Vor dem Ziehen der Zähne wusste ich nicht, dass darauf ein 48stündiger Entzug von Kaffee und Zigaretten folgen sollte.
Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich die letzte Kippe mitsamt dem letzten Kaffee so richtig genossen, hätte mich darauf eingestellt, hätte mich irgendwie verabschieden können. Von den Freuden des Alltags.
Das war nicht der Fall. Stattdessen wurde mir, als ich auf dem Zahnarztstuhl saß, eröffnet, dass ich nicht Auto fahren dürfte, bei Schmerzen sofort wiederkommen und die Tabletten nehmen sollte oder anders herum und ... Ach ja:
„Auch wenn es schwer fällt 48 Stunden auf Kaffee, Tee, Zigaretten und Alkohol verzichten müsste.“
Fast beiläufig las mir die nette Sprechstundenhilfe diesen Absatz eines Merkblattes der Torturen vor.
Ich machte große Augen und bei der Frage „WAS?“ neigte meine Stimme dazu sich zu überschlagen.
„Das ist leider so.“, sagte sie mitfühlend.
„Das wusste ich nicht.“, sagte ich entsetzt.
„Es ist aber so. Und ich würde das Rauchen auch wirklich nicht machen. Ich habe das nämlich gemacht. Und es tat dann Hölle weh.“
„Echt.“
„Ja!“
Sie nickte so laut sie konnte und ich war fassungslos.
Konnte mich dadurch auch etwas ablenken von dem Verlust der Zähne, der mir ja noch bevorstand.
Kein Kaffee, keine Zigaretten schwirrte es in meinem Schädel.
Keine Zigaretten, kein Kaffee.
„Wirkt bei ihnen die Betäubung? Ist die Lippe taub?“, fragte die Ärztin.
„Ja... Darf ich Nikotinkaugummis kauen?“
„Nein. Kein Nikotin an die Wunde.“
„Aber Nikotinpflaster?“
„Ja. Das geht.“
„Gut.“
„Die Betäubung wirkt also? Ich mache das wirklich ungern. Aber es muss sein.“
Im stillen denke ich:
„Ich weiß, dass es sein muss. Ich wusste, bevor ich kam, dass es sein muss und ich wusste seit zwei Jahren, dass es sein müsste. Deswegen war ich ja nicht beim Zahnarzt.“ Im lauten nicke ich nur. Und stelle mich auf Schmerzen ein.
Sie zieht hin und her.
Drückt und Ruckelt.
Holt dann eine Wahnsinnsmaschine, mit der sie den Zahn durchschneiden muss, da er nicht auf Anhieb den angestammten und tief verwurzelten Mundraum verlassen will.
Wie eine kleine Säge und in der Tat hört sich das Geräusch ganz so an, als würde gleich ein Baum gefällt werden.
Ich kann mir vorstellen, dass ihr das keinen Spaß bringt. Es riecht schließlich auch alles andere als nach frisch gefälltem Holz.
Anderen Gewalt anzutun (und es ist nichts anderes) würde mir wohl auch keinen Spaß bringen.
In schmerzverzerrte Gesichter (in diesem Fall meines) hineinzugucken und Blutbäche zu erzeugen, bringen nur Sadisten Spaß.
Und sie ist keine Sadistin.
Vielleicht ist sie sogar die erste gute Zahnärztin die ich habe?
Links von mir die Sprechstundenhilfe, rechts von mir die Ärztin und wenn ich einmal wieder vor Schmerzen nicht weiter kann und die linke Hand erhebe, werde ich von beiden Seiten gestreichelt.
Irgendwie stelle ich mir so eine Geburt vor.
Unglaubliche Schmerzen (nur an anderer Stelle), dabei die unumschränkte Unterstützung von Menschen und die gleichzeitige Kapitulation vor der Situation.
Also ... Hinein in den Schmerz. Nützt ja nichts. Da muss ich durch.
Ab und zu rufe ich: „Ich will Wodka“ und ab und an schreie ich: „Ich bin Norddeutsch. Ich halte Schmerzen aus.“
Meine Gedanken fliegen nach Kanada und zu Janet Frame, der an einem Tag alle Zähne gezogen wurden. Ich habe es also besser als sie.
Meine Gedanken versuchen wegzufliegen, mein Puls beruhigt sind und es klappt. Irgendwann sind die doofen Dinger weg...
Die Wunde wird genäht.
Und ich bin entlassen in die „Freiheit“.
Mein erster Gang ist in die Apotheke.
„Ich brauche Nikotinpflaster.“
„Aha.“ Die Apothekerin guckt mich zweifelnd an.
„Aber ich sage ihnen. Wenn man nicht will, dann nützen die Dinger auch nichts.“
„Ich will ja gar nicht. Mir wurden Zähne gezogen und ich darf nicht.“
„Ach so.“
Die Apothekerin zögert und zögert noch ein bisschen länger. Schließlich sagt sie:
„Hmm. Das ist jetzt vielleicht kein professioneller Rat ... Hmmm... Aber ich habe das so gemacht, dass ich geraucht habe und danach meinen Mund mit Desinfektionsmundspülung ausgespült habe.“
„Echt?“
„Ja.“, sagt sie verschämt.
„Und es war okay?“
„Ja.“, sagt sie mit einem kleinen bisschen Stolz.
„Dann überlege ich mir das nochmal. Im Zweifel gibt es ja eine Lösung.“
Ich wanke zur Arbeit, wo ich auf 7 Menschen aufpassen müsste (was mir heute herzlich egal ist) und wo mir von einer Krankenschwester der Rat gegeben wurde, den Mund mit antiseptischen Tupfern auszulegen und dann zu rauchen und wanke dann schließlich heim, wo ich relativ schnell einschlafe.
Ein ganzer Tag ohne Kaffee und ohne Kippen, ist mein erster Gedanke nach dem Aufwachen ... und es ist auch mein zweiter Gedanke.
Erst mein dritter Gedanke ist: „Au – Weh. Aua.Aua.Aua“
Da der Kiefer nicht wirklich beweglich ist, die Schmerzen stark und meine Kopfschmerzen unglaublich sind, beschliesse ich liegen zu bleiben.
Und den ganzen Tag verbringe ich damit zu schlafen, zu versuchen einen Film zu sehen und wiederum zu schlafen.
Das erste Mal wach bin ich um 17 Uhr. Und auch dann nur für drei Stunden.
Ich habe gewitzelt:
„Without coffee I could'nt do the walking and the talking.“
Und ... Es ist kein Witz. Es ist in der Tat eine absolute Wahrheit.
Mein erster Gedanke heute morgen war: „Kaffee.“.
Dann strengte ich meine Gehirnzellen an, um herauszufinden, wie viele Stunden ich noch von der magischen 48 Stunden Grenze entfernt bin und fand die Zahl 8 heraus.
Und hernach gelang es mir, mich davon zu überzeugen, dass 48 Stunden eine extrem willkürlich und dehnbare Festlegung von Zeit ist. Man sagt doch leicht: „2 Tage.“ und nicht so leicht „2 und ein halb Tage“. So was verstehen ja nicht alle. Und es kommt immer wieder nach Nachfragereien.
Es könnten genauso gut 40 Stunden sein. Vielleicht sind es ja bei mir 40 Stunden. Es gibt doch für jeden Menschen eine individuelle „Heilzeit von Wunden“ - ich glaube fest daran, dass meine Heilung schnell von Statten geht.
40 Stunden sind eine extrem lange Zeit ... ohne Kaffee.
Zwei Tage und 40 Stunden sind prinzipiell ja das gleiche.
Der Kaffee wurde also aufgesetzt.
Der Kaffee ist in mir drinnen und meine Augen sind auf und ich kann nicht nur „the walking and the talking“ tun, sondern auch „the tipping“.
Obwohl ... ich könnte auch eine Zigarette rauchen?
41 Stunden sind ja fast wie 48 Stunden ... oder etwa nicht?
Dienstag
Fussball auf dem Drive
Das letzte Fußballspiel - Spanien gegen Russland - haben wir in einem kleinen italienischen Restaurant um zwei Stunden zeitversetzt gesehen.
Das war immerhin etwas. Immerhin besser, als in meinem kleinen Zimmer über 90 Minuten auf den schäbigen LiveStream eines türkischen Senders zu schauen, kein Wort von den Kommentaren zu verstehen und letztlich still allein vor sich hinzujubeln. Drei zu zwei. Und das letzte Tor. Und das Tor von Klose und ... überhaupt.
Das in dem kleinen italienischen Restaurant gegen Ende bereits die Stühle zusammengestellt wurden, dass ausser uns nur fünf Leute das Spiel sahen und dass wir permanent das Gefühl hatten: "Irgendwas ist hier falsch" änderte ja nichts an der Tatsache, dass wir tatsächlich auf einen Flachbildfernseher glotzen konnten.
Und JA - die Spanier haben gut gespielt. Und Torres ... und ... JA.
Dieses Mal war alles anders. Nicht zeitversetzt sondern tatsächlich live. Das war der Plan.
Und so setzten eine Schwedin, ein spanischer Australier und ich (meine quasi Wohngemeinschaft) uns am Sonntag morgen gegen elf in Bewegung.
Der Drive war das Ziel. Der Drive mit seinen kleinen Restaurants und Kneipen. Mit italienischen Restaurants und portugisischen Trinkhallen und natürlich einem englischen Pub.
Und es war voll. Geballt voll. Menschen auf den Strassen mit Deutschlandfahnen, Spanienmützen und mit Bieren in der Hand. Im stahlenden Sonnenschein bei 32 Grad wurde Fußball geschaut.
Und wir landeten im englischen Pub, wo wir nach einigem hin und her schliesslich vor den kleinen Bildschirmen hingen, die das Spiel per Satellit und nicht per Kabel zeigten. Verwirrend wars, wenn die eine Seite des Lokales über etwas jubelte, was die andere Seite noch gar nicht gesehen hatte.
"Ein Bier?"
"Ich habe noch nicht gefrühstückt."
"Ich auch nicht... Ein Bier?"
Ein Bier geht wohl. Ein Bier geht immer.
Das aus dem einen Bier dann innerhalb der zweiten Halbzeit drei Biere wurden und wir gegen zwei Uhr nachmittags betrunken aus dem Pub wankten, ist wohl nicht der Rede wert.
Dass ich immer lauter wurde, mit den deutschen Fans
"No- No - No" oder "Go go go" rief, vor mich hinflüsterte und alle guten Gedanken an das deutsche Team richtete ist wohl klar.
Irgendwann stand ich mit deutschen vor dem Pub und konnte nicht mehr switchen. Konnte nicht mehr einfach auf deutsch sagen: "Das war ja fürchterlich. Aber das spanische Team war besser." konnte es nur auf englisch stammeln... sagen... betrunken wie ich war.
Der australische Spanier kaufte sich auf der Straße eine spanische Flagge, wedelte damit vor meiner Nase herum, grinste mich an und sagte:
"Ich bin sehr glücklich, dass ich das Spiel mit einer orginal-Deutschen sehen konnte.
Burger?"
Und mein erster amerikanischer Burger fand seinen Weg in meinen Magen. Frühstück um drei mit zwei Pitchern (Bier in einem Krug) und danach dem Strand nahe Davie Street. Die Füße im Pazifik, die Nase in die Sonne, das Bier im Magen.
Die Deutschen haben verloren...Spanien hat gewonnen... In Deutschland ist es tiefste Nacht und ich liege am Strand im strahlenden Sonnenschein...
und ...
Noch ein Bier?
Alles findet sich...
Das war immerhin etwas. Immerhin besser, als in meinem kleinen Zimmer über 90 Minuten auf den schäbigen LiveStream eines türkischen Senders zu schauen, kein Wort von den Kommentaren zu verstehen und letztlich still allein vor sich hinzujubeln. Drei zu zwei. Und das letzte Tor. Und das Tor von Klose und ... überhaupt.
Das in dem kleinen italienischen Restaurant gegen Ende bereits die Stühle zusammengestellt wurden, dass ausser uns nur fünf Leute das Spiel sahen und dass wir permanent das Gefühl hatten: "Irgendwas ist hier falsch" änderte ja nichts an der Tatsache, dass wir tatsächlich auf einen Flachbildfernseher glotzen konnten.
Und JA - die Spanier haben gut gespielt. Und Torres ... und ... JA.
Dieses Mal war alles anders. Nicht zeitversetzt sondern tatsächlich live. Das war der Plan.
Und so setzten eine Schwedin, ein spanischer Australier und ich (meine quasi Wohngemeinschaft) uns am Sonntag morgen gegen elf in Bewegung.
Der Drive war das Ziel. Der Drive mit seinen kleinen Restaurants und Kneipen. Mit italienischen Restaurants und portugisischen Trinkhallen und natürlich einem englischen Pub.
Und es war voll. Geballt voll. Menschen auf den Strassen mit Deutschlandfahnen, Spanienmützen und mit Bieren in der Hand. Im stahlenden Sonnenschein bei 32 Grad wurde Fußball geschaut.
Und wir landeten im englischen Pub, wo wir nach einigem hin und her schliesslich vor den kleinen Bildschirmen hingen, die das Spiel per Satellit und nicht per Kabel zeigten. Verwirrend wars, wenn die eine Seite des Lokales über etwas jubelte, was die andere Seite noch gar nicht gesehen hatte.
"Ein Bier?"
"Ich habe noch nicht gefrühstückt."
"Ich auch nicht... Ein Bier?"
Ein Bier geht wohl. Ein Bier geht immer.
Das aus dem einen Bier dann innerhalb der zweiten Halbzeit drei Biere wurden und wir gegen zwei Uhr nachmittags betrunken aus dem Pub wankten, ist wohl nicht der Rede wert.
Dass ich immer lauter wurde, mit den deutschen Fans
"No- No - No" oder "Go go go" rief, vor mich hinflüsterte und alle guten Gedanken an das deutsche Team richtete ist wohl klar.
Irgendwann stand ich mit deutschen vor dem Pub und konnte nicht mehr switchen. Konnte nicht mehr einfach auf deutsch sagen: "Das war ja fürchterlich. Aber das spanische Team war besser." konnte es nur auf englisch stammeln... sagen... betrunken wie ich war.
Der australische Spanier kaufte sich auf der Straße eine spanische Flagge, wedelte damit vor meiner Nase herum, grinste mich an und sagte:
"Ich bin sehr glücklich, dass ich das Spiel mit einer orginal-Deutschen sehen konnte.
Burger?"
Und mein erster amerikanischer Burger fand seinen Weg in meinen Magen. Frühstück um drei mit zwei Pitchern (Bier in einem Krug) und danach dem Strand nahe Davie Street. Die Füße im Pazifik, die Nase in die Sonne, das Bier im Magen.
Die Deutschen haben verloren...Spanien hat gewonnen... In Deutschland ist es tiefste Nacht und ich liege am Strand im strahlenden Sonnenschein...
und ...
Noch ein Bier?
Alles findet sich...
Nachbarschaft
„Hallo!“
„Hallo!“
„Ich habe dich hier in der Nachbarschaft noch nie gesehen. Bist du neu hier?“
„Hmm ja.“
„Und woher kommst du?“
„Deutschland.“
„Aha. Dann ... „Willkommen in Canada“. Hoffentlich sehe ich dich nochmal.“
Ein zufälliges Gespräch auf der Strasse. Ein zufälliges Gespräch mit einer älteren Dame, die gerade in ihrem Garten zugange war und damit beschäftigt war Rosen zu beschneiden, bzw. Marghariten zu pflanzen.
„Hallo. Neu hier?“
„Ja.“
„Das hier ist der Kater Caesar. Er denkt, dass er der König der Strasse ist. Aber eigentlich ist er nett.“
„Aha.“
„Und woher kommst du?“
„Aus Deutschland.“
„Dann „Willkommen in Canada.“
Mit grossem Augenzwinkern und Strahlerei.
„Hallo!“
„Ich habe dich hier in der Nachbarschaft noch nie gesehen. Bist du neu hier?“
„Hmm ja.“
„Und woher kommst du?“
„Deutschland.“
„Aha. Dann ... „Willkommen in Canada“. Hoffentlich sehe ich dich nochmal.“
Ein zufälliges Gespräch auf der Strasse. Ein zufälliges Gespräch mit einer älteren Dame, die gerade in ihrem Garten zugange war und damit beschäftigt war Rosen zu beschneiden, bzw. Marghariten zu pflanzen.
„Hallo. Neu hier?“
„Ja.“
„Das hier ist der Kater Caesar. Er denkt, dass er der König der Strasse ist. Aber eigentlich ist er nett.“
„Aha.“
„Und woher kommst du?“
„Aus Deutschland.“
„Dann „Willkommen in Canada.“
Mit grossem Augenzwinkern und Strahlerei.
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