Wenn sich auf einmal die Dinge überstürzen und man nicht mehr wirklich weiß, was zum Henker eigentlich passiert, dann lebt man wohl richtig...
Dinge geschehen und man kann sie nicht wirklich aufhalten, steht davor und kann nur noch mit dem Kopf schütteln.
Es fing wohl damit an, dass ich früher aus dem Aquarium fliehen wollte und meinem Ex-Chef sagte:
“Heute gehe ich früher. Ich muß heute früher gehen.”
und ich meinen Vermieter in Spe anrief und sagte:
“Ich komme gleich und unterschreibe dann den Mietvertrag.”
“Klar. Kein Problem.”
Ein wunderschöner sonniger Tag in Stanley Park. Die Blätter färben sich golden, der Oktober in seiner schönsten Schönheit.
Ein neuer Abschnitt in Kanada, denke ich.
Und rufe, weil Betsy zu mir meinte, dass sie mit mir reden muß, genau sie an.
“Oh. Hallo. Wir sind hier.”
“Wo hier?”
“Hier.Vor dem Aquarium.”
“Was?”
Jocelyns Geburtstag und als Betsy und ich kurz allein sind sagt sie:
“Ich habe ihr gesagt, daß es Dein Geschenk ist.”
Und ich bin dankbar dafür und müde und geschlagen und kann mich nicht wirklich konzentrieren, aber ich gebe ihnen beiden eine Tour.
Versuche mich zurückzuhalten, versuche nicht zu sehr im Mittelpunkt zu stehen und mache Fotos mit den beiden und lasse mich darauf ein... Und wir sehen uns das Aquarium an.
Todmüde, da die letzten Nächte nicht wirklich geschlafen wurde, schleppe ich mich durch die Gänge...
Todmüde fahre ich mit den beiden Geburtstagskuchen aussuchen und schlage die Einladung zu einer Theateraufführung ab.
Ich muss zu Matt – meinem neuen Vermieter -
Muss, weil ich es einfach nicht mehr mit Ivette und Jeremy aushalte, HEUTE den Mietvertrag unterschreiben.
Für mich ganz allein...Für meine geistige Gesundheit... Für mich...
Granville Island ist weit weit weg von allem.
Dort wo der Kuchen gekauft wurde, dort wo Kuchen verspeist wurde fährt ein einziger Bus.
Zunächst stehe ich eine halbe Stunde auf der einen Seite, dann bemerke ich daß es die falsche Seite war und stelle mich – da der bus gerade weggefahren ist – für eine halbe Stunde auf die andere Seite.
Fahre zur Skytrainstation, fahre zu weit und irgendwann gelingt es mir zu Matt und meiner neuen Heimat zu finden.
“Es tut mir leid.”
“Ist okay.”
Wir gehen über den Mietvertrag und ich lerne die deutsche kennen, deren Zimmer ich übernehmen werde.
Eine dünne Frau aus Stuttgardt... aber nett und lustig... Wenn das ein qualfizierendes Merkmal ist.
“Du sprichst so gut englisch.”
“Hmmm... Naja...”
“Ich war im April krank und ich gehe nach Deutschland zurück, weil ich das Gefühl habe, dass ich dort tatsächlich gesund werden kann.”
“Ohhh....”
Und wir plaudern über die Nachteile Kanadas aber das vorherrschende Gefühl ist schlichte Müdigkeit.
Nicht mehr und nicht weniger.
Pure Müdigkeit.
Am liebsten würde ich hier bleiben. Am liebsten würde ich nicht ins Triumph Haus zurückkehren und doch.
Es ist der Geburtstag von Jocelyn, die mich zwar nicht versteht und nicht wirklich mag. Die zwar sagt: “Du hättest mir jede Menge beibringen können...”, die aber auf alle Versuche meinerseits einen Kontakt herzustellen nicht geantwortet hat und die – so mein Gefühl – prinzipiell nicht mag, daß Betsy und ich uns mögen.
Aber ich muß.
Essen und Duschen und Schlafen...
klingt mir im Hirn.
Essen und Duschen und Schlafen...
Ein Sandwich im Magen und gegen neun im Triumph Haus.
Die Gäste sollen gegen zehn kommen... bis vor ein paar Stunden wußte ich nicht, daß ich eingeladen war... doch...
Ich sehe Gary und Corey in der Einfahrt und weiß, daß aus dem Duschen nichts wird... Wieder einmal zu höflich, um zu sagen:
“Ich hatte nen Scheißtag. Ich will was essen und duschen.”, plaudere ich mit den beiden.
Als sie gegen Halb zehn ins Obergeschoss gehen, um Kuchen zu essen, stopfe ich mir schnell eine Scheibe Brot in den Mund...
hunger gestillt,
Nur noch die Müdigkeit und das Gefühl schmutzig zu sein übrig.
Und ich steige nach oben.
Das Gefühl in meiner eigenen Kurzgeschichte zu sein, schleicht sich erst an mich heran, als ich nach der Party (wo viel über Politik und Zeitgeschehen und die Börse und was auch immer geredet wurde) wieder zurück in die Basementsuite gehe.
Ich steige die steilen Stufen vom Obergeschoß zurück in den tiefsten Morast der Basementsuite.
Und höre schon von draußen meine schwanger spanische Mitbewohnerin in den Telefonhörer brüllen:
“Nein! Nein! Nein!”
oder
“Halt die Klappe!”
oder (mein Lieblingssatz und nicht wirklich so leicht übersetzbar)
“Get over it. Get over it. Get over it.”
Ich schleiche an ihr vorbei, um einem griesgrämigen Blick zu entgehen. Schaue sie vorsichtshalber nicht an und hauche ihr entgegen:
“Gute Nacht.” und verschwinde in meinem Zimmer.
An einschlafen ist natürlich nicht zu denken, dal das Wohnzimmer nicht wirklich weit entfernt ist und die Stimme meiner Mitbewohnerin die Kraft hat durch diverse Holzwände zu dringen.
Nach diversen: “Get over it.No. I am right.” und stundenlangem Gebrülle in Richtung Englands (wo ihr Freund und der Vater ihres Kindes wohnt) kehr endlich die lang ersehnte Stille in die Basementsuite ein.
Nach acht Tagen ohne einen freien Tag. Nach zwei Wochen mit Thanksgiving und der Hölle im Aquarium kommt nun endlich der Schlaf über mich wie ein lang ersehnter Freund. Und JA ich muss an dieser Stelle dramatisch werden. Ich muss sagen:
“Bruder Tod. Komm über mich. Gib mir Stille und Kraft für den neunten Tag Arbeit.”
Und der Schlaf kommt...
Für etwa zwei Stunden, bis der Schlaf geht und stattdessen das Gegiggel der neuen Schnalle meines australischen Mitbewohners in mein Bewusstsein dringt.
“Oh. Nein.” ist mein erster Gedanke und mein zweiter und mein dritter.
Der vierte und fünfte Gedanke ist nicht jugendfrei und wird im amerikanischen Fernsehen weggepiept.
Doch statt laut zu werden resigniere ich innerlich...
Mit Gegiggel ist zu leben und umzugehen. Wenn man dabei auch den Schlaf vergessen kann, doch als meine Wand quasi mit in das “Comingeling” involviert wird und nicht nur Gestöhne, sondern auch lautes Böllern von dem Zimmer nebenan meinen Schlaf stören, stehe ich auf.
Der Schlaf ist weg und will nicht mehr wiederkommen.
Da kann ich genauso gut aufstehen, denke ich in meiner pragmatischen Art.
Die eine Zigarette die ich mir am Morgen erlaube rauchen, den Kaffee trinken und dann zur Arbeit stapfen.
Und ich erhebe mich.
Doch auf dem Weg zum Badezimmer bemerke ich, dass mich auch mein dritter Mitbewohner – der Kater Mr. T - in den Wahnsinn treiben will.
Direkt vor dem Kühlschrank liegt nämlich ein Geschenk, welches ich nicht wirklich zu achten weiss.
Eine kleine und durchaus tote (wie ich am Herausstrecken der Pfoten bemerken kann) Maus.
Zuerst bin ich geschockt, doch dann beruhige ich mich mit dem Gedanken, dass es weitaus schlimmer hätte kommen können. Es hätte eine Ratte sein können. Oder eine aufgeschlitzte Maus.
Eine intakte tote Maus vor dem Kühlschrank ist zwar ekelig, aber nicht so schlimm, wie...
Eigentlich möchte ich die Maus loswerden und versuche all den Mut, den ich in mir habe hervorzukratzen. Doch nicht einmal mit einem Besen oder was auch immer, bin ich bereit die Maus anzufassen.
Ich bringe es einfach nicht übers Herz.
Mein Magen grummelt, doch der Appetit ist mir vergangen und so tue ich das, was ich morgens immer tue. Ich mache mir einen Kaffee, bin dankbar dafür, dass die Kühlschranktür geradewegs an der Mausleiche vorbeischlittern kann und sie nicht berührt wenn ich die Milch aus dem Kühlschrank hole.
Arbeit, denke ich kurzerhand. Arbeit. Arbeit. Arbeit.
Nehme den 135er Bus Richtung Innenstadt und mache mich darauf gefasst, dass es wieder einmal ein schrecklicher Tag werden wird.
Und als ich dann dort stehe.
In dem windigen Eingang des Aquariums...
Und als ich den quietschenden Delphin für die Kinder quietschen lasse, damit sie meiner Kamera ein Lächeln schenken.
Und als ich Sätze sage, wie
“Wenn Du ganz dolle dem Delphin zulächelst, dann quietscht er. Es ist ein magischer Delphin.”
oder
“Würde es ihnen etwas ausmachen vor den Greenscreen zu treten.”
oder
“Ein schnelles Foto aus Spass_”
und als ich herüberblicke zu dem Pult wo meine persischen Mitarbeiter sitzen und den lieben langen Tag Kaffee trinken, kurz während der Arbeitszeit verschwinden und dann wieder auftauchen um weiterhin nichts zu tun.
Und als ich dann dort stehe und überlege und einfache Sätze denke, wie
“Es wäre gut nicht hier zu sein.”
“Es wäre gut hier nicht zu arbeiten.”
“Ich habe einen Magister. Warum tue ich das hier?”, weiss ich, dass der Tag der Kündigung gekommen ist.
Es setzt sich in mir fest und ich kann nichts dagegen tun.
Es setzt sich in mir fest. Der Gedanke will nicht mehr verschwinden.
Und auf einmal geht es mir besser.
Ich komme morgen nicht. Ich werde nicht auftauchen,
Mitlerweile habe ich den “canadian way” kennengelernt und ein wenig inkorporiert. Ich werde nicht mehr die verlässliche Deutsche sein die immer pünktlich, charmant und gut gelaunt ist. Nicht mehr die Deutsche auf die man sich 100 prozentig verlassen kann.
Als ich zurück an den Pult komme wo die Fotos verkauft werden und meine dämliche persische Mitarbeiterin (“Du hast englisch mit dem Fernsehen gelernt? Mit Fernsehserien? Kannst du mir die Namen der Serien aufschreiben, damit ich auch gutes englisch lernen kann?”) früher geht und der Manager nicht mehr da ist, obwohl er mir zugesichert hat, dass ich nur bis vier zu arbeiten brauche wird der innerliche Beschluß noch ein wenig fester und ich frage die Security:
“Kann ich nachdem das Aquarium geschlossen ist noch herumgehen und Fotos machen?”
“Klar!”
“Kann ich auch die Belugas unterwasser sehen?”
“Klar. Du mußt nur den Fahrstuhl nehmen. Alles andere ist abgesperrt.”
Die letzte Arbeitsstunde plätschert ereignislos vor sich hin und als sich die Türen für die Allgemeinheit schließen mache ich mich auf (mit der Kamera von meinem Boss) und mache die Fotos,
Ich klettere über Sicherheitsbegrenzungen hinweg und bin mit dem Seeotter auf Du und Du. Ich steige hinunter zu den Walen, schnacke kurz mit dem Küchenchef, der ein großes Essen vor den Belugas auszurichten hat und Tische beaufsichtigt und halte mich lange in der
Tropic Zone auf....
Und mache Fotos über Fotos.
Als ich dann unten bei den Fröschen bin, fällt mir die Unterwassergallerie von den Delphinen ein. Die haben Jocelyn, Betsy und ich gestern vergessen. Daran habe ich nicht mehr gedacht und ich gehe mit gemessenen und doch ein wenig aufgeregten Schritten dorthin.
Nach ein paar Minuten Knipserei schalte ich die Kamera aus und sehe den Delphinen beim Schwimmen zu.
Das letzte Mal als ich bei ihnen war wollte ich, dass sie kommen. Wollte dass sie mir ihre
Aufmerksamkeit schenken.
Dieses Mal erwarte ich nichts und halte doch meine Hand gegen die Scheibe.
Als zwei der Delphine langsam vorbeischwimmen und mich aus dem Augenwinkel wahrnehmen verbeuge ich mich tief.
Einer der Putzmänner des Aquariums kommt vorbei und ich frage:
“Muss man sich vor einem Delphin verbeugen?”
“Keine Ahnung.”, antwortet er.
Doch tief in meinem Inneren weiß ich: Ja. Das muss man.
Will man mit einem Delphin sprechen, muss man sich verbeugen.
Sie kommen näher heran und einer der Delphine bleibt direkt bei mir. Er steht mir direkt gegenüber.
Und wieder verbeuge ich mich.
Halte meine Augen verborgen.
Halte meine Hand aufrecht und den Kopf tief gesenkt.
Als ich aufschaue, frage ich:
“Darf ich ein Foto von dir machen?”, schalte die Kamera ein und mache ein Foto und dann noch eines, als er sich langsam abwendet und verschwindet.
Und dann geschieht es.
Ein kleiner magischer Moment, als er zurückkommt und diese hohen Töne ausstösst, die mir durch Mark und Bein gehen und die ein unglaublliches Wohlgefühl spenden.
An meinem letzten Arbeitstag im Aquarium hat ein Delphin mit mir geredet und ich weiß ( und da kommt meine ganze in mir verborgene Dramatik einmal mehr zum Ausdruck und trotzdem muß ich es sagen...)
Es war ein
“Lebewohl”
Montag
Sonntag
Die blaue Reise in der Türkei
Die blaue Reise – ich will die sieben Stunden zurück
Im Internet hatte ich es gelesen. Falls man einen Tagesausflug in der an sich wunderschön gelegenen, jedoch von Unterschichtstouristen übervölkerten, Halbinsel Side bucht, sollte man es direkt am Hafen tun. Dort sei es billiger – das sagt zumindestens das Internet. Und dem wird geglaubt. Zumindestens bis das Gegenteil bewiesen ist.
Weil sowohl Bella als auch Ich Lust auf Bootfahren haben, begeben wir uns am Montag eben genau dorthin. An den Hafen.
Delfine klingen gut, Schildkröten klingen sehr gut – und die Boote, die auf alt getrimmt sind, versprechen einen schönen Tag. 20 Euro klingt nicht zuviel für eine Tagesschiffsreise inklusive Mittagessen. Und so beschließen wir es zu wagen: Die blaue Reise wird unsere Reise sein.
Um neun sollen wir dort sein und nachdem wir zuerst auf ein falsches Boot gelotst wurden, sitzen wir irgendwann tatsächlich mutterseelenallein auf einem Holzboot, was Richtung Alanya aufbrechen soll. Es ist ruhig, wunderschönes Weter und noch nicht zu heiß. Außer uns ist nur ein mittelalter männlicher Mensch, der in Kapitänskluft herumläuft, vorhanden.
Er winkt mich zu sich heran: „Photo!“, ruft er. „Photo.“
Und da ich zu dieser Tageszeitsehr wohl noch dazu aufgelegt bin, ein Photo zu machen, lasse ich mir die Kapitänsmütze aufsetzen, stelle mich hinter das Steuer und tue so, als würde ich fahren. Eigentlich finde ich es dämlich, eigentlich finde ich es dumm, lasse mich auf den Schabernack ein und setze mich dann wieder. Kurz und schmerzlos.
„Lass uns doch nach unten setzen. An den Bug. Da sind Matten und wir können dort herumliegen. Da ist es besser.“, meint Bella und nach einigem Zögern, da das Obergeschoß mit einem Sonnenschutz, der Bug jedoch nicht überdacht ist, und ich Angst um meine Haut habe, raffe ich mich dazu auf.
Kurze Zeit später liegen wir dort und sehen nicht, wie ein Shuttlebus nach dem Anderen weitere deutsche, englische, schwedische, norwegische Touristen ablädt. Wir merken nur an dem anschwellenden Stimmengewirr, dass wir nicht mehr alleine sind. Augen verschlossen und sich aufs Meer geträumt. In Wellen – Wind und Weite.
Mit einer Stunde Verspätung und einem vollen Schiff geht es los. Eine Eisenkette zieht das Schiff aus der Bucht heraus. Spannend. Urtümlich. Wunderbar. Ein Abenteuer, denke ich.
„Ein Abenteuer.“, flüstere ich Bella zu. Welche auch mit großen Augen und pochendem Herzen den kommenden Stunden entgegenzublicken scheint. Doch schon gefühlte Millisekunden später hat die relative Ruhe ein Ende, die Schönheit wird zerbrochen und dröhnende Techno-schlager-musik erdröhnt aus den Lautsprechern.
„Infinity.“
Oder was auch immer es sein mag. Ich stöhne innerlich und äußerlich auf.
„Nein. Nein. Nein.“
Bella stimmt in den Chor der Technohasserinnen ein und wir verschanzen uns hinter unserer Musikliebhaberei und Sonnenbrillen. Andere würden es sicherlich als Arroganz auffassen. Wir nicht. Wir wissen was gut ist. Und diese Musik ist alles andere als gut. Das Wort Ohrenkrebs ist zwar kein schönes Wort. Aber es trifft in Etwa das, was wir beide denken, fühlen, verschmerzen müssen.
Während Bella sich zurücklehnt und das Sein auf dem Wasser mit einem Buch versüßt, sehe ich mich um und versuche zu verorten, was zu verorten ist.
Abgesehen von der meist unerträglichen Musik. Nur momentanes Aufatmen, als „Spiderman“ von The Cure kommt – doch dann wieder stoisches über sich ergehen lassen, als ein weiterer Technoschlager tönt.
Es hätte schlimmer kommen können. Es hätte ein Wolle Petri Schiff sein können, denke ich und bekomme ein Zucken im Auge, was sich nur verstärkt, als ich mich weiter umsehe:
Vorn links am Bug sehe ich zwei weiße Menschen. Und da der Mann einmal „Üxy“ sagt, kann ich, mit meinem Wissen um die ersten zehn Zahlen auf finnisch, darauf schließen, dass sie aus eben jenem norwegischen Land kommen.
Der Mann ist das Klischeebild von einem „Bären“ - Also nicht von einem richtigen Bären, sondern von der Metapher: „Ein Mann wie ein Bär.“
Mit freiem Oberkörper und rückwärts aufgesetzer Baseballkappe sitzt er – pardauz – mit dem Rücken entgegen der Fahrtrichtung – also mit Blick auf das Schiff – ganz vorn am Bug. Was mich verdutzen wird ist, dass er es vermag in den gesamten sieben Stunden, welche wir auf dem Schiff verbringen werden, nicht wirklich seine Position verändert. Er sitzt und sitzt. Er sitzt weiter und dann sitzt er wieder. Natürlich wäre das Bild nicht komplett, wenn er dabei nicht trinken würde. Also – er sitzt, trinkt einen Schluck Effes Bier und dann sitzt er wieder und trinkt noch einen Schluck Effes Bier. Ab und an gibt er durch das Hochheben der leeren Bierdose zu verstehen: „Noch eins.“
An sich langweilig. Aber in dem sich eins zu eins deckenden Klischee in meinem Kopf – für mich relativ spektakulär.
Seine Begleitung hingegen – die Frau die sich die gesamte Zeit neben ihm befindet – ist nicht hübsch zu beobachten. Weil sie vor allem eines tut. Sie tut einem Leid. Mit einer Eindringlichkeit, die ans Beschützen wollen grenzt. Ihr Gesicht sehe ich nur kurz. Es ist puterrot und ein wenig aufgedunsen. Sonnenbrand hoch tausend, denke ich und mein Mundwinkelzucken verstärkt sich ein wenig. Und es verlässt mich auch einige Zeit nicht, nachdem sie sich neben den „Bären“ legt, Sonnenmütze über ihr gesamtes Gesicht gezogen und die nackten Beinchen der Sonne ausgesetzt. Damit auch sie knallrot werden und schmerzen. Damit sie ihren Freundinnen zuhause sagen und vor allen Dingen beweisen kann: „Ich habe mich erholt. Ich lag den ganzen Tag in der Sonne.“
Dann lieber die Bilderbuchfamilie rechts vom Bug ansehen. Auch Skandinavier. Jedoch Schweden.
Vater, Mutter und drei Kinder. Allesamt bildhübsch. Blond und auf gesunde Art braungebrannt. Auch sie unterhalten sich nicht, sondern sonnen sich lieber. Aber auf eine nette, unspektakuläre Art und Weise.
Da sind die Engländer, die direkt vor Bella und mir sitzen mehr Worte wert.
Vater, Mutter und pubertierende Tochter. Letztere scheint auf die Reise mitgeschleift worden zu sein. Sicher wäre sie viel lieber im Hotel geblieben, was man ihren verdüsterten Augen, die die Umwelt ebenso feindlich, jedoch mit weniger Wohlwollen ansehen als die meinen, erkennen kann. Ich kann mir vage vorstellen was für Musik aus ihrem Ipod erklingt. Sicherlich nicht Techno, sondern dramatische „Die Welt versteht mich nicht.“ Musik. Jedoch bin ich schon zu alt – und das ist tatsächlich der Fall – um wissen zu können, was sie hört. Sie ist ein „Doors, Velvet Underground, Leonard Cohen Typ.“ Das hört sie bestimmt nicht. Oder doch? Mein wohlwollender Blick schafft es nicht zu ihr herüber. Sie scheint damit beschäftigt zu sein das Feindbild „Schiff“ in Gänze aufrecht erhalten zu wollen. Soll sie. Ihre Stimmung ist schon von Beginn an beschissen. Nunja – sie ist vierzehn.
Die Mutter sitzt, wie man von weitem sieht, da sie es nicht nur metaphorisch tut sondern auch tatsächlich, zwischen den Stühlen. Während der Vater – er sollte sich mit dem norwegischen Bären zusammentun – bereits um zehn sein erstes Efes trinkt. Noch dazu raucht er Kette und sieht sich kommunikativ um. Ein Engländer mit einem ungesunden Teint. Mit lustigem Sonnenhut auf dem Schädel, welcher ihn auch in eine andere Zeit und an einen anderen Ort – etwa eine Safari in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts – verorten könnte.
Ich sehe weg.
„Stopp zu Baden.“, brüllt ein junger Türke, der vermutlich den Animateur – oder wie auch immer man ihn bezeichnen soll – darstellt.
Eine Insel. Eine Badeinsel? Muss man baden? Ich will nicht baden. Keineswegs. Auf keinen Fall.
Hier mündet ein Fluss in das Mittelmeer. Und zwischendrin ist ein bisschen Sand. Eine Badeinsel?!
Nun. Was stellt man sich unter einer Badeinsel vor? Ein paar Palmen, ein paar Liegestühle, eine Bar. Ähnlich ist auch die Badeinsel auf der unser Technoschiff anlegt. Nur gibt es keine Palmen. So stell ich mir eher die Wüste vor. Eine immense Ansammlung von Sandkörnern. Ohne jedweden Bewuchs.
Touristen werden auf der einen Seite an Land gepuckt und springen auf der anderen Seite des schmalen Sandstreifens wieder ins Wasser. Auf dem Weg dazwischen kaufen sie sich ein Efes. Jedoch nur wenn sie daran gedacht habe sich, bevor sie das Boot verließen, ihre Schuhe bzw. Flip Flops anzuziehen. Sonnenhitze und Sand macht langsames spazieren auf Badeinseln unmöglich. Und so sehen Bella und ich mit hochgezogenen Augenbrauen den hüpfenden und „Aua.Aua.“ schreienden Menschen zu, die von einer Seite zur anderen Seite springen. Und es sind derer viele.
Langweilig, denke ich. Langweilig, denkt Bella.
Und wir verziehen uns unter das Zeltdach, was an zentraler Stelle – in Mitte der Insel – aufgestellt wurde, betrachten mitleidig die Fußwehen Menschen, die kurz verschnaufen, bevor sie die weiteren zehn Meter hüpfend zum Strand zurücklegen. Wir teilen uns eine kalte Fanta.
Wenigstens für ein paar Minuten kein „Itzen – Itzen“ Techno Dreck. Für ein paar Minuten Ruhe.
Wieder auf das Boot gespült, gibt es Mittag.
Kaltes Hühnchen, was jedoch noch insoweit lauwarm ist, als dass erkennbar ist, dass es heiß hätte sein sollen, mit Salat und Weißbrot. Allesamt fürchterlich.
Aber das haben wir auch nicht anders erwartet. Zumindestens ist es etwas zu essen.
Langsam wird das draußen sitzen zu heiß und obwohl wir uns mit dem klebrigen Sonnenfaktor 50 eingeschmiert haben, weswegen wir auch überall kleben bleiben, verziehen wir uns nach drinnen. Leider nicht früh genug, um dem Animateur, welcher nun auch Souvenirfotograf ist, zu entgehen. Hier helfen keine Abwehrversuche. Wir müssen posieren. Wir müssen Klischeebilder machen, die wir dann später überteuert abkaufen sollen. Wehren bringt nichts und so machen wir das pubertäre – das einzig Hilfreiche- Wir geben uns keine Mühe zu lächeln.
Es werden beschissene Fotos werden. Aber das hat der Typ davon, wenn er uns etwas aufzwingt, was wir nicht wollen.
Dass „Nein.“ nicht als „Nein“, sondern als „Eigentlich doch.“ verstanden wird, erfahren wir beide später noch eindringlicher. Aber jetzt verziehen wir uns erstmal unter Deck und sehen über die Reling dem nahen Land am vorüberziehen zu. Oder umgekehrt. Eine leise Sehnsucht stellt sich bei uns ein. Wie gerne wären wir jetzt dort. Nicht hier. Dort drüben. Ohne Menschen. Gut. Gut. Nicht in dieser Betonburg oder jener Bettenburg. Aber prinzipiell – nicht hier. Da sind wir uns einig.
Ab und an linse ich jedoch immer wieder zu dem skandinavischen Bären herüber, nehme die skandinavische Bilderbuchfamilie war und sehe, wie der englische Vater sich einen Schnorchel über seinen Kopf gezogen hat. Albern ist das nicht wirklich, weil viele einen Schnorchel haben – albern ist, dass er mit Schwimmflossen über das Boot stapft.
Sozialstudien, denke ich achselzuckend.
Wir sehen mit Entsetzen ein mittelaltes - älteres Ehepaar aus Deutschland an, die sich leise und dennoch zu laut auf sächisch unterhalten. Die Frau ist um die fünfzig, hat eine perfekt sitzende Fönfrisur mit naturgemäß blondgefärbten Haaren, eine Jeans mit putzigen goldenen Applikationen am Hinterteil und bewegt sich etwas steif. Was bedeutet, dass sie ihren Oberkörper hin und her bewegt, während ihr Unterleib weder ein Eigenleben noch irgendein Leben zu haben scheint. Was auch nicht verwunderlich ist, wenn man ihren Mann ansieht. Immer wieder verwunderlich ist mir, dass die Verteilung von Fett an den menschlichen Körpern nicht proportional, sondern stattdessen von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfällt. Dünne Beinen, dicker Bauch. Zierlich wäre das sächsische Männlein zu bezeichnen, wenn es nicht diesen Bauch hätte.
„Badestopp!“, brüllt der Animateurmensch und versucht Leute dazu zu animieren sich auszuziehen und von Bord zu springen. Affig. Aber bringt gewiss Spass. Irgendwo. Wenn ich zwölf wäre, hätte ich Spass. Wenn ich allein mit Bella auf diesem Schiff wäre, hätte ich Spass. Wenn wir mit unseren Freunden auf diesem Schiff wären, wäre es ein wahrliches Vergnügen. Aber so?
„Nein danke.“
„Es ist Pflicht.“
„Ein Dreck ist es.“
Bella und ich bleiben sitzen und harren der Dinge, die da kommen mögen. Es kommt aber nichts. Der norwegische Bär macht einen Bauchplatscher und brummt als er seinen Kopf wieder aus dem Wasser streckt.Der englische Vater klettert umständlich mit seinem Instrumentarium über eine Leiter ins Wasser. Die Bilderbuchfamlie juchzt gemeinsam mit dem Sachsen, der ihnen erklärt, dass er ja gestern eine Burg besichtigt hätte und nach zehn Minuten werden sie wieder eingesammelt und wir fahren weiter.
Erschreckend ist es zuzusehen, wie der Sachse sich in der Mitte des Schiffes – ohne sich festhalten zu können, versucht die Hose anzuziehen. Eine Mischung aus kläglich, bemitleidenwert und zugleich auch bewunderswert – wenn es nicht so erbärmlich wäre – wie er den Versuch unternimmt sich, ohne sich irgendwo, noch nicht einmal an seiner Frau, abzustützen seine Hose über die Stelzenbeinchen hin zum dicken Bauch zu ziehen.
Ich sehe erstaunt, wie auch seine Frau den Versuch, der vermutlich auch an mindestens zwei Efes Bieren scheitert, ihren Blick langsam und dezent in eine andere Richtung lenkt. Und lieber den torkelnden Schnorchel Enländer ansieht.
Die nächste Stunde besteht darin sich zu langweilen und Übergriffsversuche der männlichen Wesen abzuwehren. Zuerst Bella, die zum Tanzen animiert werden soll:
„Nein.“
„Doch tanzen.“
„Nein.“
„Komm. Komm. Das bringt Spaß!“
„Nein.“
Obwohl Bella dreimal laut und vernehmlich „Nein“ gesagt hat, hindert es den Animateur nicht daran, sie an ihren Händen zu greifen und den Versuch sie auf die Tanzfläche, Hosenanziehfläche, zu ziehen, um mit ihr zu Technobeats eine gute, tolle, erquickliche, fantastische Zeit zu verbringen. Aber da hat er sich die Falsche ausgesucht, denn Bella stemmt sich mit aller Kraft – sie wird puterrot im Gesicht ob der Anstrengung – gegen den Besitzanspruch und gewinnt. Ächzend sitzt sie wieder aufrecht neben mir und sagt:
„Die verstehen nur, wenn man Nein brüllt!“
Wenig später darf auch ich diese Erfahrung machen, denn der Kapitän, dessen Mütze ich vor gefühlten tausend Stunden auf dem Kopf hatte, macht mir Avancen. Auch er tanzt und will mich zum tanzen animieren. Aber er versteht dieses „Nein danke.“ Das nächste „Nein.“ versteht er jedoch nicht, denn er hat sich in den Kopf gesetzt mir sein Hemd, dessen er sich mittlerweile entledigt hat, überzuziehen.
„Komm. Komm.“
Ich verstehe, dass er es lustig fände, wenn ich sein Hemd tragen würde . Ich verstehe, dass er das für einen Riesenspaß hält. Aber er versteht dieses „Nein.“ nicht, nimmt meinen rechten Arm (den ich danach auf der Toilette mit Wasser abwasche) und beginnt mir eigenmächtig das Ding anzuziehen. Einen Arm schafft er. Bevor er es auch noch über meinen anderen Arm ziehen kann, brülle ich laut: „NEIN!“ und mache eine Geste, die ich sonst nur aus Mafiafilmen kenne. Ganz selbstverständlich ist sie in meinem aktiven Gestenschatz parat: Die rechte Hand unter das Kinn gezogen und dann mit der ausgestreckten Hand vor diesem hin und her gewedelt. Ich sehe gewiss richtig böse aus. So böse war ich lange nicht mehr. Gegen einen körperlichen Übergriff muste ich mich das letzte Mal vor meiner und der Pubertät meines älteren Bruders wehren. Sein Hemd stinkt nicht nur nach seinem Schweiß, sondern ist noch feucht von seinem Schweiß.
„Mach schnell ein Photo!“, brülle ich Bella zu. „Mach schnell. Mach schnell. Ich finde es eklig.“
Bella kramt in Windeseile den Photoapparat heraus, macht ein Photo und ich werfe ihm seine Kleidung vor die Füße. Danach die Toilette und das Waschen und nur noch böse Blicke zu ihm.
„Schlimm hier.“, sage ich zu Bella.
„Ja. Ich will hier auch weg.“, stimmt sie mir zu.
Das Boot ist fortan ein Gefängnis, wo es uns gar nicht weiter erschreckt, dass ein jüngeres Paar sich laut darüber unterhält, ob sie es Abends noch zu dem Buffet in ihrem Hotel schaffen oder nicht. Es interessiert uns auch weniger, ob der Animateur das Wort „Schlamm“ im Englischen weiß oder nicht und wir es ihm fünfmal zubrüllen müssen. Es interessiert uns nur noch, dass wir endlich in Alanya ankommen. Was irgendwann tatsächlich der Fall ist. Schon nach wenigen Minuten an Land stellen wir fest, dass auch hier nicht Europa und Friedlichkeit sondern Tourismus und Angequatsche das Geschäft bestreitet. Überraschend ist es nicht – nur frustrierend.Aber zumindestens werden wir nicht noch einmal auf das Boot zurückmüssen. Das ist vorbei. Die blaue Reise überstanden.
Sozialstudien beendet. Für diesen Urlaub. Zumindestens in dieser Drastik.Es hat gereicht. Für immer. Ab in den Bus – Musik auf die Ohren – und Sozialstudien beendet. Punktum.
Im Internet hatte ich es gelesen. Falls man einen Tagesausflug in der an sich wunderschön gelegenen, jedoch von Unterschichtstouristen übervölkerten, Halbinsel Side bucht, sollte man es direkt am Hafen tun. Dort sei es billiger – das sagt zumindestens das Internet. Und dem wird geglaubt. Zumindestens bis das Gegenteil bewiesen ist.
Weil sowohl Bella als auch Ich Lust auf Bootfahren haben, begeben wir uns am Montag eben genau dorthin. An den Hafen.
Delfine klingen gut, Schildkröten klingen sehr gut – und die Boote, die auf alt getrimmt sind, versprechen einen schönen Tag. 20 Euro klingt nicht zuviel für eine Tagesschiffsreise inklusive Mittagessen. Und so beschließen wir es zu wagen: Die blaue Reise wird unsere Reise sein.
Um neun sollen wir dort sein und nachdem wir zuerst auf ein falsches Boot gelotst wurden, sitzen wir irgendwann tatsächlich mutterseelenallein auf einem Holzboot, was Richtung Alanya aufbrechen soll. Es ist ruhig, wunderschönes Weter und noch nicht zu heiß. Außer uns ist nur ein mittelalter männlicher Mensch, der in Kapitänskluft herumläuft, vorhanden.
Er winkt mich zu sich heran: „Photo!“, ruft er. „Photo.“
Und da ich zu dieser Tageszeitsehr wohl noch dazu aufgelegt bin, ein Photo zu machen, lasse ich mir die Kapitänsmütze aufsetzen, stelle mich hinter das Steuer und tue so, als würde ich fahren. Eigentlich finde ich es dämlich, eigentlich finde ich es dumm, lasse mich auf den Schabernack ein und setze mich dann wieder. Kurz und schmerzlos.
„Lass uns doch nach unten setzen. An den Bug. Da sind Matten und wir können dort herumliegen. Da ist es besser.“, meint Bella und nach einigem Zögern, da das Obergeschoß mit einem Sonnenschutz, der Bug jedoch nicht überdacht ist, und ich Angst um meine Haut habe, raffe ich mich dazu auf.
Kurze Zeit später liegen wir dort und sehen nicht, wie ein Shuttlebus nach dem Anderen weitere deutsche, englische, schwedische, norwegische Touristen ablädt. Wir merken nur an dem anschwellenden Stimmengewirr, dass wir nicht mehr alleine sind. Augen verschlossen und sich aufs Meer geträumt. In Wellen – Wind und Weite.
Mit einer Stunde Verspätung und einem vollen Schiff geht es los. Eine Eisenkette zieht das Schiff aus der Bucht heraus. Spannend. Urtümlich. Wunderbar. Ein Abenteuer, denke ich.
„Ein Abenteuer.“, flüstere ich Bella zu. Welche auch mit großen Augen und pochendem Herzen den kommenden Stunden entgegenzublicken scheint. Doch schon gefühlte Millisekunden später hat die relative Ruhe ein Ende, die Schönheit wird zerbrochen und dröhnende Techno-schlager-musik erdröhnt aus den Lautsprechern.
„Infinity.“
Oder was auch immer es sein mag. Ich stöhne innerlich und äußerlich auf.
„Nein. Nein. Nein.“
Bella stimmt in den Chor der Technohasserinnen ein und wir verschanzen uns hinter unserer Musikliebhaberei und Sonnenbrillen. Andere würden es sicherlich als Arroganz auffassen. Wir nicht. Wir wissen was gut ist. Und diese Musik ist alles andere als gut. Das Wort Ohrenkrebs ist zwar kein schönes Wort. Aber es trifft in Etwa das, was wir beide denken, fühlen, verschmerzen müssen.
Während Bella sich zurücklehnt und das Sein auf dem Wasser mit einem Buch versüßt, sehe ich mich um und versuche zu verorten, was zu verorten ist.
Abgesehen von der meist unerträglichen Musik. Nur momentanes Aufatmen, als „Spiderman“ von The Cure kommt – doch dann wieder stoisches über sich ergehen lassen, als ein weiterer Technoschlager tönt.
Es hätte schlimmer kommen können. Es hätte ein Wolle Petri Schiff sein können, denke ich und bekomme ein Zucken im Auge, was sich nur verstärkt, als ich mich weiter umsehe:
Vorn links am Bug sehe ich zwei weiße Menschen. Und da der Mann einmal „Üxy“ sagt, kann ich, mit meinem Wissen um die ersten zehn Zahlen auf finnisch, darauf schließen, dass sie aus eben jenem norwegischen Land kommen.
Der Mann ist das Klischeebild von einem „Bären“ - Also nicht von einem richtigen Bären, sondern von der Metapher: „Ein Mann wie ein Bär.“
Mit freiem Oberkörper und rückwärts aufgesetzer Baseballkappe sitzt er – pardauz – mit dem Rücken entgegen der Fahrtrichtung – also mit Blick auf das Schiff – ganz vorn am Bug. Was mich verdutzen wird ist, dass er es vermag in den gesamten sieben Stunden, welche wir auf dem Schiff verbringen werden, nicht wirklich seine Position verändert. Er sitzt und sitzt. Er sitzt weiter und dann sitzt er wieder. Natürlich wäre das Bild nicht komplett, wenn er dabei nicht trinken würde. Also – er sitzt, trinkt einen Schluck Effes Bier und dann sitzt er wieder und trinkt noch einen Schluck Effes Bier. Ab und an gibt er durch das Hochheben der leeren Bierdose zu verstehen: „Noch eins.“
An sich langweilig. Aber in dem sich eins zu eins deckenden Klischee in meinem Kopf – für mich relativ spektakulär.
Seine Begleitung hingegen – die Frau die sich die gesamte Zeit neben ihm befindet – ist nicht hübsch zu beobachten. Weil sie vor allem eines tut. Sie tut einem Leid. Mit einer Eindringlichkeit, die ans Beschützen wollen grenzt. Ihr Gesicht sehe ich nur kurz. Es ist puterrot und ein wenig aufgedunsen. Sonnenbrand hoch tausend, denke ich und mein Mundwinkelzucken verstärkt sich ein wenig. Und es verlässt mich auch einige Zeit nicht, nachdem sie sich neben den „Bären“ legt, Sonnenmütze über ihr gesamtes Gesicht gezogen und die nackten Beinchen der Sonne ausgesetzt. Damit auch sie knallrot werden und schmerzen. Damit sie ihren Freundinnen zuhause sagen und vor allen Dingen beweisen kann: „Ich habe mich erholt. Ich lag den ganzen Tag in der Sonne.“
Dann lieber die Bilderbuchfamilie rechts vom Bug ansehen. Auch Skandinavier. Jedoch Schweden.
Vater, Mutter und drei Kinder. Allesamt bildhübsch. Blond und auf gesunde Art braungebrannt. Auch sie unterhalten sich nicht, sondern sonnen sich lieber. Aber auf eine nette, unspektakuläre Art und Weise.
Da sind die Engländer, die direkt vor Bella und mir sitzen mehr Worte wert.
Vater, Mutter und pubertierende Tochter. Letztere scheint auf die Reise mitgeschleift worden zu sein. Sicher wäre sie viel lieber im Hotel geblieben, was man ihren verdüsterten Augen, die die Umwelt ebenso feindlich, jedoch mit weniger Wohlwollen ansehen als die meinen, erkennen kann. Ich kann mir vage vorstellen was für Musik aus ihrem Ipod erklingt. Sicherlich nicht Techno, sondern dramatische „Die Welt versteht mich nicht.“ Musik. Jedoch bin ich schon zu alt – und das ist tatsächlich der Fall – um wissen zu können, was sie hört. Sie ist ein „Doors, Velvet Underground, Leonard Cohen Typ.“ Das hört sie bestimmt nicht. Oder doch? Mein wohlwollender Blick schafft es nicht zu ihr herüber. Sie scheint damit beschäftigt zu sein das Feindbild „Schiff“ in Gänze aufrecht erhalten zu wollen. Soll sie. Ihre Stimmung ist schon von Beginn an beschissen. Nunja – sie ist vierzehn.
Die Mutter sitzt, wie man von weitem sieht, da sie es nicht nur metaphorisch tut sondern auch tatsächlich, zwischen den Stühlen. Während der Vater – er sollte sich mit dem norwegischen Bären zusammentun – bereits um zehn sein erstes Efes trinkt. Noch dazu raucht er Kette und sieht sich kommunikativ um. Ein Engländer mit einem ungesunden Teint. Mit lustigem Sonnenhut auf dem Schädel, welcher ihn auch in eine andere Zeit und an einen anderen Ort – etwa eine Safari in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts – verorten könnte.
Ich sehe weg.
„Stopp zu Baden.“, brüllt ein junger Türke, der vermutlich den Animateur – oder wie auch immer man ihn bezeichnen soll – darstellt.
Eine Insel. Eine Badeinsel? Muss man baden? Ich will nicht baden. Keineswegs. Auf keinen Fall.
Hier mündet ein Fluss in das Mittelmeer. Und zwischendrin ist ein bisschen Sand. Eine Badeinsel?!
Nun. Was stellt man sich unter einer Badeinsel vor? Ein paar Palmen, ein paar Liegestühle, eine Bar. Ähnlich ist auch die Badeinsel auf der unser Technoschiff anlegt. Nur gibt es keine Palmen. So stell ich mir eher die Wüste vor. Eine immense Ansammlung von Sandkörnern. Ohne jedweden Bewuchs.
Touristen werden auf der einen Seite an Land gepuckt und springen auf der anderen Seite des schmalen Sandstreifens wieder ins Wasser. Auf dem Weg dazwischen kaufen sie sich ein Efes. Jedoch nur wenn sie daran gedacht habe sich, bevor sie das Boot verließen, ihre Schuhe bzw. Flip Flops anzuziehen. Sonnenhitze und Sand macht langsames spazieren auf Badeinseln unmöglich. Und so sehen Bella und ich mit hochgezogenen Augenbrauen den hüpfenden und „Aua.Aua.“ schreienden Menschen zu, die von einer Seite zur anderen Seite springen. Und es sind derer viele.
Langweilig, denke ich. Langweilig, denkt Bella.
Und wir verziehen uns unter das Zeltdach, was an zentraler Stelle – in Mitte der Insel – aufgestellt wurde, betrachten mitleidig die Fußwehen Menschen, die kurz verschnaufen, bevor sie die weiteren zehn Meter hüpfend zum Strand zurücklegen. Wir teilen uns eine kalte Fanta.
Wenigstens für ein paar Minuten kein „Itzen – Itzen“ Techno Dreck. Für ein paar Minuten Ruhe.
Wieder auf das Boot gespült, gibt es Mittag.
Kaltes Hühnchen, was jedoch noch insoweit lauwarm ist, als dass erkennbar ist, dass es heiß hätte sein sollen, mit Salat und Weißbrot. Allesamt fürchterlich.
Aber das haben wir auch nicht anders erwartet. Zumindestens ist es etwas zu essen.
Langsam wird das draußen sitzen zu heiß und obwohl wir uns mit dem klebrigen Sonnenfaktor 50 eingeschmiert haben, weswegen wir auch überall kleben bleiben, verziehen wir uns nach drinnen. Leider nicht früh genug, um dem Animateur, welcher nun auch Souvenirfotograf ist, zu entgehen. Hier helfen keine Abwehrversuche. Wir müssen posieren. Wir müssen Klischeebilder machen, die wir dann später überteuert abkaufen sollen. Wehren bringt nichts und so machen wir das pubertäre – das einzig Hilfreiche- Wir geben uns keine Mühe zu lächeln.
Es werden beschissene Fotos werden. Aber das hat der Typ davon, wenn er uns etwas aufzwingt, was wir nicht wollen.
Dass „Nein.“ nicht als „Nein“, sondern als „Eigentlich doch.“ verstanden wird, erfahren wir beide später noch eindringlicher. Aber jetzt verziehen wir uns erstmal unter Deck und sehen über die Reling dem nahen Land am vorüberziehen zu. Oder umgekehrt. Eine leise Sehnsucht stellt sich bei uns ein. Wie gerne wären wir jetzt dort. Nicht hier. Dort drüben. Ohne Menschen. Gut. Gut. Nicht in dieser Betonburg oder jener Bettenburg. Aber prinzipiell – nicht hier. Da sind wir uns einig.
Ab und an linse ich jedoch immer wieder zu dem skandinavischen Bären herüber, nehme die skandinavische Bilderbuchfamilie war und sehe, wie der englische Vater sich einen Schnorchel über seinen Kopf gezogen hat. Albern ist das nicht wirklich, weil viele einen Schnorchel haben – albern ist, dass er mit Schwimmflossen über das Boot stapft.
Sozialstudien, denke ich achselzuckend.
Wir sehen mit Entsetzen ein mittelaltes - älteres Ehepaar aus Deutschland an, die sich leise und dennoch zu laut auf sächisch unterhalten. Die Frau ist um die fünfzig, hat eine perfekt sitzende Fönfrisur mit naturgemäß blondgefärbten Haaren, eine Jeans mit putzigen goldenen Applikationen am Hinterteil und bewegt sich etwas steif. Was bedeutet, dass sie ihren Oberkörper hin und her bewegt, während ihr Unterleib weder ein Eigenleben noch irgendein Leben zu haben scheint. Was auch nicht verwunderlich ist, wenn man ihren Mann ansieht. Immer wieder verwunderlich ist mir, dass die Verteilung von Fett an den menschlichen Körpern nicht proportional, sondern stattdessen von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfällt. Dünne Beinen, dicker Bauch. Zierlich wäre das sächsische Männlein zu bezeichnen, wenn es nicht diesen Bauch hätte.
„Badestopp!“, brüllt der Animateurmensch und versucht Leute dazu zu animieren sich auszuziehen und von Bord zu springen. Affig. Aber bringt gewiss Spass. Irgendwo. Wenn ich zwölf wäre, hätte ich Spass. Wenn ich allein mit Bella auf diesem Schiff wäre, hätte ich Spass. Wenn wir mit unseren Freunden auf diesem Schiff wären, wäre es ein wahrliches Vergnügen. Aber so?
„Nein danke.“
„Es ist Pflicht.“
„Ein Dreck ist es.“
Bella und ich bleiben sitzen und harren der Dinge, die da kommen mögen. Es kommt aber nichts. Der norwegische Bär macht einen Bauchplatscher und brummt als er seinen Kopf wieder aus dem Wasser streckt.Der englische Vater klettert umständlich mit seinem Instrumentarium über eine Leiter ins Wasser. Die Bilderbuchfamlie juchzt gemeinsam mit dem Sachsen, der ihnen erklärt, dass er ja gestern eine Burg besichtigt hätte und nach zehn Minuten werden sie wieder eingesammelt und wir fahren weiter.
Erschreckend ist es zuzusehen, wie der Sachse sich in der Mitte des Schiffes – ohne sich festhalten zu können, versucht die Hose anzuziehen. Eine Mischung aus kläglich, bemitleidenwert und zugleich auch bewunderswert – wenn es nicht so erbärmlich wäre – wie er den Versuch unternimmt sich, ohne sich irgendwo, noch nicht einmal an seiner Frau, abzustützen seine Hose über die Stelzenbeinchen hin zum dicken Bauch zu ziehen.
Ich sehe erstaunt, wie auch seine Frau den Versuch, der vermutlich auch an mindestens zwei Efes Bieren scheitert, ihren Blick langsam und dezent in eine andere Richtung lenkt. Und lieber den torkelnden Schnorchel Enländer ansieht.
Die nächste Stunde besteht darin sich zu langweilen und Übergriffsversuche der männlichen Wesen abzuwehren. Zuerst Bella, die zum Tanzen animiert werden soll:
„Nein.“
„Doch tanzen.“
„Nein.“
„Komm. Komm. Das bringt Spaß!“
„Nein.“
Obwohl Bella dreimal laut und vernehmlich „Nein“ gesagt hat, hindert es den Animateur nicht daran, sie an ihren Händen zu greifen und den Versuch sie auf die Tanzfläche, Hosenanziehfläche, zu ziehen, um mit ihr zu Technobeats eine gute, tolle, erquickliche, fantastische Zeit zu verbringen. Aber da hat er sich die Falsche ausgesucht, denn Bella stemmt sich mit aller Kraft – sie wird puterrot im Gesicht ob der Anstrengung – gegen den Besitzanspruch und gewinnt. Ächzend sitzt sie wieder aufrecht neben mir und sagt:
„Die verstehen nur, wenn man Nein brüllt!“
Wenig später darf auch ich diese Erfahrung machen, denn der Kapitän, dessen Mütze ich vor gefühlten tausend Stunden auf dem Kopf hatte, macht mir Avancen. Auch er tanzt und will mich zum tanzen animieren. Aber er versteht dieses „Nein danke.“ Das nächste „Nein.“ versteht er jedoch nicht, denn er hat sich in den Kopf gesetzt mir sein Hemd, dessen er sich mittlerweile entledigt hat, überzuziehen.
„Komm. Komm.“
Ich verstehe, dass er es lustig fände, wenn ich sein Hemd tragen würde . Ich verstehe, dass er das für einen Riesenspaß hält. Aber er versteht dieses „Nein.“ nicht, nimmt meinen rechten Arm (den ich danach auf der Toilette mit Wasser abwasche) und beginnt mir eigenmächtig das Ding anzuziehen. Einen Arm schafft er. Bevor er es auch noch über meinen anderen Arm ziehen kann, brülle ich laut: „NEIN!“ und mache eine Geste, die ich sonst nur aus Mafiafilmen kenne. Ganz selbstverständlich ist sie in meinem aktiven Gestenschatz parat: Die rechte Hand unter das Kinn gezogen und dann mit der ausgestreckten Hand vor diesem hin und her gewedelt. Ich sehe gewiss richtig böse aus. So böse war ich lange nicht mehr. Gegen einen körperlichen Übergriff muste ich mich das letzte Mal vor meiner und der Pubertät meines älteren Bruders wehren. Sein Hemd stinkt nicht nur nach seinem Schweiß, sondern ist noch feucht von seinem Schweiß.
„Mach schnell ein Photo!“, brülle ich Bella zu. „Mach schnell. Mach schnell. Ich finde es eklig.“
Bella kramt in Windeseile den Photoapparat heraus, macht ein Photo und ich werfe ihm seine Kleidung vor die Füße. Danach die Toilette und das Waschen und nur noch böse Blicke zu ihm.
„Schlimm hier.“, sage ich zu Bella.
„Ja. Ich will hier auch weg.“, stimmt sie mir zu.
Das Boot ist fortan ein Gefängnis, wo es uns gar nicht weiter erschreckt, dass ein jüngeres Paar sich laut darüber unterhält, ob sie es Abends noch zu dem Buffet in ihrem Hotel schaffen oder nicht. Es interessiert uns auch weniger, ob der Animateur das Wort „Schlamm“ im Englischen weiß oder nicht und wir es ihm fünfmal zubrüllen müssen. Es interessiert uns nur noch, dass wir endlich in Alanya ankommen. Was irgendwann tatsächlich der Fall ist. Schon nach wenigen Minuten an Land stellen wir fest, dass auch hier nicht Europa und Friedlichkeit sondern Tourismus und Angequatsche das Geschäft bestreitet. Überraschend ist es nicht – nur frustrierend.Aber zumindestens werden wir nicht noch einmal auf das Boot zurückmüssen. Das ist vorbei. Die blaue Reise überstanden.
Sozialstudien beendet. Für diesen Urlaub. Zumindestens in dieser Drastik.Es hat gereicht. Für immer. Ab in den Bus – Musik auf die Ohren – und Sozialstudien beendet. Punktum.
Samstag
Hochzeit
Da sitze ich also im Zug gen Norden. Am Nachmittag wurde noch versucht den vier 12jährigen Förderschülerinnen etwas sinnvolles - wie die deutsche Rechtschreibung - beizubringen. Gescheitert bin ich nicht ... aber nah am Scheitern dran.
Weggewischt die Gedanken und nett einen Podcast über den neuen Feudalismus in Deutschland gehört. Ist aber auch ein Jammer, dass es den Kommunismus nicht mehr gibt ... Ein Jammer, denn sonst könnte man sagen: "Die da drüben sind besser dran!" - so jedenfalls wurde es von mir verstanden, als ich langsam wegdöste und erst in Büchen wieder aufwachte.
Büchen. Tja. Büchen ist ein Phänomen.
Vor gar nicht allzu langer Zeit stieg ich dort schon einmal um und fragte jemanden, der Büchener war, ob es sich lohnt auszusteigen und sich für ein paar Stunden die Stadt anzusehen.
"Nein.", war seine klare Antwort. Und ich habe ihm geglaubt.
Und so hetze ich von meinem Bahnsteig zum Bahnsteig 41b. Und das ist ein Bahnsteig, den man nur über eine Schranke innerhalb des Bahnhofs erreichen kann. Jawohl. Eine Bahnschranke innerhalb der Bahnhofsanlage. Auf so etwas geniales muss man erstmal gestoßen werden. Fällt einem spontan ja nicht ein.
Und schon sitze ich in dem überfüllten Zug und höre mir noch einen Podcast an. Dieses Mal über die Zeiten der Wende. Es scheint mir, als hätten Sachbuchautoren nicht wirklich viele Themen, über die sie schreiben. Oder andere Themen werden von den Medien nicht eingeladen.
Wie es auch sei.
Ich komme im heimatlichen Hafen an, werde nach Hause chauffiert und begebe mich direkt sowohl in Feuerlaune als auch nach Nebenan.
Denn meine Tankstellenwärter - Kusine wird 40, hat geheiratet und das will gefeiert sein. Kaum bin ich da, habe ich auch schon ein Bier in der Hand und proste den Menschen zu. DEN Menschen, die ich schon mein gesamtes Leben kenne und allesamt Nenntanten und Nennonkels waren. Ach - allesamt kenne ich sie nicht. Die Freunde meiner Kusine kenn ich nicht. Die stehen aber auch nur dumm rum und trinken Prosecco.
Ich trinke Bier, esse ne kalte Wurst, die übrig geblieben ist und checke die Lage.
Schlagermusik, weißes Partyzelt, Alterdurchschnitt 55. Zeit, damit die Party startet... Und an wem sollte es denn hängenbleiben, wenn nicht an den Jungspunden?
Den Schuh zieh ich mir an.
Und ich zerre meinen kleinen Bruder auf die Tanzfläche, wo gerade der Hochzeitstanz getanzt wird. Ob nun Wolfgang Petri oder Pur. Das kriege ich nicht auseinander. Beides schrecklich. Und es wird getanzt. Ganz einfach, weil es die Gäste sind, die ein Fest erst zu einem Fest machen. Es sind nicht die Gastgeber. Es sind die Gäste. Und meine hartarbeitende Kusine hat ein rauschendes Fest verdient. Und so tanze ich, erfinde justamente den "wir haken uns ein, wirbeln über die Tanzfläche und haken andere Menschen ein" Tanz und bin verwundert, dass alle mitmachen. Nun gut. Es wird gelacht - zumindestens wir acht, die tanzen haben Spass. die 10, die drumherumstehen und Maul Affen feil halten, haben keinen.
"Trinkt mehr!", höre ich mich rufen und laufe dann, wie als wäre es ein Befehl zum nächstgelegenen Zapfhahn.
Kaum bin ich weg, wird nicht mehr getanzt. Also wieder hin: Weitergetanzt. Egal, ob geschwitzt wird. Meine Kusine hat Spass. Und allein tanzen ist doof. Da braucht man kein zweites Adjektiv. Es ist schlichtweg doof.
Aber auch ich kann nicht ewig tanzen und die Leute verlustieren. Um halb elf bin ich gekommen und schon gegen halb drei sind alle Leute weg. Aber ... immerhin. Es war ein Fest und niemand kann sagen, dass ich nicht zu feiern verstehe.
Selbst zu Wolle Petri.
Wolle mit doppelt l, weil das O kurz ist. Doof mit zwei O, damit wir es ganz lang machen können, liebe Förderschülerinnen in den Preteens...
Heidewitzka. Und den Schrifterwerb diesen letzten Wortes, mag ich nicht auseinanderdividieren.
Heidewitzka.
Weggewischt die Gedanken und nett einen Podcast über den neuen Feudalismus in Deutschland gehört. Ist aber auch ein Jammer, dass es den Kommunismus nicht mehr gibt ... Ein Jammer, denn sonst könnte man sagen: "Die da drüben sind besser dran!" - so jedenfalls wurde es von mir verstanden, als ich langsam wegdöste und erst in Büchen wieder aufwachte.
Büchen. Tja. Büchen ist ein Phänomen.
Vor gar nicht allzu langer Zeit stieg ich dort schon einmal um und fragte jemanden, der Büchener war, ob es sich lohnt auszusteigen und sich für ein paar Stunden die Stadt anzusehen.
"Nein.", war seine klare Antwort. Und ich habe ihm geglaubt.
Und so hetze ich von meinem Bahnsteig zum Bahnsteig 41b. Und das ist ein Bahnsteig, den man nur über eine Schranke innerhalb des Bahnhofs erreichen kann. Jawohl. Eine Bahnschranke innerhalb der Bahnhofsanlage. Auf so etwas geniales muss man erstmal gestoßen werden. Fällt einem spontan ja nicht ein.
Und schon sitze ich in dem überfüllten Zug und höre mir noch einen Podcast an. Dieses Mal über die Zeiten der Wende. Es scheint mir, als hätten Sachbuchautoren nicht wirklich viele Themen, über die sie schreiben. Oder andere Themen werden von den Medien nicht eingeladen.
Wie es auch sei.
Ich komme im heimatlichen Hafen an, werde nach Hause chauffiert und begebe mich direkt sowohl in Feuerlaune als auch nach Nebenan.
Denn meine Tankstellenwärter - Kusine wird 40, hat geheiratet und das will gefeiert sein. Kaum bin ich da, habe ich auch schon ein Bier in der Hand und proste den Menschen zu. DEN Menschen, die ich schon mein gesamtes Leben kenne und allesamt Nenntanten und Nennonkels waren. Ach - allesamt kenne ich sie nicht. Die Freunde meiner Kusine kenn ich nicht. Die stehen aber auch nur dumm rum und trinken Prosecco.
Ich trinke Bier, esse ne kalte Wurst, die übrig geblieben ist und checke die Lage.
Schlagermusik, weißes Partyzelt, Alterdurchschnitt 55. Zeit, damit die Party startet... Und an wem sollte es denn hängenbleiben, wenn nicht an den Jungspunden?
Den Schuh zieh ich mir an.
Und ich zerre meinen kleinen Bruder auf die Tanzfläche, wo gerade der Hochzeitstanz getanzt wird. Ob nun Wolfgang Petri oder Pur. Das kriege ich nicht auseinander. Beides schrecklich. Und es wird getanzt. Ganz einfach, weil es die Gäste sind, die ein Fest erst zu einem Fest machen. Es sind nicht die Gastgeber. Es sind die Gäste. Und meine hartarbeitende Kusine hat ein rauschendes Fest verdient. Und so tanze ich, erfinde justamente den "wir haken uns ein, wirbeln über die Tanzfläche und haken andere Menschen ein" Tanz und bin verwundert, dass alle mitmachen. Nun gut. Es wird gelacht - zumindestens wir acht, die tanzen haben Spass. die 10, die drumherumstehen und Maul Affen feil halten, haben keinen.
"Trinkt mehr!", höre ich mich rufen und laufe dann, wie als wäre es ein Befehl zum nächstgelegenen Zapfhahn.
Kaum bin ich weg, wird nicht mehr getanzt. Also wieder hin: Weitergetanzt. Egal, ob geschwitzt wird. Meine Kusine hat Spass. Und allein tanzen ist doof. Da braucht man kein zweites Adjektiv. Es ist schlichtweg doof.
Aber auch ich kann nicht ewig tanzen und die Leute verlustieren. Um halb elf bin ich gekommen und schon gegen halb drei sind alle Leute weg. Aber ... immerhin. Es war ein Fest und niemand kann sagen, dass ich nicht zu feiern verstehe.
Selbst zu Wolle Petri.
Wolle mit doppelt l, weil das O kurz ist. Doof mit zwei O, damit wir es ganz lang machen können, liebe Förderschülerinnen in den Preteens...
Heidewitzka. Und den Schrifterwerb diesen letzten Wortes, mag ich nicht auseinanderdividieren.
Heidewitzka.
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