädchen um und wird von den Security-Männern in Blau herausgezogen.
Das letzte Lied der Band wird gesungen und ich werfe ab und zu einen Blick zu der Frau neben mir, die aussieht, als würde sie für die FAZ schreiben.
Ein zu lang geratener Bubikopf, eine dezente Hornbrille, ein weisses Blüschen und ein dunkelgrüner Faltenrock, der gerade so über die Knie geht.
Bestimmt trägt sie dunkelbraune Schnürschuhe und blickdichte Strumpfhosen, jedoch kann ich das nicht genauer erkunden.
Sie sieht so altmodisch aus, wie die 11 jährigen modern aussehen - ab und an nicken wir uns zu... Als seien wir zwei verwandte Seelen, die aus reiner Neugier einen Blick in die Hölle werfen wollten und dabei nicht an den Notausgang gedacht haben.
Doch was sage ich: Tokio Hotel ist ja noch nicht einmal aufgetreten – die elfjährigen vor mir haben sich aber dennoch bereits auf ihre Sitzplätze gestellt und wippen mit ihren noch nicht wirklich in die Breite geschnellten Hüften. Ein wenig verstohlen ... aber es gibt ja Shakira – die bringt ihnen das noch bei... und n paar Jährchen haben sie ja noch Zeit...
Und wer mit 11 auf Tokio Hotel steht ... der hat noch eine große Zukunft vor sich ...
Pause – Licht an und die „Blau-T-Shirt-Männer“ gehen mit roten Wassereimern durch die Reihen und geben den überhitzten Mädchen Wasser. Davon kann ich nun meinen Blick überhaupt nicht wenden. Tatsächliche knallrote Plastikeimer, in die sie Plastikbecher eintauchen und den Mädchen das kühle Nass hinüberreichen.
Nach ein paar Teasern ... die Stimme von Bill ertönt, das Licht flackert, ein Werbespot wird auf den Leinwänden gezeigt (wo man sich einen Tokio Hotel Klingelton herunterladen kann, den die Mädels sicherlich schon alle haben) und schließlich geht das Licht aus und Tokio Hotel kommt.
Das ist also Hysterie?
Eine lautstarke, unbändige Kraft schlängelt sich in Richtung Bühne und wird dort keineswegs aufgefangen, sondern schlägt zurück – Hier wird nicht Federball gespielt sondern das, leider veraltete Squash.
Die Stimmung in der Halle ist von einer Sekunde zur nächsten so elektrisiert, daß mir nichts anderes übrig bleibt, als mit offenem Mund diesen häßlichen Jugendlichen mit furchtbaren Frisuren zuzusehen, wie sie versuchen die Hysterie zu bändigen ... Hier ist nicht mehr von einem: „Wir schwimmen miteinander um die Wette“ die Rede, sondern von einem Gewitter oder Orkan oder Hurrican oder ... was auch immer El Ninjo ... oder so ...
Mich kriegen sie nicht – Aber die Masse kriegt mich – Die drehen alle vollkommen durch –
Nach drei Liedern tritt der Frontmann Bill an den Bühnenrand und spricht mit so einer lieben Sozialpädagogenstimme, die mir gehörig auf die Nerven fällt. Hauchend, mit hoher Stimme und ganz ganz lieb.
„Es ist ja so heiß. Und ihr habt ja schon so lange gewartet. Aber ich muss ja sagen .. .etwas gutes ist an dem Sommer. Da haben die Mädchen weniger an...“
Ich schnappe nach Luft und überlege kurz, was das für die kleinen siebjährigen heissen mag, die in Bill verknallt sind, schüttele den Gedanken aber bald wieder ab ...vielleicht war das ja so etwas wie Pubertätshumor?
Dunkelgrüner Rock und Ich werfen uns einen verschwörerischen Blick zu und sie lenkt den ihren ein wenig hinter mich und ich bemerke ein Plakat:
„Deine VIP Ferkelchen lieben dich!“
Alles klar ...
Tokio Hotel singt: „Wir haben uns totgeliebt“, „Wo sind eure Hände“ und auf einmal – ich Trottel hätte mich auch besser vorbereiten können und die CD zumindestens einmal bei Saturn hören können: „Vergessene Kinder“
Das „politische Lied“ der Band, wo sie über die Kinder, welche nicht gewollt wurden und über Krieg und Armut und Sozialverwahrlosung singen ... und 8000 Mädchen singen mit ihnen. Es wird nicht Schweiss sondern ihr verschmähtes Wasser in die Mädchenmasse geschüttet und mein persönlicher Höhepunkt ist es, als Bill erklärt:
„Ich war ungefähr 9 Jahre als ich dieses Lied geschrieben habe und ich habe davon geträumt einmal auf so einer Bühne zu stehen. Es ist... Leb die Sekunde.“
Ich dagegen bin müde, habe alle Sekunden für heute gelebt und merke, daß mir eine Stunde von dieser Band reicht um in die Knie zu gehen. Ein Lied hört sich an wie das Andere und das permanente Gekreische zerrt an meinen Nerven. Ich setze mich zu dem Freund, der sich mit stoischer Miene Luft zufächelt und wahrscheinlich auch darauf wartet, daß das nun endlich aufhört.
Und richtig ... das tut es ... Es hört auf ...
Das Mädchen neben mir ist nun vollkommen am Boden.
Sie schreit: „Gustav! Gustav! Gustav!“ und als sie bemerkt, daß nur Bill und Tom auf die Bühne kommen: „Tom! Tom! Tom!“ Ihre Stimme überschlägt sich und die exemplarische Einzelhysterikerin neben mir lässt in mir den dringenden Wunsch entstehen ihr ein Glas Wasser über den Kopf zu schütten und zu brüllen: „Komm zu Dir – Kind!“
Es dröhnt in meinen Ohren ... verstehe kein Wort...will heim ... hätte lieber den Furtwängler Tatort sehen sollen ...
Wir brechen auf.
Eine coole Mutter mit ihren zwei coolen Töchtern geht an uns vorbei.
„Du sag mal...“, wende ich mich an das eine Mädchen. „Wie heisst denn der Drummer mit dem Metallica T-Shirt?“
Sie guckt mich verächtlich an, zögert (höchstwahrscheinlich weil sie meine Ignoranz verabscheut) und antwortet: „Der ist nicht Drummer. Der ist Schlagzeuger. Und er heisst Georg.“
Ich schüttele mich und haue so schnell es geht ab ... Meine Generation ist das auf gar keinen Fall. Ich werde alt ... und vielleicht sollte ich morgen doch lieber auf die Kunstmesse gehen, wenn dann die massive Penetration meiner Gehörgänge verheilt ist ... Und – ich Doppel-Trottel ... Georg ist kein Drummer ... sondern Schlagzeuger.
Dienstag
Frühlingsfest in Frankfurt
Natürlich kommen wir zu spät. Es konnte auch nicht anders kommen.
Das „Frühlingsfest der Volksmusik“ muss um punkt halb acht, wie angekündigt, anfangen, da die Renterinnen und ihre mitgeschleppten Ehemänner oder besten Freundinnen bereits seit einer Stunde in dem Festsall sitzen und geduldig auf Florian Silbereisen warten.
„Gehe sie da vorne rechts und dann durch die zweite Tür links.“
„Danke.“
Wir treten ein und eine Einlassdame mit Taschenlampe läuft in einem Affenzahn vor uns her. Und da ist er auch schon: „Der Flori!“
Bei dem Satz:
„Jetzt fangen wir endlich an“ treten wir in die bestuhlte Festhalle, laufen der Taschenlampenfrau fast atemlos hinterher und finden letztlich unsere Plätze. Reihe Acht – ganz nah dran.
Links von uns ein graumelierter Mann und links von uns eine Frau mit ihrer Mutter. Das hatte ich ganz vergessen.
Da macht man der Mama einmal eine Freude und schenkt ihr selbstlos Karten zum Frühlingsfest und dann sitzt man da und tauscht – zum Glück bin ich ja da – mit mir einen ich steh auch nicht wirklich auf Volksmusik Blick aus.
„Jetzt stehen sie einmal alle auf.“, brüllt der Flori, auf seine durch und durch charmante Art und Weise.
Und alle alle stehen auf. Das Licht im Saal geht kurz an und so kann ich verstohlen einen Blick auf das Publikum werfen. Keine Überraschung... Schade ist es. Ein paar Kinder sind mit Oma und Opa da.
„Jetzt dürfen sich alle sitzen, die heute schlecht gelaunt sind.“
Ich setze mich hin, bin erschlagen ob des Umfeldes, was da laut lacht und sich, wenn es nicht stehen würde sich auf die Schenkel schlagen würde.
„Da stehe ja noch alle. Wie schön. Jetzt dürfen sich alle setzen die feige sind.“
„Jetzt dürfen sich alle setzen, die heute nicht mitsingen wollen.“
„Und jetzt dürfen sich alle setzen, die heute nicht mit mir tanzen wollen.“
Die perfekte Überleitung, denn nachdem sich alle, bis auf eine schrill-rotgefärbte dicke Frau in der zweiten Reihe gesetzt haben, kündigt der Flori das Deutsche Fernsehballett an.
Und sie tanzen. Ich beginne mich schon jetzt zu langweilen und den soziologischen Forschungseifer (Ich will doch mal sehen, wie das Publikum so aussieht) zu verfluchen. Doch es kommt noch schlimmer. Getanze zu „Hoch auf dem gelben Wagen“ ist vollkommen okay, doch jetzt kommen irgendwelche Schwestern (ich glaube Hofmann) und singen volkstümliche Lieder, dann eine Boygroup der Volksmusik – wo auch wieder alle aufstehen müssen und schließlich die Wildecker Herzbuben, die zunächst einmal beweisen, dass sie auch Rock/Chanson und Schlager singen können.
Das Publikum amüsiert sich grossartig, als sie abwechselnd als Mireille Mathieu, Nana Mouskuri und schließlich und endlich als Tina Turner auftauchen.
„Singen können sie nicht.“, flüstere ich Jörg zu und er atmet dazu nur schwer.
Das Publikum atmet hörbar auf, als die beiden in ihren Trachtenjankern auftauchen und sofort mit „Herzilein – Herzilein“ anfangen.
Ich sinke immer tiefer in meinen Stuhl hinein und reisse mich in eben jenem Augenblick wieder aus ihm, als ich einen älteren Mann in Richtung Bühne tanzen sehe.
Er tanzt und dirigiert, stellt sich direkt vor die Wildecker Herzbuben – lacht und freut sich des Lebens.
Die Dramatik des Lebens wird hier auf anschauliche Weise verdeutlicht und umso mehr, als dass der Alte, nachdem die „alten Buben“ fertig gejodelt und das Publikum fertig geschunkelt hat zurück auf seinen Platz tänzelt und bei dem kleinen vierjährigen Mädchen stehen bleibt und sie dazu auffordert ihren Platz auf der Stelle zu räumen.
Das Kind sieht ihn nur verstört an, wie er eine auffordernd, befehlende Geste unternimmt, doch die Großmutter schreitet ein und so behält das Kind seinen Platz und er muss wieder in die letzten Reihen tänzeln.
Da ist auch der Flori schon wieder.
„Dann wollen wir einmal sehen wie wunderschön unser Publikum ist.“, sing-sangt er in sein Mikrophon hinein.
Ich halte, das kann man nicht anders bezeichnen, Maulaffenfeil und hoffe dass der Kelch an mir vorrübergeht und richtig ... Nachdem er einer 92 jährigen einen unkeuschen Antrag gemacht hat und sie fragte, ob sie „sehr dominant“ wäre, stürzt er sich auf eine gewisse Hannelore und geht mit ihr zur Bühne.
Nachdem – als Füllsel- noch mal die Geschwister Hofmann oder andere Schwestern – die kriege ich immer durch den Tüddel – aufgetreten sind tauchen der Flori und die Hannelore auf der grossen Bühne auf. Erst lernen sie laufen, dann lernen sie „erotisch“ sein.
„Nein Hannelore...Erotisch...“
Ich muss mir das Lachen extrem verkneifen, denn unter erotisch versteht der Flori, dass die Hannelore sich aufreizend durch ihre „Kassiererinnenfrisur“ streicht und er daraufhin seine Geschlechtsteile verdeckt –
Als ob da irgendetwas stattfinden würde, denke ich leise bei mir und in einem (extrem) kurzen Augenblick flattert das Bild von Flori und mir auf einem Wasserbett durch meinen Schädel, stelle mir vor, wie er so wäre und ob er dabei noch immer moderieren würde:
„Meine Damen und Herren... Wir befinden uns im Anflug auf das Allerheiligste ... ich wage es nicht zu beschreiben ...“ oder mir ab und zu sagen würde: „Sei erotisch.“
Unbedingt ist hier anzumerken, dass bei dem kleinen Wörtchen erotisch zu beachten ist, dass das „r“ auf eine extrem unerotische Weise gerollt werden muss.
Doch zurück zu Hannelore, die auf der großen Bühne steht, vor tausenden von Zuschauern und der beigebracht wird erotisch zu gehen und überhaupt errrrrrrrrrrotisch zu sein.
„Dafür hat es sich gelohnt die Wildecker Herzbuben zu ertragen.“, sage ich leise zu mir selbst, denn Jörg hat schon längst abgeschaltet.
Nachdem der Flori dann für die Hannelore ein paar Lieder gesungen hat, kommt eine Dame, die ein Polaroid von beiden macht:
„Sie können sich entscheiden... Wollen sie das Photo oder einen Kuss von mir.“
„Beides.“
Das Publikum lacht. Lacht umso mehr, als Flori hinzufügt: „Frauen....tzzz ... tzzz.“
Doch nun kommt das eigentliche Highlight.
„Er ist eine Leinwandlegende. Ein Mann, der die ganzen großen gekannt hat. Einer, der selbst einer der ganz großen war. Sie kennen ihn alle und in dem Moment wenn er auftaucht, bin ich nur noch ein kleines Licht.“
Die Winnetou Musik erklingt – das Theme von Pierre Brice und tatsächlich ist er es ... Winnetou himself in Frankfurt in der Festhalle.
Ich klatsche, denn schließlich war ich als Kind jedes Jahr bei den Karl-May Festspielen und habe ganze Sommerferien nix anderes als Cowboy und Indianer gespielt. Wobei ich den Indianer Part schon immer spannender gefunden habe. Die hatten einfach schönere Kostüme und coolere Pferde.
Und da kommt der Held meiner Kindheit, der sich in einen abgehalfterten alten Mann verwandelt hat.
78 Jahre( als der Flori das sagt klatschen die Leute auch – sind aber keineswegs überrascht) und ich denke nur, dass er bestimmt sein ganzes Geld versoffen hat und dass er mir leid tut. Ganz schlimm leid.
Noch „leider“ tut er mir, als er „Toutes – toutes – toutes – les femmes sont belles“ singt – sicherlich angelehnt an Maurice Chevalier, der ja auch noch als alter Sack“Thank heaven for little Girls“ singen durfte ... aber bei Winnetou, welcher hölzern auf der Bühne steht, eine derart intensiv kranke Ausstrahlung hat, dass man eigentlich sofort den Arzt holen möchte, wirkt es keineswegs.
Und dann kommt auch noch der Held der jungen Generation (unterbrochen von zwei Solisten des Fernsehballets, von denen ich meine Augen tatsächlich nicht wenden kann und denen zuzusehen ein Augenschmaus ist)
DECLAN
Der englischsprachige Heintje von heute.
Schon als er angesagt wird stürmen die Teenager nach vorne um ihm Blumen zu übereichen und eigentlich um sich einen Kuss abzuholen.
Doch das versäumt der dreizehnjährige Chartsstürmer und so kümmert sich der Flori selbst drum:
„Hat er euch eigentlich ein Küsschen gegeben? Dann kommt ihr später noch mal mit.“
Das „Frühlingsfest der Volksmusik“ muss um punkt halb acht, wie angekündigt, anfangen, da die Renterinnen und ihre mitgeschleppten Ehemänner oder besten Freundinnen bereits seit einer Stunde in dem Festsall sitzen und geduldig auf Florian Silbereisen warten.
„Gehe sie da vorne rechts und dann durch die zweite Tür links.“
„Danke.“
Wir treten ein und eine Einlassdame mit Taschenlampe läuft in einem Affenzahn vor uns her. Und da ist er auch schon: „Der Flori!“
Bei dem Satz:
„Jetzt fangen wir endlich an“ treten wir in die bestuhlte Festhalle, laufen der Taschenlampenfrau fast atemlos hinterher und finden letztlich unsere Plätze. Reihe Acht – ganz nah dran.
Links von uns ein graumelierter Mann und links von uns eine Frau mit ihrer Mutter. Das hatte ich ganz vergessen.
Da macht man der Mama einmal eine Freude und schenkt ihr selbstlos Karten zum Frühlingsfest und dann sitzt man da und tauscht – zum Glück bin ich ja da – mit mir einen ich steh auch nicht wirklich auf Volksmusik Blick aus.
„Jetzt stehen sie einmal alle auf.“, brüllt der Flori, auf seine durch und durch charmante Art und Weise.
Und alle alle stehen auf. Das Licht im Saal geht kurz an und so kann ich verstohlen einen Blick auf das Publikum werfen. Keine Überraschung... Schade ist es. Ein paar Kinder sind mit Oma und Opa da.
„Jetzt dürfen sich alle sitzen, die heute schlecht gelaunt sind.“
Ich setze mich hin, bin erschlagen ob des Umfeldes, was da laut lacht und sich, wenn es nicht stehen würde sich auf die Schenkel schlagen würde.
„Da stehe ja noch alle. Wie schön. Jetzt dürfen sich alle setzen die feige sind.“
„Jetzt dürfen sich alle setzen, die heute nicht mitsingen wollen.“
„Und jetzt dürfen sich alle setzen, die heute nicht mit mir tanzen wollen.“
Die perfekte Überleitung, denn nachdem sich alle, bis auf eine schrill-rotgefärbte dicke Frau in der zweiten Reihe gesetzt haben, kündigt der Flori das Deutsche Fernsehballett an.
Und sie tanzen. Ich beginne mich schon jetzt zu langweilen und den soziologischen Forschungseifer (Ich will doch mal sehen, wie das Publikum so aussieht) zu verfluchen. Doch es kommt noch schlimmer. Getanze zu „Hoch auf dem gelben Wagen“ ist vollkommen okay, doch jetzt kommen irgendwelche Schwestern (ich glaube Hofmann) und singen volkstümliche Lieder, dann eine Boygroup der Volksmusik – wo auch wieder alle aufstehen müssen und schließlich die Wildecker Herzbuben, die zunächst einmal beweisen, dass sie auch Rock/Chanson und Schlager singen können.
Das Publikum amüsiert sich grossartig, als sie abwechselnd als Mireille Mathieu, Nana Mouskuri und schließlich und endlich als Tina Turner auftauchen.
„Singen können sie nicht.“, flüstere ich Jörg zu und er atmet dazu nur schwer.
Das Publikum atmet hörbar auf, als die beiden in ihren Trachtenjankern auftauchen und sofort mit „Herzilein – Herzilein“ anfangen.
Ich sinke immer tiefer in meinen Stuhl hinein und reisse mich in eben jenem Augenblick wieder aus ihm, als ich einen älteren Mann in Richtung Bühne tanzen sehe.
Er tanzt und dirigiert, stellt sich direkt vor die Wildecker Herzbuben – lacht und freut sich des Lebens.
Die Dramatik des Lebens wird hier auf anschauliche Weise verdeutlicht und umso mehr, als dass der Alte, nachdem die „alten Buben“ fertig gejodelt und das Publikum fertig geschunkelt hat zurück auf seinen Platz tänzelt und bei dem kleinen vierjährigen Mädchen stehen bleibt und sie dazu auffordert ihren Platz auf der Stelle zu räumen.
Das Kind sieht ihn nur verstört an, wie er eine auffordernd, befehlende Geste unternimmt, doch die Großmutter schreitet ein und so behält das Kind seinen Platz und er muss wieder in die letzten Reihen tänzeln.
Da ist auch der Flori schon wieder.
„Dann wollen wir einmal sehen wie wunderschön unser Publikum ist.“, sing-sangt er in sein Mikrophon hinein.
Ich halte, das kann man nicht anders bezeichnen, Maulaffenfeil und hoffe dass der Kelch an mir vorrübergeht und richtig ... Nachdem er einer 92 jährigen einen unkeuschen Antrag gemacht hat und sie fragte, ob sie „sehr dominant“ wäre, stürzt er sich auf eine gewisse Hannelore und geht mit ihr zur Bühne.
Nachdem – als Füllsel- noch mal die Geschwister Hofmann oder andere Schwestern – die kriege ich immer durch den Tüddel – aufgetreten sind tauchen der Flori und die Hannelore auf der grossen Bühne auf. Erst lernen sie laufen, dann lernen sie „erotisch“ sein.
„Nein Hannelore...Erotisch...“
Ich muss mir das Lachen extrem verkneifen, denn unter erotisch versteht der Flori, dass die Hannelore sich aufreizend durch ihre „Kassiererinnenfrisur“ streicht und er daraufhin seine Geschlechtsteile verdeckt –
Als ob da irgendetwas stattfinden würde, denke ich leise bei mir und in einem (extrem) kurzen Augenblick flattert das Bild von Flori und mir auf einem Wasserbett durch meinen Schädel, stelle mir vor, wie er so wäre und ob er dabei noch immer moderieren würde:
„Meine Damen und Herren... Wir befinden uns im Anflug auf das Allerheiligste ... ich wage es nicht zu beschreiben ...“ oder mir ab und zu sagen würde: „Sei erotisch.“
Unbedingt ist hier anzumerken, dass bei dem kleinen Wörtchen erotisch zu beachten ist, dass das „r“ auf eine extrem unerotische Weise gerollt werden muss.
Doch zurück zu Hannelore, die auf der großen Bühne steht, vor tausenden von Zuschauern und der beigebracht wird erotisch zu gehen und überhaupt errrrrrrrrrrotisch zu sein.
„Dafür hat es sich gelohnt die Wildecker Herzbuben zu ertragen.“, sage ich leise zu mir selbst, denn Jörg hat schon längst abgeschaltet.
Nachdem der Flori dann für die Hannelore ein paar Lieder gesungen hat, kommt eine Dame, die ein Polaroid von beiden macht:
„Sie können sich entscheiden... Wollen sie das Photo oder einen Kuss von mir.“
„Beides.“
Das Publikum lacht. Lacht umso mehr, als Flori hinzufügt: „Frauen....tzzz ... tzzz.“
Doch nun kommt das eigentliche Highlight.
„Er ist eine Leinwandlegende. Ein Mann, der die ganzen großen gekannt hat. Einer, der selbst einer der ganz großen war. Sie kennen ihn alle und in dem Moment wenn er auftaucht, bin ich nur noch ein kleines Licht.“
Die Winnetou Musik erklingt – das Theme von Pierre Brice und tatsächlich ist er es ... Winnetou himself in Frankfurt in der Festhalle.
Ich klatsche, denn schließlich war ich als Kind jedes Jahr bei den Karl-May Festspielen und habe ganze Sommerferien nix anderes als Cowboy und Indianer gespielt. Wobei ich den Indianer Part schon immer spannender gefunden habe. Die hatten einfach schönere Kostüme und coolere Pferde.
Und da kommt der Held meiner Kindheit, der sich in einen abgehalfterten alten Mann verwandelt hat.
78 Jahre( als der Flori das sagt klatschen die Leute auch – sind aber keineswegs überrascht) und ich denke nur, dass er bestimmt sein ganzes Geld versoffen hat und dass er mir leid tut. Ganz schlimm leid.
Noch „leider“ tut er mir, als er „Toutes – toutes – toutes – les femmes sont belles“ singt – sicherlich angelehnt an Maurice Chevalier, der ja auch noch als alter Sack“Thank heaven for little Girls“ singen durfte ... aber bei Winnetou, welcher hölzern auf der Bühne steht, eine derart intensiv kranke Ausstrahlung hat, dass man eigentlich sofort den Arzt holen möchte, wirkt es keineswegs.
Und dann kommt auch noch der Held der jungen Generation (unterbrochen von zwei Solisten des Fernsehballets, von denen ich meine Augen tatsächlich nicht wenden kann und denen zuzusehen ein Augenschmaus ist)
DECLAN
Der englischsprachige Heintje von heute.
Schon als er angesagt wird stürmen die Teenager nach vorne um ihm Blumen zu übereichen und eigentlich um sich einen Kuss abzuholen.
Doch das versäumt der dreizehnjährige Chartsstürmer und so kümmert sich der Flori selbst drum:
„Hat er euch eigentlich ein Küsschen gegeben? Dann kommt ihr später noch mal mit.“
Studentenwohnheimsparty
Wer sucht der findet sich ein – am Barabend im Studentenwohnheim. Auch wenn ich nicht suche, sondern vielmehr auf einem Geburtstag eingeladen bin, gehe ich hin. An einem Samstag gegen 23 Uhr.
Noch bin ich nicht kommunikativ. Noch bin ich bei meinem ersten Bier und nicht bei Wodka und noch habe ich meine Jacke an und unterhalte mich mit einem Mathematikstudenten.
Im Moment sind das nicht gerade grandiose Aussichten. Aber es wird schon anders werden.
“Ich studiere Astrophysik.”, erkläre ich dem Menschen der mir gegenübesteht. (Aber erst, nachdem er mir das mit Mathe gesagt hat und ich in ihm das personifizierte Klischee sehe – inklusive Aussehen)
“Mathe ist zwar schon geil – von wegen universaler Sprache und so – aber Astrophysik... Da wird das Konkrete mit dem Abstrakten verbunden. Nein. Vielmehr das Abstrakte wird zum konkreten und umgekehrt. Das ist das, was mich daran fasziniert. Mathematik ist dagegen ein Dreck!”
Dass ich weder irgendeine Ahnung von Physik oder Mathe habe, steht auf einem anderen Blatt – Das Ziel wurde erreicht. Der Mathestudent sieht mich nun als asexuelles Wesen und fragt mich:
“Kennst du eine Susanne?”
“Aus den ersten Semestern kenne ich niemanden.”
“Nee. Nee. Die ist im siebten.”
“Wie sieht die denn aus?”
“Brille. Kurze Haare. Hat meistens Jeans an...”
Super Beschreibung denke ich, subsumiere dann kurz seinen Gesamteindruck und wende ihn auf Susanne an – mein Gott bin ich heute arrogant. Also:
“Das ist doch so eine, die nie abschreiben lässt und immer in der ersten Reihe sitzt. Aber die ist im achten. Mit der habe ich angefangen.”
“Ja.Ja.Ja. Die ist vielleicht auch im Achten.”, antwortet er mit einem leicht debilen Grinsen.
Ich muss hier weg, denke ich und drehe mich auf dem Absatz um. Das wollte ich schon immer einmal machen. Eigentlich ist das ja gar nicht nett. Und ein gutes Gefühl habe ich dabei keineswegs. So fühlt man sich also, wenn man ein Arschloch ist.
Aha.
Noch ein Bier? Oder doch Rum? Nein lieber Bier und so gehe ich zur Bar und lasse mir ein geben. Gehe rüber zum Billiardtisch – zur Tanzfläche und zu den Sofas. Ein bisschen frische Luft könnte auch nicht schaden, denke ich und gehe kurzentschlossen an den Tanzenden vorbei, trete hinaus und setze mich hin.
“Guten Abend. Wie heisst denn du?”
Ein Mann mittleren Alters kommt auf mich zu. Ich sage ihm brav meinen Namen und er den seinen. Das Studienfach wird kurz ausgetauscht – nur um einen Grund zu haben, um auf den Punkt zu kommen:
“Wohnst du weit von hier?”
“Nein. Die Strasse runter.”
“Aha. Wollen wir hin gehen?”
“Nein.”
“Hast du eine Handynummer?”
“Nein.”
“Willst du mit mir kommen?”
“Nein.”
Ein gutes Gespräch denke ich. In einer Disco wurde mir auch schon mal nur “Vögeln?” zugeworfen und da hat es ewig gedauert, bis ich geschnallt hatte, was diese Figur von mir wollte. Hier wenigstens zivilisiert und so sage ich noch ein paar Mal “Nein!”, bis ich es mit der frischen Luft aufgebe und wieder hineingehe.
“Vielleicht änderst du ja später noch deine Meinung,.”, ruft mir der BWL Student hinterher.
Jetzt? Ein bisschen Ruhe? Ich setze mich auf eines der Sofas und gucke ein bisschen. Menschen bewegen sich zuckend zur Musik. Michael Jackson Techno. Entsetzlich. Aber irgendwie auch spannend.
Ein junger gutaussender Mann setzt sich neben mich. Wir schauen uns an und ich bemerke sofort das psychotische Glitzern in seinen Augen. Nach einigen Minuten Schweigen – die ich sehr genoss – spricht er:
“Ein oberflächliches Vergnügen.” und schaut mich dabei von der Seite an. Im folgenden erfahre ich, dass er Philosophie studiert, dass seine Mutter Architektin ist, dass er die Bar mit entworfen hat und vieles mehr.
Das Gespräch ist immer wieder durch lange Pausen bestimmt in denen er nachdenkt, um mich dann und wann mit einem Zitat von Nietsche oder Adorno zu überraschen. In den könnte ich mich verlieben, denke ich. Der ist krank. Der hat mit dem Wahnsinn Brüderschaft getrunken und seine Freunde heissen Horkheimer und Hegel. Folgerichtig stehe ich auf, danke ihm für das Gespräch und hole mir noch ein Bier.
“Hallo Süße. Kennen wir uns nicht?”
Ich muss mich ein bisschen schütteln, denn ich weiß nicht genau wer das ist, der da spricht. Auf alle Fälle kein Philosoph, Bwler Lustmolch oder Mathematiker. Nein – der Dennis ist es. Börsenmakler und gebürtiger Rheinländer. Der ist jetzt genau richtig.
“Hallo.”, antworte ich und gebe ein paar lustige Allgemeinplätze von mir. Ich schüttele die Tiefe ab wie einen Regenschauer. Schwupp die Wupp bin ich wieder auf der Party angekommen. Richtig. Man muss trinken und lachen und tanzen und kein Adorno kann mich heute davon abhalten.
“So eine wie dich gibt es selten. Das muss man schon sagen. Du bist so gar keine Zicke. Weisst du – wenn ich eine Freundin hätte, dann würde ich sie auf Händen tragen. Die würde alles bekommen von mir. Aber alles.”
Wie langweilig, siniere ich, aber ich wünsche ihm solch ein Mädchen, bei dem er der große Mann sein und der er viele Kinder machen kann. Ich bin das bestimmt nicht. Dafür bin ich heute viel zu arrogant unterwegs.
“Willst du noch ein Bier? Ich lad dich ein.”
Gut. Gut. Ein Bier ist nun doch nicht zu verachten.
“Danke. Ja. Ahhhh. Da ist ja auch Alex. Kommst du dann zu ihr hin?”, frage ich ihn und drücke mich mitsamt meinem Bier zu Alex hin. Die ist schon absolut betrunken. Sie war ein Jahr in Irland und sseitedem kann sie es – so denke ich – mit jedem Iren in ihrem Alter aufnehmen. Ausserdem kann sie im betrunkenen Zustand nicht mehr ins Deutsche wechseln. Sie bleibt im Englischen und sie stellt mich einem irischen Freund vor mit:
“Hello. This is Margharita. She is one of my best – here in Frankfurt.”
“Hi. My Name is Marianne. Not Margharita.”, sage ich zum ihm, der sich mir kurze Zeit später als Jack vorstellt.
“Nice to meet you!”, antworte ich. “I am just gettings some Smokes. Will be back in a Sec.”, antworte ich ihm. Dort werde ich jedoch von Ansgar angesprochen, der katholische Theologie studiert und mich über ein Horrorausbildungscamp in Seeheim-Jugenheim aufklärt. Unaufgefordert.
“Oh.Oh.Oh.”, sage ich nur, setze mich einen Moment zu ihm. Jack ist vergessen und wir unterhalten uns dann doch noch über Literatur, Filme und Politik. Das Bier fließt weiter in Strömen und wir versuchen uns mit Wissen zu beeindrucken. Warum auch nicht...
Schließlich kommt noch Max aus meiner Einführungsveranstaltung über Linguistik auf uns zu und lässt sich neben mich fallen:
“Ich sauf einfach immer zuviel.”, stöhnt er.
“Yupp.”, antworte ich nur knapp und sehe mich im Raum um.
Kaum jemand mehr da.
Der Mathematikstudent ist schon seit Stunden gegangen. Der Bwler hat gewiss eine andere abgeschleppt. Der Börsianer redet gerade auf englisch auf Alex und Jack ein und ich denke:
Wer nach diesem Abend kein Selbstbewusstsein hat ist selbst Schuld. Vielleicht sollte ich doch Astrophysik studieren. Aber nicht heute ... Wie war das nochmal mit Adorno?
Noch bin ich nicht kommunikativ. Noch bin ich bei meinem ersten Bier und nicht bei Wodka und noch habe ich meine Jacke an und unterhalte mich mit einem Mathematikstudenten.
Im Moment sind das nicht gerade grandiose Aussichten. Aber es wird schon anders werden.
“Ich studiere Astrophysik.”, erkläre ich dem Menschen der mir gegenübesteht. (Aber erst, nachdem er mir das mit Mathe gesagt hat und ich in ihm das personifizierte Klischee sehe – inklusive Aussehen)
“Mathe ist zwar schon geil – von wegen universaler Sprache und so – aber Astrophysik... Da wird das Konkrete mit dem Abstrakten verbunden. Nein. Vielmehr das Abstrakte wird zum konkreten und umgekehrt. Das ist das, was mich daran fasziniert. Mathematik ist dagegen ein Dreck!”
Dass ich weder irgendeine Ahnung von Physik oder Mathe habe, steht auf einem anderen Blatt – Das Ziel wurde erreicht. Der Mathestudent sieht mich nun als asexuelles Wesen und fragt mich:
“Kennst du eine Susanne?”
“Aus den ersten Semestern kenne ich niemanden.”
“Nee. Nee. Die ist im siebten.”
“Wie sieht die denn aus?”
“Brille. Kurze Haare. Hat meistens Jeans an...”
Super Beschreibung denke ich, subsumiere dann kurz seinen Gesamteindruck und wende ihn auf Susanne an – mein Gott bin ich heute arrogant. Also:
“Das ist doch so eine, die nie abschreiben lässt und immer in der ersten Reihe sitzt. Aber die ist im achten. Mit der habe ich angefangen.”
“Ja.Ja.Ja. Die ist vielleicht auch im Achten.”, antwortet er mit einem leicht debilen Grinsen.
Ich muss hier weg, denke ich und drehe mich auf dem Absatz um. Das wollte ich schon immer einmal machen. Eigentlich ist das ja gar nicht nett. Und ein gutes Gefühl habe ich dabei keineswegs. So fühlt man sich also, wenn man ein Arschloch ist.
Aha.
Noch ein Bier? Oder doch Rum? Nein lieber Bier und so gehe ich zur Bar und lasse mir ein geben. Gehe rüber zum Billiardtisch – zur Tanzfläche und zu den Sofas. Ein bisschen frische Luft könnte auch nicht schaden, denke ich und gehe kurzentschlossen an den Tanzenden vorbei, trete hinaus und setze mich hin.
“Guten Abend. Wie heisst denn du?”
Ein Mann mittleren Alters kommt auf mich zu. Ich sage ihm brav meinen Namen und er den seinen. Das Studienfach wird kurz ausgetauscht – nur um einen Grund zu haben, um auf den Punkt zu kommen:
“Wohnst du weit von hier?”
“Nein. Die Strasse runter.”
“Aha. Wollen wir hin gehen?”
“Nein.”
“Hast du eine Handynummer?”
“Nein.”
“Willst du mit mir kommen?”
“Nein.”
Ein gutes Gespräch denke ich. In einer Disco wurde mir auch schon mal nur “Vögeln?” zugeworfen und da hat es ewig gedauert, bis ich geschnallt hatte, was diese Figur von mir wollte. Hier wenigstens zivilisiert und so sage ich noch ein paar Mal “Nein!”, bis ich es mit der frischen Luft aufgebe und wieder hineingehe.
“Vielleicht änderst du ja später noch deine Meinung,.”, ruft mir der BWL Student hinterher.
Jetzt? Ein bisschen Ruhe? Ich setze mich auf eines der Sofas und gucke ein bisschen. Menschen bewegen sich zuckend zur Musik. Michael Jackson Techno. Entsetzlich. Aber irgendwie auch spannend.
Ein junger gutaussender Mann setzt sich neben mich. Wir schauen uns an und ich bemerke sofort das psychotische Glitzern in seinen Augen. Nach einigen Minuten Schweigen – die ich sehr genoss – spricht er:
“Ein oberflächliches Vergnügen.” und schaut mich dabei von der Seite an. Im folgenden erfahre ich, dass er Philosophie studiert, dass seine Mutter Architektin ist, dass er die Bar mit entworfen hat und vieles mehr.
Das Gespräch ist immer wieder durch lange Pausen bestimmt in denen er nachdenkt, um mich dann und wann mit einem Zitat von Nietsche oder Adorno zu überraschen. In den könnte ich mich verlieben, denke ich. Der ist krank. Der hat mit dem Wahnsinn Brüderschaft getrunken und seine Freunde heissen Horkheimer und Hegel. Folgerichtig stehe ich auf, danke ihm für das Gespräch und hole mir noch ein Bier.
“Hallo Süße. Kennen wir uns nicht?”
Ich muss mich ein bisschen schütteln, denn ich weiß nicht genau wer das ist, der da spricht. Auf alle Fälle kein Philosoph, Bwler Lustmolch oder Mathematiker. Nein – der Dennis ist es. Börsenmakler und gebürtiger Rheinländer. Der ist jetzt genau richtig.
“Hallo.”, antworte ich und gebe ein paar lustige Allgemeinplätze von mir. Ich schüttele die Tiefe ab wie einen Regenschauer. Schwupp die Wupp bin ich wieder auf der Party angekommen. Richtig. Man muss trinken und lachen und tanzen und kein Adorno kann mich heute davon abhalten.
“So eine wie dich gibt es selten. Das muss man schon sagen. Du bist so gar keine Zicke. Weisst du – wenn ich eine Freundin hätte, dann würde ich sie auf Händen tragen. Die würde alles bekommen von mir. Aber alles.”
Wie langweilig, siniere ich, aber ich wünsche ihm solch ein Mädchen, bei dem er der große Mann sein und der er viele Kinder machen kann. Ich bin das bestimmt nicht. Dafür bin ich heute viel zu arrogant unterwegs.
“Willst du noch ein Bier? Ich lad dich ein.”
Gut. Gut. Ein Bier ist nun doch nicht zu verachten.
“Danke. Ja. Ahhhh. Da ist ja auch Alex. Kommst du dann zu ihr hin?”, frage ich ihn und drücke mich mitsamt meinem Bier zu Alex hin. Die ist schon absolut betrunken. Sie war ein Jahr in Irland und sseitedem kann sie es – so denke ich – mit jedem Iren in ihrem Alter aufnehmen. Ausserdem kann sie im betrunkenen Zustand nicht mehr ins Deutsche wechseln. Sie bleibt im Englischen und sie stellt mich einem irischen Freund vor mit:
“Hello. This is Margharita. She is one of my best – here in Frankfurt.”
“Hi. My Name is Marianne. Not Margharita.”, sage ich zum ihm, der sich mir kurze Zeit später als Jack vorstellt.
“Nice to meet you!”, antworte ich. “I am just gettings some Smokes. Will be back in a Sec.”, antworte ich ihm. Dort werde ich jedoch von Ansgar angesprochen, der katholische Theologie studiert und mich über ein Horrorausbildungscamp in Seeheim-Jugenheim aufklärt. Unaufgefordert.
“Oh.Oh.Oh.”, sage ich nur, setze mich einen Moment zu ihm. Jack ist vergessen und wir unterhalten uns dann doch noch über Literatur, Filme und Politik. Das Bier fließt weiter in Strömen und wir versuchen uns mit Wissen zu beeindrucken. Warum auch nicht...
Schließlich kommt noch Max aus meiner Einführungsveranstaltung über Linguistik auf uns zu und lässt sich neben mich fallen:
“Ich sauf einfach immer zuviel.”, stöhnt er.
“Yupp.”, antworte ich nur knapp und sehe mich im Raum um.
Kaum jemand mehr da.
Der Mathematikstudent ist schon seit Stunden gegangen. Der Bwler hat gewiss eine andere abgeschleppt. Der Börsianer redet gerade auf englisch auf Alex und Jack ein und ich denke:
Wer nach diesem Abend kein Selbstbewusstsein hat ist selbst Schuld. Vielleicht sollte ich doch Astrophysik studieren. Aber nicht heute ... Wie war das nochmal mit Adorno?
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